Kinderhörspiele.

Sammelband 'Von „Bibi Blocksberg“ bis „TKKG“' erscheint im Mai 2016!

In zehn Artikeln widmen sich AutorInnen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen der Analyse von Kinderhörspielen aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Was ist uns bisher von den HeldInnen unserer Kindheit verborgen geblieben? Handelt es sich bei Benjamin Blumchen um einen ökologisch- bewegten Wutburger, ist das Sams ein anarchischer Romantiker und Pippi Langstrumpf das Versprechen einer Erziehung nach Auschwitz? Mit großer Empathie fur den Gegenstand beantworten die AutorInnen solche und ahnliche Fragen uber beliebte Kinder- und Jugendhormedien aus der Sicht der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften.

Herausgegeben von Oliver Emde, Dr. Lukas Moller und Dr. Andreas Wicke.

2016. 176 Seiten.
Kart. 19,90 € (D), 20,50 € (A)
ISBN 978-3-8474-0692-1

Artikel zur Veröffentlichung des Sammelbandes, HNA vom 13.06.2016

Initiatoren von Vortragsreihe geben jetzt auch Buch heraus

Kinderhörspiele aus wissenschaftlicher Sicht: Benjamin Blümchen als Wutbürger

Kassel. Benjamin Blümchen ist der Held vieler Kinderzimmer. Aber verbirgt sich hinter dem netten Elefanten, der so gerne Zuckerstückchen mag, eigentlich ein ökologisch-bewegter Wutbürger?

Und entwirft Jim Knopf ein Gegenbild zum Nationalsozialismus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich seit zwei Jahren eine Ringvorlesung: Sie beleuchtet Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Jetzt haben die drei Initiatoren von der Uni Kassel auch ein Buch mit gesammelten Beiträgen der Reihe herausgegeben. Wir haben dazu drei Thesen aufgestellt.

Benjamin und Co. sind anders, als wir beim ersten Hinhören denken. 

Benjamin Blümchen ist politisch? Das würde wohl kein Kind behaupten. Doch wenn der Politikdidaktiker Oliver Emde sich die alten Kassetten einlegt, hört er mehr heraus als früher. Wenn Benjamin Sitzstreiks organisiert oder in Bäume klettert, damit man sie nicht fällen kann, werde auch ein radikales Verständnis von Beteiligung in einer Demokratie vermittelt, sagt Emde. „Er ruft dazu auf, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich einzumischen.“

Die Detektivbande TKKG, in der Jugend ein Garant für Spannung, liefert bei näherer Analyse vor allem heiße Spuren zu Klischees und Vorurteilen. „Einer ist dick, einer schlau und das Mädchen muss immer früh nach Hause“, fasst der Erziehungswissenschaftler Dr. Lukas Möller zusammen. „Und der Bösewicht hat ein vernarbtes Gesicht und einen slawischen Akzent.“

Kinder-Hörspiele sind ein Spiegel der Gesellschaft. 

Hörspiele atmen wie Filme, Literatur und andere Kulturprodukte den Geist ihrer Zeit – mitsamt der herrschenden Vorurteile und Menschenbilder. „Sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt der Literaturdidaktiker Dr. Andreas Wicke. Die Abenteuer von „Tim und Struppi“, deren Wurzeln in der 1920er-Jahren liegen, strotzen nur so von rassistischen Darstellungen der Kolonialzeit. Auch die später produzierten Hörspiele sind nicht frei davon.

Die kleine Hexe Bibi Blocksberg, die auf ihre Hörer zunächst frech und emanzipiert wirkt, entpuppt sich genauer Betrachtung als in den klassischen Rollenbildern gefangen. Ihre Mutter Barbara hext vor allem am Herd und am Ende hat in der Familie doch der Vater das Sagen. Seiner Tochter zeigt er immer wieder die Grenzen auf. „Auch Bibi akzeptiert, wie Deutschland in der Kohl-Ära tickt“, sagt Lukas Möller.

Wissenschaft darf auch Spaß machen. 

Die Ringvorlesung, die in diesem Semester in der dritten Runde stattfindet, erfreut sich großer Beliebtheit. Als im Vortrag über Benjamin Blümchen die bekannte Titelmelodie erklang, wippten viele Zuhörer selig grinsend mit. „Man verbindet Gefühle und Erinnerungen damit“, sagt Möller. Bei aller Nostalgie und dem Spaß am Medium Kinderhörspiel sei die wissenschaftliche Analyse jedoch nicht weniger ernsthaft, betonen die drei Initiatoren. Die Vertreter der jeweiligen Fachwissenschaften – von Geschichte bis Geschlechterforschung – wenden ihr Handwerkszeug genauso an wie bei jedem anderen Forschungsgegenstand.

Den Spaß an den Helden der Kindheit verderbe der erwachsene, professionelle Blick darauf nicht, finden die Wissenschaftler. „TKKG so zu dekonstruieren“, sagt Lukas Möller, „ist auch ein ziemliches Vergnügen“. Von "Bibi Blocksberg“ bis „TKKG“: Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Hg. v. Oliver Emde, Lukas Möller, Andreas Wicke, Verlag Barbara Budrich, 19,90 Euro.

Von Katja Rudolph. Online: http://www.hna.de/kassel/kinderhoerspiele-wissenschaftlicher-sicht-wutbuerger-benjamin-bluemchen-6479174.html, 13.06.2016.


