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Pastoralkolleg "Gene: Ethik und Labor" der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck "PfarrerLab" der GhK

Ergebnisse und Auswertung
(zusammengestellt von Pfarrer Reinhard Brand und Prof. Dr. Wolfgang Nellen)

Vorbereitung Durchführung Diskussion Fazit Pressestimmen


Vorbereitung
Vom 24. bis 28. Juli organisierte das Predigerseminar der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ein Pastoralkolleg, d.h. eine der regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen für Pfarrerinnen und Pfarrer, das etwas aus dem üblichen Rahmen fiel. Pfarrer Reinhard Brand (Studienleiter für Pfarrerfortbildung in der EKKW) und Pfarrer Stefan Weiß (Beauftragter für Umweltfragen) kontaktierten die Abteilung Genetik der Universität Kassel und fragten an, ob die Möglichkeit bestünde, gemeinsam eine Veranstaltung zu organisieren, in der Gentechnik vom Laborversuch bis zur Ethikdiskussion angeboten wird. Die Molekularbiologen griffen den Vorschlag interessiert auf, weil sie bereits mit anderen Gruppen Erfahrung in der Öffentlichkeitsarbeit gesammelt hatten und sich seit der Eröffnung des Fachgebiets 1995 energisch gegen den stetigen Vorwurf des "wissenschaftlichen Elfenbeiturms" wehrten. Dennoch herrschte eine gewisse Skepsis unter den Mitarbeitern. Es war weniger die Frage, ob man den experimentellen Teil vermitteln könnte, da wurde eher die Ansicht vertreten "das bringen wir denen schon bei", eher bestand Unsicherheit, ob man eine gemeinsame Sprache findet und möglicherweise mit dem vermuteten "Kanzelstil" der Pfarrer nicht zurecht kommt.
In der Vorbereitung wurden von Professor Dr. Wolfgang Nellen (Institutsleiter FB 19, Genetik, Universität Kassel) Laborexperimente vorgeschlagen und dazu passende Diskussionsthemen angeregt. In Gesprächen mit den Organisatoren Reinhard Brand, Stefan Weiß und Claudia Wulff (Biologin, Umweltbeauftragte in Kirchenkreis der Twiste) wurden die Bereiche abgeklärt und ein grober Zeitplan abgestimmt, der ausreichenden Freiraum für Gespräche und Diskussionen ließ, in der Zeitstruktur jedoch von den Laborexperimenten bestimmt wurde. Einige Wochen vor dem Kurs erhielten alle Teilnehmer ein Arbeitsheft, in dem Experimente und theoretischer Hintergrund beschrieben waren. Zusätzlich enthielt das Heft ein Glossar, das versuchte, das molekurlarbiologische "Fachchinesisch" in eine allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen.
Die Veranstaltung wurde von der Kirche als "Pastoralkolleg", von der Abteilung Genetik als "PfarrerLab" (in Analogie zu den vorausgehenden JournalistenLabs und LehrerLabs) angekündigt, beide Bezeichnungen waren jedoch miteinander abgestimmt.

Am Rande bemerkt:
In gemeinsamen Ankündigungen und Presseerklärungen nannte Reinhard Brand immer wieder als eines der Ziele der Veranstaltung, das ethische Verständnis und die Verantwortung der Mitarbeiter in der Abteilung Genetik zu erfragen. Dieser Satz wurde mit gleichmäßiger Regelmäßigkeit von Wolfgang Nellen gestrichen. Die Befürchtungen, daß einerseits die Pfarrer "inquisitorischen" Druck ausüben und andererseits sich die Naturwissenschaftler im wissenschaftlichen Elfenbeinturm verschanzen, erwiesen sich im nachhinein nicht nur als unbegründet. Vielmehr kam es zu einem für beide Seiten überraschend offenen und anregenden Gespräch auch über diese grundlegenden Fragen.
Gewisse Irritationen entstanden im Vorfeld des Kollegs durch halbinformierte "Bedenkenträger": Anrufer warnten die kirchlicherseits Verantwortlichen vor dem Dialog zwischen Kirche und Molekularbiologen, weil die Kasseler Biologen ihrer Meinung nach "Gentechnik-Hardliner" seien und nur die Manipulation der Theologen im Sinne hätten. Entgegen diesen Unkenrufen vertrauten die Organisatoren auf die Urteilsfähigkeit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Darüber hinaus blieb den teilnehmenden Theologinnen und Theologen unverständlich, was gegen den Erwerb höherer fachwissenschaftlicher Kompetenz einzuwenden sei.


