Workshop III: Orthographie im Sprachkontakt Kassel, 23.-25. Juni 2016

Beim Kasseler Workshop geht es darum, das gängige doppelte Konzept von Orthographie, als schriftstrukturell und sprachpolitisch fundierten Bereich von Sprache, um eine dritte soziolinguistische Komponente zu erweitern.

In der Linguistik wird Orthographie in der Regel als eine zweifach bestimmte Kategorie gesehen: Orthographie ist der Teil von Sprache, der schriftstrukturell bestimmt ist, weil er im Schriftsystem und seinen Regularitäten fundiert. Gleichzeitig ist es ein Bereich, der aus sprachpolitischen, heteronomen Setzungen in Form von Normierung und Kodifizierung resultiert. In diesem Workshop soll es darum gehen, diese beiden Komponenten um eine dritte zu erweitern: Orthographie im mehrsprachigen Kontext wird auch als soziale Praktik in den Blick genommen, indem nach der soziokulturell-funktionalen Dimension von normabweichenden Schreibungen gerade im mehrsprachigen Kontext gefragt wird. Diese Perspektive lässt sich sowohl auf historische wie rezente Fragen nach Schriftverwendung beziehen: Die Genese der Schriftsysteme europäischer Sprachen legt die Deutung nahe, dass es oftmals asymmetrisch-mehrsprachige Sprachverhältnisse sind, die ursächlich für Genese und Wandel von Schriftsystemen sind. Ebenso zeigt sich an rezenten Schreibpraxen, dass der Transfer schriftsprachlicher Praxen den mehrsprachigen Schreiber funktionale Spielräume eröffnen – um den Preis regelkonformen Schreibens.

So lässt sich fragen, ob mehrschriftige Situationen ein dynamisches Schriftverständnis begünstigen, das nicht nur in normkonformen Schreiben schriftkulturelle Legitimität  erkennt. Normabweichungen und Regelverletzungen, eben ‚Andersschreibungen’, wären aus dieser Sicht eine soziale Praxis, die innerhalb eines kulturwissenschaftlichen Rahmens zu beschreiben wären.