Interdisziplinäres INCHER-Graduiertenprogramm

Elitereproduktion im Wandel? Die Bedeutung der Hochschulausbildung für Karriereverläufe in verschiedenen Gesellschaftsbereichen (ELBHA)

Das ELBHA-Programm wird von den folgenden Mitgliedern des INCHER-Kassel getragen:

Prof. Dr. Guido Bünstorf (Sprecher des ELBHA-Programms):
INCHER-Kassel und Fachgebiet Wirtschaftspolitik, Innovation & Entrepreneurship
(FB 07 Wirtschaftswissenschaften)

Dr. Otto Hüther:
INCHER-Kassel und Fachgebiet Hochschulforschung
(FB 05 Gesellschaftswissenschaften)

Prof. Dr. Georg Krücken:
INCHER-Kassel und Fachgebiet Hochschulforschung
(FB 05 Gesellschaftswissenschaften)

Prof. Dr. Volker Stocké
INCHER-Kassel und Fachgebiet Methoden der Empirischen Sozialforschung
(FB 05 Gesellschaftswissenschaften)

Prof. Dr. Gerd Stumme
INCHER-Kassel und Fachgebiet Wissensverarbeitung
(FB 16 Elektrotechnik/Informatik)

Prof. Dr. Sylvia Veit
INCHER-Kassel und Fachgebiet Public Management
(FB 07 Wirtschaftswissenschaften)


Über ELBHA

Individuelle Zugangschancen zu Elitepositionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung werden systematisch von Merkmalen wie sozialer Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund beeinflusst. Jedoch ist ungeklärt, wann und über welche Prozesse diese Faktoren wirksam werden. Insbesondere ist die Rolle des Hochschulsystems bei der Elitereproduktion im deutschen Kontext kaum systematisch untersucht worden.

Zentrales inhaltliches Ziel des interdisziplinären INCHER-Graduiertenprogramms ELBHA ist, die Bedeutung der Hochschulausbildung für die individuellen Zugangschancen zu Spitzenpositionen und die sich daraus ergebende Dynamik der Elitereproduktion zu untersuchen.

In den geplanten Promotionsprojekten an den Schnittstellen der beteiligten Disziplinen werden die Hochschulausbildung und die darauf folgenden Karriereverläufe mit qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden untersucht. Es werden Unterschiede zwischen Gesellschaftsbereichen bzw. Arbeitsmarktsektoren, in denen verschiedene Disziplinen unterschiedlich bedeutsam sind, herausgearbeitet. Darüber hinaus werden zeitliche Entwicklungen und die Auswirkungen von Reformprozessen im Hochschulsystem untersucht. Dabei erwerben die Promovierenden wertvolle fachliche, methodische und analytische Kompetenzen für den akademischen Arbeitsmarkt, aber auch für eine Beschäftigung außerhalb der Wissenschaft.

Im Rahmen des INCHER-Graduiertenprogramms ELBHA sollen die Stärken verschiedener disziplinärer Zugänge für die von interdisziplinären Betreuungsteams begleiteten Promotionsprojekte erschlossen werden. Aus der interdisziplinären Zusammensetzung des Konsortiums erwachsen neue Perspektiven für die Bearbeitung der bislang meist nach Sektoren und Disziplinen getrennt beforschten Thematik, die gemeinsame Betreuung von Promovierenden und die Einwerbung von Drittmitteln. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Einbezug der Informatik, der die Nutzung innovativer Datenquellen und Analyseverfahren erlaubt.

Gefördert wird das Graduiertenprogramm von der Universität Kassel im Rahmen eines wettbewerblichen Förderprogramms, da zur Schärfung des schwerpunktorientierten Profils, zur weiteren Qualitätsentwicklung beim Studienangebot sowie zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses beitragen soll. Die Programmlinie "Aufbau Graduiertenprogramme" dient der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und hat die Weiterentwicklung von Promotionsumgebungen hin zu strukturierten Graduiertenprogrammen mit kooperativer Promotionsbetreuung zum Ziel.


Beispielthemen für Promotionsprojekte im ELBHA-Programm

Die folgenden sechs Projekte sind Beispiele für die im ELBHA-Programm geplante Forschung.

