Zucht einer Landschaftspflegeziege
an der Universität Kassel 

Abstract in English language                                                (Bilder)

Ziegenhaltung in Deutschland

Die Ziegenhaltung ist in Deutschland fast zur Bedeutungslosigkeit zurückgegangen. Von einst fast drei Mio. Ziegen (1929) gibt es heute noch rund 100.000 (Stand 1999). Sie werden zu über 60 Prozent von Hobbyhaltern in Beständen von durchschnittlich drei Tieren gehalten. Dabei steht die Freude am Tier und weniger die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Die Produktion von Milch und Fleisch für den Eigenkonsum ist jedoch ein wichtiges Element der Hobbyhaltung. Betriebswirtschaftlich gesehen ist die Hobbyziegenhaltung jedoch durch negative Deckungsbeiträge gekennzeichnet. Nur wenn Milch gewonnen wird (vor allem für Käse), ist ein positiver Deckungsbeitrag zu erwarten, der jedoch auch nur einige DM pro Arbeitskraftstunde umfasst.

Rund 10% aller Ziegen in Deutschland werden in ökologisch wirtschaftenden Betrieben gehalten; Betriebe die kapital- und flächenarm sind, aber mit ihrer Arbeitskraft ein hochwertiges Produkt bei akzeptablem Einkommen erwirtschaften. Wegen dem begrenzten Markt für Ziegenprodukte sind Einkommensalternativen mit diesen Tieren interessant. Hier bietet sich die Biotoppflege an. Sie ist ideell im ökologischen Landbau gewünscht und in abgelegenen Gebieten (da wo die meisten zu pflegenden Biotope sind) weniger Marktabhängig. Zu Beginn der Forschung 1993 zur Ökologischen Fleischziegenhaltung mit Biotoppflege gab es praktisch keine Informationen über die Auswirkungen auf das Tier und den Tierhalter.

Biotoppflege mit Ziegen

Über 15.000 Hektar Kalkmagerrasen in der BRD sind durch Sukzession (Verbuschung, Vergrasung) bedroht. Diese agrarhistorischen Relikte mit ihrem einmaligen floristischen und faunistischen Inventar gilt es zu erhalten (§1 BNatG). Da diese Flächen hohe Kosten in der manuellen Pflege verursachen (20.000 bis 50.000 DM/ha) bietet sich die Ziegenbeweidung als Pflegemaßnahme an. Durch die Buschbeweidung können von der Verbuschung bedrohte Flächen sowohl in der Erstpflege als auch in der erhaltenden Pflege eingesetzt werden. Dabei fügt sich die Landschaftspflege in die klassischen Leistungen Milch, Fleisch und Felle/Faser ein. Der Einsatz von Ziegen in der Landschaftspflege ist eine Möglichkeit, tierartgerecht und ökologisch sinnvoll zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Die zuständigen Ämter zahlen je nach Bundesland bzw. Kommune zwischen 150,- und 1.000,- DM pro Hektar und Jahr für eine Beweidung z.B. von verbuschtem Magerrasen (mit bestimmten Auflagen). Hier hat sie einen Vorteil gegenüber allen anderen Tierarten, auch dem Schaf. Mit einem Bestand von 10 Ziegen kann diese Pflegemaßnahme praktiziert werden.

Bei der Biotoppflege ist eine Milchgewinnung nur begrenzt möglich. In der Regel wird nur eine Fleischproduktion entsprechend der Schafhaltung betrieben. Entgegen dem Rindfleisch und auch beim Schaffleisch (Salzwiesenlämmer) wird eine extensive, tierartgerechte und ökologisch sinnvolle Ziegenhaltung nicht durch höhere Preise für das Verkaufsprodukt Fleisch honoriert. Aber auch der extensiven Ziegenhaltung weisen die Lämmer geringere Tageszunahmen auf als in der intensiven Mast. Damit sind finanzielle Einbußen verbunden. Aus diesem Grunde trauen sich viele Ziegenhalter nicht, Biotoppflege mit ihren Tieren durchzuführen.

