Lehre

Lehramt Kernstudium Examen

Ich prüfe den Soziologie-Teil im Kernstudium, mündlich und schriftlich, nach Absprache. Ich führe keine Listen und lege keinen Wert auf langen Anmeldevorlauf. Ich bitte etwaige PrüfungskandidatInnen, persönlich bei mir vorbeizukommen.

Schirftliche Examensarbeiten (d. h. die wissenschaftliche Hausarbeit) nehme ich im Kernstudium selten ab. Damit ich zusage, muss gemeinsam ein Thema entwickelt werden, das eine ausgiebige und tiefgründige Beschäftigung mit der Soziologie (v. a. den von mir abgedeckten Teilen) erkennen lässt und dazu in der Lage ist, die Diskussion auf diesem Feld voranzutreiben. Das heißt, es muss sich um eine kreative Idee mit soziologischer Imagination handeln. Auch KandidatInnen für Examensprüfungen bitte ich, persönlich vorbeizukommen.

Hausarbeiten

Eigene These, eigene Zielsetzung. Keine reine Wiedergabe der Texte. Keine reine Formalübung! Ein wichtiger Teil der Arbeiten ist es, eine kreative IDEE zu haben. Die muss nicht übermäßig kreativ sein (aber je kreativer, desto besser): Die Arbeit soll z. B.:

  • eine Frage stellen, die die Texte nicht schon selbst stellen und beantworten, und die Texte zur Beantwortung heranziehen;
  • eine andere Antwort als die Texte geben, die Textpositionen in Frage stellen (aus der Position anderer Texte heraus);
  • die Texte übertragen auf Themen, die sie selbst nicht bereits bearbeiten, zu denen sie aber in Analogieschluss verwendet werden können;
  • Kontroversen in der Literatur diskutieren;
  • Unterschiedliche Antworten auf eine Frage kontrastieren (und bewerten);
  • Die Fragen, die andere Texte stellen, in Frage stellen (diese Frage sollte man so nicht stellen...);
  • o. Ä.

Dabei sollte die Arbeit sicherstellen:

  • dass sie eine PERSPEKTIVE hat. Es gibt keine eine richtige Antwort auf all die Fragen, die die Literatur bearbeitet; die Quellentexte widersprechen sich; das sollen sie. Die theoretischen Ansätze, die verwendet werden, widersprechen sich. Man sollte sich für eine Perspektive entscheiden und die konsequent durchhalten, ihre Abgrenzungen gegenüber anderen Perspektiven verstehen und sie nicht vermengen: Sie sind NICHT alle Teil eines großen Wahrheitsmosaiks. Das heißt auch, nicht Informationen wiederzugeben, als wäre das einfach so: Jede „Information“ hat einen Autor, der sie verbreitet, und es gibt immer auch andere Lesarten. Etwas im Duktus des „ich-sage-mal-was-das-eigentlich-ist“ hinzuschreiben bedeutet immer, die Perspektive eines Autors unhinterfragt zu übernehmen, ohne es zu bemerken!

  • dass sie einen ROTEN FADEN hat. Eine Frage – eine, nicht 5! – die auf dem Platz, den man füllen will, auch bearbeitet wird. Der Frage/These in der Einleitung wird begleitet von einer Ansage, wie man diese These/Frage bearbeiten möchte: Abfolge der Argumentation. Die soll dann auch eingehalten werden: Keine Nebenwege, keine unnötigen Diskussionen.

  •  KEINE DEFINITIONSKAPITEL. Viele Studenten beginnen Arbeiten mit „zunächst wird X definiert“ und schreiben dann fröhlich aus Lexika ab. Das ist IMMER FALSCH. Erstens gibt es keine Definition. Es gibt tausend mögliche, und die hängen von der Perspektive und der Zielsetzung der Arbeit ab (s.o.) – damit müssen alle drei in der Arbeit zusammenpassen! Zweitens wird NUR definiert, wenn ein Begriff auf eine Art und Weise verwendet wird, die aus irgendeinem Grund gerechtfertigt werden muss, z. B. weil sie von der dominanten Definition, Alltagsdefinition etc. abweicht (viele falsche Definitionsteile in Arbeiten rezitieren dagegen genau diese Alltagsdefinitionen – unnötig.) Gerade Lexika beten meist Selbstverständlichkeiten nach! Niemals eine Arbeit damit beginnen, erst hinzuschreiben, „was eigentlich X ist“. S. o.: Jemand hat das behauptet, der muss zitiert werden, andere behaupten anderes – das muss zumindest bemerkt werden. Oft ist es einfach besser, Definitionsteile ganz wegzulassen. Man kann Begriffe klären – aber gerade, um sie von anderen Zuschreibungen abzugrenzen. Im Text muss ein Bewusstsein erkennbar werden, dass das, was da steht, niemals „einfach so ist“.

