Forschung

Die Forschungsarbeiten des Fachgebiets zielen auf die Konturierung und stetige Weiterentwicklung einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Eine solche Theorie geht von historisch offenen Problem- und Krisenkonstellationen der Gegenwartsgesellschaft – etwa globalen ökonomischen Verflechtungen, ökologischen Herausforderungen, Nebenfolgen der Digitalisierung oder politischen und kulturellen Transnationalisierungsdynamiken – aus und fokussiert die sozialen Prozesse und experimentellen Strukturentwicklungen, durch die Handlungsroutinen (wieder)hergestellt sowie kollektive Ordnungen stabilisiert und kreativ weiterentwickelt werden.

 

Laufende Drittmittelprojekte

BMJV-Projekt "Smart Environment, Smart Information?" (SEnSI), Laufzeit: 1/2017 bis 12/2017

Das Internet der Dinge steht für die Verbreitung digital-vernetzter Alltagsgegenstände in der Wohnung, im Auto oder am Körper. So etablieren sich zunehmend Umgebungen, in denen automatisiert und teils unbemerkt Daten erfasst und gespeichert werden. In dieser Situation stellt das interdisziplinäre Projekt „Smart Environment, Smart Information?“ (SEnSI) die Frage, wie Nutzer*innen angemessen über die Datenerhebung und -verarbeitung in solchen Umgebungen informiert werden können. Ziel ist die Entwicklung alternativer Informationskonzepte, die neue Strategien des Verbraucher*innen- und Datenschutzes erproben.

Im Zuge fortschreitender Digitalisierung werden immer mehr Gebrauchsgegenstände mit Sensoren und Funkverbindungen ausgestattet, um dann mit dem Internet verbunden und untereinander vernetzt zu werden. Solche Gegenstände bilden das sogenannte „Internet der Dinge“ und in der Folge Umgebungen, in denen die Erfassung von Daten allgegenwärtig und damit unübersichtlicher wird. Dieses „Ubiquitous Computing“ macht es für Nutzer*innen teils schwer nachvollziehbar, welche Daten erhoben, gespeichert oder verarbeitet werden. Darüber hinaus kann unklar sein, welche Folgen sich aus der Übermittlung und Auswertung dieser Daten ergeben.

In dieser Situation analysiert das rechtswissenschaftliche, soziologische und pädagogische Forschungsprojekt die normativen und sozialen Bedingungen für Informationskonzepte im Internet der Dinge. Die Frage ist, wie Nutzer*innen über ihre Beteiligungsrechte und die Prozesse der Datenverarbeitung informiert werden können, ohne dabei über- oder unterfordert zu werden. Im Fokus der Projektarbeit stehen insbesondere drei Szenarien der Nutzung des Internets der Dinge: Smart Car, Smart Home und Wearables. Ziel ist die Entwicklung von Vorschlägen zur Regulierung des Internets der Dinge.

Im soziologischen Teil des Projekts wird analysiert, welche Menschenbilder und Konzepte demokratischer Legitimierung mit unterschiedlichen Modellen der Auskunft einhergehen. Die soziologische Theorie wird hier aufzeigen, welche Paradigmen hinter verschiedenen Informationsmodellen stehen und welche Folgen mit der Wahl bestimmter technischer Mittel verbunden sind.

Aus rechtswissenschaftlicher Sicht werden zunächst die normativen Rahmenbedingungen der Informations- und Auskunftspflichten untersucht. Mit der Datenschutz-Grundverordnung, die ab Mai 2018 in der Europäischen Union gelten wird, liegt eine neue Rechtsgrundlage für Datenverarbeitungen vor. Diese gilt es im Allgemeinen und ganz speziell im Hinblick auf die drei Szenarien Smart Car, Smart Home sowie Fitness-Wearables zu analysieren. Die interdisziplinär entwickelten Vorschläge zur Regulierung des Internets der Dinge sollen abschließend in konkrete Gesetzgebungsvorschläge münden.

Für den pädagogischen Teil und bei der Entwicklung alternativer Informations- und Beteiligungsansätze konzentriert sich das Forschungsvorhaben auf die Bedürfnisse und Kompetenzen Jugendlicher und junger Erwachsener. Diese haben als „Digital Natives“ zwar einen guten Zugang zum Internet der Dinge aber nur wenig explizites Wissen über die Chancen und Risiken dieser Technologien.