Zucht einer Landschaftspflegeziege

Das Fachgebiet beschäftigt sich seit 1995 aktiv mit dem Programm der Zucht der  Witzenhäuser Landschaftspflegeziege (LPZ) (Tawfik & Rahmann; 1995). Entsprechend dem Zuchtplan (Jahresbericht ab 1996) wurde das Programm mit folgenden Zuchtzielen entwickelt:

Durch die Beschränkung auf einige wenige, aber wichtige Zuchtziele kann mit einem schnellen Zuchtfortschritt gerechnet werden. Dabei wirkt sich auch das kurze Generationsintervall der Ziegen positiv aus. Um die gesetzten Ziele zu erreichen, werden folgende Selektionskriterien angewandt und auf ihre Tauglichkeit für die Landschaftspflegeziegenzucht überprüft:


 


              (Pera Haumann, 1998)

Neben diesen Selektionskriterien sind noch einige andere Merkmale für die Zuchtauswahl von Bedeutung. Diese sind beispielsweise die Fruchtbarkeit (mindestens 1,6 Lämmer  pro Jahr), die Langlebigkeit, ein einheitliches Exterieur und ein einheitlicher Phänotyp und eine gute Pflege- und Verbissleistung auf den Beweidungsflächen. Alle diese Merkmale sind kaum objektiv messbar, das heißt äußerst schwer zu erfassen. 

In der einschlägigen Literatur gibt es bisher wenige bzw. keine Angaben zu ihrer Erblichkeit (Heritabilität) und zu Beziehungen der Merkmale untereinander (Korrelationen). Hier besteht eindeutig Forschungsbedarf. Es ist zu untersuchen, ob zur Feststellung genetischer Parameter, die bisher durchgeführten Feldprüfungen ausreichen, oder ob eine Stationsprüfung eingeführt werden sollte. Eventuell müssen neue Hilfsmerkmale definiert werden, die genauer erfassbar und mit dem eigentlich zu untersuchenden Merkmal eng korreliert sind.

Wichtig ist auch, den Leistungsstand der für die Zucht verwendeten Ziegenpopulation in Bezug auf die in das Selektionsprogramm eingehenden Merkmale festzustellen. Hierfür wurde 1997/1998 ein Versuch zum kompensatorischen Wachstumsvermögen der Kreuzungstiere durchgeführt, bei dem fast alle relevanten Selektionskriterien überprüft werden konnten. In diesem ersten Versuch ging es insbesondere um eine Prüfung der F1- und der F2-Generation der ”Witzenhäuser Landschaftspflegeziege”. Dieser Versuch soll wiederholt werden, wenn genügend F3-Kreuzungstiere vorhanden sind (2000/2001).

Weiterentwicklung eines Selektionsprogramms für Landschaftspflegeziegen

In der Landschaftspflege sind Eigenschaften wie Robustheit und Widerstandsfähigkeit unabdingbar für die eingesetzten Weidetiere. Pera Haumann beschäftigte sich während Ihrer Dissertation (Titel: Weiterentwicklung eines Selektions- programms für Landschaftspflegeziegen) in den Jahren 1997 bis 2000 mit der Erfassung von Selektionskriterien für Ziegen die in der Landschaftspflege eingesetzt werden sollen.

Neben Merkmalen, die die Tiere für eine fast ganzjährige Außenhaltung befähigen sollen, sollen Landschaftspflegeziegen auch eine angemessene Fleischleistung erbringen. Daher wurden in dieser Untersuchung auch genetische und fütterungsbedingte Einflüsse auf die Schlachtkörperzusammensetzung untersucht. 

Im Verlauf des Forschungsvorhabens wurden  verschiede Versuche durchgeführt:


Ziel der beiden erstgenannten Versuche war es, herauszufinden, ob sich Merkmale der Lämmervitalität bzw. der Mütterlichkeit oder Merkmale des Haarkleides als Maß für Robustheit einer Rasse eignen. Der Versuch zur Schlachtkörper- und Fleischqualität sollte in Ergänzung zu dem 1997 durchgeführten Versuch zeigen, welche Leistungen die Lämmer bei reiner extensiver Weidehaltung zeigen. Die praktische Versuchsphase war im September abgeschlossen. Im Rahmen der durchgeführten Versuche ergaben sich Kooperationen mit der Universität Göttingen und der Bundesanstalt für Fleischforschung (Kulmbach) sowie mit dem Macaulay Land Use Research Institute (Aberdeen/Schottland).