  • Kein kontextloses Nebeneinanderschreiben. Die Arbeit braucht eine innere Verknüpfung. Die Theorie ist ein Werkzeug: Es wird genau das zugrundegelegt, was nachher gebraucht wird, so wie es gebraucht wird. Wer z. B. Beckers Unterscheidung zwischen Regelverletzung und Abweichung benutzen will, um eine soziale Situation darauf zu analysieren, sollte Beckers Darstellung von machtvollen Regelsetzern ignorieren: Sie erbringt keine Leistung für die These. Seine benutzte Unterscheidung wird dann auf das zugespitzt, was man damit machen will, immer schon in Andeutung dessen, was man machen will. Im Anwendungsteil muss dann aber auch Bezug genommen werden auf das, was zugrundegelegt worden ist: Die beiden Teile müssen quasi-natürlich ineinanderfließen.

  •  Um Himmels willen: KEINE WIKIPEDIA- od. ähnliche Onlinequellen. Wikipedia ist „verantwortungslos“: Niemand weiß, wer es geschrieben hat. Da aber Wissen eben perspektivisch ist, Autoren hat, die etwas behaupten und nicht einfach „wahr“ (s.o.), ist wesentlich zu wissen, wer etwas behauptet hat. Erst mit benanntem Autor wird eine Quelle es zitierfähig. (d. h. klar zuzuordnende Onlinequellen sind okay, wobei auch hier aufgepasst werden muss, wer das ist – und ob man sich diesen Personen verantwortlich zuordnen will, s. u. Ein Zitat von einem Blog eurer Oma ist zwar zuzuordnen, aber seine Autorität ist null. Ein Zitat aus dem Blog für Rechtssoziologie könnte unter Umständen nutzbar sein. Ein Zitat aus einem wissenschaftlichen Artikel ist immer nutzbar.)

  •  Kein Sammeln toter Quellen. Nicht das Literaturverzeichnis aufblasen mit Quellen, die nicht zitiert sind. Das Verzeichnis hat eine Funktion: Wenn ich was im Text Zitiertes lese, was mich interessiert, will ich im Verzeichnis die Daten haben, die ich brauche, mir die zitierte Quelle selbst zu besorgen.

  • Sagt euch vorher dreimal auf: ICH MUSS NICHT. Jede/r Autor/in ist frei, zu fragen, was man möchte, mit jeder Perspektive, die man begründen kann. Begründet werden kann alles, was man erfolgreich an anderer Literatur anschließen kann. Es gibt keine richtige Antwort. Es gibt keine (eine) richtige Methode. Es gibt keine (eine) richtige Form. Es gibt keine (eine) richtige Arbeitsweise. Alles, was man zum Laufen bringen kann, läuft. Man bringt es zum Laufen, indem man Menschen zitiert, die es zuvor schon gemacht haben und seine Arbeit damit an ihre Autorität hängt. Damit ordnet man sich selbst gleichzeitig deren Perspektive zu. Am Ende findet man für jede Arbeitsweise eine Quelle, man muss nur suchen – und die eigene Arbeit daran begründen, damit man zitiert hat und damit indemnifiziert ist. Das ist die Funktion von Quellen: Sie beantworten die Frage nach dem „warum darfst du das so machen/sagen?“ – „weil Autor/in X das auch so getan hat und ich ihr darin folge.“ Quellenverwendung ist Selbsteinordnung in eine wissenschaftliche Schule und damit eine Art, Verantwortlichkeit zu begründen und weiterzuführen. Wissenschaft ist ein demokratisches Spiel mit unterschiedlichen Sichtweisen, in der man sich eine Seite (aus tausenden) aussucht. Student sein heißt, mit allen Seiten rumexperimentieren zu können. Festlegen kann man sich immer noch, aber in bestimmten Arbeiten muss eine Linie auffindbar sein – s. o.

