Prof. Dr. U. Kutschera 

Lehrgebiet
Evolutionsbiologie 
Universität Kassel

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Lehrgebiet Evolutionsbiologie: Vorgeschichte

Eine Wahl-Vorlesung zum Thema "Evolution der Organismen" wurde seit den 1970er Jahren im Rahmen der Kasseler Lehramts-Studiengänge vom damaligen Inhaber des Lehrstuhls Zoologie/Vergleichende Anatomie in jedem Sommersemester (SS) angeboten. Diese im Vorlesungsverzeichnis angekündigte Veranstaltung hatte, zusammen mit den Evolutions-Vorträgen des damaligen Botanik-Professors, dazu geführt, dass im Studienführer Biologie, herausgegeben vom Verband Deutscher Biologen (Vdbiol), der folgende Vermerk abgedruckt war: "Schwerpunktmöglichkeiten im Biologiestudium: Evolutionsbiologie Die Evolutionsbiologie existiert nicht als eigenständiger Schwerpunkt. Innerhalb oder kombiniert mit anderen Fächern gibt es die folgenden Studienmöglichkeiten: Bremen , Freiburg , Hamburg , Konstanz und Kassel (Morphologie, Systematik und Evolution der Tiere oder Pflanzen) (3. Auflage des Studienführers, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2001, S. 33). 

    Während meiner Zeit als Dekan des damaligen Fachbereichs Biologie/Chemie (1998/99) wurde der betreffende Zoologe emeritiert. Im Dezember 1998 wurde ich von einer Gruppe interessierter Studenten gebeten, diese Vorlesung ab dem SS 1999 zu übernehmen. Begründung: Aus meinem Lebenslauf und der Publikationsliste würde hervorgehen, dass ich auf diesem Teilgebiet der Biologie wissenschaftlich qualifiziert bin. Da kein anderer Kollege aus der Biologie diese zusätzliche Lehraufgabe tragen wollte, habe ich diese ehrenvolle Aufgabe gern übernommen. Ausgehend von eingeladenen (öffentlichen) Vorträgen, die ich 1997/1998 zum Thema "Evolution und Kreationismus" gehalten hatte, meinen jahrelangen Studien der Originalwerke von C. Darwin, E. Mayr u. a. großer Naturforscher und der laufenden Fachliteratur, stellte ich damals eine eigenständige, mit Original-Abbildungen (Dias) versehene Vorlesungsreihe zusammen. Ein aktuelles Lehrbuch zur Evolutionsbiologie gab es im Jahr 1999 nicht.

    Meine ausformulierten Vorlesungsaufzeichnungen wurden zwei Jahre später im Parey Buchverlag unter dem Titel "U. Kutschera: Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung. Berlin 2001 publiziert. Dieses kurz gefasste Evolutionsbuch, in dem meine Vorlesungen enthalten sind (Kapitel 1 10),  wurde in den folgenden Jahren ca. 15 mal in verschiedenen Fachzeitschriften positiv rezensiert (u.a. in Bild der Wissenschaft, der FAZ usw.). In den beiden letzten Kapiteln bin ich auf das Thema "Kreationismus in Deutschland" eingegangen und habe dort die Argumente der Evolutionsgegner Punkt für Punkt widerlegt. Diese Darstellung und Offenlegung eines bisher tabuisierten Problems hat zur weiten Verbreitung dieses Buches beigetragen.

 

Von einer Wahl-Vorlesung zum Lehrgebiet

Meine Wahlveranstaltung "Evolutionsbiologie" (jeweils im SS) wurde von den damaligen Kasseler Studenten mit großem Interesse aufgenommen, so dass bald der Wunsch an mich herangetragen wurde, ein ergänzendes Seminar zur Vertiefung der vorgetragenen Inhalte anzubieten. Nachdem dann von einer Studienkommission, der ich selbst nicht angehört hatte, meine Evolutionsvorlesung (ergänzt durch einen Systematik-Teil) als Ersatzveranstaltung für die gestrichene "Einführung in die Biologie" (WS) bestimmt wurde, ergab sich die folgende Situation: In jedem WS wurde von mir die Vorlesung "Evolutionsbiologie" angeboten, im folgenden SS ein dazu gehörendes Seminar zu verschiedenen Teilaspekten der Evolutionsforschung (jeweils 2 SWS).