PP1: Die Bedeutung der Herkunft für die Karrieren Hochqualifizierter: eine Untersuchung der Promotionskohorte 2002 in Ost- und Westdeutschland

Das Vorhaben soll Karriereverläufe ost- und westdeutscher Promovierter des Jahrgangs 2002 in Privatwirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Wissenschaft vergleichen. Die untersuchten Personen absolvierten ihre Hochschulausbildung nach 1990 und sind durch ähnliche Ausbildungschancen und –inhalte gekennzeichnet, jedoch konnten Promovierte ostdeutscher Herkunft weniger von karriererelevanten familiären Netzwerken profitieren. Der Vergleich ost- und westdeutscher Hochqualifizierter erlaubt Rückschlüsse darauf, inwieweit Hochschulausbildung und Promotion Herkunftsunterschiede ausgleichen.

PP2: Die Bedeutung ökonomischer Denkschulen für die Rekrutierungs- und Beförderungsmuster in der Ministerialverwaltung: Eine Analyse am Beispiel des Finanz- und des Wirtschaftsministeriums

Während im höheren Dienst der öffentlichen Verwaltung in Deutschland in vielen Bereichen primär Volljurist_innen arbeiten, sind im Finanz- und Wirtschaftsministerium vor allem Volks-wirt_innen beschäftigt. Ausgehend vom hohen Einflusspotential dieser Beamt_innen auf die inhaltliche Ausgestaltung von politischen Programmen und Gesetzen soll untersucht werden, welche Rolle verschiedene, die Phasen des Hochschulstudiums und ggf. der Promotion prägende ökonomische Denkschulen für Rekrutierungs- und Beförderungsentscheidungen in Ministerien spielen und welche Netzwerke in diesen Entscheidungsprozessen wirksam sind.

PP 3: Der Einfluss des Studienortes auf den Zugang zu richterlichen Elitepositionen im Zeitverlauf

Das Dissertationsvorhaben soll anhand biographischer Daten von Bundesrichter_innen für den Zeitraum von 1960 bis 2015 untersuchen, ob der Studienort einen Einfluss auf den Zugang zu richterlichen Elitepositionen hat. Die Anlage der Promotion ermöglicht es, Effekte der Veränderungen im Hochschulsystem (z.B. Hochschulausbau in den 1960/70er Jahren) auf die Elitebildung und –reproduktion für einen herausgehobenen Elitesektor zu untersuchen.

PP4: Bildungsexpansion, Hochschuldifferenzierung und Elitenrekrutierung

Durch die Öffnung der Hochschulen und die Inflation von Abschlussnoten in den vergangenen Jahren wurde die Bedeutung von Hochschulzertifikaten für die Rekrutierung von Führungskräften potenziell geschwächt. Gleichzeitig haben Reformen des Hochschulsystems zu einer stärkeren Differenzierung des Hochschulsektors geführt. Das Promotionsprojekt soll anhand der Erwachsenenkohorte des NEPS sowie Absolventenstudien untersuchen, ob sich bereits im frühen Karriereverlauf eine Verschiebung der Selektionskriterien beobachten lässt

PP5: Kumulative Wirkung primärer und sekundärer Effekte sozialer Herkunft beim Zugang zu Führungspositionen

Wichtige Entscheidungen in der Bildungs- und Arbeitsmarktkarriere sind durch die Statusposition des Elternhauses geprägt. Ursachen hierfür können Unterschiede in den Fähigkeiten (primäre Effekte) und/oder unterschiedliche Entscheidungen bei gleicher Befähigung (sekundäre Effekte) sein. Im Promotionsprojekt soll die relative Stärke beider Effekttypen für Entscheidungen (z.B. über Hochschulsektor, Studienfachs und Hochschulreputation) geschätzt werden, die für den Zugang zu Führungspositionen bedeutsam sind. Als Datengrundlage dienen das NEPS sowie die Studienberechtigtenstudien des DZHW.

PP6: Qualitative Analyse bi-modaler Daten

Bei der strukturellen Analyse von Karriereverläufen treten oft Daten in Form von bimodalen Netzwerken auf (z.B. Angestellter-Institution, Autor-Publikation, Betreuer-Betreuter). Die Methoden der Formalen Begriffsanalyse zur qualitativen Analyse sollen erweitert werden, um u.a. die folgenden Fragen zu beantworten: Was sind verdeckte Einflussfaktoren in Netzwerken von Karriereverläufen und wie können sie entdeckt werden? Können Abhängigkeiten zwischen Einflussfaktoren bestimmt werden? Wie kann Wissen von Experten aus den jeweiligen Forschungsfeldern genutzt werden?