Sektion 24

Räume der Konvergenzen – Kartierung der Süd-Süd Verflechtungen

Sektionsleitung: Alexandra Ortiz Wallner (FU Berlin), Ineke Phaf-Rheinberger (HU Berlin)

Ansprechpartnerin: Alexandra Ortiz Wallner
(aortiz@zedat.fu-berlin.de)

Konzepte wie „Theorien des Südens“ oder „Epistemologien des Südens“ (Sousa Santos 2009) verweisen nicht auf feste geo-politische Kategorien, die auf einer geokulturellen oder sozio-historischen Entität beruhen, vielmehr ordnen sie sich in eine transareale Globalisierungsgeschichte (Ette 2012) ein, die auf historische Dynamiken, Relationen und Transferprozesse von Menschen, Ideen und Objekten außerhalb der Europa- bzw. Nordamerika-zentrierten Handlungsräume basiert (Mann/Phaf-Rheinberger 2014; Klengel/Ortiz Wallner 2016). Während in den Sozial- und Geschichtswissenschaften Nord-Nord- und Ost-West-Beziehungen sowie die durch Kolonialismus gekennzeichneten Nord-Süd-Beziehungen als komplexe „histoires croisées“ weitestgehend ausgearbeitet und erforscht werden, bleiben vor allem in den romanischen Literatur- und Kulturwissenschaften – bis auf einige wenige Ausnahmen – kulturelle Süd-Süd-Verflechtungen noch ein breit unerforschtes Feld. Diese Sektion beabsichtigt unterschiedliche Problemkomplexe des globalen Südens und dessen symbolischen und konkreten Repräsentationen aus einer vergleichenden, kulturwissenschaftlichen, sprach- und epochenübergreifenden Perspektive zu beleuchten und bearbeiten. Dabei werden wir versuchen, sowohl textuelle wie visuelle, aber auch urbane und landschaftliche (Erinnerungs)-Räume aufzuarbeiten, zu denen es noch wenige greifbare Forschungsarbeiten gibt.

Kolonialismus und Postkolonialismus können als perspektivistische Orientierung dienen, um darüber hinaus weitere Aspekte, wie z.B. die globale ökologische Krise der Bewässerung oder des Transportes, oder den komplexen Umgang mit regionalen Zuschreibungen im Spannungsverhältnis mit der Erneuerung von nationalen Identitätsdiskursen und die Verbreitung eines kritischen Kosmopolitismus, mitzudenken und zu berücksichtigen. Beispielhaft kann an dieser Stelle die Ausstellung „Europa und das Meer“ im Historischen Museum in Berlin erwähnt werden, in die der König von Monomotapa (das heutige Mozambik und Simbabwe) im 17. Jahrhundert vorgestellt wird, der aktiv am Sklavenhandel beteiligt war. Aus welcher Perspektive und durch welche Mittel könnte man die Präsenz dieser Figur in der französisch- und portugiesisch-sprachigen Literatur des Indischen und Atlantischen Ozeans untersuchen? Ist es, wie Robert Stockhammer es in seinem Buch Afrikanische Philologie (2016) suggeriert, ein „verdrängtes“ Problem der Literatur an dieser ostafrikanischen Küste, oder sollte man es vielleicht aus der Sicht einer vielschichtigen und widersprüchlichen Erinnerungskultur versuchen zu verstehen und re-formulieren? Ferner können auch neuere intermediale Tendenzen wie z.B. die der Graphic Novels vergleichend und im Süd-Süd-Forschungsfeld bearbeitet werden.

In diesem Sinne beabsichtigt die Sektion solche bis jetzt kaum bearbeitete Problemstellungen zu formulieren und nachzugehen und eine erste, vorläufige Kartierung der Süd-Süd-Verflechtungen aufzustellen. Dabei werden unweigerlich auch nicht-romanische Sprachen eine Rolle spielen, wie z.B. das Englische, aber der Schwerpunkt soll auf Portugiesisch-, Französisch- und Spanischsprachige Quellen und Beispielen gelegt werden. Die Sektion will die Sicht auf eine diskursive Dynamik ermöglichen, die bislang durch einzelphilologische und/oder disziplinäre Einschränkungen verstellt geblieben ist. Des Weiteren öffnet sich die Sektion für die Herausforderungen des fächerübergreifenden Austauschs mit geisteswissenschaftlichen Nachbardisziplinen und geht von einem transversalen Verständnis der kulturellen Transfers im globalen Süden – als Räume der Konvergenzen – aus.

Bibliographie

Ette, Ottmar (2012): TransArea. Eine literarische Globalisierungsgeschichte. Berlin: De Gruyter.

Klengel, Susanne/Ortiz Wallner, Alexandra (eds.) (2016): Sur/South. Poetics and Politics of Thinking Latin America-India. Madrid/Frankfurt am Main: Iberoamericana/Vervuert.

Mann, Michael/Phaf-Rheinberger, Ineke (eds.) (2014): Beyond the Line. Cultural narratives oft he Southern Oceans. Berlin: Neofelis.

Sousa Santos, Boaventura/Meneses, Maria Paula (2009): Epistemologias do Sul. Coimbra: Edições Almedina.

Stockhammer, Robert (2016): Afrikanische Philologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.