Promotionen & Habilitationen

Graduiertenkolleg Soziale Menschenrechte

 

Prof. Sonja Buckel ist Mitglied des Graduiertenkollegs "Soziale Menschenrechte"

nähere Informationen kann man der Homepage entnehmen.


Laufende Promotionsvorhaben

Lars Bretthauer: Digitaler Autoritarismus. Eine Analyse der politischen Konflikte um die Einführung der Vorratsdatenspeicherung aus staatstheoretischer Perspektive

Meine Doktorarbeit widmet sich aus der Perspektive der materialistischen Staatstheorie der staatlichen Überwachung gesellschaftlicher Kommunikationsbeziehungen. Empirischer Gegenstand ist hierbei die politische Debatte um die Einführung der Vorratsdatenspeicherung (VDS) in Deutschland in den Jahren 1996-2018. So sahen das erste VDS-Gesetz von 2007 bzw. das zweite VDS-Gesetz von 2015 die sechsmonatige bzw. zehnwöchige präventive Speicherung von digitalen Kommunikationsdaten durch Telekommunikationsunternehmen und deren möglichen Abruf durch staatliche Sicherheitsbehörden zur Strafverfolgung vor.

Auf dieser Grundlage soll in dieser Arbeit erstens der Frage nachgegangen werden, welche politischen Veränderungen die Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung historisch für das Gewaltmonopol des deutschen Staates bedeuteten. Angesichts einer tradierten Geschichte autoritärer Herrschaft in Deutschland, von Telekommunikationsüberwachungsmaßnahmen und darüber hinausgehenden staatlichen Überwachungsformen einerseits, aber auch der Unterbindung staatlicher Eingriffsversuche durch Gerichte und politischen Widerstand andererseits steht zur Debatte, welche historischen Kontinuitäten und Brüche sich in der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung zeigen.

Vor diesem Hintergrund wird zweitens der Frage nachgegangen, inwiefern das deutsche Gesetzgebungsverfahren zur Vorratsdatenspeicherung und die damit verbundene öffentliche Debatte über den staatlichen Zugriff auf Kommunikationsdaten als eine konkrete politische Transformation des deutschen Staats verstanden werden kann. Hierzu geht diese Arbeit der Frage nach, welche unterschiedlichen Projekte der Inneren Sicherheit in der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung formuliert wurden, wie diese im Sinne der materialistischen Staatstheorie institutionell vermittelt wurden und wie der status quo der hochgradig umstrittenen und immer wieder blockierten Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung politikwissenschaftlich erklärt werden kann.

Damit verbunden ist drittens eine Analyse des Herrschaftsanspruches, der mit der VDS verbunden ist, und die daran anschliessende Frage, ob und inwiefern es sich bei der Vorratsdatenspeicherung um eine autoritäre Transformation des deutschen Staates handelt. Als neues Phänomen auf dem Feld der Inneren Sicherheit umfasst die VDS eine sehr weitreichende Einschränkung der Grundrechte, eine neue Form der Privatheit, die sich dort gegenüber dem öffentlichen Gewaltmonopol etabliert, die besondere Bedeutung von Prävention innerhalb staatlicher Sicherheitsstrategien und schließlich deren Auswirkungen auf den demokratischen Charakter des politischen Systems. Meine vorläufige Forschungsthese konstatiert hier eine Transformation des deutschen Staates zu einem digital-autoritären politischen System.

Viertens soll ein besonderer Augenmerk auf den polit-ökonomischen Rahmenbedingungen liegen, in die die Vorratsdatenspeicherung eingebettet war. Diese beruht auf der staatlich angeordneten, präventiven Speicherung von Telekommunikationsdaten durch transnationale Telekommunikationskonzerne, die jedoch erst seit der Privatisierung des Telekommunikationssektors Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre den Markt dominierten. Gleichzeitig vollziehen sich parallel zu staatlichen Überwachungsprojekten wie der VDS Prozesse einer kapitalistisch angetriebenen, digitalen Durchdringung und Protokollierung von Alltagspraxen, in denen digitale Kommunikationsvorgänge über Mobilfunkanrufe, SMS, Messengerdienste, soziale Netzwerke und den gesamten Bereich des E-Commerce eine minutiöse digitale Rekonstruktion individueller und interpersoneller Praxen erlauben. Somit stellt sich abschließend die Frage nach dem Zusammenhang von digitalem Kapitalismus und digitalem Autoritarismus.

