Sektion 15

Was Konstruktionsgrammatik alles (nicht) kann. Konstruktionen in den romanischen Sprachen (und im Deut-schen)

Sektionsleitung: Paul Gévaudan (Paderborn), Anja Hennemann (Potsdam)

Ansprechpartnerin: Anja Hennemann
(henneman@uni-potsdam.de)

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Ende der 1980er Jahre vorgestellte Konstruktionsgrammatik einer Revolution in der Sprachwissenschaft gleichkommt, denn sie stellt erstmals seit dem Cours de Linguistique Générale den systemtheoretischen Ansatz in der Linguistik grundsätzlich in Frage. Was man in der traditionellen Grammatik als „Ausnahmen“ bezeichnet und in den systemlinguistischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts als Defekte der Sprachen angesehen wird, ist in der Konstruktionsgrammatik der Normalfall. Dabei nimmt der konstruktionsgrammatische Ansatz auch ein Lexikon-Syntax-Kontinuum an, womit die ebenso traditionelle wie systemtheoretische Trennung zwischen Lexikon und Syntax aufgehoben wird.

In der Germanistik (und Anglistik) hat sich die Konstruktionsgrammatik ein festes Standbein erarbeitet und stößt auf breite Akzeptanz. Vor allem bei Untersuchungen zum L1- und L2-Erwerb erfreut sich die Anwendung der Konstruktionsgrammatik generell großer Beliebtheit. Insgesamt betrachtet, ist die romanistische Linguistik bei der Anwendung konstruktionsgrammatischer Perspektiven noch verhältnismäßig zurückhaltend, auch wenn insbesondere die Kognitive Konstruktionsgrammatik innerhalb der romanistischen Linguistik in den letzten Jahren ‘im Kommen‘ ist.

Die Sektion soll sich aber keinesfalls als einseitige Hommage an die Konstruktionsgrammatik verstehen. Schließlich hat sie auch ihre Grenzen. Mit der Betrachtung einer bestimmten Form als Konstruktion können bspw. auch funktionale Unterschiede übersehen werden. Willkommen sind daher einerseits Beiträge, die sich mit einem synchron oder diachron betrachteten Phänomen vor konstruktionsgrammatischem Hintergrund beschäftigen. Andererseits möchte die Sektion auch Beiträge willkommen heißen, in denen die Schwachstellen dieser Grammatiktheorie aufgezeigt und diskutiert werden.

In unserer Sektion können sowohl einzelsprachliche Phänomene einer romanischen Sprache analysiert als auch innerromanische kontrastive Untersuchungen angestellt werden. Außerdem begrüßt es die Sektion, wenn sich Beiträge mit einem deutsch-romanischen Sprachvergleich beschäftigen. Der gemeinsame Nenner sollte die Anwendung der bzw. kritische Auseinandersetzung mit der Konstruktionsgrammatik sein. Konkrete Themenbereiche könnten folgende darstellen:

–       Die formale und inhaltliche Beschreibung einzelsprachlicher Konstruktionen und deren Gebrauch in mündlichen und/oder schriftlichen Texten

–       Kontrastiv ausgerichtete Analysen von Konstruktionen (romanische Sprache X vs. romanische Sprache Y oder romanische Sprache(n) vs. Deutsch)

–       Konstruktionalisierung/Konstruktionaler Wandel: die Entstehung bzw. Entwicklung von Konstruktionen; Konstruktionalisierung vs. Grammatikalisierung, Lexikalisierung und/oder Pragmatikalisierung

–       Die Analyse eines sprachlichen Phänomens aus konstruktions-grammatischer Sicht in Abgrenzung zur Analyse desselben Phänomens unter Anwendung eines anderen Grammatikmodells

–       Konstruktionsgrammatik und Bilingualismus bzw. Mehrsprachigkeit, Konstruktions-grammatik und Diskurstraditionen, Konstruktions-grammatik und Phraseologie; Konstruktionsgrammatik und Textsorten, Konstruktionsgrammatik und interaktionale Linguistik

Begründete Kritik an konstruktionsgrammatischen Ansätzen bzw. das Aufzeigen bestimmter Schwachstellen der Konstruktions-grammatik an konkreten Beispielanalysen