Von Bibi Blocksberg bis TKKG - Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive

Interdisziplinäre Ringvorlesung im Sommersemester 2016, Montags 18- 20 Uhr

von Olli Emde (FB 05) und Dr. Andreas Wicke (FB 02)

Ob von Schallplatte, Kassette, CD oder als mp3: Hörspiele sind aus unseren Kinderzimmern nicht wegzudenken. Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen, TKKG und Die drei ???, aber auch Hörspiele nach literarischen Vorlagen wie Momo oder Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Märchenhörspiele, Tim und Struppi, Hui Buh oder Alf: Fast jede und jeder hat als Kind bestimmte Hörspiele gehört und geliebt. Viele sind mit ihren Hörspielen alt – oder zumindest älter – geworden, wie die Live-Tourneen der Drei ???-Sprecher zeigen. Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive zu verstehen bzw. Kindheitserinnerungen aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel neu zu entdecken, ist das Ziel der interdisziplinär angelegten Ringvorlesung „Von Bibi Blocksberg bis TKKG”. Nach zwei Veranstaltungsreihen in den Sommersemestern 2014/15 stehen nun im dritten und letzten Durchgang neue Vorträge auf dem Programm: Neben allgemeinen Informationen zur Geschichte, Semiotik und Analyse von Kinderhörspielen wird es Vorträge zu „Benjamin Blümchen“, „Oliver Twist“, „Die drei ???“, „Die drei !!!“, „Tim und Struppi“ sowie „Isnogud“ geben.

Die interdisziplinäre Veranstaltung richtet sich an Studierende aller Lehrämter, sie wird im Rahmen des Kernstudiums, der Politik- sowie der Deutschdidaktik angeboten. Eingeladen ist aber auch die interessierte Öffentlichkeit – all diejenigen, die einen Zugang zu und Interesse an Kinderhörspielen haben. Die Vorträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen dauern mit anschließender Diskussion knapp eine Stunde. Im Anschluss werden im Amphitheater der Universität Kassel Ausschnitte der Hörspiele gemeinsam in gemütlicher Atmosphäre angehört.

Ankündigung der ersten Veranstaltungsreihe im SoSe 2014, HNA vom 12.05.2014

Warum Benjamin Blümchen radikal ist und das Sams der RAF nahesteht

Kassel. Wer immer dachte, dass Benjamin Blümchen nur ein netter Elefant ist, der sprechen kann und Zuckerstückchen mag, der hat sich geirrt: In den beliebten Hörspielen werden auch bestimmte Vorstellungen von Demokratie vermittelt. Und da ist Benjamin manchmal sogar ziemlich radikal.

In einer interdisziplinären Vorlesungsreihe der Uni Kassel werden bekannte Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Zum Auftakt betrachtet der Politikdidaktiker Oliver Emde am Montagabend (12. Mai) Benjamin Blümchen aus dem Blickwinkel seines Fachs.

Auch Bibi Blocksberg, TKKG, das Sams, Pippi Langstrumpf, Asterix und He-Man werden aus wissenschaftlicher Perspektive untersucht - etwa auf ein konservatives Geschlechterbild oder auf unterschwellig rassistisches Gedankengut.

Emde war es auch, der die Idee für die Reihe hatte. Der 29-Jährige hat über die Jahre 3000 Kinderhörspiele gesammelt - und legt sich auch heute gern noch Benjamin Blümchen und Co. zum Einschlafen auf. Inzwischen höre er allerdings Nuancen heraus, die wohl vielen Kindern früher entgangen sind, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter.

So falle auf, dass die Benjamin-Blümchen-Autorin Elfie Donnelly in den frühen Hörspielen ein partizipatorisches (teilhabendes) Demokratieverständnis vermittele. Demokratie werde nicht nur als Teilnahme an Wahlen dargestellt, stattdessen kämen immer wieder Demonstrationen, Kundgebungen und Sitzblockaden in den Geschichten vor.

„Bei Stuttgart 21 saßen vor zwei Jahren die Leute auf den Bäumen. Damit sie nicht gefällt werden – Benjamin hat das schon in den 80er-Jahren auf Bäumen gemacht“, sagt Emde. Mit dem Spruch „Wer die Straße baut, wird verhaut“, gebe es genau genommen sogar Aufrufe zu gewalttätigem Protest.

Der Erziehungswissenschaftler Dr. Lukas Möller hat sich „Pippi Langstrumpf“ genauer angehört - hier basiert das Hörspiel wie in den meisten Fällen auf einer literarischen Vorlage. Einerseits seien die Geschichten ein Musterbeispiel für eine Pädagogik, die vom Kind ausgeht, sagt Möller. „Pippi als starkes, selbstbewusstes Mädchen, das sich die Welt macht, wie sie ihm gefällt, ist gerade für die Entstehungszeit der Geschichten in den 1940er-Jahren eine starke Botschaft.“

Andererseits atmeten die Texte auch die Zeit ihrer Entstehung, in der in Europa noch eine kolonialistische Weltsicht verbreitet war. „Pippis Vater ist als weißer Mann in der Südsee natürlich der König der einheimischen Wilden.“

Dr. Andreas Wicke, der dritte der Organisatoren der Ringvorlesung, findet in Paul Maars „Sams“ Bezüge gleichermaßen zur RAF und zur Romantik. „Das widerspenstige Wesen, das sich gegen alles wehrt, vertritt im Prinzip die Ideale der 68er-Bewegung.“ Mit den Wunschpunkten des Sams spielten aber auch die Themen Fantasie und Sehnsucht eine große Rolle. Zudem gebe es zahlreiche Anspielungen auf Texte von Romantikern und Märchen wie Hänsel und Gretel oder Rumpelstilzchen.

Von Katja Rudolph. Online: http://www.hna.de/lokales/kassel/kassel-kinderhoerspiele-wissenschaftlicher-perspektive-3546923.html, 12.05.2015.