Einführungswochenende "...mehr als nur PoWi-Lehrer*innen!"

Bericht zum Einführungswochenende im Wintersemester 2016/2017

  • Wie kann ich als Studierende*r des Fachs Politik und Wirtschaft meinen Politikunterricht "politisch denken"?
  • Welches Selbstverständnis habe ich von mir in meiner Rolle als angehende*r PoWi- oder Sachunterrichtslehrer*in?
  • Wie stehen meine Kommilitone*innen zu diesen Fragen und mit wem werde ich in den kommenden Semestern in Vorlesungen und Seminaren gemeinsam arbeiten?

Auch zu Beginn des Wintersemesters verbrachten Studierende der Studiengänge L1-L4, gemeinsam mit Lehrenden und Mitarbeiter*innen des Fachgebiets "Didaktik der Politischen Bildung" sowie Kooperationsparter*innen aus der Zivilgesellschaft, zwei Tage am Universitätsstandort Witzenhausen, um gemeinsam ihre Rolle, Aufgaben und Verantwortung als angehende Sachunterrichts- und PoWi-Lehrer*innen zu reflektieren.

Zum Auftakt des Wochenendes begrüßten die beiden Leiter des Fachgebiets Prof. Dr. Andreas Eis und Prof. Dr. Bernd Overwien sowie Eva-Maria Kohlmann (wiss. Mitarbeiterin am Standort Witzenhausen) gemeinsam die circa 50 Studierenden und angehenden Lehrer*innen. Am Standort Witzenhausen, einst ehemalige Kolonialschule des Deutschen Reiches, ist heute der Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften angesiedelt, welcher neben dem grundständigen Studiengang "Ökologische Landwirtschaft" ebenso vier weiterführende (darunter drei englischsprachige) Masterstudiengänge anbietet. Mit Blick auf die Geschichte des Ortes sowie die Lehr- und Forschungsschwerpunkte des Fachgebiets (Globales Lernen, Bildung für Nachhaltige Entwicklung) bietet sich für die Studierenden ein gleichermaßen historisch interessanter sowie außerschulischer Lernort.

Damit sich die Studierenden untereinander besser kennenlernen und gemeinsam mit den Lehrenden ins Gespräch kommen konnten, folgte auf die Begrüßung und Vorstellung des Teams eine Gruppensoziometrie. Ina Schön, pädagogische Mitarbeiterin am Fachgebiet und Mentorin in den Schulpraktische Studien und dem Praxissemester, befragt sowohl die angehenden Lehrer*innen als auch Mitarbeiter*innen hinsichtlich ihrer Arbeitsmotivation am frühen Morgen, den bisher studierten Semestern, des individuellen politischen Engagements sowie dem Wunsch, Lehrer*in zu werden. Gemäß den Antworten mussten sich die Teilnehmer*innen im Raum platzieren und untereinander organisieren. 

Auf dieses Warm-Up folgte ein Kurzinput von Prof. Dr. Bernd Overwien unter der Leitfrage "Worauf kommt es mir als PoWi-Lehrer*in wirklich an?". Als Ausgangspunkt diente hier die Weltausstellung 1893, in deren Kontext 100 Journalisten gefragt wurden, wie die Welt in 100 Jahren wohl sein werde. Aus den Prognosen sprach ein umfassender Fortschrittsoptimismus: Krieg wird kein Mittel der Politik mehr sein, Nahrung wird für alle da sein, es wird für alle Arbeit geben, alle werden eine Wohnung haben, Bildung wird für alle zugänglich sein uvm. Blickt man mit dem damaligen Optimismus in die heutige Zeit und auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, so macht sich Ernüchterung breit. Dazu Prof. Overwien: "120 Jahre Optimismus und traurige Irrtümer".

Arbeitsphase: Lehren vor dem Hintergrund zukünftiger Ungewissheit

Vor dem Hintergrund den Unsicherheiten zukünftiger Entwicklungen arbeiteten die Studierenden im Anschluss an den Kurzinput gemeinsam in Gruppen und diskutierten die Folgen von Zukunftsungewissheit mit Blick auf ihre Rolle als angehende Lehrer*innen und ihren Schulunterricht:

  • Welches Wissen und welche Kenntnisse wollen angehende Lehrer*innen jungen Menschen mitgeben, die in 20 oder 50 Jahren über Politik entscheiden?
  • Woran sollen sich Schüler*innen auch noch in Zukunft erinnern, wenn sie an Politische Bildung in der Schule denken? Welche Haltungen und Werte wollen Studierende in ihrer Rolle als Lehrer*innen vermitteln?
  • Wie können Sie Schüler*innen auf ihre (zukünftige) Rolle als mündige Menschen in der Demokratie vorbereiten?

Die Studierenden präsentierten ihre Arbeitsergebnisse in Form eines Gallery-Walk und tauschten sich darüber mit ihren Kommiliton*innen sowie den Mitarbeiter*innen des Fachgebiets intensiv aus. 

Dass es selbst innerhalb der Politikdidaktik höchst umstritten ist, wie Politikunterricht gestaltet werden soll, welchen inhaltlichen, konzeptionellen und didaktischen Anforderungen er Rechnung tragen soll, konnten die Studierenden im Anschluss hautnah während der Fachdidaktiker*innendiskussion mitverfolgen. Bernd Overwien (in der Rolle von Dr. Bettina Lösch), Claire Moulin-Doos (in der Rolle von Prof Dr. Joachim Detjen), Oliver Emde (in der Rolle von Prof. Dr. Sybille Reinhard) und Andreas Eis (in der Rolle von Prof. Dr. Georg Weißeno) diskutierten intensiv Grundsatzfragen Politischer Bildung aus der Position ihrer sehr gegensätzlichen Rollen. Im Anschluss daran hatten die Studierenden die Möglichkeit, sich mit den Lehrenden in Kleingruppen zusammenzufinden, deren gespielte/und eigene Positionen zu diskutieren und sich inhaltlich auszutauschen.

