Sektion 14

Romanische Morphologie und Syntax im ausbauinduzierten Wandel

Sektionsleitung: Santiago del Rey Queseda (Sevilla), Paolo Greco (Neapel), Klaus Grübl (München)

Ansprechpartner: Klaus Grübl (klaus.gruebl@lmu.de)

 

Der Ausbaubegriff nach Kloss (21978) hat sich als fruchtbares Konzept der historischen Lingui­stik erwiesen. Die von Koch/Oester­reicher (22011) eingeführte Unter­schei­dung von ‘extensivem’ und ‘inten­­­si­vem’ Ausbau erlaubt es, das Zu­­­sam­­­­men­­wirken von sprach­­­ex­ter­nen Be­din­­gun­­gen und sprach­­in­ter­nen Resultaten des Aus­bau­s auf hand­lungs­­theo­re­ti­scher Grund­­­­lage zu modellieren: Je wei­ter ein bis da­to nur gesprochenes Idiom in konzep­tionell an­­spruchs­volle Dis­kurs­domänen vor­dringt, in desto stär­kerem Maße ver­zeich­­net es einen Zu­wachs an Kom­ple­xität, denn erst die Ver­­füg­bar­­keit entsprechender Struk­turen ermöglicht das Funktionieren der Sprache im Bereich der kom­­mu­ni­ka­tiven Distanz. Eine wichtige Rolle spielen dabei Entlehnungen, sei es aus dem La­tein oder aus an­deren Prestigespra­­chen (Folena 1991). Die so erlangte Steigerung des Ausdrucks­po­ten­tials be­­trifft zen­­trale Be­­­­­reiche des Wort­­schat­zes und der Gram­­­­­ma­tik heutiger Stan­dardspra­chen: so et­wa die Wort­bildung; das text­pho­ri­sche System der Prono­mina und Deter­mi­nierer; Sub­­or­dinations­mar­­ker und ad­verbiale Kon­struk­­­­tionen; die verbale Argumentstruktur und in­fi­ni­te Kon­struk­tio­nen; infor­ma­tions­struk­tu­rell markierte syn­tak­ti­sche For­mate und entsprechende Routinen der Text­­­­or­ga­nisation.

Diese Strukturen sind freilich auch Gegenstand der allgemeinen Sprach­­­wan­del­­for­­­schung, der Typolo­gi­e (Cristofaro 22005) und daran an­schlie­­ßender Modellierungen der Grammatiktheorie (Croft 2001)­. Aus­bau als Ex­­­pla­nans für den Aufbau gram­­matischer Struk­­tu­ren wird dabei aber in der Re­gel nicht be­­rück­­sich­tigt – mit der ab­sur­den Kon­­­­sequenz, dass ge­nuin di­stanz­sprach­li­che Phän­­ome­ne, die mit­unter erst in der Neu­zeit nor­­ma­tiv im­ple­mentiert wurden, mit Theo­rien des spon­­tan­sprach­lichen Wan­­­­­dels erklärt oder zur arealtypo­lo­gi­schen Klas­­sifi­zie­rung her­­an­­­­­­ge­zo­gen werden.

Die Sektion verfolgt das Ziel, ausbauinduzierte Morphologie und Syntax in den ro­ma­ni­schen Spra­chen zu identifizieren, um ihre Entstehung und Konventionalisierung adäquater als bis­her sprach­­hi­sto­risch zu be­­schrei­ben. Im Zentrum steht dabei der Nexus von ex­ten­sivem und inten­si­vem Aus­bau: Sprachwandel soll also syste­matisch nach seiner prag­ma­ti­schen Mo­ti­va­tion und seinem funk­tio­nalen Beitrag be­fragt werden – un­ter Be­rück­sich­ti­gung kontaktsprachlicher, dis­­­kurs­­­tra­di­tio­nel­ler, nor­ma­ti­ver und soziolinguistischer Aspekte. Als An­satz­punkte bieten sich die fol­genden Über­le­gun­gen an:

 

–      In welchen Bereichen hat der Ausbau die ro­ma­nischen Spra­chen typologisch geprägt?

–      Wodurch unterscheidet sich der ausbauinduzierte vom spontansprachlichen Wandel? Welchen Anteil haben Mündlichkeit und Schriftlichkeit in verschiedenen Phasen des Wandels?

–      In welchen geistesgeschichtlichen und diskurstraditionellen Kon­­­­­tex­ten vollzieht sich ausbau­in­duzierter Wandel? Welche Rolle spielt dabei der Sprachkontakt? Gibt es neben konvergenten auch divergente Ent­wicklungen durch ‘negative’ Interferenz?

–      Welche Faktoren beeinflussen die Va­riation grammatischer Struk­tu­ren im Ausbau, und nach welchen Kriterien erfolgt die Se­lektion von Va­rian­ten im Prozess der Nor­­­­mie­rung?

–      Wie gehen die Schreiber mit den Anforderungen elaborierter Tex­tua­li­tät und entsprechenden sprach­lichen Neuerungen um? Kommt es zu Hyperkorrekturen oder stilisti­schen Moden?

Neben daten­ba­sierten Stu­dien sind auch theoretisch-metho­­do­lo­gisch aus­ge­rich­tete Bei­träge will­kom­­men, etwa zur Integration typologischer oder grammatiktheoretischer Ansätze in die ausbauhistorische Beschreibung ro­ma­ni­scher Morphologie und Syntax. Als Untersuchungsgegenstand kommen nicht nur die großen Kultur­spra­chen in Frage, sondern auch teilausgebaute vormoderne Schreib­­­spra­chen sowie heutige Minder­heiten- oder Kreol­spra­chen mit jün­ge­­rer Aus­bau­­­ge­schichte.

 

Cristofaro, Sonia (22005): Subordination. Oxford u.a.

Croft, William (2001): Radical Construction Grammar. Syntactic Theory in Typological Perspective. Oxford u.a.

Folena, Gianfranco (1991): Volgarizzare e tradurre. Turin.

Kloss, Heinz (21978): Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800. Düs­sel­dorf.

Koch, Peter/Oesterreicher, Wulf (²2011): Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch – Italie­nisch – Spa­nisch. Berlin/New York.