     Nach dem Hessischen Hochschulgesetz können berufene Universitätsprofessoren zur Übernahme "verwandter Lehrgebiete" herangezogen werden. Der damalige Dekan veranlasste daher (nach rechtlicher Prüfung durch das Justitiariat) die Etablierung des "Lehrgebiets Evolutionsbiologie". In einem Ernennungsschreiben vom 14.8.2001 äußerte sich der Fachbereichsvorstand wie folgt: "Sehr geehrter Herr Kollege Kutschera, das Dekanat begrüßt Ihre Bereitschaft, den wichtigen Bereich Evolutionsbiologie in der Lehre zu vertreten Ihre Kompetenz in diesem Lehrgebiet steht durch Ihre Publikationen außer Zweifel (ein Lehrbuch, zahlreiche Fachartikel in internationalen Zeitschriften). Andere Veranstaltungen zur Evolution sind mir nicht bekannt. Ich gehe davon aus, dass die Veranstaltungen in Ihrem Lehr- und Forschungsbereich 'Pflanzenphysiologie' von dieser zusätzlichen Lehraufgabe nicht beeinträchtigt werden. Weiterhin möchte ich feststellen, dass aus Ihrer freiwilligen Übernahme der Lehraufgabe 'Evolutionsbiologie' keine zusätzlichen Mittelansprüche abzuleiten sind. Nach diesen rechtlichen Ausführungen möchte ich nochmals betonen, dass der Fachbereich Ihnen für die Übernahme dieser Lehraufgabe dankbar ist. Ich bitte Sie, den entsprechenden Eintrag im Vorlesungsverzeichnis selbst zu veranlassen".

Ab dem WS 2001/2002 existiert somit das von U. Kutschera vertretene "Lehrgebiet Evolutionsbiologie" an der Universität Kassel. Eine unabhängige Planstelle (Professur) für diese Aufgabe gibt es nicht.

 

Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie im Vdbiol und neue Forschungsschwerpunkte

Im Oktober 2002 wurde auf dem Biologentag in Potsdam auf Anregung des damaligen Vdbiol-Präsidenten Prof. H.- J. Jacobsen die "AG Evolutionsbiologie" gegründet, um dieses an deutschen Universitäten vernachlässigte Gebiet in Lehre und Forschung zu stärken. Mit Unterstützung des damals 97jährigen Prof. Ernst Mayr (Harvard University) wurde eine Gründungsversammlung einberufen. Als Vorstand wurden gewählt: U. Kutschera (Vorsitzender), T. Junker (stellvertretender Vorsitzender) und M. Neukamm (Geschäftsführer). Alle drei Personen üben diese Tätigkeit ehrenamtlich aus, der Vorsitzende U. Kutschera seit Oktober 2004 als Vizepräsident des Vdbiol. Diese Vereinigung von etwa 50 Biologen mit Schwerpunktsetzung Evolution ist inzwischen zum "Gegenpol" der deutschen Kreationisten herangewachsen, die u. a. in einer so genannten "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" zusammengeschlossen sind (s. Internet: www.evolutionsbiologen.de).

    Diese Aktivitäten haben meinen Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der Pflanzen-physiologie neuen Aufschwung gegeben. In einem Hauptvortrag (publiziert als Review-Artikel) mit dem Titel "Cell Expansion in Plant Development" (Gastprofessur U. Kutschera, Universität Brasilia, 1999/Veröffentlichung Nr. 74, erschienen im Jahr 2000) hatte ich unsere experimentellen Studien zur Wachstumsphysiologie zusammenfassend dargestellt (Modellorganismen: Sonnenblume, Getreidekeimlinge). Da etwa zeitgleich das Genom der Modellpflanze Arabidopsis thaliana (Ackerschmalwand) publiziert war, stand ich mit meinem damaligen Forschungsschwerpunkt vor einer Entscheidung: Sollten die Untersuchungen an Keimlingen ausgewählter Nutzpflanzen ganz aufgegeben werden, um auf die Arabidopsis-Forschung über zu wechseln?  Oder gab es Möglichkeiten, die erfolgreiche "Sonnenblumenforschung" mit veränderter Schwerpunktsetzung weiter zu führen?