Am Nachmittag wurde ihnen dann die Möglichkeit geboten, unterschiedlichste (zivilgesellschaftliche)Initiativen im Bereich der Politischen Bildung kennenzulernen. Politische Bildung und Politisches Lernen finden nicht nur in Schule und Unterricht statt sondern sind integraler Bestandteil zivilgesellschaftlichen Engagements. Zur Freude des Fachgebiets haben sich viele unterschiedliche Akteure bereit erklärt, ihre Arbeit im Rahmen des nachmittäglichen Themenkarussells vorzustellen:

  • Eva-Maria Kohlmann: Lernen an außerschulischen Lernorten am Beispiel des Tropengewächshauses in Witzenhausen
  • Bianca Arnold, Maria Grüning, Philip Meyer: Engagement politischer Bildner*innen in der Universität und einer NGO am Beispiel von "Die Kopiloten e.V."
  • Stefan Rosenkranz: Politisches Engagement in einer NGO am Beispiel von Amnesty International
  • Holger Oppenhäuser: Politisches Engagement in der NGO am Beispiel von Attac
  • Zora Grothe: "Spielmobil Rote Rübe"
  • Oliver Emde, Nicholas Henkel: ProjektWerk_Politisch Bildung

Gemeinsames Abendessen und Sekt unter Palmen

Anschließend fand das gemeinsame Abendessen im Tropengewächshaus Witzenhausen statt. Dass Bananen, Kaffee und Kakao nicht bloße Lebensmittel sind sondern allesamt "politisch", wurde im Rahmen der abschließenden Führung durch das Gewächshaus deutlich. Mit Sekt unter Palmen endete offiziell der erste Tag. Da Witzenhausen als Studienstandort jedoch über ein pulsierendes Nachtleben verfügt, hatten im Anschluss die Studierenden und Mitarbeiter*innen die Möglichkeit, den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. 

2. Tag - Studierende fragen Praktiker*innen!

Nach dem gemeinsamen Frühstück in der Unterkunft und einem kurzen Warm-Up im Seminarraum folgte am zweiten Tag ein weiterer Höhepunkt des Wochenendes: das Praktiker*innen-Podium. Mögen für Studierende zu Beginn ihres Studiums ihr konkreter Berufsalltag, die an sie gestellten Anforderungen sowie mögliche Problem- und Konfliktpotentiale im Berufsalltag noch abstrakt erscheinen, so war es ihnen im Podiumsgespräch nun möglich, politische Bildner*innen zu ihrem ganz konkreten Erfahrungen zu befragen:

  • Gaetano Blando: Friedrichsgymnasium Kassel (Fächer: Deutsch/Politik & Wirtschaft)
  • Claudia Pott: Freiherr-vom-Stein Gesamtschule Hessisch Lichtenau (Fächer: Musik/Politik & Wirtschaft)
  • Bernd Overwien: Tätigkeit in der beruflichen Bildung
  • Yeliz Öztep: Studierende des Fachs Politik & Wirtschaft; Absolventin des Praxissemesters

Das Praktiker*innen-Team

Von links: Yeliz Öztep, Gaetano Blando, Bernd Overwien, Claudia Pott

Die einzigartige Möglichkeit, welche dieses Podium den Studierenden bot, war es, Praktiker*innen aus verschiedenen Bereichen der Politischen Bildung konkret und direkt zu befragen. (Unterschiedliche Schulformen, unterschiedliche Bildungs- bzw. Unterrichtskontexte, verschiedene Stationen der Lehrer*innenausbildung). 

Auch nach dem Podiumsgespräch bot sich die Möglichkeit, sich in Kleingruppen weiter auszutauschen und zu diskutieren. Über den Umgang mit Unterrichtsstörungen, die Reaktion auf fremdenfeindliche Einstellungen und Ressentiments in der Schulklasse, über den Ablauf des Referendariats bis hin zur Gestaltung der Unterrichtsvorbereitung haben sich die Studierenden entlang ihren Interessen und individuellen Fragen engagiert mit den Praktiker*innen ausgetauscht.
Mit einem Abschlussgespräch und der Veranstaltungsevaluation seitens der Studierenden endete die Veranstaltung. 

Danksagung des Fachgebiets

Das Fachgebiet bedankt sich herzlich bei den sehr interessierten und engagierten angehenden PoWi-Lehrer*innen; den Vertreter*innen der politischen Initiativen, die am Wochenende teils viele Kilometer Anreise in Kauf genommen haben, um an der Veranstaltung teilzunehmen; den pädagogischen Mitarbeiter*innen für ihr Engagement und die tollen Einblicke in ihren einzigartigen und spannenden Beruf; bei Eva-Maria Kohlmann, für die Organisation der Veranstaltung vor Ort in Witzenhausen und bei allen Mitgliedern des Teams "Didaktik der Politischen Bildung", für ihren  Einsatz bei der Vorbereitung und Durchführung des Wochenendes "...mehr als PoWi-Lehrer*innen" !