lbretthauer@reflect-online.org

Weitere Infos: larsbretthauer.blogsport.eu

Stefan Hohn:  Die politische Ökonomie des Parteienwettbewerbs im fiskalischen Disziplinierungsstaat. Eine historisch-materialistische Theorie der Parteiendemokratie

 

Lange als unveränderlich geltende Grundsätze der Parteiendemokratie in Westeuropa scheinen nicht mehr die politische Realität der letzten Jahre beschreiben zu können: Die sozialdemokratischen und konservativen Großparteien befinden sich im Niedergang, selbst in mehrheitswahlrechtlich organisierten Parteiensystemen ist eine Fragmentierung des Parteienensembles auszumachen und überall sind die Parteien einem immensen Druck ausgesetzt, sich an eine neu aufkommende Form gesellschaftlicher Regulation anzupassen. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer seit längerem andauernden Krise der Repräsentation marginalisierter Schichten, die durch die sozioökonomischen Entwicklungen im Zuge der sog. „Eurokrise“ wie auch der autoritär durchgesetzten Krisenbewältigungsmaßnahmen und der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Austeritätspolitik noch verstärkt wurden. Die technokratische Hegemonie des Austeritätsregimes hat die Regulationsweise des finanzialisierten Kapitalismus verändert und neue fundamentale Widersprüche desselben in seiner Beziehung zur parteiförmig organisierten Demokratie hervorgebracht, was in der offenen Entmachtung demokratisch gewählter Regierungen und Parlamente während der Hochphase der Krise gipfelte.

Eine gesellschaftstheoretisch fundierte Parteientheorie, die die Zusammenhänge von parteiensystemischer Entwicklung und makroökonomischem Kontext ausreichend erklärt, fehlt jedoch bisher. In meiner Dissertation argumentiere ich, dass der parlamentarische Aspekt sozioökonomischer Regulation in der fortschreitenden Entwicklung historischer Formationen einen ständigen Transformationsprozess durchläuft, sowohl in seiner Form als auch seiner Funktion, so dass sich die Struktur des westeuropäischen Parteienwettbewerbs selbst transformiert hat. Die Anwendung der diachronen Perspektive der historisch-materialistischen Politikanalyse auf die Dynamiken des Parteienwettbewerbs unter den sich wandelnden sozioökonomischen Voraussetzungen verschiedener historischer Formationen kann uns helfen diese Transformationsprozesse zu verstehen. Parteiendemokratien – so die zentrale Hypothese meiner Arbeit – haben unter den Voraussetzungen des Fordismus, der die traditionellen Parteiensysteme in Westeuropa hervorgebracht hat, anders funktioniert als unter der neoliberalen Hegemonie und unter dieser anders als heute, wo das neoliberale Projekt zwar immer noch herrscht, aber eben nicht mehr hegemonial ist. Diese Hypothese theoretisch herzuleiten stellt den Kern meiner Arbeit dar.

