Biochemie

Prof. Dr. Friedrich Herberg

Universität Kassel
Fachbereich 10 Naturwissenschaften & Mathematik
Institut für Biologie
Heinrich-Plett-Str. 40 
34132 Kassel

+49 561 804-4511
+49 561 804-4466
herberg(at)uni-kassel.de


Wie Proteine als molekulare Schalter unsere Zellen regulieren,...

Wie Proteine als molekulare Schalter unsere Zellen regulieren, wie man sie künstlich herstellen und verändern kann und wie wir molekulare Werkzeuge nutzen, um Krebs, HIV und Diabetes zu beeinflussen.

3D Modeling an Proteinen.
3D Modeling an Proteinen. Basierend auf Kristallstrukturmodellen werden Struktur / Funktionsanalysen an Proteinkinasen mit einem Computer durchgeführt, um Wirkstoffdesign an Biomolekülen durchzuführen und um ein besseres Verständnis

Proteine steuern Prozesse im Körper. Diese in ihrer Umgebung in der Zelle zu erforschen, hat sich Professor Dr. Friedrich Herberg am Fachbereich Naturwissenschaften, Abteilung Biochemie und innerhalb des CINSaT (Center for interdisciplinary Nanostructure Science and Technology) an der Universität Kassel zum Ziel gesetzt. Neben der Proteomforschung, in der er untersucht, wie Proteine innerhalb einer Zelle miteinander wechselwirken, hat er sich auf die zyclo-nukleotidabhängigen Proteinkinasen
(cNPK) spezialisiert. Diese interessante Familie von Enzymen kontrolliert auch Signalübertragungskaskaden in der Zelle, die Stoffwechselprozesse wie den Auf- und Abbau von Zuckern in der Zelle steuern, aber auch bei bestimmten Krebsarten oder bei HIV-Erkrankungen eine zentrale Rolle spielen. Proteine (Eiweiße) sind die Bausteine des Lebens. Chemisch gesprochen sind sie aus 20 verschiedenen Aminosäuren zusammengesetzt, die – in einer bestimmten Abfolge aneinandergereiht und ineinander gefaltet – die dreidimensionale, räumliche Struktur eines Proteins ausmachen. Die Abfolge der Aminosäuren bestimmt die Eigenschaften des Proteins, seine Aufgaben und Funktionen. Proteine sind nano-klein. Sie haben einen Durchmesser von nur einigen Nanometern, das sind wenige Milliardstel Meter.

Proteine können verschiedenste Aufgaben erfüllen. Sie sind verantwortlich für die Struktur einer Zelle oder eines Gewebes (Haare, Knochen, Zellskelett), sie erzeugen als Nanogeneratoren (ATP-Synthase) den Energieträger ATP in den Mitochondrien, den Kraftwerken unserer Zellen, oder können als Signalmoleküle dafür sorgen, daß Stoffwechselprozesse
an- und ausgeschaltet werden. Sie kontrollieren aber auch, daß sich die Zellen unseres Körpers in geordneter Weise teilen. Wenn letzteres nicht mehr funktioniert, wachsen die Zellen ungeregelt, leiden Menschen oder Tiere an Krebs.

 

Der Genomforschung folgt die Proteomforschung

Trifft zum Beispiel ein Protein auf eine Zelle, taucht es in sie ein oder dockt es an die Zellmembran an, kann dies wahre Kaskaden von Signalen auslösen, die wiederum entscheidende Prozesse im Körper starten. Dabei können unglaubliche Spezifitäten und gleichzeitig millionenfache Verstärkungseffekte verursacht werden, indem ein Protein nach seiner Aktivierung mehrere andere Proteine aktiviert, die in Form eines Kaskadeneffekts weitere Proteine an- oder ausschalten können. Zum Beispiel kann der Spiegel eines bestimmten Hormons beeinflußt werden, das durch Einschalten derjenigen Komponenten, die für die Zellteilung wichtig sind, das Wachstum auslöst. Oder aber ein anderes Signal wird ausgelöst, das dafür sorgt, daß eine bestimmte Zelle in den geregelten Zelltod überführt wird.

