Genetik
Prof. Dr. Wolfgang Nellen

Universität Kassel
Fachbereich 10 Naturwissenschaften & Mathematik
Institut für Biologie
Heinrich-Plett-Str. 40
34132 Kassel
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+49 561 804-4800
nellen(at)uni-kassel.de
Dr. Malte Bussiek

Universität Kassel
Fachbereich 10 Naturwissenschaften & Mathematik
Institut für Biologie
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Wie zupft das Protein am Substrat?
Professor Dr. Wolfgang Nellen erforscht am CINSaT die Funktionsweisen molekularer Mechanismen.
Professor Dr. Wolfgang Nellen hält Maß, will nicht zuviel versprechen. Die Biomedizin, sagt er, entwickele Medikamente und wecke Hoffnung, bevor ausreichend genau erkannt sei, warum und wie ein Medikament wirke und wie es überhaupt anzuwenden sei. Das sei seine Sache nicht, sagt der Molekularbiologe vom Fachbereich Naturwissenschaft an der Kasseler Universität. Unerwünschte Nebeneffekte zum Beispiel seien nur vorherzusehen, wenn die Funktionsweisen eines molekularen Mechanismus bekannt seien. Darum will Nellen erst erkennen und verstehen, um dann verantwortungsbewußt mit dem neu gewonnenen Wissen umzugehen. Dazu bedient sich der Wissenschaftler nicht nur der klassischen molekularbiologischen Methoden, sondern stellt sich innerhalb des CINSaT dem interdisziplinären Dialog mit den anderen Naturwissenschaften. Besonders eng arbeitet der Genetiker mit den Physikern zusammen, nutzt deren Methoden, um „andere Antworten“ auf Fragen der Molekularbiologie zu erhalten: „Blickt der Molekularbiologe in einen Topf mit Molekülen, erhält er die Information, wie sich ein Molekül im Durchschnitt verhält.“ Die Antwort enthalte – im übertragenen Sinne – eine Information wie diese: „Ein Student ist 23 Jahre alt, männlich, hat zwei Ohren und macht sein Examen nach 13 Semestern.“ Diese Angaben seien statistisch mehr oder weniger signifikant. Mit Hilfe der Nanotechnologen unter den Physikern nehme er, Nellen, aber das einzelne Molekül in den Blick, studiere, wie sich das Individuum in der Masse verhalte.
Die Rasterkraftmikroskopie liest feinste Strukturen, ...
Die Rasterkraftmikroskopie liest feinste Strukturen, die mit Licht nicht zu sehen wären.
Nellen nutzt zum Beispiel die Rasterkraftmikroskopie. Sie liest jene feinen Strukturen, die so klein sind, daß die Wellenlänge unseres sichtbaren Lichtes zu grob wäre, diese zu erfassen: Ein nanokleiner Arm, ein Cantilever, mit einer feinen Spitze (3 bis 10nm „dick“), tastet eine Oberfläche dreidimensional ab. Die Auslenkung des Arms wird aufgezeichnet und ergibt – zum Beispiel auf einer Fläche von 125 mal 125 Nanometer - ein Abbild der Oberfläche. Auf diese Weise lassen sich einzelne Moleküle darstellen. Die Auflösung des Verfahrens ist so hoch wie bei der Anwendung des Elektronenmikroskops. Um das Objekt aber mit dem Elektronenmikroskop betrachten zu können, muß es zunächst mit Metall beschichtet und dann im Hochvakuum gemessen werden. In diesem ist kein Leben möglich. Die Wissenschaft nimmt also ein totes, seiner Eigenschaften beraubtes Objekt in den Fokus. Nellen und die Physiker des CINSaT aber beobachten das lebende Molekül. Sie wollen ihr Verfahren verbessern, um künftig nicht nur binnen fünf Minuten eine Momentaufnahme durch Abtasten zu erstellen, sondern das Molekül in Echtzeit durch Abtasten bei seiner Arbeit gleichsam zu „filmen“. Bislang ist die Abtastnadel nicht schnell genug. Sie müßte binnen mindestens 30 Sekunden das Objekt ertastet haben.

- Entwicklungsstadien des Modellorganismus Dictyostelium. Der ursprünglich einzellige Organismus entwickelt sich über ein Zellaggregat (unten rechts) zu einer ca. 2mm großen Struktur aus einem Stiel und einem Sporenköpfchen. Moleküle für die nanostrukturwissenschaftlichen Untersuchungen werden vom Labor Nellen aus diesem Organismus isoliert. (Bild: Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme mit freundlicher Genehmigung von M.G. Grimson and R.L. Blanton, Texas Tech. University.)

- Federbalken (Cantilever) für das Rasterkraftmikroskop mit Spitze. Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme mit freundlicher Genehmigung der Abt. Technische Physik, Universität Kassel.
Mit welcher Kraft haften die Moleküle aneinander?