Die Theorieentwicklung konzentriert sich evidenzbasiert auf die konkreten historischen Wandlungsprozesse von Parteiensystemen in Krisenzeiten: Sowohl die Inflationskrise der späten 1970er als auch die europäische Staatsschuldenkrise 2010/11 haben die Gemeinsamkeit, dass im volkswirtschaftlichen Diskurs die dahinterstehenden makroökonomischen Prozesse als endogene Probleme demokratischer Systeme identifiziert wurden. Die Auswirkungen dieser Diskurse im und auf den Parteienwettbewerb bilden die Grundlage für die Analyse der strategischen Handlungsspielräume und Reaktionsweisen von Parteien, damit die Fragen beantwortet werden können, wie Akkumulations- und Regulationsweise parteiförmig organisierte Demokratien beeinflussen und was politische Parteien unter den jeweiligen sozioökonomischen Konditionen einer bestimmten historischen Formation erreichen können. Mit meiner Dissertation möchte ich eine neue von gramscianischer Hegemonietheorie und Poulantzas' Verständnis des Staates als materieller Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse ausgehende theoretische Perspektive auf die Entwicklung der parteiensystemischen Wettbewerbsstrukturen auf der Basis der historisch-materialistischen Politikanalyse erarbeiten und diese dadurch aktualisieren und für die Parteienforschung anwendbar machen. Die Theoriearbeit hat zum Ziel, die Funktionsweise von Parteiendemokratien auf der Grundlage der materiellen Bedingtheiten des Staates erfassen zu können. Dies bedeutet, dass es sich um eine policyzentrierte Parteientheorie handelt, die untersucht, wie sich politische Projekte und die mit ihnen verbundenen Hegemonieprojekte in Wechselwirkung mit der Eigendynamik eines Parteiensystems entwickeln.

 

st_hohn@gmx.de

 

Johannes Gerken: Europäische Staatlichkeit in der Krise. Die Auseinandersetzung um Hegemonie im Rahmen der Krisenbewältigungspolitik und ihre Wirkung auf das Staatsprojekt Europäische Union
David Lorenz: Die Umsetzung von Dublin III

Norma Tiedemann: Munizipalistischer Gegenwind? Progressive Stadtpolitiken in der Krise der neoliberalen Vergesellschaftung

Zusammenfassung:

Munizipalistischer Gegenwind in Südosteuropa? Demokratischer Widerstand gegen die Ausbildung autoritärer Staatlichkeit

Nicht nur in Spanien gründeten sich nach den Protesten 2011/12 in Reaktion auf das autoritär-neoliberale Krisenmanagement neuartige Zusammenschlüsse von Bewegungsakteur*innen und Parteien auf städtischer Ebene – die munizipalistischen Listen, die vielfach einen Brückenschlag zwischen Bewegung und Staat auf lokaler Ebene herstellen konnten. Auch im post-jugoslawischen Raum haben sich Menschen nach verschiedenen Protesthöhepunkten dazu entschlossen die Stadtparlamente zu einem strategischen Ort der Auseinandersetzung zu machen. Während wirtschaftliche Deregulierung in Jugoslawien spätestens seit den 1980ern z.B. durch IWF-Strukturanpassungsprogramme durchgesetzt wurde, begannen Prozesse von Demokratisierung erst nach dem gewaltsamen Zerfall der Föderation und den ersten nationalistisch-autoritären Regierungen, Ende der 1990er/zu Beginn der 2000er. Geblieben ist eine enge Verflechtung politischer und ökonomischer Akteure. Das Phänomen „state capture“ ist in Kroatien ebenso wie in Serbien ausgeprägt, wo die regierende Partei über ein Netzwerk klientelistischer Beziehungen parlamentarische Prozesse aushöhlt. Gegen die seit mindestens zehn Jahren zu beobachtende Ausbildung eines neoliberal-autoritären Staatstyps in der Region setzen sich jedoch auch soziale Bewegungen zur Wehr, die den Topos der Demokratie ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung rücken – sowohl in Zagreb als auch in Belgrad versuchen Aktive über den Weg der lokalstaatlichen Institutionen ein anderes Verständnis und eine veränderte Praxis von Demokratie zu realisieren.

Das Promotionsprojekt fragt nach der spezifischen historischen Konjunktur von ökonomischer, politischer und sozialer Krise und ihrer urbanen Verräumlichung, in der diese munizipalistischen Projekte entstehen und agieren. Aus der Perspektive materialistischer Staats- und Demokratietheorie sollen die konkreten Gesellschaftsformationen eines neoliberalen Autoritarismus der europäischen Semi-Periphere herausgearbeitet und die Formen des Widerstands und ihre emanzipatorischen Potentiale in Hinblick auf demokratische Erneuerung untersucht werden.