Durchführung
Die Veranstaltung setzte sich aus Fachseminaren, Laborversuchen und Diskussionsrunden zusammen. Fachseminare vermittelten den molekularbiologischen Hintergrund für die Experimente, die im Labor durchgeführt wurden. Dabei wurden nicht nur das technische Vorgehen erklärt sondern auch die praktischen Anwendungsmöglichkeiten, die aus diesen Techniken resultieren. Die Pfarrerinnen und Pfarrer zeigten von Anfang an großes Interesse, diesen methodischen Teil zu verstehen. Es war beiden Seiten klar, daß die Fachseminare kein 9-semestriges Studium ersetzen können und deshalb Vereinfachungen erforderlich waren. Dennoch konnten die theoretischen Hintergründe in überraschender Tiefe vermittelt werden.

Grosse Konzentration bei der Versuchsbesprechung
Versuchsbesprechung
Sonja Diegel gibt letzte Anweisungen für den Restriktionsverdau
letzte Anweisungen
Teamwork: .... einer arbeitet, einer gibt Anweisungen und einer beaufsichtigt.
Teamwork
Die handwerklichen Anforderungen für die Laborexperimente wurden von den Teilnehmern schnell gemeistert. Es gab hier keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Theologen und Studienanfängern, die üblicherweise auch keine handwerklichen Vorkenntnisse mitbringen. Aus Erfahrungen mit Schulversuchen, "LehrerLab" und "JournalistenLab" hatte die Abteilung Genetik ein Arbeitsheft zusammengestellt, in dem die Versuchsdurchführung Schritt für Schritt beschrieben wird. Das Heft liefert außerdem Hinweise zum theoretischen Hintergrund und enthält ein "Vokabelheft", um die Verständigung mit den Wissenschaftlern zu erleichtern.
Wesentlich für die Versuchsdurchführung war die Betreuung durch das Fachpersonal. Für die 14 Theologen standen grundsätzlich zwei bis vier Mitarbeiter der Abteilung zur Verfügung, die technische Hilfe leisteten, aber auch am Arbeitsplatz versuchten, Fragen zu klären.
Der Umgang mit technischem Gerät wurde bald zur Routine
Umgang mit technischem Gerät Umgang mit technischem Gerät

Die folgenden Experimente wurden durchgeführt:

1. Übertragung genetischen Materials von einem abgetöteten "Spender" auf einen Empfänger. Der allgemeine Bezug war die Frage des horizontalen Gentransfers, d.h. zum Beispiel die Weitergabe von Erbinformation aus gentechnisch veränderten Feldpflanzen an Mikroorganismen im Boden.

2. Gentechnische Veränderung von Eigenschaften in Bakterien (Transformation). In das Darmbakterium E. coli wurde das Gen für ein fehlendes Enzym eingesetzt, der erfolgreiche Einbau wurde biochemisch nachgewiesen. Grundsätzlich entspricht dieser Versuch auch der gentechnischen Veränderung in anderen Organismen (Pflanzen, Tieren, Menschen).

3. Isolierung des genetischen Materials aus den transformierten Bakterien und Analyse. Aus den gentechnisch veränderten Bakterien wurde (Plasmid-) DNA isoliert und über einen Restriktionsverdau analysiert. Das Experiment gab Einblick in den technischen Umgang mit Erbmaterial und die Methoden zur Überprüfung von Genkonstruktionen, die im Reagenzglas vorgenommen wurden.

3. Isolierung des genetischen Materials aus den transformierten Bakterien und Analyse. Aus den gentechnisch veränderten Bakterien wurde (Plasmid-) DNA isoliert und über einen Restriktionsverdau analysiert. Das Experiment gab Einblick in den technischen Umgang mit Erbmaterial und die Methoden zur Überprüfung von Genkonstruktionen, die im Reagenzglas vorgenommen wurden.

4. Genomischer Fingerabdruck.
Begutachtung isolierter Pfarrer-DNA
Begutachtung isolierter Pfarrer-DNA
Die Teilnehmer isolierten DNA aus Zellen ihrer eigenen Mundschleimhaut und führten eine Polymerasekettenreaktion (PCR) für einen hoch variablen DNA Abschnitt durch. Der Vergleich der PCR Produkte der Pfarrerinnen und Pfarrern zeigte das Prinzip der genetischen Individualität und Ähnlichkeit und die Möglichkeiten zur Identifizierung von Individuen. Gleichzeitig wurde die Anwendung der PCR bei der Diagnose von Krankheiten, dem Nachweis gentechnischer Veränderungen und anderem erläutert.

