U-hoch-3: Unbeschwert urban unterwegs (zweite Projektphase)

Prof. Dr.-Ing. Carsten Sommer
Dominik Bieland M.Sc.
Dipl.-Ing. Daniel Leonhäuser

 

Selbst in deutschen Metropolen, die üblicherweise ein gutes ÖPNV-Angebot aufweisen, werden im Schnitt 59% der Personenkilometer mit dem motorisierten Individualverkehr (MIV) zurückgelegt.[http://www.mobilitaet-in-deutschland.de/pdf/MiD2017_Ergebnisbericht.pdf]
Um die definierten Ziele und Grenzwerte im Verkehrssektor zu Klimaschutz, Luftschadstoffen, Energieverbrauch und Flächeninanspruchnahme einzuhalten, ist es notwendig, die MIV-Nutzung – auch im urbanen Raum – erheblich zu reduzieren. Ein Baustein dafür ist ein verlässlicher und attraktiver öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV). Um das stark von Routinen geprägte Mobilitätsverhalten von Menschen zu ändern, ist der Abbau von Nutzungsbarrieren von besonderer Bedeutung. Ein Artikel von Brons und Rietveld (2009) zeigt, dass Komfort und zuverlässige Reisezeiten laut der Erhebung „Customer Satisfaction Research“ die wichtigsten Merkmale für Kunden der Dutch Railways darstellen. Diese Beobachtung wird durch eine in der ersten Förderphase des Projektes durchgeführte Studie bestätigt, die zeigte, dass für viele Befragte die Sorge um überfüllte Verkehrsmittel (27 %), die Unsicherheit bezüglich erreichter Anschlüsse (47 %) und der Transport von Gepäck (34 %) einen großen oder sehr großen Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen die ÖPNV-Nutzung haben. Die Relevanz war damit unter den Befragten beispielsweise vergleichbar mit dem Einfluss des Fahrpreises (39 %).

Innerhalb des Projekts „U-hoch-3“ soll daher ein Assistenzsystem entwickelt, beispielhaft in Kassel und der Region Nordhessen implementiert, getestet und evaluiert werden, das die wesentlichen Nutzungsbarrieren der ÖPNV-Nutzung verringert. Das Assistenzsystem umfasst die drei Dienstleistungen Belegungsprognose und -information, Anschlusssicherung sowie Gepäcktransport für ÖPNV-Kunden.

Die Belegung des Verkehrsmittels ist dem Kunden bisher vor Betreten des Fahrzeugs völlig unbekannt. Die frühzeitige Information über den voraussichtlichen Belegungszustand erhöht die Planungssicherheit und baut so Nutzungshemmnisse ab. Durch die Nutzung verschiedener Schnittstellen wie Smartphones oder Anzeigen bzw. Ansagen an Haltestellen und in Geschäften kann die Information für fast alle Kunden zugänglich gemacht werden.

Die zunehmende Verbreitung von mobilen Endgeräten ermöglicht außerdem eine beiderseits nutzbringende Vernetzung von Fahrgast und Verkehrsunternehmen sowie flexible Planung der individuellen Mobilität, zukünftig unter Berücksichtigung neuer Echtzeitinformationen bspw. zur Anschlusssicherung. Den Verkehrsdienstleistern sind die individuellen Reiseketten ihrer Fahrgäste derzeit i. d. R. unbekannt. Sollten ihnen diese Informationen durch eine hohe Nutzung der mobilen Fahrplanauskunft oder explizite Meldung von Anschlusswünschen zur Verfügung stehen, könnten längere Wartezeiten eines Anschlussverkehrsmittels wegen einer Verspätung des Zubringers bei ausreichender Anzahl betroffener Fahrgäste akzeptabel erscheinen. Der Fahrgast erhält damit die Möglichkeit, sein Interesse am Anschlussverkehrsmittel zu signalisieren und über die Gewährung seines Anschlusswunsches informiert zu werden.

Insbesondere bei Einkaufs- und Freizeitaktivitäten stellt der körperlich anstrengende und unbequeme Transport von Einkäufen oder Gepäck ein relevantes ÖPNV-Nutzungshemmnis dar. Einen Einkauf mit einem anschließenden Konzertbesuch zu kombinieren, ist ohne zwischenzeitliche Heimfahrt meist nicht denkbar. Der bei einer hohen Fahrgastnachfrage verringerte Platz im Verkehrsmittel erschwert den Transport zusätzlich. Eine hohe Auslastung steht auch der Fahrrad- oder Kinderwagen-Mitnahme entgegen. Die Möglichkeit, sich Einkäufe und Gepäck nach Hause bzw. an eine Abholstation in Wohnungsnähe liefern zu lassen oder diese in der Innenstadt zentral zwischenzulagern, ermöglicht eine flexible Planung der Reisekette für Kunden mit und ohne körperliche Einschränkungen.

Das Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme der Universität Kassel übernimmt schwerpunktmäßig folgende Teilaufgaben im Projekt:

  • Erfassung der Nutzeranforderungen an die drei Dienste,

  • Analyse der Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge der drei Dienste bezüglich des Mobilitätsverhaltens,

  • Entwicklung eines regelbasierten Entscheidungsmodells zu dynamischen Anschlusssicherung,

  • Entwicklung eines Prognosemodells für die Belegung des Fahrgastraums und der Mehrzweckflächen im ÖPNV,

  • Konzeption eines kombinierten ÖPNV- und Güterverkehrs,

  • Evaluation der Dienste in Verbindung mit umfangreichen Feldtests.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt hat insgesamt eine Laufzeit von vier Jahren und ein Volumen von etwa 6,6 Mio. Euro. Als Forschungs- und Entwicklungspartner sind Deutsche Post DHL Group (Bonn/Kassel), INIT Innovative Informatikanwendungen in Transport-, Verkehrs- und Leitsystemen (Karlsruhe) und IVU Traffic Technologies (Aachen/Berlin) am Projekt beteiligt. Anwendungspartner sind die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft und der Nordhessische Verkehrsverbund (Kassel). Neben dem Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme sind das Fachgebiet Mensch-Maschine-Systemtechnik als Verbundkoordinator und das Fachgebiet Öffentliches Recht, IT-Recht und Umweltrecht dabei. Als assoziierte Partner beteiligen sich der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, die Stadt Kassel, das Netzwerk der nordhessischen Mobilitätswirtschaft MoWiN.net sowie Kasseler Einzelhandelsvereine und Betreiber von Einkaufszentren und Parkhäusern.

 

Laufzeit:

06/2019 bis 05/2023

Zuwendungsgeber:

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

gefördert vom: