Zellbiologie

Prof. Dr. Markus Maniak

Universität Kassel
Fachbereich 10 Naturwissenschaften & Mathematik
Institut für Biologie
Heinrich-Plett-Str. 40 
34132 Kassel

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maniak(at)uni-kassel.de


Wie funktioniert die Zelle?

Der Kasseler Biologe Markus Maniak untersucht mit dem Nanoskalpell die Wirkung von Proteinen in der Zelle.

Einfache Fragen evozieren komplexe Antworten. Professor Dr. Markus Maniak fragt zum Beispiel: Wie funktioniert die Zelle? So, wie sie ist, sagt der Zellbiologe am Kasseler Center for Interdisciplinary Nanostructure Science and Technology (CINSaT), erforscht man sie nicht mehr: „Man macht sich seine Zelle selber.“ Mit Hilfe der Molekulargenetik schneidert er sich seine Zelle zurecht, jenen winzigen „Sack von Molekülen, umgeben von einer Membran“. Als Ausgangsobjekt dienen ihm Amöben aus dem Waldboden, die unseren weißen Blutkörperchen ähnlich sind. Diese Amöben durchziehen – Bakterien fressend – den Waldboden.Maniak fragt zum Beispiel, welche Proteine welche Strukturen in Zellen schaffen, welche Funktionen sie steuern, welche Eigenschaft sie der Zelle verleihen. Doch eine Zelle hat zahlreiche Funktionen. Die Wissenschaftler wissen vielfach nicht, wo sie überhaupt nach dem Protein suchen sollen, das eine bestimmte Funktion steuert. Bisweilen aber haben sie eine Vermutung. Sie nehmen zum Beispiel an, daß bestimmte Proteine im Zellkern etwas mit der Steuerung und Vermehrung der Zelle zu tun haben. Wenn das so zutrifft, führt der Umkehrschluß zur Annahme, daß der Ort eines Proteins auf dessen Funktion verweist.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer Amöbenzellen
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen von Amöbenzellen mit künstlicher Farbgebung. Links sieht man eine Amöbe (gold), die Hefepartikel (rot) aufnimmt.
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer Amöbenzellen
Im rechten Bild wurde die Zellmembran (gold) teilweise entfernt, so daß das Zellinnere (grau), sowie zwei zuvor aufgenommene Hefen (rot) wieder sichtbar werden. Die Bilder sind jeweils ca. 15 μm hoch.
Optische Schnitte durch eine lebende Zelle
Optische Schnitte durch eine lebende Zelle mit einem konfocalen Laser-Scanning Mikroskop. Zeitserie einer Zelle während der Aufnahme eines rot gefärbten Hefepartikels. Bilder im Abstand von 30 Sekunden. Ein Hybridprotein markiert die Aktinfasern des Zellskeletts und fluoresziert grün in der Zellperipherie. Bild 1: Bereiche der Zelle, die sich verformen (z. B. links oben), enthalten die höchste Konzentration des Hybridproteins. Bild 2 und 3: Die Zelle schiebt ihre Membran mit Hilfe des Zellskeletts über das Partikel (unten). Bild 4 und 5: Nachdem die Hefe vollständig aufgenommen ist, fällt das Zellskelett vom Nahrungsbläschen ab. Die Bilder sind jeweils ca. 20 μm hoch.

Maniak macht die Proteine sichtbar

Um Hypothesen überprüfen zu können, macht Maniak ausgesuchte Proteine sichtbar, über die er mehr erfahren möchte. Dazu bedient er sich der Hybridproteintechnologie, an deren Entwicklung er Mitte der neunziger Jahre im Münchner Max-Planck-Institut beteiligt war. Maniak nimmt ein Gen von der Amöbe, um daran die Funktion eines des Proteins zu untersuchen, und ein Gen einer Qualle, das ein fluoreszierendes Protein produziert. Beide Gene werden zu einem Fusionsgen verschmolzen und von der Zelle in ein Hybridprotein umgesetzt. Der eine Teil des Proteins verhält sich nun weiterhin wie das Amöbengenprodukt. Dank der Verbindung mit dem Quallengen kann das neue Hybridprotein aber leuchten. Mit Hilfe des Fluoreszenzmikoskopes kann Maniak den Weg des Proteins in der nur zehn Mikrometer messenden Zelle in Echtzeit verfolgen. Früher, sagt der Wissenschaftler, habe man sich die Zellen zu statisch vorgestellt: „Heute schauen wir zu, wie Zellen funktionieren, wie sie essen und trinken.“