5. Genomprojekte und Datenbanknutzung. Die Teilnehmer lasen aus Originaldaten eine DNA Sequenz und analysierten sie im Rechner mit den entsprechenden Programmen. Dabei wurden u.a. die Zugriffsmöglichkeiten auf international zugängliche Datenbanken demonstriert. Die Verwandtschaft aller Organismen und damit die Evolution wurde durch die große Ähnlichkeit eines Genprodukts in Pflanzen Tieren, Menschen und Mikroorganismen deutlich gemacht.

Am Rande bemerkt:
Probleme mit der Laborsprache lösten sich manchmal schneller als erwartet.
Kursleiter: Stellen Sie jetzt bitte Ihre Töpfe mit der Flüssigkeit warm.
Pfarrer 1: Wie bitte?
Pfarrer 2: Er meint, wir sollen die Eppendorfgefäße mit dem Restriktionsverdau in den Thermoblock stellen.
Pfarrer 1: Ach so, warum sagt er das dann nicht?

DNA Proben werden professionell auf ein Gel aufgetragen DNA Proben werden professionell auf ein Gel aufgetragen


Diskussionsforen
Das PfarrerLab bot den teilnehmenden Theologinnen und Theologen einen überaus informativen Einblick in die Arbeit eines molekularbiologischen Labors. Sind Pfarrerinnen und Pfarrer Arbeitsweisen im konzentrierten 90-30-90 Rhythmus (90 Minuten Vortrag/Diskussion, 30 Minuten Kaffeepause, 90 Minuten Diskussion) gewohnt, fiel ihnen als erstes die ganz andere Zeitstrukturierung im Labor auf. Zwischen Pipettieren und Cantieren, Kühlen und Wärmen, Rütteln, wachsen Lassen und Abtöten von Bakterienkolonien verstreichen immer wieder Minuten des Wartens, die einerseits gerne zu informellen Gesprächen genutzt wurden, die andererseits aber in Abhängigkeit von den Versuchsbedingungen mehr als einmal abrupt beendet werden mußten.

Umso dankbarer wurden die Diskussionsforen am Ende eines Labortages angenommen. War hier Gelegenheit, grundsätzlich über Chancen und Risiken der Gentechnologie zu diskutieren, so kam sehr bald die Frage auf, ob ein molekularbiologisches Forschungslabor, in dem es um Entdeckungszusammenhänge geht, überhaupt der angemessene Ort einer solchen Diskussion ist, bezieht sich doch jede ethische Frage auf Handeln oder Unterlassen und nicht auf Entdecken und Verstehen. So gehört die Frage, ob und in welchem Kontext genetische Veränderungen ethisch verantwortbar sind, in den Bereich der anwendungsbezogenen Forschung und ist mithin unter Berücksichtung weiterer Parameter, insbesondere von ökonomischen Interessen, zu diskutieren. Fanden sich hier die Molekularbiologen in unerwarteter Übereinstimmung mit den Theologen, so monierten sie doch eine mangelnde Trennschärfe in den populären Diskussionen des Themas.

Dankbar wurde an dieser Stelle ein Diskussionsbeitrag von Pfarrer Dr. Eberhard Stock (Studiendirektor am Predigerseminar der EKKW) aufgegriffen. Aus dezidiert protestantischer Tradition heraus plädierte er für die Stärkung der Gewissensbildung der Forschenden und ordnete diese dem normativen Regelungsbedarf gesellschaftlicher Organisation vor. Einerseits ist der auf Entdeckung ausgerichtete wissenschaftliche Eros der Forschenden dem je eigenen Gewissen gegenüber verantwortlich. Hier ist Kirche gefordert, an der Bildung dieses Gewissens mitzuwirken. Andererseits bedürfen die anwendungsbezogenen Handlungen der gesellschaftlichen Verabredung. Kirchliche Aufgabe ist, an der gesellschaftlichen Willensbildung bis hin zur Gesetzgebung mitzuwirken. Ein Beispiel mag dies illustrieren: Durch gentechnische Veränderung ist es möglich, den Wasserbedarf einer Pflanze zu reduzieren. Sie könnte somit in trockenen Gegenden angebaut werden und zur Ernährung der dort lebenden Bevölkerung dienen. Die ethische Frage wäre verkürzt, nähme man nur die beiden Parameter "veränderte Pflanze" und "Ernährung der Bevölkerung" in Blick. Um zu einer verantwortbaren ethischen Entscheidung zu gelangen, müssen weitere Parameter berücksichtigt werden: Wie ist es zur Versteppung der Gegend gekommen? Welche ökonomischen Interessen favorisieren den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen anstelle einer besseren Verteilungsgerechtigkeit von Lebensmitteln usw.? Die Molekularbiologen teilten zwar diese Ansicht, bemerkten aber auch, daß vielfach die ethische Frage bereits bei Entdeckungen gestellt wird. Der Konsens in dieser Diskussion kam für sie fast überraschend, ohne daß die Theologen gänzlich davon überzeugt worden wären, Grundlagenforschung geschähe per se ohne (ökonomische) Interessen.