Das BMJV-geförderte Drittmittelprojekt „Smart Environment, Smart Information?“ (SEnSI) geht auf die Initiative einer universitätsintern geförderten interdisziplinären Arbeitsgruppe zur Verbraucherpolitikforschung der Universität Kassel zurück und wird vom 1. Januar 2017 bis zum 31. Dezember 2017 im Wissenschaftlichen Zentrum für Informationstechnik-Gestaltung (ITeG) der Universität Kassel durchgeführt. Die Verbundpartner*innen sind:

Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet) (Projektkoordination)
Universität Kassel
Prof. Dr. Alexander Roßnagel
Dr. Philipp Richter
Charlotte Barlag

Fachgebiet Soziologische Theorie
Universität Kassel
Prof. Dr. Jörn Lamla
Fabian Pittroff  
Dr. Andreas D. Schulz

BMBF-Projekt "Digitales Leben - soziale Praktiken und Aneignungsprozesse" (Forum Privatheit), Laufzeit: 12/2013 bis 11/2016

Während die Unterscheidung öffentlich/privat einen grundlegenden sozialen Ordnungsmechanismus darstellt, hat die Soziologie es bislang versäumt, eine elaborierte Sozialtheorie der Privatheit vorzulegen. Eben diesen Mangel soll das Teilvorhaben „Digitales Leben – soziale Praktiken und Aneignungsprozesse“ beseitigen. Es ist integriert in das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durchgeführte interdisziplinäre Verbundprojekt „Forum Privatheit – selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt“, an welchem neben der Soziologie die Disziplinen Ethik/Philosophie, Informatik, Psychologie und Rechtswissenschaft sowie ExpertInnen aus den Bereichen Datenschutz und Ökonomie beteiligt sind.

Im soziologische Teilvorhaben wird davon ausgegangen, dass Formen der Privatheit sich in und durch soziale Praktiken vollziehen und reproduzieren, welche von den Handelnden aktiv hergestellt und erneuert werden, dabei in vielfältiger Weise technisch vermittelt und oftmals sozial umkämpft sind, und sich folglich historisch wandeln. In diesen Praktiken manifestieren sich gegenwärtige kulturelle Vorstellungen, soziale Regeln und Regelmäßigkeiten, normative Ansprüche sowie folgenreiche Wechselwirkungen und Probleme der Privatheit.

Die Beiträge in der Säule „Digitales Leben – soziale Praktiken und Aneignungsprozesse“ zielen darauf ab, den theoretischen, methodischen und empirischen Kenntnisstand im Bereich der Soziologie sozialer Praktiken für das Themenfeld der Privatheit und des selbstbestimmten Lebens in der Digitalen Welt systematisch aufzuarbeiten und empirisch zu konkretisieren. Solchermaßen soll die Entwicklung einer zeitgemäßen, praxis- und gegenstandsnahen Sozialtheorie der Privatheit vorangebracht werden.


Leitung:
Prof. Dr. Jörn Lamla
Fachgebiet Soziologische Theorie
Universität Kassel

Mitarbeiter:
Dr. Carsten Ochs

DFG-GRK 2050: "Privatheit und Vertrauen für mobile Nutzer", Laufzeit: 10/2015 bis 03/2020 (erste Förderphase)

Mobile Informations- und Kommunikationstechnik ist angesichts der Verbreitung von Smartphones und Tablet-Computern nahezu allgegenwärtig; breite Bevölkerungsschichten machen sie sich zunutze. Am Verhältnis Nutzer—Netz wird aber zunehmend beklagt, dass Nutzerinnen im Sinne Gläserner Bürger immer durchsichtiger zu werden scheinen, das Netz mit seinen Bestandteilen aber immer undurchschaubarer. Das Graduiertenkolleg (GRK) will wesentlich zur Umkehr dieses Trends beitragen, also für Nutzer besseren Privatheitsschutz und im Netz bessere Durchschaubarkeit ermöglichen. Privatheitsschutz soll auf persönliche Interessen zuschneidbar und gleichzeitig für Laien handhabbar werden; Zielkonflikte mit wirtschaftlichen oder öffentlichen Interessen sollen besser vereinbar werden. Durchschaubarkeit von Netzen soll unter dem Blickwinkel der Bewertung von Vertrauenswürdigkeit erforscht werden.

Privatheit und Vertrauen sind seit Jahrhunderten gesellschaftlich relevante Themen, weshalb ein interdisziplinärer Ansatz unabdingbar erscheint. In interdisziplinären Projekten sollen daher Forscherinnen der Universität Kassel aus der Soziologie und den Rechtswissenschaften mit solchen der TU Darmstadt aus der Informatik, der Usability-Forschung und den Wirtschaftswissenschaften zusammenarbeiten.