  • Trotzdem: Kein Duktus der eigenen Meinung! (caveat: man findet ihn in wiss. Texten, er ist dann aber provokativ – und die Autoren wissen das. Ihr wisst das jetzt auch :) ). Alles, was man schreibt, ist am Ende eine Interpretation der Texte, der Phänomene, etc. und damit in gewisser Hinsicht auch „Meinung“, aber Wissenschaft besteht darin, an wesentlichen Stellen diese im Duktus der nüchternen Argumentation des Quellenanschlusses zu formulieren. Also nicht (üblicherweise) schreiben „ich finde“, „ich meine“, „ich glaube“, sondern, „wie XX festgestellt hat, ist also ...“, „XX ist hierin zu folgen“, von mir aus auch „ich folge darin XX“ (das „ich“ ist nicht das Problem, das darf auftauchen, der Duktus des Zitierens muss gewahrt sein). Das kann auch in Analogie passieren: „Was XX für Thema Y gezeigt hat, kann also auch für Thema Z geschlossen werden, indem...“ – dann muss aber ein Argument folgen. Das gilt auch für den Schluss! Der Schluss fasst wieder zusammen was die Arbeit gemacht hat, muss aber auch die Verbindung zur These und zu den diskutierten Autoren halten. So ist der Schluss eine eigene Bestandaufnahme der eigenen Arbeit, kein davon abgetrennter Teil, in dem man mal nebenbei sagen kann, was man eigentlich selbst von Gewaltprävention hält o. Ä. Das ist Teil eines größeren Punktes: Nur, weil es in der Schule richtig, war, ist es nicht automatisch auch an der Uni richtig!

  • und zuletzt: Keine Angst. Keine Angst davor, Autoren zu widersprechen. Niemand hat Superkräfte. Jedes Argument, jede Information, jedes „Wissen“ ist angreifbar. Immer. Man muss nur Quellen finden, um seinen Angriff anzuknüpfen, und per Interpretation und Analogieschluss geht das mit einer unendlichen Zahl von Quellen, auch mit denen, die von dem Angegriffenen oder dem Thema gar nicht reden. „Die richtige“ dafür gibt es nicht. Keine Angst davor also, die richtigen Quellen nicht zu finden. Eine Quelle ist interpretierbar und übertragbar– was das eigene Argument umso besser macht, denn dann musste man argumentieren und konnte nicht bloß abschreiben.  Keine Angst außerdem davor, nicht das zu sagen, was ich hören will. Ich habe zwar eine Perspektive, aber bewerte nicht danach, ob jemand meine Meinung oder Arbeitsweise trifft. Versucht, eine plausible Argumentation anhand der Quellen aufzubauen, die EUCH überzeugt – nicht, meine Meinung zu erraten. Ich werde Dinge anstreichen, wenn sie einfach als Selbstverständlichkeiten da stehen (s. o.) – wenn sie aber zitiert sind, Anschluss an Quellen finden, die das gesagt haben, ist alles gut.

  • z. B.: „Videospiele verursachen Gewalt“ – wird angestrichen.

  • „Videospiele verursachen Gewalt, wie XX zeigt (1992)“ – überzeugt mich zwar nicht, s. o.: ich muss nichts glauben, nur, weil irgendjemand, der es glaubt, eine Studie dazu designt hat und es in eine Zeitschrift gekriegt hat. Ich finde zu jeder Behauptung, von der die Autoren meinen, etwas „bewiesen“ zu haben, hunderte Artikel, die genau das Gegenteil „bewiesen“ haben. Ich werde XX immer noch für einen Internetausdrucker halten, aber hey, es ist zitiert – kann ich also in meiner Funktion als Bewerter nichts mehr dagegen sagen (ich könnte höchstens bemängeln, dass keine Gegenmeinung zitiert wird. Der muss man nicht folgen, aber entkräften könnte man sie argumentativ, denn, s. o.: Man kann alle Argumente entkräften. Immer.)

  • Es kommt also nicht darauf an, ob ich das, was da steht, für richtig halte. Es kommt drauf an, ob das Für-Richtig-Halten von Seiten der Arbeit anhand von Quellen gerechtfertigt wird.

  • Irgendein Problem? Einfach sagen. Nichts ist in Stein gemeißelt und man kann über alles reden. Ich vergesse, verstolpere und versemmele selbst viel zuviel, als dass ich hart bleiben könnte, ohne zu lachen :) Das Wichtigste ist deshalb:

Wie immer gilt im Zweifelsfall: If you take life too seriously, it stops being funny.