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Der folgende Beitrag ist eine erste „Nachlese" des PfarrerLabs. In gekürzter Form erschienen er im Gesundheitsmagazin Netdoktor. Die hier gezeigte ausführlichere Fassung des Beitrags von Prof. W. Nellen und des Kommentars von Pfarrer R. Brand zeigt einerseits die Kontroverse auf, andererseits wird aber auch deutlich, dass ein Dialog möglich ist und begonnen wurde.


Gentechnik und Ethik: was darf man tun, was darf man lassen?
Wolfgang Nellen, Abt. Genetik, Universität Kassel

PfarrerLab: der Beginn eines Dialogs
Gengemüse, Genomprojekte, therapeutisches Klonieren - kaum eine Wissenschaft hat in den Medien, in der Kirche, in der Politik und in der „normalen" Bevölkerung so viele Emotionen geweckt, wie die Molekularbiologie, mit ihren tatsächlichen, potentiellen und fiktiven Anwendungen. Die verschiedenen Lobbys versuchen mit bunten Broschüren, als Hühner oder Tomaten verkleidet oder mit (scheinbar) nüchternen politischen Statements ihre Anhänger zu mobilisieren. Wie sinnvoll diese Maßnahmen sind, um in einer komplexen Materie zu Lösungen zu kommen, die sich auf Fakten und nicht auf Emotionen beziehen, ist fraglich. Gleichzeitig ist die Bereitschaft sich mit der naturwissenschaftlichen Materie vertraut zu machen oder sich ernsthaft mit den ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen auseinander zu setzen gering. Lösungen können, wenn überhaupt, nur gefunden werden, wenn der Dialog zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften gesucht wird. Noch immer treffen bei Diskussionsrunden die „zwei Kulturen" mit verschiedenen Sprachen und Weltverständnissen aufeinander. Wir haben in diesem Jahr gemeinsam mit der evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck einen ungewöhnlichen Versuch unternommen, diese Barrieren zu überwinden: 15 Pfarrer verbrachten eine Woche in unserem Labor. Etwa zwei Drittel der Zeit wurden für Experimente vom genomischen Fingerabdruck über eine Mutagenese bis zur gentechnischen Veränderung von Bakterien verwendet. Ein Drittel der Zeit war Gesprächen gewidmet, bei denen von den Experimenten abstrahiert und die ethische Relevanz beleuchtet wurde. Allein durch die praktische Arbeit mit direktem Bezug zur anschließenden Debatte, wurden Sprachbarrieren abgebaut und kontroverse Standpunkte teilweise relativiert. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich eine konstruktive Gesprächsbasis, die langfristig und auf breiterer Ebene einen wesentlichen Beitrag zu der sonst meist nur kontrovers geführten Diskussion leisten könnte. Die folgenden Ausführungen sind wesentlich von diesem Kurs geprägt.