Eine wichtige technische Vision des GRK bilden neuartige Mobilgeräte unter größtmöglicher Nutzer-Herrschaft. Sie sollen die Nutzerin im digitalen Netz vertreten, Privatheit und Vertrauensbewertung regeln, zwischen Nutzer- und Dienstanbieter-Interessen verhandeln und spontane Vernetzung kontrollieren. Neue Ansätze für solche Mobilgeräte, für vernetzte IT-Dienste, für soziale Netze und für sensorgestützte Umgebungen sollen erforscht werden.

Beteiligte Personen des Fachgebiets Soziologische Theorie:
•    Prof. Dr. Jörn Lamla: Antragsteller
•    Dr. Carsten Ochs: assoziierter Postdoc
•    Barbara Büttner: assoziierte Doktorandin
•    Fabian Pittroff: assoziierter Doktorand
•    Markus Uhlmann: Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Weiterführende Informationen auch unter:
https://www.privacy-trust.tu-darmstadt.de

Abgeschlossene Drittmittelprojekte

BMBF-Projekt "Kartographie und Analyse der Privacy-Arena", Laufzeit: 1/2014 bis 12/2016

Privatheit ist zu einem umstrittenen und unsicheren Begriff geworden. Das BMBF-Projekt "Kartografie und Analyse der Privacy-Arena" möchte deshalb die politischen Prozesse untersuchen, die diesen Wandel von Privatheit vorantreiben, begrenzen und bewerten. Exemplarisch untersucht werden dafür öffentliche Auseinandersetzungen rund um Privatheit. Diese Debatten und Streitfälle versammeln auf je unterschiedliche Weisen wichtige Instanzen und Akteurinnen einer Neuverhandlung des Privaten. Die verschiedenen Situationen können deshalb verstanden werden als relevante Ausschnitte der Privacy-Arena, in der koalierend und konfligierend die Zukunft des Privaten und die Verfasstheit der digitalen Welt verhandelt werden. Das Projekt will durch diese beispielhaften Erkundungen unterschiedliche demokratische Reaktions- und Artikulationsweisen und die damit einhergehenden Zugriffsweisen auf Privatheit empirisch erfassen und zueinander in Verhältnis setzen.

Das BMBF-geförderte Drittmittelprojekt "Kartografie und Analyse der Privacy-Arena (Explorationsprojekt)" ist als Verbundprojekt angelegt. Die Verbundpartner/innen sind:

Prof. Dr. Jörn Lamla (Projektkoordination) / Dr. Carsten Ochs
Fachgebiet Soziologische Theorie
Universität Kassel

Mitarbeiter/innen:
Barbara Büttner
Fabian Pittroff

 

Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn / Dr. Jessica Heesen
Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Universität Tübingen

Mitarbeiter/innen:
Dr. Thilo Hagendorff
Simon Ledder

 

Prof. Dr. Alexander Roßnagel / Dr. Silke Jandt
Fachgebiet Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt Recht der Technik und des
Umweltschutzes
Universität Kassel

Mitarbeiter/innen:
Dr. Christian Geminn

 

Seit Herbst 2015 kooperiert der Projektverbund mit einer Gruppe des Studiengangs Visuelle Kommunikation der Kunsthochschule Kassel unter Leitung des Rektors Joel Baumann. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit werden Visualisierungen der wissenschaftlichen Projektergebnisse erarbeitet und Ende 2016 veröffentlicht.

Joel Baumann
Rektor/Professur für Neue Medien
Kunsthochschule Kassel

Mitarbeiter/innen:
Jörn Röder, Visuelle Kommunikation/Neue Medien

 

Vom 01.12. bis 11.12.2016 veranstaltete das Projekt eine Ausstellung im Interim in Kassel. Die Schau ist wichtiger Baustein der Veröffentlichung der Visualisierungen des Projektverbunds. Die interaktiven und multimedialen Installationen der Ausstellung machen die Kämpfe um den Stellenwert von Privatheit erlebbar. In der Ausstellung können Besucher*innen die komplexen Arenen begehen, in denen diverse soziale Welten ihre Konflikte aushandeln.

Die Ausstellung wird durch eine Webseite begleitet (www.privacy-arena.net), die es Interessierten und Besucher*innen ermöglicht, die Beschäftigung mit den Forschungsergebnissen fortzusetzen und zu vertiefen. Das Zusammenspiel von wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Intervention soll dazu beitragen, die Öffentlichkeit an der Diskussion um die Zukunft von Privatheit und Demokratie zu beteiligen.

