GhK

Fachbereich 19 (Biologie/Chemie)

Fachschaft

PRESSEMELDUNGEN - Aus dem ExtraTip vom 10.02.1999
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"Katastrophale Lage"

Massive Einsparungen an Kassels Universität führen zu krassen Einschnitten im Lehrauftrag

Von JÜRGEN KETTLER

KASSEL - Die massiven Einsparungen im Bildungswesen haben dramatische Auswirkungen. Drastische Beispiele dafür liefert der Fachbereich Biologie/Chemie an der Universität in Kassel.

Foto: nh/Copyright ExtraTipBereits vor einem Jahr sahen sich die Fachvertreter von Biochemie, Genetik, Mikrobiologie, Pflanzen- und Tierphysiologie an der Universität Gesamthochschule Kassel (GhK) genötigt, auf den Mißstand hinzuweisen. Mit immer stärker reduzierten Mitteln sei nicht einmal mehr die Durchführung der laut Studienordnung erforderlichen Praktika möglich, erklärten sie in einem Brief an das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Getan hat sich nichts - an eine Normalisierung der Mittelzuweisung sei bis heute nicht zu denken.

Biochemie-Professor Hartmut Follmann befürchtet nun in einem erneuten Brief, daß die - intensiv praktisch geschulten und deshalb zur Zeit noch gefragten - Hochschulabsolventen künftig im internationalen Vergleich einen Wissens- und Wettbewerbsnachteil zu erleiden haben. "Diese Folgen kann ich als Hochschullehrer nicht länger verantworten." Um dem Verlust an Lehrqualität zu begegnen und die Erfüllung seines Lehrauftrages zu gewährleisten, braucht Follmann die Aufstockung der Mittel für das Jahr 1999 mindestens auf das Doppelte.

Auch der noch junge, zukunftsträchtige Fachbereich Genetik bewegt sich an der Grenze der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit - mit paradoxen Problemen: Frischer Wind durch neuartige Lehrmethoden und die Aussicht auf neue, junge Professoren bewirkten eine deutlich erhöhte Nachfrage: Statt wie sonst 20 bis 25 haben sich dieses Jahr erstmals 40 Studenten für das Genetik-Praktikum eingeschrieben. Eine Pflichtveranstaltung als Voraussetzung zum Vordiplom.

Am Rande der Legalität

Die Folge sind Mehrkosten für das zusätzlich benötigte Lehrmaterial. "Molekularbiologische Experimente oder das Erstellen von genetischen Fingerabdrücken, das ist nicht gerade billig", erklärt Fachgebietsleiter Prof. Dr. Wolfgang Nellen. Der Genetik-Experte weiß nicht, wo von er das bezahlen soll. "Es geht um rund 2000 Mark, die das Land Hessen nicht zur Verfügung stellt." Wirtschaftlich gerechnet, müsse man zwar eher 5000 Mark verlangen, doch den Mindestbetrag müsse er haben, um wenigstens einigermaßen das Niveau aufrecht zu erhalten. "Katastrophal, es scheitert wegen solcher Beträge. Aber ich bin nicht bereit, auf das Niveau eines Oberstufengymnasiums zu gehen."

Doppelte Studentenzahl einerseits, halbierte Geldmittel andererseits - das kann nicht gutgehen. Unter Nellens Studenten herrschte schnell Einigkeit: Selbst zahlen, so die Devise. "Notgedrungen, denn was bleibt uns anderes übrig?", fragt die Studierende Tanja Witte. Nellen nennt dies "Studiengebühren durch die Hintertür". Zudem - darauf habe ihn die Rechtsabteilung der Uni hingewiesen - bewege er sich am Rande der Legalität, wenn er den Studierenden Geld abknöpfe. Nellen zynisch: "Dafür ist es aber legal, wenn ich 50 Prozent der Teilnehmer rausprüfe oder einfach ein gemütliches Kaffeekränzchen-Praktikum durchführe."

Nicht nur die Uni bezieht sich auf die Rechtsposition. Auch das Wissenschaftsministerium verweist auf das seit November 1998 gültige neue Hochschulgesetz, durch das den Hochschulen auch finanziell mehr Eigenverantwortung zugewiesen wurde. Ein Wirtschaftsplan muß von der Uni erstellt werden - der Hochschulleiter verteilt die Mittel danach auf die verschiedenen Fachbereiche. Wie Ministeriumssprecher Dr. Rüdiger Schlaga erklärt, sei der Genetik-Fachbereich* mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür verantwortlich, daß die Lehrveranstaltungen in "sachgerechter Weise durchgeführt werden". Sie seien so anzubieten, daß sie von den dazu verpflichteten Studierenden besucht werden können. Schlaga: "Ein hochschulinternes Problem, hier ist das Geld vermutlich nicht angemessen verteilt worden."

Prof. Nellen sieht's anders: "Das böse Motto des Landes lautet: Verteilen Sie das Geld solange, bis es reicht. Oder: Tauschen Sie es doch in Peseten, dann wirdís mehr."

Foto: Soremski/Copyright ExtraTip


Anmerkung: Herr Schlaga meint vermutlich das Fachgebiet Genetik.
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Kritik, Anregung, verantwortlich und mehr ... Cornelius R. Bartke
(letzte Änderung am 11.02.1999)