Forschungsschwerpunkt Umwelt und Nachhaltigkeit

Inhalt

In diesem Forschungsschwerpunkt werden die umwelt- und gesellschaftsbezogenen Bedingungen und Folgen von wirtschaftlichen Aktivitäten untersucht. Dabei wird von einer Orientierung an konkreten Problemfeldern (wie z.B. Klimaveränderungen, Stoff- und Materialflüsse usw.) und an konkreten Lösungsoptionen (unter Einschluss der Reflexion ihrer Realisierungschancen) ausgegangen. Im Mittelpunkt steht dabei die Betrachtung von Akteuren (bzw. Akteursgruppen), deren Handeln unter Verwendung empirisch gehaltvoller Konzepte analysiert wird. Entsprechend der Unübersichtlichkeit und der Deutungsabhängigkeit des in Frage stehenden Untersuchungsgegenstandes wird in diesem Schwerpunkt der Pluralismus der Sichtweisen und Methoden kultiviert.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutet dies insbesondere die Erforschung der Handlungsweisen von privaten Haushalten (Konsum), Unternehmen (Produktion) und staatlichen Organisationen (Regulation) sowie deren Umweltbezüge (Ressourcenbeschaffungen, Emissionen und Abfall). Dabei spielt die Berücksichtigung der verschiedenen Koordinationsmechanismen für diese Handlungen (Märkte, Hierarchien und Netzwerke) und deren umweltsensible Gestaltbarkeit eine wichtige Rolle. Dafür sind die Möglichkeiten und Grenzen für umweltbezogene Lernprozesse auf individueller und gesellschaftlicher Ebene auszuloten. Mit Blick auf des Handeln von Haushalten stehen dabei z. B. Wissen, Motivation und Verhalten im Mittelpunkt und es werden dynamische Methoden der Theorieentwicklung wie etwa agentenbasierte Modellierung angewendet. Hiermit ist dann eine dynamische (Rückkopplungen einbeziehende) systemische Sichtweise verbunden.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht geht es dabei um eine vertiefte Erforschung der Perspektiven für eine Umwelt- und Nachhaltigkeitsorientierung von im Marktwettbewerb stehenden Unternehmen. In strategischer Sicht steht dabei das Nachhaltigkeitsmanagement im Fokus, d.h. die Frage nach den möglichen Beiträgen von Unternehmen zur Nachhaltigen Entwicklung. Dabei werden sowohl allgemeine Fragen bearbeitet, die z.B. Gründe für und Reichweite von CSR[1]-Aktivitäten insbes. in kleinen und mittleren Unternehmen betreffen, als auch spezielle Problemstellungen wie etwa den Umgang von Unternehmen mit dem Klimawandel und die Entwicklung von strategischen Handlungsoptionen im Umgang mit der Klimaanpassung oder die Situation in speziellen Branchen (Wasser, Textil, Automobil). Neben der Analyse der einzelunternehmerischen Aktivitäten werden zudem Unternehmensnetzwerke in Form regionaler Cluster und/oder Wertschöpfungsketten untersucht, denen im Rahmen der betriebswirtschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung besondere Möglichkeiten zugesprochen werden. Dabei stehen sowohl strukturelle als auch personelle Aspekte sowie Gesichtspunkte des organisationalen Lernens im Fokus.

Aus rechtswissenschaftlicher Sicht stehen die Analyse, Bewertung und Entwicklung von Strukturen und Instrumenten zur Koordination und Steuerung von umweltgerechtem Verhalten im Mittelpunkt. Das Interesse gilt dabei insbesondere den vielfältigen Formen jenseits der ordnungsrechtlichen Anordnungen (Command & Control). Insoweit gibt es enge Berührungspunkte zu ökonomischen Forschungsansätzen in denen regulative Überlegungen mit der Aktivierung von Selbstorganisationspotentialen verbunden werden.

Die Bedeutung dieses Forschungsschwerpunktes lässt sich unmittelbar aus der Existenz eines gesellschaftlichen Problemfeldes ableiten, das durch die kontroverse Zuordnung von Umweltveränderungen und wirtschaftlichen Aktivitäten gekennzeichnet ist. Mehr noch als in anderen gesellschaftlichen Problemfeldern bedarf diese Zuordnung der wissenschaftlichen Analyse. Klimawandel, Globalisierung und supranationale Institutionen und Regulationssysteme stehen für eine schlagwortartige Charakterisierung der entsprechenden Entwicklungen.

Die Relevanz des Forschungsschwerpunkts leitet sich aber nicht nur aus der Notwendigkeit der Analyse der genannten Entwicklungstendenzen ab, sondern auch aus dem Erfordernis Beiträge zur strategischen Sicherung einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise zu liefern. In diesem Zusammenhang kommt der Auskonturierung des Leitbildes der nachhaltigen Wirtschaft und seiner institutionellen bzw. instrumentellen Umsetzung eine vorrangige Bedeutung zu.

Schließlich stellt dieser Schwerpunkt eine hervorragende Gelegenheit für den Fachbereich dar, sich an der Profilbildung der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Kassel federführend zu beteiligen. Dies lässt sich durch die zahlreichen diesbezüglichen Anknüpfungsmöglichkeiten plausibilisieren.



[1] Corporate Social Responsibility

Bedeutung

Der Forschungsschwerpunkt „Umwelt und Nachhaltigkeit“ gliedert sich unmittelbar in den entsprechenden übergeordneten Forschungsschwerpunkt der Universität Kassel ein. Damit besteht großes Synergie- und Kooperationspotenzial in der Forschungszusammenarbeit innerhalb des Fachbereichs und der Universität. Mit dem Schwerpunkt Umwelt verbindet sich damit die Chance, einen komparativen forschungspolitischen Vorteil gegenüber andern Universitäten weiter auszubauen. Dafür ausschlaggebend sind nicht nur die oben erläuterten Merkmale der Problemorientierung, des Akteursbezugs und des methodologischen wie konzeptionellen Pluralismus sondern auch die Vielzahl der dabei zusammengeführten Fachdisziplinen (VWL, BWL, Recht und Psychologie). Trotz der überwiegend fachdisziplinär ausgerichteten Zeitschriften gelingt es zunehmend, auch dort dieses spezifische Profil der am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften betriebenen Umweltforschung zur Geltung zu bringen.

Darüber hinaus hat sich in den vergangenen Jahren durch den vergleichsweise ausgeprägten Einbezug der Natur- und Technikwissenschaften in die Umweltforschung der Universität Kassel die Umweltforschung des Fachbereichs als Teil einer interdisziplinären Forschungskooperation fest etabliert.

Forschungskooperationen und aktuelle Forschungsprojekte (Auswahl)

Im Fachbereich gibt es zahlreiche fachgebiets-, instituts-, fachbereichs- und universitätsübergreifende Forschungskooperation im Bereich der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung. Exemplarisch für universitätsweite Verbundprojekte mit umfassender Beteiligung des Fachbereichs stehen das „Kompetenzzentrum für Klimaschutz und Klimaanpassung – Competence Centre for Climate Change Mitigation and Adaptation (CliMA)“, das „Center for Environmental Systems Research (CESR)“ sowie das „International Center for Development and Decent Work (ICDD)“.

Das CliMA wurde 2009 als fachbereichsübergreifender Forschungsverbund in Form einer zentralen wissenschaftlichen Einrichtung (§ 54 HHG) gegründet. Es bündelt die umfassenden Fachkompetenzen und Erfahrungen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung. Das Zentrum unterscheidet sich von anderen Forschungsstätten zum Klimawandel zum einen durch seinen umsetzungsorientierten Ansatz und durch seine Verknüpfung von Lösungs- und Realisierungskompetenzen in einem interdisziplinären Governance-Ansatz. Es ist Teil des „European Institute of Innovation and Technology (EIT)“.

Das CESR besteht seit nunmehr 20 Jahren und ist als eine interdisziplinäre Einrichtung der Universität Kassel über zahlreiche Kooperationen mit etlichen Fachgebieten der Universität Kassel verbunden. In den Projekten des Zentrums kommen insbesondere Systemmethoden (wie Systemanalyse, Szenarientechnik und Computersimulation) zur Anwendung. Die Herangehensweise ist i.d.R. interdisziplinär und problemorientiert.

Das ICDD ist eines von fünf „Centers of Excellence for Exchange and Development“ welches vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über den Deutschen Akadamischen Austausch Dienst (DAAD) gefördert wird. Im Mittelpunkt steht die Forschung zum Kampf gegen weltweiten Hunger und Armut als zentrale Sustainable Development Goals der vereinten Nationen.

