Claudia Schievelbein, Reiner Bohnhorst

Praktisch und schreibend für den Ökolandbau

Claudia Schievelbein und Reiner Bohnhorst - Diplom Agrarwirtschaft, Abschluss 1995. Aktuell: Redakteurin der Bauernstimme bzw. Betriebsleiter eines Biobetriebes

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Reiner Bohnhorst bewirtschaftet seit 1995 den elterlichen Ackerbaubetrieb nach Bioland-Richtlinien und seit 15 Jahren in einer GbR mit seinem Nachbarn. Auf 300 Hektar bauen die "Biohöfe Oldendorf" Kartoffeln, Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Einkorn, Quinoa, Bohnen, Erbsen zur Saat- und Pflanzguterzeugung wie auch Speiseware für eine regionale Erzeugergemeinschaft, die Bohlsener Mühle und den konventionellen Lebensmitteleinzelhandel an. Letztes Jahr erfolgte außerdem auf einer kleinen Fläche der Einstieg in den Feldgemüsebau mit Porree, Roter Bete, Staudensellerie, Blumenkohl, Brokkoli und Kohlrabi.

Claudia Schievelbein ist mit Elternzeit-Unterbrechungen und einem zweijährigen Intermezzo bei Greenpeace seit 1996 Redakteurin der von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft herausgegebenen "Unabhängigen Bauernstimme."

Reiner in Witzenhausen

Wenn man 1991 zum Studium des Ökolandbaus nach Witzenhausen kam, war man erstmal ein bisschen enttäuscht. Zwar gab es die Professur und mit Hardy Vogtmann auch einen Lehrstuhlinhaber, der sie mit Präsenz und engagierten Mitarbeitern wahrnehmbar ausfüllte. Es gab aber keine Pflichtfächer und keinen Schwerpunkt Ökolandbau. Als Reiner kam aber vor allem wegen des Ökolandbaus. Zu Hause auf dem elterlichen Hof in der Lüneburger Heide – typischerweise mit einem Schwerpunkt im Kartoffelanbau – war er des im konventionellen Pflanzkartoffelanbau häufigen Spritzens zum Pflanzenschutz überdrüssig. „Es habe Zeiten gegeben, das sei er tagelang nicht von der Spritze herunter gekommen, dieses System stoße ihn zunehmend ab“ erzählte er mir als wir uns kennen lernten. Er war sich nicht sicher, ob Ökolandbau für ihn und den Betrieb, den er übernehmen wollte, funktionieren würde. Und dann sei er in Witzenhausen angekommen und es habe kaum Lehrveranstaltungen zum Ökolandbau gegeben. Was es gegeben habe, wären klassische Bauernsöhne und -töchter, die konventionelle Landwirtschaft studieren und Ökofreaks, die etwas anderes wollten. Reiner fand sich irgendwie weder zu den einen noch zu den anderen passend und freundete sich mit sächsischem ehemaligen LPG-Nachwuchs an, der ob der Ex-Grenznähe in Witzenhausen gelandet war. Mit der Zeit sei ihm klar geworden, dass die Vielfalt in Witzenhausen doch größer ist als auf den ersten Blick gedacht. In den Lehrveranstaltungen, unter den „Bestrickten“ wie unter den „Kleinkarierten“ habe es offene, interessierte Realos wie auch Fundis und Wanderer zwischen den Welten gegeben, wie er selbst.

Claudia in Witzenhausen

Auch ich bin wegen des Ökolandbaus nach Witzenhausen gekommen, ohne Hof und ohne den Wunsch praktische Landwirtschaft zu betreiben. Mich interessierten die Fächer, wie eine umweltgerechte Landwirtschaft ohne chemischen Pflanzenschutz, wie eine artgerechte Tierhaltung funktionieren kann und wie die Politik sein muss, um so etwas zu unterstützen. Ich war also auch ein bisschen enttäuscht, als ich ankam. Aber auch bei mir wandelte sich der Blick auf Witzenhausen und auf die Landwirtschaft als solches, schwarzweiß wich einer Vielfalt an Farben und Möglichkeiten. Und dann führten im wesentlichen Mitstudierende den Schwerpunkt Ökologischer Landbau in Witzenhausen ein. Es ging nicht mehr nur um andere Inhalte sondern auch um andere Lehr- und Lernformen. Konferenzen, Exkursionen, Seminare studentisch selbst gestaltet, was für ein Abenteuer! Es gab so viel auszuprobieren und zu erfahren. Nie habe ich engagierter studiert, mehr Zeit, Nerven und Gehirnschmalz investiert als in dem letzten Jahr in Witzenhausen.

