Sektion 22

Heimat – patrie/patria: (Re-)Konstruktion und Erneuerung im Kontext von Globalisierung und Migration

Sektionsleitung: Marina Ortrud M. Hertrampf (Regensburg)

Ansprechpartnerin: Marina Ortrud M. Hertrampf
(marina.hertrampf@sprachlit.uni-regensburg.de)

In der deutschen Romantik erstmals zu großer Bedeutung gelangt, wurde das Konzept ‘Heimat’ durch zunehmend patriotisch gefärbte nostalgische Verklärung zum Gegenstand der Volkstümelei. Mit dem nationalsozialistischen Verständnis des Heimatbegriffs im Sinne des Vaterlandes als Raum und Boden des arischen Volkes geriet das Konzept gänzlich in Verruf und wurde lange gemieden. Gegenwärtig erfährt der Begriff vor dem Hintergrund von Globalisierung und Migration eine ungeahnte Renaissance. Dabei werden unterschiedliche Neubestimmungen des Begriffskonstruktes ausgelotet, so dass aktuelle Debatten von einer großen Pluralität unterschiedlicher Heimatkonzepte geprägt sind. Auch wenn es keine einheitliche Definition von Heimat gibt, so weist der Begriff doch mindestens sieben Bedeutungsdimensionen auf: Heimat hat räumliche, zeitliche, kulturelle, sprachliche, identifikatorische, soziale und politisch-ideologische Bedeutungsdimensionen. Zudem fällt die stark affektive Qualität des ebenso vielfältig wie kontrovers debattierten Begriffs auf. Ferner ist Heimat immer auch ein mentales und imaginiertes Konstrukt. Dieses Element ist vor allem mit Blick auf die Dimension Zeit relevant. In zeitlicher Hinsicht ist mit Heimat häufig ein verlorener, vertrauter Raum der Kindheit und Jugend gemeint. Weitere zeitliche Komponenten von Heimat sind Traditionen, vorhergehende gesellschaftliche Verhältnisse oder aber Zukunftsvorstellungen. Heimat ist ein typisch deutsches Konzept, das sich kaum adäquat in die romanischen Sprachen übersetzen lässt. Und doch scheinen sich die kulturhistorisch so unterschiedlichen Konzeptmodelle in ihrem Begriffsverständnis gegenwärtig so zu verschieben, dass Annäherungen zu beobachten sind. Vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierung sowie immer komplexer werdender Migrationsbewegungen stehen Begriffskonstrukte wie Heimat und patrie/patria in politischen, öffentlichen und künstlerischen Diskursen in Deutschland und der Romania (wie in ganz Europa) hoch im Kurs. Die verstärkte Konzentration auf das Partikulare des ‘Eigenen‘ in Abgrenzung zum fremden ‘Anderen‘ manifestiert sich dabei aber nicht nur auf den politischen, sondern auch auf (alltags)kultureller und künstlerischer Ebene, so dass sich zunehmend die Frage der sich verschiebenden, veränderten Bedeutungsdimensionen dieser Begriffsparadigmen stellt. Das Sprechen von und über Heimat respektive patrie/patria stellt damit gerade im transnationalen Kontext Europas ganz neue Herausforderungen. Insbesondere das romanische Konzept von patrie/patria scheint aktuell im Wandel begriffen zu sein. Nicht mehr (nur) die Bindung zum kulturell vereinheitlichten Nationalstaat scheint als emotional-identitätsstiftend wahrgenommen zu werden, sondern gerade das kulturell Partikulare einzelner Regionen. Ausgehend von dieser Feststellung soll diskutiert werden, wie Neubestimmungen des romanischen Konzeptes patrie/patria zu bewerten sind und inwiefern sich in politischen wie kulturellen Diskursen Annäherungen an den deutschen Heimatbegriff ausmachen lassen. Dabei kann u.a. auch zur Diskussion gestellt werden, was Heimat bzw. patrie/patria in einer globalisierten und von migratorischen Bewegungen bestimmten Welt (überhaupt noch) bedeuten (können/sollen/dürfen). Es wird u.a. auch zu fragen sein, inwiefern sich ein durch Krieg und Migration politisch evozierter prekärer Zustand wie die Staatenlosigkeit auf das Identitätsgefühl der Heimatlosigkeit auswirken kann und welche Bedeutung(szukunft) das ‘Recht auf Heimat‘ bei den aktuellen Diskussionen um Migration und Integration hat. Daraus ergibt sich beispielsweise auch die Frage, wie sich Heimat(recht) und patrie/patria bei diasporischen Gruppen ohne politisch fundierte territoriale Heimstätte zueinander verhalten. Schließlich soll diskutiert werden, inwiefern das komplexe Konstrukt Heimat letztlich auch transnational und pan-territorial gedacht werden kann/sollte. Im Mittelpunkt der ebenso transversal-interdisziplinär wie kulturvergleichend konzipierten Sektion soll die Analyse und Interpretation unterschiedlicher Konzeptions- und Darstellungsformen von Heimat respektive ‘Vater-land‘ (patrie, patria) in Deutschland und der Romania stehen. Als Gegenstand der Untersuchung bieten sich politische und öffentliche Diskurse in Presse und Medien ebenso an wie Inszenierungsformen in Werbung, Film, Kunst und Literatur.