  Kontakt unter: norma.tiedemann@uni-kassel.de

Maximilian Pichl: Emanzipatorische Rechtspolitik. Eine historische-materialistische Untersuchung der Rechtskämpfe im Kontext des Sommers der Migration

Zusammenfassung:

 

Die Doktorarbeit befasst sich mit den Rechtskämpfen um das Europäische Grenzregime. Während die Politikwissenschaft sich im anglo-amerikanischen Raum schon länger mit politischen Strategien im Recht beschäftigt, ist dieses Forschungsfeld in Deutschland weitestgehend ein Desiderat. In der Arbeit wird eine historisch-materialistische Rechtspolitikanalyse entwickelt, um eine gesellschaftstheoretisch fundierte Analyse der Ressourcen und Strategien von rechtspolitischen Kämpfen zu betreiben. Empirisch untersucht die Arbeit drei Fallstudien zu rechtspolitischen Kämpfen, die im Zuge des sog. „Sommers der Migration 2015“ entstanden sind. Dazu gehören Klagen gegen Push-Backs an der spanisch-marokkanischen Grenze in Melilla, den Zugang zum Recht in der ungarischen Transitzone sowie die Kämpfe gegen ein neoliberalisiertes Asylsystem in der Bundesrepublik Deutschland.

 

Die Arbeit wird mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

 

max.pichl@posteo.de

 

 

Neva Löw: Gewerkschaften, Arbeitsmarktpolitik und Migration

 

 

 

 

 

 

 

 

 Mario Neumann: Integrationsketten -Politische Phantasie und alltägliche Wirklichkeit der „Integration durch Arbeit“ nach dem „Sommer der Migration“
Carolina Alves Vestena: Das Recht in Bewegung – Kämpfe um soziale Rechte in Zeiten der Austeritätspolitik

Zusammenfassung

Weltweit und besonders nach der Wirtschaftskrise 2008, protestieren soziale Bewegungen gegen die von Regierungen verabschiedeten Kürzungsmaßnahmen oder Anpassungsprogramme zur Einschränkung des Rechts auf Gesundheitsvorsorge, Bildung, Wohnen oder Arbeit. Solche Problemlagen finden sich nicht nur im globalen Süden, sondern ebenso im globalen Norden. Spätestens seit 2011 finden große Wellen kollektiver Mobilisierungen, Demonstrationen und Platzbesetzungen in der ganzen Welt statt. Die Bewegungen demonstrieren nicht nur für bessere Dienstleistungen oder soziale Rechte. sondern sie fordern umfassende Teilhaberechte ein. In diesem Kontext organisieren sie sich jedoch nicht nur mit politischen Mitteln, d.h. im Rahmen von Protesten, sondern sie setzen ebenso rechtliche Mittel strategisch als Mobilisierungsressource ein. Doch: wie können soziale Bewegungen das Recht mobilisieren? Und welches Risiko birgt eine solche politische Strategie? Kritische und materialistische Rechtstheorien betonen den widersprüchlichen Charakter der Anwendung von Rechtsmitteln durch kollektive AkteurInnen. Diese Widersprüchlichkeit besteht darin, dass die Arbeitsweise des Rechts den politischen Charakter sozialer Mobilisierung durch rechtliche Verfahren verdeckt und neutralisiert, gleichzeitigt dennoch den Raum für die Einschreibung von Interessen subalterner AkteurInnen in eine formal-gleiche Struktur bietet. Der Arbeit liegt dieses Verständnis der Rechtsform als Prämisse zugrunde. Sie fragt nach den Interaktionsformen zwischen kollektiven AkteurInnen und rechtlichen Institutionen, mit dem Ziel Mobilisierungsformen sozialer Bewegungen auszuloten und ihre mittelbaren Auswirkungen auf rechtliche Entscheidungsprozesse zu untersuchen. Um diese theoretischen Reflexionen empirisch zu erarbeiten, wird eine Fallstudie über die Rechtsprechung und den Kontext der wirtschaftlichen Krise ab 2011 in Portugal in den Zeiten des Aufkommens und der Mobilisierung der Anti-Austeritätsbewegung durchgeführt.