Ein Beispiel aus Herbergs Arbeit: Als Folge einer HIV-Infektion werden bestimmte weiße Blutkörperchen, die T-Zellen, inaktiviert und so in ihrer Immunantwort gehemmt. Nun versucht Herberg, ein bestimmtes Enzym zu blockieren, welches über eine mehrstufige Signalkette zu dieser Inhibierung (Verhinderung)
der T-Zellaktivierung führt. Wird diese Signalkette gezielt unterbrochen, kann die T-Zelle wieder aktiviert werden, selbst wenn ein Virus die Zelle bereits befallen hat. Herberg sagt: „Es wird nicht versucht, die virale Infektion in den Griff zu kriegen, sondern ich reagiere in der späten Phase der Infektion auf das Virus, wenn der Befall durch dasselbe nicht mehr zu verhindern ist. Künftige Therapien könnten eventuell darauf aufgebaut werden.“

Mit der Aufklärung des menschlichen Genoms im Rahmen des Humanen Genom Projekts haben die Wissenschaftler ein erstes Etappenziel erreicht, in dem sie nun wissen, welche Gene die Erbinformation für die Herstellung welcher Proteine enthalten. Der erwartete Durchbruch im Verständnis der Krankheitsentstehung und Behandlung ist jedoch noch nicht geschafft. Der Genomforschung folgt die Proteomforschung. Sie hat gerade erst begonnen und widmet sich – im Gegensatz zum Genom – einem hochdynamischen System, das sich ständig in seiner Antwort auf Umwelteinflüsse oder Krankheiten verändert.

Ein Proteom ist das zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter exakt definierten Randbedingungen quantitativ ermittelte Proteinmuster eines Organismus, einer Zelle, einer Organelle oder einer Körperflüssigkeit.

Die Vielfalt an Proteinen (hunderte bis tausende) in einer Zelle wird dadurch erheblich vergrößert, daß jedes Protein in verschiedenen Zuständen vorliegen kann. Deshalb hat eine Kartierung und Auflistung aller möglichen Proteine, die von einem Genom produziert werden können, nur einen relativ geringen
Informationswert. Für die biologische Aktivität und Wirkung eines Proteins sind vor allem seine Menge und bestimmte chemische Veränderungen des Proteins von Bedeutung.

 

Was macht das cNPK-Enzym?

In der Human Proteom Organisation (HUPO) (www.hupo.org) haben sich die Wissenschaftler in nationalen Gruppen die Aufgabe international geteilt. Die Chinesen kartieren die Proteine in der Leber, die Amerikaner die Proteine des Blutplasmas und die Deutschen die Proteine, welche die Prozesse im Hirn
steuern. Herberg arbeitet im HUPO-Projekt mit und koordiniert jene Arbeitsgruppe, welche die internationalen Standards der Proteomanalyse und die Durchführung der Analyseverfahren festlegt, um zu vergleichbaren Ergebnissen zu gelangen.

Ein zentrales Verfahren in der Proteomforschung ist die Massenspektrometrie, die vor allem zur Identifikation von Proteinen benutzt wird. Dazu werden alle Proteine eines bestimmten Zelltyps oder Gewebes mit biochemischen Methoden voneinander getrennt und mit speziellen Enzymen in kleine Stücke verdaut, deren Masse genau bestimmt wird. Ein Hochleistungscomputer identifiziert die Proteine durch einen Vergleich mit Massen aller bekannten Proteine, die theoretisch im Computer „verdaut“ werden. In Analogie zum genetischen Fingerabdruck, wie er in der Kriminologie eingesetzt wird, wird dieses Identifikationsverfahren als Massenfingerabdruck bezeichnet.