Über diese Verbundprojekte hinaus sind Mitglieder des Fachbereichs in einer Vielzahl weiterer Forschungskooperationen aktiv. Exemplarisch hierfür stehen folgende Projekte:

  • BMBF-Projekt „Die Bedeutung freiwilliger Beiträge und von Fairnesspräferenzen für den Erfolg internationaler Klimapolitik“ (VolFair)
    Partner: FG Ziegler, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) Karlsruhe, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim, Universität Hamburg, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

  • BMBF-Projekt „Die Energiewende im Spannungsfeld zwischen Regionalisierung und Zentralisierung“ (ENERGIO)

Partner: FG Ziegler, FG Wetzel, Ifo Institut, Universität Hamburg, Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln

  • BMBF-Projekt „Der Handabdruck: ein komplementäres Maß positiver Nachhaltigkeitswirkung von Produkten“

Partner: FG Hahn, Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) Wuppertal, Universität Witten/Herdecke

  • BMBF-Projekt „Entscheidungen über dezentrale Energieanlagen in der Zivilgesellschaft“ (Dezent Zivil)

Partner: FG Roßnagel, Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt

  • BMBF-Projekt „Individuelles Umwelthandeln und Klimaschutz“ (IndUK)

Partner: FG Ernst, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim, Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt, Fachhochschule Dortmund

  • BMBF-Projekt „Energieeffizienter Wohnraum am Beispiel Kassel“ (EnWorKS)

Partner: FG Deckert, FG von Wangenheim, FG Maas (FB 06)

  • BMBF-Projekt „Nachhaltig gewonnene mineralische Rohstoffe“ (NaMiRoh)

Partner: FG Hiete (FB 16), FG Hahn, FG Klein, FG Seuring, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

  • BMBF-Projekt „Reduction of Post-Harvest Losses and Adding Value in East African Food Value Chains“ (RELOAD)

Partner: FG Seuring, FG Hensel (FB 11), div. ausländische Universitäten

  • BMBF-Projekt „Semi-Mobile Bioenergy from Agricultural and Forest Residues in Chile and Beyond“

Partner: FG Seuring, Karlsruher Institut für Technologie, Fraunhofer-Instutit für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, Universitäten in Chile

  • BMBF-Projekt „Sozialpolitische Konsequenzen der Energiewende“ (SOKO Energiewende)

Partner: FG Ziegler, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Universität Heidelberg, Universität Bayreuth

  • Climate-KIC-Projekt „Analysis of psychological factors fostering the adoption of energy saving measures in cities“ (SAM-Cities)

Partner: FG Ernst, Energiereferat Stadt Frankfurt/M.

  • "Die Bestimmungsgründe nachhaltiger Geldanlagen" (SRI Deutschland), gefördert von der Deutschen Bundesbank

Partner: FG Klein, FG Ziegler

  • „Innovative Ansätze zur Verbesserung der Anreizwirkung umweltpolitischer Instrumente, Teilvorhaben II: Weiterentwicklung des umweltökonomischen Instrumentariums“ (INCENT II), gefördert vom Umweltbundesamt

Partner: FG Beckenbach, FG Frank, Praxispartner

  • ZFF-Schwerpunkt „Nachhaltiger Konsum“ (NaKon)

Partner: FG Dannenberg, FG Hamm (FB 11), FG Roßnagel, FG Sommer (FB 14), FG Vajen (FB 15), FG Wetzel, FG Ziegler

Aktuelle Publikationen (Auswahl)

Prof. Dr. Frank Beckenbach

Beckenbach, F. (2014). Innovative behavioral approaches to analyse the incentives of environmental instruments – a survey, in: Beckenbach, F./Kahlenborn, W. (Hrsg.) (2014): New Perspectives for Environmental Policies through Behavioral Economics, Berlin, Springer
Beckenbach, F., & Hofmann, D. (2011).
Der Stoff aus dem die automobilen Träume sind - Stoffstromanalyse und akteursbasierte Modellierung am Beispiel des PKW. In: F. Beckenbach, A. I. Urban (Hrsg.): Methoden der Stoffstromanalyse: Konzepte, agentenbasierte Modellierung und Ökobilanz, Metropolis, Marburg, 73-122.

Prof. Dr. Astrid Dannenberg

Barrett, S., & Dannenberg, A. (2014).On the Sensitivity of Collective Action to Uncertainty about Climate Tipping Points, Nature Climate Change, 4, 36–39.

