Marie-Luise Matthys

The water of life oder: Geduld und Spucke

Marie-Luise Matthys (geb. Hertkorn) - BSc Ökologische Landwirtschaft, Abschluss 2013. Aktuell: Dokotorandin an der Universität Bern, Schweiz.

Bachelorarbeit zur Feldforschung in Äthiopien

Während in Witzenhausen der kalte Winterwind weht, brennt in Südäthiopien die sengende Sonne vom Himmel. Es ist Trockenzeit, die braun gefärbten Weiden der Borana sind abgegrast, die Rinder mit den Hirt*innen längst weitergezogen. Erst in einigen Monaten werden sie zurückkehren, wenn der Regen wieder fällt, der den Boden weich und die Weiden grün werden lässt. Doch noch ist es knochentrocken. Mein Übersetzer und ich finden Schatten in der kargen Behausung einer Witwe, die uns auf einen Tee einlädt. Ihre hagere Gestalt, ihr gebeugter Rücken und ihr faltendurchfurchtes Gesicht zeugen von zahl- und entbehrungsreichen Lebensjahren. Sie macht es sich am Feuer gemütlich und beginnt zu erzählen: von ihrer Jugend, von ihrer früheren körperlichen Kraft, von ihrer Begeisterung für die Arbeit mit den Tieren. Je mehr sie erzählt, desto funkelnder leuchten ihre Augen, desto heller erklingt ihr Lachen, und desto lebendiger sehe ich vor meinem inneren Auge die junge, unbändig starke Frau, die sie einst war. Wir lächeln uns an, und ich spüre, dass durch ihre Bereitschaft, etwas preiszugeben, durch die geschickte Übersetzung und durch mein Interesse an ihrem Leben eine Verbindung entstanden ist, die letzten Endes keine Worte braucht.

Und dann spuckt sie mich an. Spuckt mir auf die Füße, auf die Hände, auf die Brust. Ich verstehe die Welt nicht mehr, doch noch während ihr Speichel auf mich niederfällt, geht mir auf, dass dieses Spucken nichts Aggressives, sondern, ganz im Gegenteil, etwas eigenartig Liebevolles hat. Sie murmelt etwas, das mir später übersetzt wird: „Mögest du in Fülle altern. […] Möge dein Weg friedvoll sein, wohin er auch führt. […] Mögen deine Zunge und deine Hand freundlich zu allen Menschen sein. Mögest du in Zufriedenheit leben, wohin du auch gehst.“ Jahre später lese ich dazu: “In an important form of blessing, elders, parents or special ritual ‘spitters’ convey fertility through the medium of saliva representing the water of life.” Diese unerwartete Segnung gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen meiner gesamten Studienzeit. Die Zeit in Witzenhausen und besonders die Bachelorarbeit am DITSL haben mich gelehrt, offen zu sein: für andere Menschen, für andere Kulturen, für Unerwartetes. Die Projektarbeit an der Universität Faisalabad in Pakistan, die Studienreise nach Kenia und das Austauschsemester am College of the Atlantic (COA) in Maine, USA, haben ihr Übriges getan. Ich bin sehr dankbar dafür, dass der FB11 mir diese vielfältigen internationalen Erfahrungen ermöglicht hat – zusätzlich zu drei tollen Jahren in Witzenhausen an sich.

Masterstudium in Zürich mit Schwerpunkt Kenia

Am COA begeisterte ich mich für Philosophie, und so entschied ich mich nach einem Alpsommer in der Schweiz für ein Masterstudium in Geschichte und Philosophie des Wissens an der ETH Zürich. Dieses führte mich nach Kenia, wo ich das implizite Ernährungswissen von Bäuerinnen und Bauern untersuchte. Ein Jahr später kehrte ich erneut nach Kenia zurück, um – im Rahmen des ETH NADEL Master of Advanced Studies in Development and Cooperation – für den Biovision Africa Trust in einem Wissensvermittlungsprojekt über ökologische Landwirtschaft zu arbeiten.

Promotion über Agrarwandel in Nepal und Ruanda

Derzeit schreibe ich an meiner Doktorarbeit an der Universität Bern, in der ich die sozioökonomischen Folgen von Agrarwandel in Nepal und Ruanda untersuche. Die Frage, wohin mich mein Weg nach meinem Abschluss im Frühjahr 2021 führen wird, ist noch offen. Wichtig ist mir, evidenzbasiert und handlungswirksam zu arbeiten, und ich kann mir gut vorstellen, dass dies sowohl in der anwendungsorientierten agrarsoziologischen Forschung als auch in der wissenschaftlich fundierten Entwicklungszusammenarbeit möglich wäre. Bis es soweit ist, übe ich mich in Bezug auf die Zukunftsfragen in Geduld und vertraue darauf, dass ich – vielleicht ja kraft des water of life? – meinen Beruf so ausüben kann, dass meine in Witzenhausen und andernorts erlangten Fähigkeiten Früchte tragen.

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