Im folgenden werden die einzelnen Merkmale (Ergebnisse) aus der Arbeit von Pera Haumann als Empfehlungen von Selektionskriterien für Landschaftspflegeziegen näher erläutert. Dabei ist jedoch zu unterscheiden zwischen Merkmalen, die Anwendung in einem Selektionsindex finden als Grundlage der Selektion innerhalb der Gesamtpopulation und zwischen Merkmalen, die der einzelne Tierhalter nutzt, um ein seinen Tierbestand an die jeweiligen Umweltbedingungen anzupassen (einzelbetriebliche Selektion).

Selektion innerhalb des Zuchtprogramms

Einzelbetriebliche Selektion

Momentaner Stand des Zuchtprogramms und zukünftige Forschungsvorhaben

Das Zuchtprogramm wird planmäßig durchgeführt. Es liegen bereits Nachfragen zur Witzenhäuser Landschaftspflegeziege vor. Es ist ein wichtiger Schritt für das Zuchtprogramm, dass die Landschaftspflegeziege in praktischen Betrieben eingeführt wird. So wurde bereits mit der Leistungsprüfung auf praktischen Betrieben im Frühjahr 2000 begonnen. Zur Zeit befinden sich Ziegen aus dem Kreuzungsprogramm in der Landschaftspflege im Hochsauerlandkreis, in Sachsen-Anhalt, im Werra-Meißner-Kreis und sind Teil eines langjährig angelegten Mosaik-Beweidungsprojekt der Ökologischen Station der Universität Würzburg.

Anastasios Neofitidis, seit April 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für Internationale Nutztierzucht und -haltung, ist mit der Betreuung und Beaufsichtigung des Kreuzungsprogramms beauftragt. Sein vorranginges Ziel ist es die Population von  F3 Tieren deutlich zu vergrößern, um somit Kreuzungstiere der ersten und zweiten Filialgeneration zu ersetzen.

Hauptanliegen von A. Neofitidis ist: Feststellung des momentanen Standes des Zuchtprogramms, mit der Frage ob die ursprünglich formulierten Zuchtziele erreicht worden sind, um dann eine effektive Weiterzucht zu gewährleisten.  

A.  Neofitidis wird sich im Rahmen seines Dissertationsvorhaben näher mit der Endzuchtgruppe (F3 Generation) des Kreuzungsprogramms beschäftigen. Dabei soll u.a. die Leistungsfähigkeit und Robustheit der Endzuchtgruppe, auf dem für sie  vorhergesehen Einsatzgebiet erfasst werden. Die hauptsächliche Datenerfassung in den Sommermonaten wird während der Beweidung des Naturschutzgebietes "Ebenhöhe-Liebenberg" erfolgen.

Die zu erfassenden Daten werden, neben der F3 Linie, auch an einer der drei ursprünglichen Ausgangsrassen, der Kaschmirziege erhoben. Da die Kaschmirziege aufgrund ihrer Robustheit in das Kreuzungsprogramm der Witzenhäuser Landschaftspflegeziege einbezogen wurde, ist ein Vergleich mit dieser Ausgangsrasse besonders wichtig, um den Zuchtfortschritt für das Merkmal  “Robustheit“ zu untersuchen.

Neben den üblichen Leistungskriterien sollen Merkmale wie Leistungsfähigkeit und Robustheit in diesem  Forschungsvorhaben über verschiedene Teilaspekte ermittelt werden: 

Juni 2001 wurde mit dem vorhandenen Ziegenbestand des Lehr- und  Versuchsbetriebs Neu-Eichenberg-Dorf für drei Monate im Rahmen des Landschaftspflegevertrags mit der Forstbehörde Witzenhausen das Naturschutzgebiet “Ebenhöhe-Liebenberg“ beweidet. Dabei wurde gezielt mit einer maximalen Tieranzahl (Kaschmirziegen, Tiere der F2 Linie und F3 Linie) gearbeitet, um die Aussagefähigkeit und die Durchführbarkeit der ausgewählten Merkmale zu untersuchen und eventuell auftretende Probleme für den Hauptversuch 2002 zu lösen bzw. auszuschließen.

Die Erfassung der Vegetation, die Kotprobenentnahme und die Wiegung vor und nach der Beweidung wurde ebenfalls schon 2001 durchgeführt. Im Sommer 2002 sollen die im Jahr zuvor ausgewählten Merkmale an Tieren der F3 Linie und der Vergleichsrasse (Kaschmirziegen) erfasst werden.