Die Fragen
Die Problematik der Ethikdiskussion beginnt und endet bei der Definition von Grenzen. Die moderne Gentechnik liegt zweifellos in einem Grenzbereich, der sich aus einem Mangel an Definitionen in der Ethik ergibt. Ist jeder manipulative Eingriff in die Natur bzw. die Schöpfung verwerflich? Beginnt die Unantastbarkeit des Lebens und der Würde des Lebens erst beim Menschen oder beziehen wir unsere Mitgeschöpfe in das ethische System mit ein? Wen bezeichnen wir als Mitgeschöpfe, den Affen, die Spinne, das Bakterium? Sind wir bereit, auch Pflanzen ein individuelles Recht auf Leben, Würde und Unantastbarkeit einzuräumen? Oder beginnt die Mitgeschöpflichkeit bestenfalls bei Tieren mit Fell, die man streicheln kann? Beim Menschen ist die Medizin verpflichtet Leiden und Schmerzen nach bestem Wissen und mit den besten verfügbaren Mitteln zu verhindern und zu heilen. Der ethische Konflikt kann bereits entstehen, wenn Medikamente eingesetzt werden, die im Tierversuch getestet wurden. Er entsteht mit Sicherheit bei der Frage, ob man Leiden und Schmerzen verhindern darf, indem man Leben verhindert (d.h. z.B. Abtreibung im Falle der Diagnose einer schweren Erbkrankheit). Dazwischen steht die Möglichkeit der somatischen Gentherapie, die, wenn sie denn erfolgreich werden sollte, die „Reparatur" einer Krankheit verspricht. Wenn man nun somatische Gentherapie akzeptiert, warum dann nicht auch die Keimbahntherapie, die eine Krankheit viel tiefer an der Wurzel angeht und sie in der betroffenen Familie völlig auslöschen kann? PID (Präimplantationsdiagnostik) mit anschließender Embryoselektion ist technisch wesentlich einfacher als eine Keimbahntherapie, sie erfordert auch keinen gentechnischen Eingriff, sondern „nur" eine Auswahl der (genetisch diagnostizierten) gesunden Embryonen und die Tötung (?), Entsorgung (?) oder Nicht-Implantation (?) von Embryonen mit einem Gendefekt. Darf man versuchen, Krankheiten mit „therapeutischen Klonen" zu heilen? Darf man einem Kranken diese Möglichkeit verwehren? Welche Krankheiten sind „schwer genug", solche Maßnahmen im zur Zeit ethischen Grenzbereich zu erlauben?
Neben diesen medizinischen Fragen greifen Genetik und gentechnische Methoden in soziale Bereiche des menschlichen Lebens ein, die für die gesellschaftliche und ethische Beurteilung fast noch schwerer zugänglich sind. Die eindeutige Identifizierung von Individuen durch den genomischen Fingerabdruck macht Straftäter dingfest und klärt Vaterschaftsverhältnisse. Mit der gleichen Methode wird die Veranlagung für eine Krankheit diagnostiziert. Ihr Einsatz für das Arbeitsplatz-Screening oder als Voruntersuchung für die Festlegung von Versicherungsprämien wird mit Sicherheit relevant.

Die genannten Anwendungen der Genetik und der Gentechnik umfassen gewiss nicht den ganzen Rahmen, der in der ethischen Diskussion behandelt werden sollte, ich möchte sie nur beispielhaft als Grundlage benutzen. Obwohl es einen weitgehend gültigen Grundkonsens zu ethischem und unethischem Handeln gibt, unterscheiden sich ethische Systeme nicht nur von Kultur zu Kultur, sondern sind auch innerhalb einer Kultur zeitlichem Wandel unterworfen. Dazu kommt die „persönliche Ethik", die jeder Mensch mehr oder weniger bewusst für sich etabliert. Gerade in Bereichen, wo die Grenzen unscharf werden, ist die Formulierung von verbindlichen Regeln fast unendlich schwierig.
Die Entwicklung in Genetik und Gentechnik wird bisweilen mit einem Quantensprung verglichen, der qualitativ neue Perspektiven eröffnet. Ich glaube, dass die Neuerungen größtenteils nur quantitativer Art sind, die ethischen Fragen, die sich daraus ergeben vielfach bereits in der Diskussion waren aber unvollständig verarbeitet ad acta gelegt wurden. Neben der Forderung, nicht alles zu tun, was technisch möglich ist, wurde die Frage „was dürfen wir unterlassen" weitgehend vernachlässigt.