Gemeinsamer Lebensweg

Dem klassischen Landwirtschaftsstudium haftet das Klischee an, ein Heiratsmarkt für die auf das Erreichen des Rentenalters ihrer Eltern wartenden Hoferben zu sein. Witzenhausen haftet das Klischee an, dass man spätestens im vierten Semester Hund oder Kind oder beides hat. Reiner und ich lernten uns erst richtig kennen, kurz bevor wir gemeinsam mit dem neuen Schwerpunkt Ökolandbau begannen, die Kinder und den Hund kriegten wir später. Reiner ging damals von Witzenhausen aus zurück nach Hause und stellte den elterlichen Hof um. Mit allen Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, die wir im Studium so schön theoretisch bearbeitet hatten. Aber es gelang und gelingt jetzt schon seit 25 Jahren. Ich konnte meine bis dahin nur heimliche Liebe zum Schreiben mit Landwirtschaft und Agrarpolitik verbinden, weil ich in Witzenhausen die Unabhängige Bauernstimme kennen gelernt hatte und dort nach Ende des Studiums einen Job bekam. Auch dafür ist nach wie vor das Rüstzeug, die Dinge nicht schwarzweiß zu sehen. Es ist die Vielfalt, die das Leben ausmacht und die Witzenhausen immer ausgemacht hat. In der Lehre, in den Menschen, die dort lernen und arbeiten, in der Art und Weise wie gelernt und gearbeitet wird. Und gefeiert – was wäre Witzenhausen ohne das damalige Tropenfest gewesen?

Reiner und ich, wir haben unserer Zeit dort einiges zu verdanken, allem voran uns.

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Kommentare

Ludger Beesten: Eine tolle Idee, was Ihr da veröffentlichst. Ich lese mit Freude die Geschichte der Uni Witzenhausen und diese „Praxisberichte“. Bin schon gespannt wie es weitergeht.

Michael Hesse: Danke für die interessanten Fakten und die schöne Sprache.

Katja Mahal: Vielen Dank für diese wunderbaren Einblicke und Geschichten! Macht riesigen Spass sie zu lesen. Viele liebe Grüsse aus dem Schnee

Christoph Arndt: In meiner Erinnerung ist der Erhalt Witzenhausens 1995, nachdem einige Kräfte Witzenhausen zugunsten Gießens abwickeln wollten, sehr stark Herrn Professor Dr. Jutzi geschuldet. Durch seine Erfahrung, seine ruhige, sachliche Art und seinen herausragenden Ruf als Wissenschaftler war es wohl am meisten, der Witzenhausen auf ein neues Niveau gehoben hat mit mehr Wissenschaftlichkeit und weniger Fachschulcharakter. Ich denke, wir schulden ihm sehr viel, so jedenfalls war 1995 der Tenor besonders unter den Lehrenden im internationalen Fachbereich. Mit freundlichen Grüßen aus Chisinau

Daniela Hirsch: Christian schreibt mir aus der Seele. Ich habe die Zeit damals in Witzenhausen (1997 bis 2002) ganz genauso empfunden. Eine inspirierende Zeit mit tollen Leuten und einem Studium, dass einem weit mehr lehrt als bloßes Wissen. Sie hat mich tief geprägt und ich möchte sie nicht missen. Ein ganz besonderer Ort. Das konnte ich auch wieder spüren, als ich nach vielen Jahren 2019 zurück kam und wir mit vielen Leuten von damals im Club gefeiert haben.