Was machen nun eigentlich diese cNPK-Enzyme, mit denen sich Herberg beschäftigt? Im Prinzip, so Herberg, übertragen diese Enzyme ein Phosphoratom aus unserem Energiespeichermolekül ATP auf ein Zielprotein und verändern damit die Funktion des Zielproteins. Der Prozeßheißt Phosphorylierung und ist einer der wichtigsten Regelmechanismen der höheren Zelle. Für die Entdeckung der Proteinkinasen, zu denen die cNPKs gehören, erhielten Edmond H. Fischer und Edwin G. Krebs 1992 den Nobelpreis. Die
Übertragung des Phosphoratoms wirkt wie ein Ein-Aus-Schalter, wodurch weitere Prozesse innerhalb der Signalkaskaden ausgelöst oder gehemmt werden. Da es über 500 Proteinkinasen gibt, von denen die meisten viele verschiedene Unterformen haben, gibt es eine extrem hohe Zahl dieser Schalter. Allen gemeinsam ist ihre dreidimensionale Grundstruktur, die durch die Analyse von Kristallstrukturen von cNPKs Anfang der 90er Jahre in San Diego zuerst aufgeklärt werden konnte (vgl. Abb. Modeling und Kristallstruktur) Ein Fehler im Prozeßder Phosphorylierung kann zum Beispiel Krebs auslösen, das unkontrollierte, unkoordinierte Wachsen und Teilen der Zelle. Gemeinsam ist allen Signalkaskaden, daß die Proteine, die hier als Schalter, Adapter, Verstärker und Modulatoren arbeiten, miteinander in direkten Kontakt treten. Deshalb fragt Herberg vor allem nach der Bindungskinetik der Proteine, nach ihrer Eigenschaft, sich rasch oder zögernd, für kurze oder lange Zeit an andere Moleküle zu binden. Wenn ein Protein sich rasch an ein anderes Molekül bindet, kann ein Signalimpuls rasch gegeben werden. Bindet es sich für lange Zeit, bleibt der Impuls womöglich lang erhalten. Aber unter welchen Bedingungen löst sich das Protein, und wie schnell? Wie schnell wird der Signalimpuls ausgeschaltet?

 

Hochauflösende Massenspektrometrie
Hochauflösende Massenspektrometrie (MS) Mittels MS werden Proteine auf ihre Identität (Massenfingerabdruck) und Modifikationen hin untersucht, die diese in ihrer Funktion beeinflussen. Das Bild zeigt die Elektrospray Ionisierungsquelle einer Ionenfalle.
Kristallstruktur einer Proteinkinase
Kristallstruktur einer Proteinkinase, hier die katalytische Untereinheit einer cNPK. In gelb sind die für die Regulation des Enzyms wichtigen Phosphorylierungsstellen hervorgehoben.

Um die Bindungs- und Reaktionskinetik der Proteine unmittelbar zu beobachten und zu messen, sind die Proteine zu klein. Also messen Herberg und seine Wissenschaftler die Abläufe indirekt.

Ein Verfahren, das die Kasseler Biochemiker hierzu mit Erfolg anwenden, ist die Surface Plasmon Resonance (SPR), ein Phänomen aus der Physik, bei dem mit Hilfe von Licht Konzentrationsänderungen auf einer Sensoroberfläche als Verschiebung eines Schattens gemessen werden.

Auf einem Chip, dessen Glasoberfläche mit einer hauchdünnen Schicht aus Gold versehen ist, wird eines der Moleküle angekoppelt, dessen Bindungseigenschaften untersucht werden sollen. Sodann werden andere Bindemoleküle in winzigen Flußzellen mit einem Volumen von 20 Nanoliter (20 Milliardstel eines Liters!) über den Chip geschickt, um die Bindung dieser Moleküle an die am Chip angehefteten Bindungspartner nach dem SPR-Prinzip zu messen.