  carolina.vestena@uni-kassel.de

Jannis Eicker: Gibt es ein extrem rechtes Hegemonieprojekt? Historisch-materialistische Analyse der Konjunktur rassistisch-nationalistischer Migrationspolitik
Judith Kopp: „Fluchtursachenbekämpfung“ im Kontext der Krise des europäischen Grenzregimes 2015

 

Das Projekt untersucht die Krise und Transformation der europäischen Migrationspolitik im Kontext des „Sommers der Migration“ 2015. Im Zentrum der Analyse steht die Frage nach der Restabilisierung des Migrations- und Grenzregimes in seiner externen Dimension, also über neue Instrumente zur Kooperation mit Transit- und Herkunftsländern.Der auf EU-Ebene intensivierte Diskurs und politische Maßnahmen zur „Bekämpfung von Fluchtursachen“ stehen dabei im Fokus der Analyse. Sie verweisen auf eine verstärkte Politisierung und Sichtbarmachung von Geflüchteten vor dem Hintergrund globaler Nord-Süd-Verhältnisse. Gleichzeitig schreibt sich die „Fluchtursachenbekämpfung" in die neuen Externalisierungspolitiken ein und sind damit ein Element des Versuchs der Reorganisierung und Stabilisierung des postkolonialen Migrations- und Grenzregimes im Zuge der Krise 2015. Die Analyse nimmt die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und Entwicklungen in den Blick, die zur Entstehung neuer politischer Kooperationsinstrumente mit dem Ziel der „Fluchtursachenbekämpfung“ geführt haben. Außerdem wird die Umsetzung der Politiken anhand eines Projektes des EU-Treuhandfonds für Afrika analysiert.


j.kopp@beyond-summer15.eu

Enes Kaya: The state of emergency as an exceptional state: The state, hegemony and class in Turkey

 

Diese Studie handelt von dem Phänomen ‚Ausnahmezustand‘ und verfolgt einen interdisziplinären Ansatz aus den Bereichen des Rechts und der Politikwissenschaften. Der Ausnahmezustand ist eine Form der Intervention, welche in Krisenzuständen Anwendung findet. Das Interesse an diesem Phänomen resultiert aus der Frage, weshalb kapitalistische Staaten diese Form des Regimes für nötig erachten. Mit dieser Fragestellung ergibt sich die Möglichkeit, diese Art des Regimes am Beispiel der Türkei zu analysieren. Aus diesem Grund richtet sich die Forschungsfrage danach, weshalb moderne kapitalistische Staaten von einem Ausnahmezustand gebrauch machen und wie diese Befugnisse während des Ausnahmezustandes sich auf die Entwicklung der Türkei auswirken. Die Hypothese auf die Fragestellung dieser Arbeitet lautet, dass mit dem Aufkommen des Neoliberalismus seit den 1970er Jahren die zunehmend ökonomischen Interventionen des modernen Staates in verschiedene Bereiche politische Krisen innerhalb des Machtblocks geschaffen und infolgedessen hegemoniale Krisen hervorgebracht haben. Zur Überwindung der hegemonialen Krisen werden deshalb von den Befugnissen der Notstandsgesetze gebraucht gemacht. Jedoch sind diese Befugnisse deshalb keine Ausnahme-Befugnisse, da sie bereits im modernen Recht enthalten sind. Die Hypothese über den Fall der Türkei ist jedoch, dass das Exekutivapparat diese Beschränkungen überschreitet, während es diese Befugnisse nutzt, und auf diese Weise ein Ausnahmezustandsregime institutionalisiert. Die Analyse dieser Entwicklungen kann in vielen verschiedenen Disziplinen durchgeführt werden. Diese Studie analysiert die Rechtstexte, die diese Institutionalisierung für das staatliche System kodieren. Eine Diskursanalyse wird über Gesetzesdekrete und andere Hilfsgesetze entwickelt und Hegemonie-Projekte, die durch sie umgesetzt werden, werden sichtbar gemacht. Um eine solche Analyse durchzuführen, sind sowohl eine theoretische Diskussion als auch eine empirische Forschung notwendig. Aus diesem Grund soll die Studie in erster Linie einen Beitrag zur marxistischen Staatstheorie liefern, indem sie eine theoretische Diskussion über den Ausnahmezustand führt; dieses, sowie die empirische Forschung am Beispiel der Türkei soll die Natur des Regimes illustrieren.

