Sektion 23

Sprach(en)kontakt: für eine mehrsprachige und pluriethnische Zukunft

Sektionsleitung: Konstanze Jungbluth (Frankfurt Oder), Mônica Savedra (Nitéroi), Rita Vallentin (Frankfurt Oder)

Ansprechpartner: Konstanze Jungbluth (Jungbluth_Vallentin DRT Kassel@europa-uni.de)

 

Die Sektion lädt Sprach- und Kulturwissenschaftler*innen ein, romanische Sprachen im Kontakt untereinander oder mit anderen Sprachen exemplarisch vorzustellen. Die Grundfrage des Panels ist, wie die Spannung zwischen der Bewahrung eines von den Vorfahren überlieferten Sprachgebrauchs in ruralen Räumen – innerhalb und außerhalb Lateinamerikas – im Kontrast zu der auf nahe und ferne urbane Räume gerichtete Pluralisierung des Sprachgebrauchs zu beschreiben ist? Inwiefern bedingen Binnen-, internationale und Transmigrationsbewegungen sowie (sprach)politische Agendas eine zukunftsfähige mehrsprachige und pluriethnische Gesellschaft? Wenn die durchaus empathisch positiv konnotierte Erneuerung in Form plurilingualer Sprecher*innen als gesellschaftliches Ziel verhandelt wird, so könnte beispielsweise bildungspolitisch eine Verknüpfung des Spracherwerbs verschiedener romanischer und anderer Sprachen geltend gemacht werden.

Beispielsweise hat Brasilien in den letzten Jahren der Regierung Lula seine Mehrsprachigkeit als kulturellen Reichtum (wieder)entdeckt. Verschiedene politische Programme zur Stärkung des Gebrauchs amerindischer, europäischer und afrobrasilianischer Sprachen neben dem Portugiesischen sind seither implementiert worden. Zusätzlich zur Inventarisierung des immateriellen Erbes und der Förderung bi- oder plurilingualer Präsenz von Schriftsprache im öffentlichen Raum werden besonders auch bilinguale Erziehung und Schulausbildung staatlicherseits unterstützt. Forschungsergebnisse zeigen, dass sie nicht nur den Nachfahren der entsprechenden ethnischen Gruppen zu Gute kommen, sondern auch für andere im municipio ansässige Kinder attraktiv sind. Das pädagogische und politische Ziel ist die Förderung der Mehrsprachigkeit als kultureller Ressource auf individueller, lokaler und nationaler Ebene. In diesem Zusammenhang entstehen auch medial in unterschiedlicher Form aufbereitetes Schulmaterial, Lexika und Grammatiken sowie Texte, Hörbücher und Filme für die Lehrer*innenausbildung zur Verwendung im Unterricht und den Vorbereitungskursen selbst. Die (Re)Vitalisierung sozialer Praktiken einschließlich des Sprach(en)gebrauchs stärkt die Zugehörigkeit auf lokaler und regionaler Ebene, auf der Ebene des jeweiligen estado und darüber hinaus auch auf nationaler Ebene. Die Versuche der (Re)Vitalisierung indigener und ehemals allochthoner, heutzutage beispielsweise auch in Kanada als [neo-]autochthon anerkannter anderer europäischer Sprachen in Koexistenz und Kontakt mit romanischen Sprachen lassen sich auch in anderen regionalen und nationalen Kontexten (u. a. Peru, Chile, Argentinien und andernorts) beobachten.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive berührt diese Sektion verschiedene Themenkomplexe:: 

1.     Hegemoniale Diskurse um nationale Zugehörigkeiten, die sich um ethnische und sprachliche Vielfalt organisieren, aber auch wie sich diese Diskurse bei einem politischen Wechsel wieder gegen ethnisch definierte (Land-)Rechte und gegen eine kulturelle und sprachliche Vielfalt (zurück-) bewegen. Auch regional und lokal geprägte Positionen etabliert durch Vertreter*innen der ethnischen und/oder sprachlichen Minderheiten und ihre lokalen Konzepte zu Zugehörigkeiten und Sprachgebrauch stehen hier zur Debatte.

2.     Der Ausdruck und die Reifizierung dieser Diskurse in sprach- und kulturpolitischen Maßnahmen, sowohl auf nationaler als auch auf regionaler und lokaler Ebene.

3.     Die tatsächliche Umsetzung dieser Maßnahmen sowohl in ihrer Materialität (Schulbücher, Gesetzestexte, mehrsprachige Lexika, Grammatiken…) als auch in ihrer Praxis (Sprach(en)erwerb, Sprachverlust, Manifestationen sprachlicher und/oder ethnischer Pluralität).

Wer eine Literaturliste wünscht oder einen Vortrag anmelden möchte, schreibe uns bitte an
JungbluthVallentin-DRTKassel@europa-uni.de