Sektion 4

»Epoche machen« - Vermessung literarischen Wandels zwischen 10. und 18. Jh.

Sektionsleitung: Andreas Haarmann (Bonn), Isabelle Löchner (Bonn)

Ansprechpartner: Andreas Haarmann
(andreas.haarmann@uni-bonn.de)

Jede Auseinandersetzung mit Geschichtlichkeit setzt gemeinhin die Einteilung historischer Entwicklungen in begründbare Einheiten voraus. Nicht erst seit Robert Jauß’ Konstanzer Antrittsvorlesung allerdings wird „Literaturgeschichte als Provokation“ begriffen, insofern sie nach Festlegungen und Kategoriebildungen verlangt, um welche die aktuelle Forschung nicht selten verlegen ist. Und doch gehören Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion von Epochengrenzen und -merkmalen nach wie vor zu den Hauptaufgaben der Literaturgeschichtsschreibung.

Erst unlängst belebte die deutsche Übersetzung von Jacques Le Goffs Essay Faut-il vraiment découper l’histoire en tranches (frz. 2014) die akademische Debatte um den Grenzverlauf zwischen Mittelalter und Renaissance. Der Mediävist distanziert sich von hergebrachten Periodisierungskonventionen und schlägt in seinem letzten Werk das Konzept eines „long Moyen Âge“ vor, das sich erkennbar an Eric Hobsbawms ebenfalls epochenrevisionistischen Begriff des „long 19th century“ anlehnt. Le Goff zufolge seien die entscheidenden kulturhistorischen Umbrüche erst in der Mitte des 18. Jh.s zu verorten: der von Mirabeau auf den Begriff gebrachte Fortschrittsglaube, ein staatstheoretisches Umdenken im Gefolge der großen Revolutionen dies- und jenseits des Atlantiks, die Institutionalisierung der Trennung von Religion und Wissenschaft sowie die Vorbereitung einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung im Zuge des (britischen/schottischen) Liberalismus.

Le Goff berücksichtigt dabei jedoch kaum literarische Manifestationsformen des Wandels, die beispielsweise mit sprachnormierenden Maßnahmen und dem damit zusammenhängenden Aufkeimen eines Nationalbewusstseins in einem komplexen Wechselverhältnis stehen. Wir sind der Überzeugung, dass die Literaturwissenschaft einen einschlägigen Beitrag zur Neubewertung des Verhältnisses zwischen Mittelalter und humanistischer Frühen Neuzeit leisten und ein neues Licht auf die bislang geschichtswissenschaftlich dominierte Diskussion werfen kann. Überwiegen tatsächlich die Kontinuitäten in Motivik, Rhetorik, Stilistik, Stoffgeschichte und Gattungstradition? Die Sektionsarbeit soll in gesamteuropäischer Perspektive die dialektischen Aushandlungs-prozesse zwischen Innovation und Persistenz literarischer Formen und Gegenstände nachvollziehen. Reicht etwa der klare Bruch zwischen mittelalterlichem und frühneuzeitlichem Körperverständnis hin, um daran im Hinblick auf ein holistisches Menschenbild einen zentralen Entwicklungsschritt festzumachen? Dominierte das Mittelalter einerseits noch eine christlich grundierte Negation der Körperlichkeit (fleischliche Lust), so zeigt sich seine Doppelgestalt doch nicht zuletzt in der Omnipräsenz von Leiblichkeit (Körpergeräusche als Bestandteil gesellschaftlicher Umgangsformen und exzessive Darbietung von Emotionsdeklarationen). Es ließe sich vertreten, dass erst die Renaissance sich durch eine Vereindeutigung dieser Ambivalenz zugunsten eines überwiegend positiven Körperverhältnisses sowie eines allgemein aufgewerteten Menschenbildes auszeichnet. Andererseits wirkt das vorherrschende Mittelalterbild als zu holzschnittartig. Durchbricht nicht bereits Chrétien de Troyes Chevalier de la charrette das nur scheinbar intakte Gesellschaftssystem in gleich mehrfacher Hinsicht: Emanzipation des Außenseitertums, Insubordination, Verletzung exklusiv ehelicher Sexualbeziehungen, Verballhornung der Christologie?