Barrett, S., & Dannenberg, A. (2012). Climate Negotiations Under Scientific Uncertainty, Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(43), 17372-17376.

Prof. Dr. Andreas Ernst

Ernst, A. & Wenzel, U. (2014). Bringing environmental psychology into action. Four steps from science to policy. European Psychologist, 19(2), 118-126.

Ernst, A. (2014). Using spatially explicit marketing data to build social simulations. In: Smajgl, A. & Barreteau, O. (Eds.) (2014). Empirical Agent-Based Modeling - Challenges and Solutions (pp.85-103). Berlin: Springer.

Prof. Dr. Rüdiger Hahn

Hahn, R., & Lülfs, R. (2014). Legitimizing negative aspects in GRI-oriented sustainability reporting: A qualitative analysis of corporate disclosure strategies. Journal of Business Ethics, 123(3), 401-420.
Hahn, R., & Gold, S. (2014). Resources and Governance in ‘Base of the Pyramid’ Partnerships: Assessing Collaborations between Businesses and Non-Business Actors. Journal of Business Research, 67(7), 1321-1333.

Prof. Dr. Christian Klein

Von Wallis, M., & Klein, C. (2014). Ethical Requirement and Financial Interest: A Literature Review on Socially Responsible Investing, BuR - Business Research, DOI: 10.1007/s40685-014-0015-7, forthcoming.
Klein, C. & Stellner, C. (2014). Corporate Social Responsibility and Eurozone Corporate Bonds: The Moderating Role of Country Sustainability, Working Paper, University of Kassel.

Prof. Dr. Silke Laskowski

Laskowski, S. (2014). Öffentliche Abwasserentsorgung und Herausforderungen des Umweltwandels – Spielräume für innovative Konzepte im WHG und sächsischen Landesrecht, in W. Ewer, U. Ramsauer, M. Reese & R. Rubel (Hrsg.) Methodik – Ordnung – Umwelt (S. 597 ff.). Berlin: Duncker & Humblot.

Laskowski, S. (2013). Kohlekraftwerke im Lichte der EU-Wasserrahmenrichtlinie, Zeitschrift für Umweltrecht, 3/2013, 131-142.

Prof. Dr. Alexander Roßnagel

Roßnagel, A. (2013) (Hrsg.). Regionale Klimaanpassung. Herausforderungen – Lösungen – Hemmnisse – Umsetzungen am Beispiel Nordhessens, Interdisciplinary Research on Climate Change Mitigation and Adaptation, Vol. 5, kassel university press, Kassel 2013, 780 S.

Volmert, B., Lenz, C., Hentschel, A., & Roßnagel A. (2014). Die Verknüpfung von Emissionshandelssystemen – sozial gerecht und ökologisch effektiv, Interdisciplinary Research on Climate Change Mitigation and Adaptation, Vol. 4, kassel university press, Kassel 2014, 378 S.

Prof. Dr. Stefan Seuring

Beske, P., Seuring, S. (2014). Putting Sustainability into Supply Chain Management, Supply Chain Management: An International Journal, 19(3), 322–331.
Brandenburg, M., Govindan, K., Sarkis, J., & Seuring, S. (2014). Quantitative Models for sustainable supply chain management: Developments and directions, European Journal of Operational Research, 233(2), 299-312.

Prof. Dr. Heike Wetzel

Krautzberger, L., & Wetzel, H. (2012). Transport and CO2: Productivity Growth and Carbon Dioxide Emissions in the European Commercial Transport Industry, Environmental and Resource Economics, 53(3), 435-454.

Filippini, M., & Wetzel. H. (2014). The Impact of Ownership Unbundling on Cost Efficiency: Empirical Evidence from the New Zealand Electricity Distribution Sector, Energy Economics, 45, 412-18.

Prof. Dr. Andreas Ziegler

Oberndorfer, U., Schmidt, P., Wagner, M. & Ziegler, A. (2013). Does the Stock Market Value the Inclusion in a Sustainability Stock Index? An Event Study Analysis for German Firms, Journal of Environmental Economics and Management, 66(3), 497-509.

Ziegler, A. (2012). Individual Characteristics and Stated Preferences for Alternative Energy Sources and Propulsion Technologies in Vehicles: A Discrete Choice Analysis, Transportation Research Part A 46, 1372-1385.