Der Eingriff in die Natur
Der Vorwurf, dass Gentechniker „in die Natur eingreifen", ist in sich widersprüchlich: ein Eingriff kann nur von außen erfolgen, der Mensch ist aber zweifellos Teil der Natur. Dem Bieber, der durch seine Aktivitäten ganze Landstriche überflutet, wird man schwerlich unethisches Verhalten vorwerfen. Wir unterscheiden uns von ihm, indem wir vorausschauend zumindest teilweise die Konsequenzen unseres Handelns abwägen können und weil wir uns (mehr oder weniger) für unsere Umwelt verantwortlich fühlen. Genetische „Eingriffe" finden seit etwa 10.000 Jahren statt. Nur sie haben eine Überproduktion an Nahrungsmitteln und damit die Entstehung der menschlichen Kultur ermöglicht. Mindestens seit 5.000 Jahren wird Erbgut gezielt durch Kreuzungsexperimente gemischt und dabei nicht das „Interesse" der Natur verfolgt. Im Gegenteil: unsere Feldpflanzen haben ihre Konkurrenz- und Vermehrungsfähigkeit vielfach eingebüßt und der Ursprung der Landwirtschaft im „Goldenen Dreieck" Vorderasiens wurde vor Beginn unserer Zeitrechnung durch erbarmungslosen Raubbau in eine Wüstenlandschaft verwandelt. Um Pflanzen und Tiere (aus unserer Sicht) zu verbessern, sind gentechnische Methoden bei genauer Betrachtung eher sanfter und vorhersagbarer als konventionelle Kreuzungsmethoden. Es wird ein einzelnes Gen verändert oder eingefügt, man kennt das Produkt und weiß weitgehend, was es in der Pflanze tut. Bei Kreuzungen werden 100.000 Gene unbekannter Funktion vermischt und man sieht erst anschließend, was man produziert hat. Vor wenigen Tagen wurde eine nicht-gentechnische Schädlingsresistenz beim Raps hoch gelobt. Sie war durch Kreuzung mit dem Ackersenf entstanden und trug jetzt „nur noch ein zusätzliches Chromosom" dieser Wildpflanze. Ein ganzes Chromosom mit vielleicht 20.000 Genen unbekannter Funktion! Wir leben seit Anbeginn mit diesen von Menschen gemachten Chimären, sie haben uns erlaubt, uns die „Erde untertan zu machen". Wir haben die Fehler bei Züchtungen meist unbeschadet überlebt. Heute können wir gezielter eingreifen, wir können Artgrenzen weiter und problemloser überspringen als das früher möglich war und wir können mehr Fehler machen! Andererseits ist unser Verständnis gewachsen, wir können Folgen besser abschätzen und Fehler besser vermeiden. Die Verantwortung ist schwerer geworden, sie besteht aber auch bei der Entscheidung, auf Entwicklungen zu verzichten. Wenn beispielsweise die gentechnische Konstruktion von Herbizidresistenzen, Trockenresistenzen, die Optimierung des Nährwertes von Pflanzen und anderes die Versorgung der Menschen und die Schonung der Umwelt verbessern kann (und die praktischen Möglichkeiten dafür sind gegeben), kann dann die Forderung nach einem Verzicht verantwortet werden?

Spinne und Affe als Mitgeschöpfe
Die Kritik, die sich aus der Konstruktion von Krankheitsmodellen (d. h. der gentechnischen „Herstellung" kranker Tiere) ergibt, ist für einen Biologen in weiten Bereichen unverständlich. Einerseits geht für uns die so genannte „Mitgeschöpflichkeit" wesentlich weiter als für einen Laien: wenn wir auf der molekularen Ebene einen Wurm und einen Menschen vergleichen, ist die Ähnlichkeit frappierend und die Verwandtschaft offensichtlich. Die Unterscheidung zwischen „niederen" und „höheren" Organismen ist aus dem Sprachschatz der meisten Molekularbiologen gestrichen, funktioniert aber noch hervorragend, um einen Nicht-Biologen davon zu überzeugen, dass man eine Spinne totschlagen und mit einer Amöbe ohne ethische Bedenken experimentieren darf.
Andererseits ist das Tierexperiment mit Würmern und Fliegen, aber auch mit Mäusen und Affen eine Voraussetzung für ein Verständnis des Lebens und für eine Weiterentwicklung der Medizin. Würde auf Tierversuche verzichtet, müsste eigentlich eine Kennzeichnungspflicht eingeführt werden: „Dieses Medikament wurde in Zellkultur oder Computersimulation getestet, die Auswirkungen auf den gesamten menschlichen Organismus sind weitgehend unbekannt".
Ohne Zweifel wird, im Rahmen der Möglichkeiten, eine Einschränkung von Tierversuchen praktiziert. Die Ethikkommissionen, die Experimente begutachten, machen sich das Leben gewiss nicht leicht. Aber wer kann zuverlässig und verantwortungsvoll abschätzen, ob eine Impfstoffentwicklung oder eine neue Methode der Gentherapie nur Leben, Gesundheit und Wohlbefinden von 50 Mäusen verspielen oder Leben und Gesundheit von vielen Menschen retten?

Medikamente aus Blut, Gehirn und Reagenzglas
Gentechnisch hergestellte Medikamente stehen heute nicht mehr im Mittelpunkt der Ethikdiskussion. Allerdings stellt sich hier die wiederum Frage nach der Verantwortung, die mit einem Verzicht verbunden ist. Vor etwa 15 Jahren gab es umfangreiche Proteste gegen rekombinante Medikamente. Zumindest theoretisch besteht ein Zusammenhang mit der anhaltenden Verwendung des humanen Wachstumsfaktors in Frankreich (isoliert aus dem Gehirn von Leichen), obwohl das rekombinante Protein bereits verfügbar war. Eine kontaminierte Charge führte zu der bisher größten ursächlich zusammenhängenden Zahl von Creutzfeld-Jakob Toten. Ähnliches gilt für Blutgerinnungsfaktoren, die als gentechnische Produkte „sauber", als Isolate aus humanem Serum noch vor kurzer Zeit ein deutliches Risiko für HIV Infektionen bargen. Die damaligen Kritiker haben meines Erachtens zu einer öffentlichen Meinung beigetragen, die möglicherweise Menschenleben gekostet hat. Eine ethische Betrachtung dieses Aspekts hat aber bis heute kaum stattgefunden.

