Sektion 2

Jenseits von phantastischer Literatur und magischem Realismus: Figuren der Fremdheit und Aus-handlung widerstreitender Realitätsansprüche in der alten und neuen Romania

Sektionsleitung: Sarah Burnautzki/Daniela Kuschel/Cornelia Ruhe (alle Universität Mannheim)

Ansprechpartnerin: Sarah Burnautzki (burnautzki@phil.uni-mannheim.de)

 

Im Bereich der phantastischen Literatur, insbesondere in der strukturalistischen Tradition Todorovs, sind in der romanistischen Forschung bereits zahllose Studien vor allem zum 19. Jahrhundert der französischen Literatur durchgeführt worden. Zugleich ist jedoch die Todorov’sche Phantastik-Definition begrifflich so eng, dass sie nahezu ausschließlich auf die von Todorov untersuchten Texte zugeschnitten scheint. Befremdlich-phantastische Phänomene in Texten des 20. Jahrhunderts verlangen bereits nach anderen Erklärungsmustern. Auch in anderen sprachlichen und kulturellen Kontexten erscheint die minimalistische europäische Phantastik-Theorie inadäquat.

In Latein- und Mittelamerika hat sich die fragwürdige Abgrenzung von magischem Realismus und Phantastik durchgesetzt, wobei die Differenzierung zwischen beiden Formen auf den ersten Blick auf die jeweilige ästhetische Nähe oder Distanz von europäischen Modellen, bzw. auf regionale vs. universellere Bestrebungen zurück geführt werden kann. Besonders eklatant wird die Unzulänglichkeit dieser kulturalisierenden Gattungsabgrenzung im Fall der brasilianischen Literatur, die sich lange Zeit an der Diskussion um Phantastik und magischen Realismus vorbei entwickelt hat.

Bedenkt man, dass die Literaturproduktion der Karibik sowie frankophone und lusophone afrikanische Literaturen eher im Zeichen des magischen Realismus als im Rahmen der vermeintlich ‚rationaleren‘ Phantastik rezipiert werden, so drängt sich der Verdacht auf, dass durch die Präsenz ‚autochthoner’ oder afrikanischer Kulturelemente eine literaturtheoretisch willkürliche Grenze innerhalb der Literatur kulturalisiert und naturalisiert wird

Ausgehend von diesen Beobachtungen lässt sich das Desiderat einer weniger maximalistischen denn literatursoziologisch begründeten Phantastik-Forschung formulieren, die ein zwischen globalem Zentrum und Peripherie hierarchisch strukturiertes literarisches Feld in den Blick nimmt, das marginalisierte AutorInnen dazu nötigt, sich auf die eine oder andere Weise zur dominanten literarischen Norm zu positionieren. Aus einer solchen Perspektive ist es möglich, das literaturgeschichtliche Phänomen der Phantastik nicht länger als zwangsläufig an den historischen Kontext seiner europäischen Entstehung (der skeptischen Abkehr von Rationalismus und Aufklärungsoptimismus) im 19. Jahrhundert gebunden zu betrachten, sondern als Textformen, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten in ihrem ästhetischen Interesse am „territorio de lo otro“ (Cortázar 1983) divergierende Realitätsansprüche im Kampf um die vorherrschende Definition legitimer literarischer Formen zwischen konfligierenden Gruppen verteidigen.

Mit diesem spezifischen Erkenntnisinteresse wollen wir uns in dieser Sektion insbesondere um ein erneuertes Phantastik-Verständnis bemühen, uns der Frage nach der literarischen (und zugleich sozialen) Konstruktion von Alterität, Differenz- und Exklusionserfahrungen jenseits der jeweilig dominanten Realitätsansprüche in einem von hegemonialen Machtstrukturen durchzogenen Feld der Literatur widmen und erkunden, wie diese auf textimmanenter Ebene antirealistisch kodiert werden und ob – möglicherweise – die Texte selbst ihre eigene strukturelle Position im globalen literarischen Feld reflektieren. In trans-romanisch vergleichender Perspektive wollen wir dazu einladen, Texte aus der gesamten Romania daraufhin zu befragen, wie in diesen mit antirealistischen narrativen Mitteln alternative Räume und Realitäten erschlossen oder verworfen werden.