Die Frage, warum der kapitalistische Staat, der die erste der Forschungsfragen ist, dieses Regime braucht, wird durch Ausnutzung der von uns vorgestellten Theorie beantwortet werden, um die Mittel der Intervention des kapitalistischen Staates in Krisenzeiten aufzudecken. Nachdem mit dem Konzept des Ausnahmezustands der theoretische Rahmen für die Untersuchung der staatlichen Interventionen gesetzt wurde; werde ich eine Untersuchung - beginnend ab der globalen Krise 2008, die sich 2011 zuspitzte und mit dem Putschversuch 2016 ihren Höhepunkt erreichte – durchführen. Diese Studie verfolgt die zweite Frage, welche Rolle das Ausnahmezustandsregime beim Übergang der Türkei in die Diktatur spielte. Obwohl sozioökonomischer Wandel in der Türkei der Gegenstand zahlreicher Studien ist, bleibt der ‘jurido-politische‘ Zusammenhang in der Gesamtentwicklung unterbelichtet. Die zweite Sache ist die, dass der Ausnahmezustand in der Türkei als Phänomen in einem größeren Kontext zu betrachten ist – gerade dann wenn es darum geht, frühzeitig auf Entwicklungen in anderen Ländern zu reagieren.

  e.kaya90@gmail.com

Çağan Varol: Kämpfe der Migration im urbanen Raum – Über die Keupstraße und die Resilienz hegemonialer Strategien und Diskurse  

Im Jahre 2011 hat sich eine rechtsterroristische Zelle selbst enttarnt, die unter dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ von 2000 bis 2007 u.a. zehn Morde begangen hat (Quendt 2016; Förster 2014). Ein kritischer Blick auf die Auswahl der Tatorte weist darauf hin, dass eine besonders verwurzelte und als Ladenbesitzer nach außen sichtbare Gruppe und somit die ganze migrantische Community eingeschüchtert werden sollte (Gensing 2012, 8; Hielscher 2016, 192). Auch in Köln explodierten im Jahre 2001 und im Sommer 2004 Bomben in und vor migrantischen Geschäften bei der 23 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Karakayali und Kasparek (2013 u. 2018) deuten die Taten des NSU vor dem Hintergrund der damaligen Debatten um Migrationspolitik, zu Staatsbürgerschaft und der Kopftuchdebatte. Von offizieller Seite wird eine Mitverantwortung ausgeschlossen und auf Ermittlungsfehler und Kommunikationsschwierigkeiten innerhalb der Behörden hingewiesen, die als „Behördenversagen“ deklariert werden (Eckert 2014).

Auf der Keupstraße herrschen/herrschten institutionelle Wissensbestände und behördliche Praxen über MigrantInnen vor, die repressive Strategien legitimierten und aus einer mehrheitlich „migrantisch“ bewohnten ArbeiterInnenstraße eine Projektionsfläche für rassistische Zuschreibungen und Ängste gemacht hat. Bestärkt wurde dies nach 2004, da im offiziellen Deutungshorizont zu den NSU-Anschlägen ein rassistischer und nazistischer Hintergrund sehr lange ausgeschlossen wurde und die Suche nach den Verdächtigen, wie bei allen NSU-Morden, in „ausländischen kriminellen Milieus“ stattfand (Hielscher 2016, 188).