  • A
  • A*
  • A**
  • B
  • B*
  • B**

Ortsspezifischer Abbau des Zellskeletts. Darstellung einzelner optischer Ebenen von zwei fixierten Zellen, die Hybridproteine (rot) produzieren. (A) Verdauungsbläschen mit einem Hybridprotein das als Nanoskalpell funktioniert. (A*) Dieselbe Zelle wie in A, jedoch ist hier das Actinfasersystem grün gefärbt. An der durch den Pfeil markierten Stelle liegen verklumpte Bläschen, die ihre Actinfaserhülle verloren haben. Pfeilköpfe zeigen auf Organellen mit Actinhülle, die kein Hybridprotein auf der Oberfläche tragen. (B*) In einer Zelle, die zu Kontrollzwecken ein Hybridprotein ohne Schneideaktivität produziert (B), sind die Verdauungsbläschen von einer intakten Actinhülle umgeben (Pfeilköpfe) und liegen in der Zelle verstreut. In (A** und B**) sind Überlagerungen der jeweiligen Einzelbilder zu sehen. Bilder jeweils ca. 20 μm hoch.

Neue Techniken revolutionieren die Auffassung von der Zelle

Neue Techniken, sagt Maniak, haben die Auffassung von der Zelle „total revolutioniert“. Er verweist auf das „Nanoskalpell“. Es gebe Proteine, die arbeiteten an vielen Orten in der Zelle wie zum Beispiel das Actin. Dieses Eiweiß sei wichtig für das Zellskelett, für jede Bewegung in der Zelle. Fehle das Actin, bedeute das den Tod der Zelle. Darum ist das Actin molekulargenetisch nicht zu fassen. Werde es durchweg durch Genveränderung eliminiert, um zu sehen, was sich ohne Actin in der Zelle änderte, sterbe die gesamte Zelle.

Statt ein floureszierendes Hybridgen zu konstruieren, schafft Maniak in diesem Fall ein Protein, welches das Actin lokal zerstört. Er stattet das Hybridprotein zu diesem Zweck mit einem „Schneidwerkzeug“ aus, so daß es als Nanoskalpell wirkt. Zudem enthält das Hybridprotein eine weitere Komponente, die
das Schneidwerkzeug an einen spezifischen Ort innerhalb der Zelle dirigiert: Das Hybridprotein breitet sich in der Zelle aus. Sind an einem Ort allerdings alle „Sitzplätze“ für das Protein besetzt, kann das Schneidwerkzeug auch woandershin gehen und dort arbeiten. Daher ist es wichtig, die Menge des Hybridproteins unter der Zahl der Sitzplätze zu halten. Es kommt also auf die richtige Dosis an. Sie muß hoch genug sein, um das Actin lokal zu lähmen, aber nicht so hoch, daß das Actin durch einen Überschuß des Hybridproteins zur gleichen Zeit an anderen Orten betroffen wäre. Dann gäbe es nichts mehr zu beobachten. Dosieren aber die Wissenschaftler ihr Schneid-Protein maßgenau, können sie beobachten, wie die Zelle ohne Actin am rechten Ort zur rechten Zeit arbeitet.

Das Schneid-Protein arbeitet auf 100 Nanometer genau

Auf etwa 100 Nanometer genau zerstört das Schneid-Protein das Actin zum Beispiel um jene Bläschen herum, in denen die Zelle verdaut. Der Versuch zeigt: Auch wenn kein Actin an dem Verdauungsbläschen hängt, erleidet die Zelle keine Verstopfung. „Es ist wichtig, festzustellen was keine Rolle spielt, um sagen zu können, was eine Rolle spielt,“ sagt Maniak.

Wie Zellen fressen und verdauen

Maniak betreibt Grundlagenforschung, vermehrt Wissen ohne schon die konkrete Nutzanwendung im Blick zu haben. Es ist wie am Beginn des Memory-Spiels: Es kommt darauf an, die ersten Karten aufzudecken. An eine Anwendung seiner Forschung beim Menschen wagt Maniak nicht zu denken: „Wir wenden keine molekularen Tools im Menschen an. Die Leute essen ja nicht einmal Gen-Food.“ Maniak wird also seinen Waldamöben treu bleiben. Deren Verdauung ist einstweilen sein Spezialgebiet. Er hält die Dynamik ihrer Proteine in Filmen fest, zeigt Bilder von der Aufnahme, der Verdauung und der Ausscheidung von Partikeln
(www.uni-kassel.de/fb19/cellbio/). Er hat etwa herausgefunden, daß Zellen, die nicht effektiv genug verdauen, einfach mehr fressen. Sehr menschlich. Neben der Nahrungsaufnahme und -verwertung wird sich Maniak in Zukunft mehr noch als bisher offenen Fragen der „Zellbewegung“ zuwenden.

Autor: Claus-Peter Müller - v. d. Grün