Um herauszufinden, ob die vorbeifließenden Moleküle ohne Reaktion vorbeiströmen, ob sie anhaften und unter welchen Bedingungen sie haften bleiben oder sich wieder lösen, bestimmten Wellenlänge bestrahlt. Zwar wird das Licht zu einem überwiegenden Teil reflektiert, aber ein kleiner Teil des Lichtes
durchstrahlt den Goldchip. Dieses durchscheinende Licht wird durch jene Moleküle beeinflußt, die sich aus der Flußzelle an das Molekül auf der Chipoberfläche gebunden haben. Der SPR-Biosensor arbeitet als Massendetektor, so daß die Bindung der Biomoleküle in Echtzeit beobachtet werden kann. Auf diese Weise können die Wissenschaftler bestimmen, ob ein Molekül angedockt hat oder ob es sich vom Protein auf dem Chip gelöst hat. Das Bindungsverhalten von Proteinen mit unterschiedlichsten Molekülen lässt sich mit dieser Methode unter verschiedenen Bedingungen messen.

 

Die Biaffin GmbH analysiert das Bindungsverhalten von Biomolekülen

Laborsicherheitsbank
Zellkultur - Arbeiten „in vitro“ (im Reagenzglas) werden durch Untersuchungen in lebenden Zellen (in vivo) ergänzt. Das erlaubt das Verständnis der Funktion in einem organismischen usammenhang. Das Bild zeigt die Pflege von Säugerzellen in einer Laborsicherheitsbank.

Die anderen Wissenschaftler im CINSaT, die Chemiker, Biologen und Physiker, die E-Techniker und Bauingenieure, haben das Wissen und das Können, die richtige Oberfläche herzustellen, damit zwischen dem Molekül und dem Chip sozusagen „die Chemie stimmt“ und das Molekül auf dem Chip haftet. Um die Wirklichkeit unter den Bedingungen des Nano-Labors treffend und reproduzierbar zu simulieren, muß sich das lebendige Protein auf der Oberfläche des Trägers „wohlfühlen“, muss es sich dort „wie im richtigen Leben“ verhalten können.

Mit einem anderem Verfahren, der Biolumineszenz, macht Herberg die Wechselwirkung zwischen Proteinen in lebenden Zellen sichtbar. Aus Tiefseelebewesen, welche die Natur in der Finsternis der Meere mit natürlichen Leuchtstoffen ausgestattet hat, übertragen die Forscher mit Hilfe der Gentechnik die natürliche Fluoreszenz auf den Gegenstand ihrer Untersuchung. Sie markieren Proteine gentechnisch und bringen sie damit unter bestimmten Bedingungen zum Leuchten. Ein spezifisches Leuchtsignal zeigt den Wissenschaftlern unter dem Fluoreszenz-Mikroskop an, ob markierte Proteine aneinander binden oder nicht.

Herberg hat Methoden zur Bestimmung der Bindung von Biomolekülen zu seinem Spezialgebiet und zum Kern eines Spin-offs „Biaffin“ gemacht. Kunden des jungen Unternehmens sind die Pharmaindustrie und Unternehmen aus dem Bereich der Biotechnologie. Die „Biaffin GmbH & Co KG, Biomolecular Interaction Analysis, Kassel“ (www.Biaffin.com), analysiert das Bindungsverhalten von Biomolekülen wie Proteinen, Zuckern, DNAAbschnitten oder ganzen Zellen. Das ist eine Voraussetzung der erfolgreichen Suche nach pharmazeutischen Wirkstoffen, der Optimierung biotechnologischer Prozesse, der Qualitätskontrolle synthetisch hergestellter Proteine oder der Aufklärung von Krankheitsbildern. Zum Beispiel bestimmen Herberg und seine Wissenschaftler ebenso wie die Biaffin mit Hilfe des SPR-Verfahrens die Bindungseigenschaften von Antikörpern, die dann in der Diagnostik oder zur Therapie bestimmter Erkrankungen eingesetzt werden können.

Autor: Claus-Peter Müller - v. d. Grün