- Prinzip des Rasterkraftmikroskops: die Probe befindet sich auf dem Scanner, einem Piezoelement, das im Nanometerbereich in X und Y Richtung bewegt werden kann. Die Probe wird damit unter der Spitze des Federbalken entlang geführt. Wenn der Federbalken auf ein Hindernis (Biomolekül) stößt, wird er verbogen. Dies führt zu einer Auslenkung des Laserstrahls, der von der Rückseite des Cantilevers reflektiert wird. Die Auslenkung wird von einer Photodiode registriert und als Höhenprofil aufgezeichnet. Wenn ein Objekt mit z. B. 120 Höhenprofilen abgerastert ist, werden die einzelnen Profile zu einem topographischen Bild zusammengesetzt.
Nellen und die Physiker nutzen die Rasterkraftmikroskopie auch in einer anderen Variante, der Rasterkraftspektroskopie, als „Kraftmaschine“. Sie befestigen ein Objekt, zum Beispiel ein Protein an einem Objektträger und ein anderes, zum Beispiel eine Nukleinsäure am Cantilever. Wenn die beiden Moleküle wie in der lebendigen Zelle miteinander in Wechselwirkung treten, kann die Stärke der Interaktion gemessen werden. Die Wissenschaftler lassen den Cantilever am Objekt ziehen und messen die Kraft, die erforderlich ist, um die Bindungen zu lösen. Auf diese Weise können sie Aussagen darüber formulieren, wie und mit welcher Stärke molekulare Maschinen mit ihren Substraten – den Substanzen, die sie verarbeiten, – reagieren oder welche Substrate sie bevorzugen. Oder aber Nellen spannt ein Objekt, zum Beispiel eine Nukleinsäure, zwischen Objektträger und Cantilever auf und läßt dann ein Enzym, eine „molekulare Maschine“, frei. Nun beobachtet er, ob sich die Maschine für die Nukleinsäure „interessiert“, ob sie sich daran zu schaffen macht, etwa umbaut oder spaltet, oder kontrahiert. Die Kernfrage lautet: „Wie zupft die Maschine am Substrat?“ Dessen Regungen mißt Nellen mit Hilfe des Cantilevers auf Pikonewton genau.

- Das Rasterkraftmikroskop ist nicht nur für die Aufnahme topografischer Darstellungen geeignet. Wenn die Probe in einer Position in der Z-Achse (nach oben) bewegt wird, kann der Widerstand gemessen werden, den das Biomolekül dem der Cantileverspitze entgegensetzt („Weichheit“ des Objekts). Wird die Probe nach unten bewegt, kann gemessen werden, mit welcher Stärke die Spitze an dem Biomolekül „klebt“. Dies wird besonders dann interessant, wenn an die Spitze ein anderes Molekül angeheftet wird, das mit den Molekülen auf dem Probentisch interagieren kann.
Nellen will die RNA Interferenz besser verstehen
Diese Fragen, die der Molekularbiologe im interdisziplinären CINSaT angeht, stehen in direktem Zusammenhang mit seinen molekulargenetischen Interessen. Es geht ihm um einen neuen Mechanismus, Gene zu schalten oder besser gesagt: abzuschalten. Erst 1998 wurde entdeckt, dass bestimmte RNA Moleküle, die Abschriften der genetischen Information, eine „selbstzerstörerische“ molekulare Maschine in Gang setzen können, die alle anderen RNA Moleküle mit derselben Information ausschaltet. Dieser Mechanismus, der RNA Interferenz genannt wird, greift ein, wenn ein Organismus von Viren infiziert wird. Einmal aktiviert sorgt er dafür, dass die genetische Information der molekularen Parasiten zerstört wird.
Vorsichtig und gezielt eingesetzt kann die RNA Interferenz möglicherweise auch genutzt werden, nicht nur fremde Invasoren zu zerstören, sondern auch Fehlinformationen körpereigener Zellen auszuschalten. Dies sind zum Beispiel Gene, die ausser Kontrolle geraten sind und Krebs verursachen.
Der Molekularbiologe will unerwünschte Gene ausschalten

- Dreidimensionale Rekonstruktion eines RNA Moleküls (grün) an das an einer spezifischen Stelle ein Protein (violett) gebunden ist. Die Falschfarben sind von rot bis violett verschiedenen Höhen zugeordnet. (Bild: Michael Bonin und Wolfgang Nellen)
Eine andere Anwendung der RNA Interferenz wäre das Ausschalten von Genen, die für unerwünschte Stoffe in Kulturpflanzen wie Bitterstoffe oder natürliche Toxine codieren. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg solcher Anwendungen ist ein sehr gutes Verständnis der RNA Interferenz-Maschinerie und ihrer Wirkungsweise. Diese Forschung ist bedeutsam. Seit Beginn 2005 fördert die Europäische Union ein Konsortium von neun Arbeitsgruppen aus Frankreich, Griechenland, der Schweiz, Schweden und Deutschland. Neben molekulargenetischen Untersuchungen hat Nellen den biophysikalischen Ansatz an Einzelmolekülen in diesem Projekt übernommen. Gemeinsam mit den ausländischen Mitstreitern und mit Hilfe der Kollegen aus dem CINSaT hofft er, aus dem Verhalten der molekularen Maschinen im Rasterkraftmikroskop tiefere Einblicke in den Mechanismus der RNA Interferenz zu gewinnen.
Autor: Claus-Peter Müller - v. d. Grün

- Drei RNA Moleküle die von einem Kartoffelviroid (potato spindle tuber viroid) abgeleitet sind, werden durch das zentral sichtbare Protein, das eine dsRBD (Doppelstrang-RNABindedomäne) enthält verbunden. (Bild: Nils Anspach, Wolfgang Nellen)

- Dreidimensionale Rekonstruktion eines RNA Moleküls (gelb), das rechts eine gentechnisch modellierte Gabelung aufweist. Auf der Verzweigung sitzt ein Protein (rosa), dessen enzymatische Aktivität an diesem Punkt biochemisch nachgewiesen wurde.