Weitere Projekte und Projektzusammenhänge

Wissenschaftliches Zentrum für Informationstechnik-Gestaltung (ITeG)

Das Wissenschaftliche Zentrum für Informationstechnik-Gestaltung (ITeG) ist eine Forschungseinrichtung der Universität Kassel, deren Fokus auf der interdisziplinären Gestaltung gesellschaftlich wünschenswerter Informations- und Kommunikationstechnik aus einer soziotechnischen Perspektive liegt. Mit der Bündelung von Kompetenzen aus Informatik, Ergonomie, Technikrecht, Wirtschaftsinformatik, Soziologie und Wirtschaftspsychologie ist das ITeG ein auf die nachhaltige Stärkung des Forschungsprofils der Universität Kassel ausgerichteter Forschungsverbund.

Seit 07/2015 gehört Prof. Dr. Jörn Lamla dem Direktorium des ITeG an.

Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de/eecs/iteg/startseite.html

ITeG-Promotionskolleg: "Sozio-technische Gestaltungskompetenz in der digitalen Gesellschaft"

Dem Forschungsprofil des ITeG entsprechend bietet das Promotionskolleg "Sozio-technische Gestaltungskompetenz in der digitalen Gesellschaft" eine disziplinenübergreifende Weiterbildung und Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern. Es schafft ein inspirierendes und ermutigendes universitäres Umfeld für den interdisziplinären wissenschaftlichen Austausch und für gemeinsame disziplinen-übergreifende Veröffentlichungsprojekte.

Zum Studienprogramm gehören neben der Vermittlung und Vertiefung von Wissen und Kompetenzen auch die interdisziplinäre Betreuung der Promovierenden durch jeweils zwei Professorinnen/Professoren des Kollegs, regelmäßige Kolleg-Seminare und Kolleg-Forschungstage und die Förderung internationaler Forschungskontakte. Neben der profunden fachlichen Ausbildung werden auch Angebote zur Entwicklung kommunikativer Kompetenzen einbezogen und eine Offenheit für andere Wissenschaftsperspektiven trainiert.

Beginn des Promotionskollegs:
Sommersemester 2016

Geplante Laufzeit:
4 Jahre

Beteiligte Promovierende des Fachgebiets Soziologische Theorie:

  • Jonathan Kropf
  • Fabian Pittroff

Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de/eecs/iteg/promotionskolleg.html

Leitbild und Instrumente der Verbraucherpolitik vor neuen Herausforderungen (LIVe) (ZFF-Schwerpunkt)

Die Verbraucherpolitik steht vor schwierigen neuen Herausforderungen. Diese werden vor allem durch zwei epochale gesellschaftliche Veränderungen gekennzeichnet: In der „digitalen Welt“ durchdringt Informationstechnik alle Lebensbereiche und erzeugt für Verbraucher neue Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch Gefährdungen. In der „natürlichen Welt“ wird durch Klimawandel und Ressourcenknappheit immer stärker deutlich, dass diese endlich ist und auch ein nachhaltiges Verhalten des Verbrauchers fordert. Auf diese Herausforderungen muss die Verbraucherpolitik reagieren. Der Forschungsschwerpunkt verfolgt das Ziel, sowohl die Funktionen und Inhalte der gegenwärtig diskutierten Leitbilder des Verbrauchers als auch die eingesetzten und diskutierten Instrumente kritisch zu untersuchen. Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler der Universität Kassel erarbeiten dazu eine innovative Forschungsperspektive.

KoordinatorInnen:

  • Stefan Laser (FB 05)
  • Julia Blum (FB 07)

Graduiertenprogramm: Ökologien des sozialen Zusammenhalts

Das Fachgebiet Soziologische Theorie ist an dem Graduiertenprogramm "Ökologien des sozialen Zusammenhalts" beteiligt (Leitung: Prof. Dr. Kai Ruffing). Dieses Projekt analysiert, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Menschen global zusammenleben, während sich die ökologischen Rahmenbedingungen dramatisch ändern.

Wie gelingt das Zusammenleben verschiedener Kulturen? Wie ein globaler Interessensausgleich? Was für Folgen hat dies wiederum für die Umwelt? Es werden nicht nur aktuelle Entwicklungen verglichen; untersucht wird auch, was die Menschheit aus Transformations- und Anpassungsprozessen der Vergangenheit lernen kann.

Pressemitteilung der Universität Kassel