    Im Jahr 1997 hatte der US-Physiologe Prof. M. Holland die folgende provozierende Hypothese publiziert: Auf den Epidermiszellen der Landpflanzen befinden sich spezielle, Methanol-konsumierende Bakterien. Cytokinine (d.h. Phytohormone, die die Zellteilungsaktivität stimulieren) werden vermutlich nicht in den Pflanzenzellen synthetisiert (bis zum Jahr 2001 waren keine Daten zum Biosyntheseweg der Cytokinine veröffentlicht). Diese Regulatoren des Wachstums (d.h. der Zell-Reproduktion) sollen nach M. Holland (1997) von den epiphytischen Methylobakterien-Kolonien, ernährt durch Abfallprodukte der Zellen, geliefert werden. Pflanzen leben gemäß dieser Hypothese in Symbiose mit mikrobiellen Phytosymbionten.

    Als Dekan des Fachbereichs Biologie/Chemie unterstand mir 1998/1999 die damals nicht wiederbesetzte Professur für Humanbiologie. Ich hatte somit Personal und Infrastruktur zur Verfügung, um einige Studien zur Zellstruktur an Sonnenblumenkeimlingen durchführen zu können (Raster-Elektronenmikroskopie). Auf den Zellen wachsender, gesunder Sonnenblumenkeimlinge konnten wir (insbesondere in den Zell-Zwischenräumen) epiphytische Bakterien finden, die u. a. die Spaltöffnungen "aufsuchen". Diese zufällige Entdeckung nicht-pathogener Methylobakterien auf den Zellen wachsender Landpflanzen führte ab 2001 zur Etablierung des Forschungsschwerpunkts "Epiphytische Methylobakterien als Phytosymbionten", der im Rahmen einer "evolutionären Pflanzenphysiologie" seither erfolgreich weitergeführt wird.

     In Zusammenarbeit mit dem Humboldt-Forschungspreisträger Prof. K. J. Niklas (Cornell University, USA) habe ich seit 2004 eine Reihe theoretischer Arbeiten publiziert, in welchen die Entwicklung der modernen Evolutionstheorie zur Erweiterten Synthese dargestellt ist (Forschungsschwerpunkt Wissenschaftstheorie/Biologiegeschichte/Kreationismus und Intelligentes Design). Zu diesen Problemen wurden eine Reihe von Beiträgen veröffentlicht (u.a. in Nature), die das "Lehrgebiet Evolutionsbiologie" national und international bekannt gemacht haben. In diesen Rahmen ist auch das Buch "U. Kutschera: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design. Lit-Verlag, Münster, 2004" einzuordnen.

    Meine 1979 begonnenen Untersuchungen zur Systematik und Evolution aquatischer Anneliden (Modellorganismen: Hirudinea) wurden durch Zusammenarbeit mit der Göttingen Molekularbiologin PD Dr. I. Pfeiffer (ab 2005 an der Universität Kassel) entscheidend vorangebracht. Auf dem Gebiet der molekularen Phylogenetik dieser Invertebraten haben wir inzwischen eine Reihe evolutionsbiologischer Publikationen vorzuweisen, die auch Praxis-relevant sind (Etablierung des Art-Status verschiedener Hirudo-Spezies, in Kooperation mit der Biebertaler Blutegelzucht; Leitung: Dr. M. Roth).

    In der Abteilung Pflanzenphysiologie/Evolutionsbiologie werden somit auf verschiedenen Teilgebieten der Biowissenschaften Original-Forschungsarbeiten und theoretische Beiträge publiziert, die in eine eigenständige "Evolutionslehre" einfließen und diese unterstützen (s. Neuauflage des Lehrbuchs: U. Kutschera, Evolutionsbiologie, 2. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2006). In diesem inzwischen gut etablierten Standardwerk sind neben dem klassischen Lehrstoff auch eigene Daten und Theorien des Autors referiert und durch Schemata (bzw. Modelle) veranschaulicht.

(U. Kutschera, 31.8.2006)