Sektion 11

Kommunikation, Text und Sprachwandel im romanischen Mittelalter

Sektionsleitung: Roland Schmidt-Riese (Eichstätt), Heiner Böhmer (Dresden)

Ansprechpartner: Heiner Böhmer (Heiner.Boehmer@tu-dresden.de)

 

Die Beschäftigung mit Phänomenen des Sprachwandels hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte in der Ausleuchtung des Bedingungsgeflechts für externen und internen Wandel gemacht. In der Stadtsprachenforschung (Selig 2010) beginnt man, mehr und mehr die Dichte des städtischen Raums zu nutzen, um die Vielfalt kommunikativer Situationen und mit ihnen verbundener Textsorten zu verstehen und in ihrer stark innovativen Dynamik nachzuzeichnen. Die historische Varietätenlinguistik integriert in zunehmendem Maße Wissen über institutionelle Rahmengegebenheiten (Grübl 2014). In der historischen Pragmatik werden mittlerweile verschiedenste Diskurstraditionen in ihrem Gang durch die Jahrhunderte untersucht. Dabei steht nicht zuletzt die Bemühung um eine Rekontextualisierung von Texten und Textsorten im Mittelpunkt (Oesterreicher 2001). In der historischen Dialogforschung werden didaktische Dialoge aus Konversationsbüchern, literarische Texte mit Elementen imitierter Mündlichkeit (Schrott 2017) sowie Metadialoge, in denen Sprechverhalten expliziert und kommentiert wird, ausgewertet. Diese empirische Arbeit wird mit unserem Wissen um authentische Mündlichkeit der Gegenwart durch den Filter einer Konfrontation universaler Parameter von Oralität mit historisch gewachsenen, nur eingeschränkt gültigen Diskursregeln kritisch überblendet (Lebsanft 2005). Rekonstruktionen von einzelnen Prozessen des grammatikalischen, lexikalischen und lautlichen Sprachwandels greifen mehr und mehr auf pragmatische Konstellationen als Erklärungsfiguren zurück.

 

Mittlerweile sind in diesem Rahmen eine größere Menge von Einzelanalysen durchgeführt und verschiedene theoretische Modellierungen vorgeschlagen worden, an die die Sektion anknüpfen möchte. Andere Wege des Fortdenkens des Bedingungsgeflechts wurden dagegen noch wenig beschritten. Dazu gehören vor allem die Charakterisierung von mündlichen Kommunikationssituationen als solchen, also im Hinblick auf in historischen Quellen beschriebene und fundamental-universelle Faktoren von Kommunikationssituationen, die Rekonstruktion der seriellen Anordnung solcher Kommunikationssituationen sowie die weitergehende Rekontextualisierung von Texten als Explizierung vielfacher Gebrauchspraktiken. Ganz allgemein kann das Spektrum der Beiträge zur Sektion von sehr theoretischen Auseinandersetzungen bis hin zu Fragen der Empirie und Methodik, wie etwa der Notations-Problematik, reichen.

 

Grübl, Klaus (2014): Varietätenkontakt und Standardisierung im mittelalterlichen Französisch. Theorie, Forschungsgeschichte und Untersuchung eines Urkundenkorpus aus Beauvais (1241-1455), Tübingen, Narr.

Lebsanft, Franz (2005): Kommunikationsprinzipien, Texttraditionen, Geschichte, in: Schrott, Angela/Völker, Harald (eds.) [2005]: Historische Pragmatik und historische Varietätenlinguistik in den romanischen Sprachen, Göttingen, Universitätsverlag, 25-43.

Oesterreicher, Wulf (2001): La ‚recontextualización‘ de los géneros medievales como tarea hermenéutica, in: Daniel Jacob/Johannes Kabatek (eds.), Lengua medieval y tradiciones discursivas en la Península Ibérica. Descripción gramatical – pragmática histórica – metodología, Frankfurt a.M., Vervuert/Madrid, Iberoamericana, 199-231

Schrott, Angela (2017): Modellierungen von Stimme und Mündlichkeit. Echofragen in altspanischen Texten, in: Unzeitig/Schrott/Miedema (eds.), Stimme und Performanz in der mittelalterlichen Literatur (= Historische Dialogforschung 3), Berlin/Boston, de Gruyter, 113-132.

Selig, Maria (2010): Die mittelalterliche Stadt als Kommunikationsraum. Zur Rolle der Städteforschung in der historischen Sprachwissenschaft, in: Heinemann, Sabine/Eufe, Rembert (eds.), Romania urbana. Die Stadt des Mittelalters und der Renaissance und ihre Bedeutung für die romanischen Sprachen und Literaturen, München, Meidenbauer, 307-327.