Meine Arbeit ist innerhalb der kritischen Migrations- und Rassismusforschung angesiedelt und soll Erkenntnisse der kritischen Stadtforschung einbinden. Durch diese Multiperspektivität erhoffe ich mir einen differenzierten Blick in die lokalen Auseinandersetzungen. Neben  Kriminalisierungsstrategien erweisen sich auch Stadtsanierungsprozesse begleitet von Gentrifizierungsprozessen, als ebenso machtvolle Instrumente, um auf der Ebene lokal-staatlichen Handelns individuelle Disziplinierungen der BewohnerInnen zu erzeugen und dabei revanchistischen Charakter annehmen können (Holm 2006, 10f., 63). Methodisch arbeite ich im Rahmen der Regimeanalyse u.a. mit ExpertInneninterviews, Beobachtungen vor Ort und einer historisch-genealogischen Untersuchung, die ich diskursanalytisch ergründen möchte.

Die räumliche Maßstabsebene dieses Forschungsvorhabens ist anlehnend an die materialistische Staatstheorie von Poulantzas (1978) der lokale Staat. Dieser lokale Staat ist wie der Nationalstaat ein soziales Verhältnis, welcher permanentem Wandel unterliegt, sich im Gefüge des Staates vollzieht, und die territorialen Grenzziehungen des Städtischen betrifft (Schipper 2013, 42). Im Rahmen dieser Arbeit geht also um das „Regieren der Stadt“ und speziell einer Straße, der ihr unterliegenden Machtpraktiken und der mit ihr durch den Diskurs verknüpften Wissensbestände. Anlehnend an Terkessidis (2004) soll insbesondere die Rolle der Institutionen des Arbeitsmarktes, der Staatsbürgerschaft und des institutionellen Komplexes zur Herstellung „kultureller Hegemonie“ in der Keupstraße untersucht werden, da im lokalen Kontext diesbezügliches Verwaltungshandeln und migrantische Handlungsmacht gut zu beobachten sind (Alexopoulou 2018).

Çağan ist Stipendiat der Rosa Luxemburg Stiftung.

cvarol@hotmail.de

Laufende Habilitationsvorhaben

 

  • Dr. Dirk Martin: Symbolische Herrschaft und Staat. Zur Herrschaftskritik, Ideologie- und Staatstheorie von Pierre Bourdieu (Arbeitstitel)

  •  Melehat Kutun:  The Socio-genesis of the Capitalist State Power: On the Gendered and Racialized Formation of Migrant Labour Regime in Germany

Abgeschlossene Vorhaben

  • Prof. Dr. Jens Wissel: Staatsprojekt EUropa: Kämpfe um die Territorialisierung Europas. Untersuchung in drei Fallstudien. (Juli 2015)

  • Dr.  Anna Krämer : How (not) to write about ‚African’ states.  Eine postkoloniale Kritik. (Dezember 2016)

  • Dr. Felix Silomon-Pflug : Neuordnungen städtischer Verwaltungen. Die Mobilisierung betriebswirtschaftlicher Verwaltungssteuerung und deren Auswirkungen auf Liegenschaftspolitik und –verwaltung in Berlin und Frankfurt am Main  (Erstgutachterin: Prof. Dr. Susanne Heeg, Humangeographie Frankfurt am Main)  (März 2017)

  • Dr. Tino Petzold:  Austerity Forever?! Die Normalisierung der Austerität durch Recht und Scale in der BRD (Erstgutachter: Prof. Dr. Bernd Belina, Humangeographie Frankfurt am Main)(Juli 2017)

  • Dr.  Sarah Schulz: Die freiheitliche demokratische Grundordnung. Zur Verallgemeinerung einer politischen Entscheidung und ihren Konsequenzen (Januar 2018)

  • Dr. des Birgitta Dusse: Krise des Kompromisses?  Eine multiskalare Analyse hegemonialer Kämpfe in der Europäischen Union am Beispiel der Arbeitsmarktpolitik Dänemarks, Deutschlands und Italiens (Dezember 2018)