Die Versprechungen der somatischen Gentherapie
Die somatischen Gentherapie ist inzwischen weitgehend ethisch akzeptiert, obwohl es bisher keine durchbrechenden Erfolge gab. Wie Meldungen über Todesopfer durch gentherapeutische „Unfälle" zeigen, ist das Risiko dieser Methode nicht zu vernachlässigen. Die Anwendungen sind beschränkt und an einen Routineeinsatz ist nach meiner Ansicht vielleicht in 10 Jahren zu denken. Fehler, die die Wissenschaft inzwischen weitgehend eingesehen hat, waren die Euphorie und der Anspruch, viele Krankheiten in absehbarer Zeit heilen zu können. Ethisch sind diese falschen Versprechen und die damit verbundenen falschen Hoffnungen zu verurteilen. Andererseits hören Menschen in der verzweifelten Situation einer schweren Krankheit auch nur das, was sie hören wollen und greifen nach jedem Strohhalm. Hier stellt sich die ethische Frage eher in einer anderen als der naturwissenschaftlichen Richtung: in welcher Form darf der Mediziner oder Biologe Ziel und Fortschritt seiner Arbeit darstellen, um Entwicklungen öffentlich zu machen aber ohne gleichzeitig falsche Hoffnungen zu wecken?

Diagnostik: die Konsequenzen von Wissen und Nicht-Wissen
Mit der Therapie ist die Diagnostik eng verbunden, die mit gentechnischen Methoden nahezu unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet. Im sozialen Bereich (z.B. Arbeitsplatz-Screening, Krankenversicherung) wird die genetische Diagnostik das bisherige Spektrum von Einstellungsuntersuchungen und ärztlichen Zeugnissen dramatisch erweitern. Die Gesetzgebung wird diese Entwicklung nicht aufhalten können, zumal eine Diskriminierung wegen Krankheitsprädispositionen bereits heute rechtlich möglich ist. Vielmehr stellt sich hier die Frage, warum bei der ethischen Diskussion die gegenwärtige Praxis ignoriert wird. In Ermangelung einer besseren Lösung hoffe ich, dass die Diagnostik bald alle Prädispositionen erkennen kann. Dann nämlich wird sich zeigen, dass alle Menschen etwa gleich belastet sind und eine Diskriminierung Einzelner sinnlos wird. Im persönlichen Bereich ist es meist sehr schwer, einem Ratsuchenden den Unterschied zwischen einer Krankheit und einer Prädisposition zu verdeutlichen. Nicht selten geht ein gesunder Mensch zur Diagnose und verlässt sie im selben Zustand, ist jetzt aber fest überzeugt, krank zu sein. Hier ist zweifellos Betreuung und vor allem eine verständliche Aufklärung erforderlich. Weiterhin ist vor einer Diagnose abzuklären, was die möglichen Konsequenzen sind und wie der Patient dazu steht. Erst dann kann er sinnvoll zwischen seinem Recht auf Wissen und auf Nicht-Wissen wählen. Das Recht auf diese Entscheidung und die vorherige Information ist essentiell und muss festgeschrieben werden. Dies gilt besonders für die pränatale Diagnostik und PID. Es reicht m.E. bei den heutigen Möglichkeiten nicht aus, das Recht auf Nicht-Wissen in Anspruch zu nehmen, ohne sich auch Gedanken über mögliche Konsequenzen und Verantwortung zu machen. Wer diese Entscheidung trifft, entscheidet gleichzeitig, die Verantwortung z.B. für ein behindertes Kind zu übernehmen. Diese ethische Herausforderung ist neu, weil wir uns nicht mehr auf die Unvorhersehbarkeit berufen können. Allerdings darf das nicht bedeuten, dass sich die Gesellschaft aus ihrer Mitverantwortung für Behinderte zurückzieht. Ich halte dies aber schon deshalb für unwahrscheinlich, weil ein großer Teil von Behinderungen nicht genetisch voraussagbar, sondern z.B. durch Unfälle bedingt ist.
