Sektion 20

Romanische Sprachen und ihre Normen — Rekonstruktion sprachlicher Standards für den schulischen Fremd-sprachenunterricht

Sektionsleitung: Heike Susanne Jauch (Freiburg), Oliver Wicher (Paderborn)

Ansprechpartner: Oliver Wicher (Paderborn), oliver.wicher@upb.de (Oliver Wicher)

 

Die Frage nach der Identifikation und Rekonstruktion sprachlicher Standards und Normen ist im FSU ein bekannter Problembereich – und als Schlagwort quel français enseigner / que español enseñar / quale italiano insegnare populär geworden. Für das Spanische stehen diatopische Fragestellungen und die Plurizentrik der Sprache für die Modellierung der rezeptiven Varietätenkompetenz im Fokus (Leitzke-Ungerer/Polzin-Haumann 2017). Im Französischen richtet sich der Blick auf diastratische und diaphasische Varietäten (Frings/Schöpp 2011). Dank der Korpuslinguistik können schließlich Wortschatz und Grammatik neu konzeptualisiert werden – sprachliche Mittel lassen sich so vermitteln, wie sie tatsächlich gebraucht werden.

Diese didaktischen „Standard-Fragen“ spiegeln sich in der linguistischen Normdebatte wider (Coseriu 31989). Stehl (2012) plädiert für die Unterteilung in einen präskriptiv-schrift­sprachlichen (exogen) und einen pragmatisch-kommunikativen Standard (endogen). Vor diesem Hintergrund scheint es geboten, sich erneut mit Kategorien wie ‘(in)korrekter’ bzw. ‘schlechter Sprachgebrauch’ auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass sich das methodische Vorgehen bei der Rekonstruktion sprachlicher Standards rückblickend häufig als fragwürdig erwiesen hat (Schütze 2016): An die Stelle von Akzeptabilitätsurteilen rücken v.a. korpuslinguistische Methoden in den Vordergrund.

Die Sektion will zeigen, dass es Erkenntnisse der angewandten Sprachwissenschaft ermöglichen, „Standard-Fragen“ des FSU empirisch fundiert zu beantworten und didaktisch zu transformieren. Leitgedanke ist, dass ausschließlich ein endogener Standard Grundlage für einen neokommunikativen FSU ist: Der endogene Standard fokussiert die gesprochene Sprache und dient damit ganz besonders der Herausbildung einer interkulturellen kommunikativen Kompetenz. So ist es der Korpuslinguistik zu verdanken, dass Sprache in einem lexikogrammatischen Kontinuum zu sehen ist. Für den FSU lässt sich frequenzbasiert die Frage beantworten, welche Einheiten zu vermitteln sind, wie die künstliche Trennung von Wortschatz und Grammatik überwunden werden kann und wie Lehrwerke sich optimieren lassen. Im Bereich der Variationslinguistik bildet die Phonetik/Phonologie systemisch einen Schwerpunkt und zeigt, wie Aussprachephänomene regional ihre eigenen Standardrealisierungen ausbilden und der rezeptiven Varietätenkompetenz zugutekommen. Die Pragmatik untersucht authentische Konversationen und die Mechanismen sprachlicher Interaktion, wodurch Themenbereiche wie der Gebrauch von Diskursmarkern oder Aspekte interkultureller Pragmatik unterrichtliche Relevanz erhalten.

 Wir laden alle Interessierte ein, Beiträge zur Rekonstruktion sprachlicher Standards u.a. aus folgenden kombinierbaren Bereichen einzureichen, die einen klaren Anwendungsbezug zur Fachdidaktik der romanischen Sprachen herstellen: rezeptive Varietätenkompetenz und Variationslinguistik; Aussprachekompetenz und Phonetik/Phonologie; pragmatische Kompetenz und Pragmatik; sprachliche Mittel und Korpuslinguistik.

Coseriu, E. 31989. Sistema, norma y habla. In: Coseriu, E. (Hg.): Teoría del lenguaje y lingüística general. Cinco estudios. Madrid: Gredos, 11–113.

Frings, M. / Schöpp, F. (Hg.) 2011. Varietäten im Französischunterricht. Stuttgart: ibidem.

Leitzke-Ungerer, E. / Polzin-Haumann, C. (Hg.) 2017. Varietäten im Spanischunterricht. Ihre Rolle in Schule, Hochschule, Lehrerbildung und Sprachenzertifikaten. Stuttgart: ibidem.

Schütze, C. T. 2016. The empirical base of linguistics: Grammaticality judgments and linguistic methodology. Berlin: Language Science Press.

Stehl, Th. 2012. Funktionale Variationslinguistik. Untersuchungen zur Dynamik von Sprachkontakten in der Galloromania und Italoromania. Frankfurt a. M. [u.a.]: Peter Lang.