In Bezug auf die im Labor durchgeführten Experimente wurden ethische Fragen an weiteren Einsatzmöglichkeiten der Gentechnik diskutiert, etwa im Bereich der Präimplantationsdiagnostik. Hier ging es unter anderem um die Frage nach der Bedeutung des Kinderwunsches bei Eltern und um grundlegende Fragen nach dem Verständnis von behinderten menschlichen Lebens. Nicht hinreichend geklärt werden konnte im Verlauf der Woche der unterschiedliche "Wirklichkeitsbegriff" von Molekularbiologen und Theologen. Unterstellten die Theologen den Molekularbiologen ein positivistisch reduziertes Weltbild, so mußten sie sich ihrerseits dem Verdacht aussetzen, in einem hermeneutischen Zirkel gefangen zu sein.

Am Rande bemerkt:
Molekularbiologe: Wir Molekularbiologen denken nicht, wir stellen Fragen an die Natur und erhalten Antworten.
Theologe: Die Fragen, die Sie stellen, setzen ein Wirklichkeitsverständnis voraus. Und nur im Rahmen dieses Wirklichkeitsverständnissen erhalten Sie dann Ihre Antworten.

Am Rande bemerkt:
Am Morgen des 28. Juli erklangen im Seminarraum für ein molekurlarbiologisches Forschungslabor recht ungewohnte Töne: Biologen wie Theologen gedachten mit der Kantate "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" (BWV 76) des 250. Todestages von Johann Sebastian Bach.


Fazit
Das Pastoralkolleg "Gene: Ethik und Labor" hat die Erwartungen beider Seiten erfüllt. Die beteiligten Theologinnen und Theologen haben einen Einblick in die Arbeitsweise eines molekularbiologischen Forschungslabors gewonnen. Sie haben nicht nur die Arbeit der Fachwissenschaftler kennengelernt, sondern auch Zugang zu deren eigenen ethischen Entscheidungskriterien gefunden. Die praktischen Laborarbeiten erzeugten Vertrauen und einen "persönlichen Draht" zwischen beiden und waren hilfreiche dafür, daß die Begegnung zweier Welten, zweier Weltbilder nicht von Konfrontation, sondern von gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Neugier geprägt war. Ebenso wichtig wie die offiziellen Diskussionsrunden waren die Gespräche in kleinen Gruppen, die in Arbeitspausen im Labor oder in den Kaffeepausen stattfanden. Der Abbau von gegenseitiger Skepsis und die Zunahme von Offenheit im Gespräch war im Verlauf der Woche deutlich zu spüren. Diese Annäherung und Gesprächsfähigkeit wäre in einer reinen Diskussionsveranstaltung nicht zu erreichen gewesen. Sehr positiv wurden von den Theologen die Gespräche auf verschiedenen Ebenen, mit technischem Personal, Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, gewertet.
Die Befürchtung einiger Teilnehmer, den naturwissenschaftlichen Hintergrund nicht erfassen zu können, erwies sich als unbegründet. Alle gaben an, daß sie die Experimente technisch und in der Relevanz für die Anwendung begriffen hatten. Selbstverständlich waren bei Erklärungen Vereinfachungen erforderlich, dennoch konnten die Versuche auf einem recht hohen Niveau beschrieben werden. Gezielte Nachfragen der Teilnehmer und Beiträge in den Diskussionen belegten, daß der theoretische Unterbau gut verstanden war.
Die befürchtete "Beeinflussung" blieb aus. Gerade weil (fast) alle Teilnehmer (einschließlich der Molekularbiologen) angaben, nach der Veranstaltung eine differenziertere Sichtweise gewonnen zu habe, konnten Unterschiede in der ethischen Bewertung der Gentechnik genauer bestimmt werden.


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