GWI-Graduiertenkolleg

Graduiertenkolleg Wohlfahrtsstaat und Interessenorganisationen

Wohlfahrtsstaaten und Wohlfahrtspolitik unterliegen der Notwendigkeit einer ständigen Anpassung an Veränderungen ihrer äußeren und inneren Umwelten. Die sozialwissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass wir in eine neue Phase wohlfahrtsstaatlicher Politik eintreten, die weit von einem eindimensionalen Rückbau oder gar von einem Verschwinden des Wohlfahrtsstaates entfernt ist (vgl. Leibfried/Mau 2008; Pierson 2001, 2011). Wie auch das "Oxford Handbook of the Welfare State" (Castles et al. 2010) widerspiegelt, generieren insbesondere die Friktionen zwischen "alten" und "neuen" wohlfahrtsstaatlichen Anforderungen eine gewisse Unübersichtlichkeit und Unsicherheit in der sozialpolitischen Steuerung (vgl. Häusermann 2010; Esping-Andersen 2006, 2009). Diese Konfliktkonstellation wird vor allem durch arbeitsmarkt- und familienorientierte Entwicklungen, aber auch durch den demografischen Wandel, der einen starken Druck auf etablierte sozialstaatliche Programme ausübt, forciert (vgl. Schroeder/Kerschbaumer 2005; Lynch 2006). In diesem Kontext ist ebenso eine Veränderung wohlfahrtsstaatlicher Machtressourcen festzustellen (vgl. Korpi 2006; van Kersbergen/Manow 2009). Damit einher gehen veränderte oder sogar neue Akteurskonstellationen, was nicht zuletzt bedeutet, dass sich zwischen den privaten, zivilgesellschaftlichen und staatlichen Ebenen die Vermittlungs- und Aushandlungsprozesse verändern.

Das Graduiertenkolleg hat das Ziel, akteursbezogene Umbauprozesse des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements in Deutschland und auf europäischer Ebene zu untersuchen. Die Perspektive liegt dabei auf den sozialpolitischen Interessengruppen und Verbänden. Im Kontext definierter Policy-Felder interessieren uns besonders die veränderten Akteurskonstellationen, die durch den Übergang von industriellen zu dienstleistungsorientierten Sozialstrukturen, den demografischen Wandel und durch sich verändernde Geschlechterverhältnisse sowie institutionelle Wandlungsprozesse hervorgebracht werden. Den Schwerpunkt bilden dabei die beiden zentralen Gebiete der Bevölkerungsentwicklung: der Umgang des Wohlfahrtsstaates mit der frühen Phase des Lebens der Bürger sowie die wohlfahrtsstaatlichen Konzepte zum Altern der Gesellschaft und der Gruppe der Älteren.

Ausgangspunkt sind zu beobachtende Veränderungen bei den intermediären Organisationen: Die Interessenorganisationen der alten Industriegesellschaft werden schwächer, während keine gleichwertigen Organisationen und Institutionen für Risiken jenseits der Arbeiterfrage entstehen. Gleichwohl bedeutet diese Feststellung nicht, dass es in den Zonen jenseits von Erwerbsarbeit keine Interessenverbände gäbe. Vielmehr gründen sich vermehrt neue Verbände und Einflussgruppen, so dass eine Pluralisierung bei den Interessengruppen und in der Interessenrepräsentation zu verzeichnen ist. Im arbeitsteiligen Prozess der Politikgenerierung finden sich daher neue Akteure und eröffnen sich neue Allianzen.

Die zentrale Forschungsfrage des Graduiertenkollegs richtet sich dabei darauf, welche Aufgaben die alten, insbesondere jedoch die neuen Interessengruppen als intermediäre Instanzen in diesen wohlfahrtstaatlichen Politikbereichen übernehmen. Welche Vermittlungsleistungen können sie erbringen und wie verändert sich ihr Anteil an der Produktion kollektiver und individueller Wohlfahrt? Wie verändern sich die etablierten Interessenorganisationen und was sind die Bedingungen und Auswirkungen, wenn sich neue Interessengruppen bilden, um innerhalb der gewandelten wohlfahrtsstaatlichen Konstellationen zu wirken? Welche Deutungen und Problemdiagnosen werden mit neuen Interessen und Risiken verbunden und welche Interessengruppen entstehen möglicherweise in Folge veränderter Problemwahrnehmungen?

Wir gehen dabei von folgender Hypothese aus: Die alten Interessengruppen spielten bei der Herausbildung des Wohlfahrtsstaates der Industriegesellschaft eine konstitutive Rolle. Bei den wohlfahrtsstaatlichen Umbauprozessen der letzten Jahre fällt weder den alten noch den neuen Interessengruppen und Verbänden eine ähnlich gestaltende Rolle zu. Vielmehr nimmt die Pluralität und Heterogenität der Interessengruppen im neuen Wohlfahrtsstaat zu, ohne dass sichergestellt ist, dass sich zu allen Policy-Feldern Interessengruppen bilden. Vielfach verändert sich gleichfalls die Interessenvertretung, indem sie advokatorisch oder durch staatliche Institutionen wahrgenommen wird. Darüber hinaus kommt es zur Gewährung individueller Rechtspostionen, so dass der Stellenwert und die Durchsetzung von Rechtsansprüchen in der Sozialpolitik wichtiger werden.