Neben dem Recht auf Nicht-Wissen steht jedoch auch das Recht auf Wissen und mitunter die Folgerung, dass man eine Behinderung nicht verantworten kann oder will. In diesem Fall muss eine Abtreibung, oder im Falle der PID, eine Embryoselektion erlaubt sein. Es kann nicht sein, dass eine soziale Indikation eine Abtreibung erlaubt, eine medizinische Diagnose nach einer Reagenzglasbefruchtung aber verboten ist. Eine befruchtete menschliche Eizelle stellt gewiss das Potenzial für menschliches Leben dar, aber es handelt sich auch auf natürlichem Wege nur um ein Potenzial von 80%: mindestens 20% der Befruchtungen führen nicht zu einem lebensfähigen Menschen. Es ist nach meiner Ansicht ethisch fragwürdig, eine Familie zum Nicht-Wissen und damit zu einer Zufallsentscheidung zu zwingen, wenn der Wunsch nach einer bewussten Entscheidung vorhanden und technisch möglich ist. Die Alternative des freiwilligen Verzichts auf eigene Kinder möchte ich hier nicht diskutieren, weil dabei wieder ganz andere soziale und biologische Faktoren eine Rolle spielen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass sich PID durchsetzen wird. Bereits jetzt wird die liberalere Gesetzgebung in anderen Ländern ausgenutzt. Die Frage, die sich heute stellt ist eher, unter welchen Bedingungen eine PID mit anschließender Embryoselektion durchgeführt werden darf. Wenn wir mit Betroffenheit, aber inzwischen auch mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen, dass weltweit die größte Zahl der Abtreibungen vorgenommen wird, weil der Embryo den „Defekt" hat weiblich zu sein, dann wird der Unterschied zwischen Realität und ethischem Anspruch sehr deutlich. Ich glaube nicht, dass es eine eindeutige Linie zwischen genetischen Defekten gibt, für die eine PID mit Embryoselektion erlaubt oder verboten sein sollte. Ich glaube aber, dass es einen dringenden Diskussionsbedarf gibt, einen Bereich zu definieren und anwendbare Richtlinie zu formulieren, an denen sich die Betroffenen orientieren können. Es ist dabei völlig nutzlos, Methoden für ethisch verwerflich zu erklären, die ohnehin praktiziert und dankbar in Anspruch genommen werden. Dies schließt auch das „therapeutische Klonen" ein, das sich, bei technischem Erfolg, trotz aller Gesetze und großer Worte durchsetzen wird.

Forderungen an die Ethikdiskussion
In den Biowissenschaften führt die Ethik ein Rückzugsgefecht, sie versucht Territorien zu verteidigen, die längst verloren oder nicht mehr zu halten sind. Vielmehr wäre ein wirklicher Sprung nach vorne erforderlich, indem an einer Orientierung für die Zukunft gearbeitet wird. Diese zukunftsorientierte Ethik sollte, an die Naturwissenschaften angelehnt, visionsfähig sein. Sie sollte sich z.B. mit der Verhaltensgenetik auseinandersetzen, die noch weitgehend in den Kinderschuhen steckt, aber mit Sicherheit unerwartete genetische Prädispositionen entdecken wird, die sehr nahe an die Persönlichkeit und Individualität des Menschen kommen. Weit wichtiger als die Horrorszenarien, die nach dem Klonschaf Dolly gezeichnet wurden, sind die zukünftigen Möglichkeiten, in Stammzellen Genaustausche vornehmen oder neue Gene einbringen zu können. Hier ist tatsächlich mit einem Quantensprung in der Medizin zu rechnen: der „Reparatur", die in der konventionellen Medizin betrieben wird, steht dann eine „Optimierung" des Embryos gegenüber. Trotz aller Abwehr, die wir vielleicht gegen diese Vision empfinden, wäre es ein fataler Fehler, sie prinzipiell abzulehnen. „Optimierung" wird bereits heute betrieben, indem wir uns gegen Infektionskrankheiten impfen lassen, mit denen wir vielleicht nie in Berührung kommen. Die Immunisierung erfolgt übrigens durch eine Veränderung in den Genen des Immunsystems, und könnte deshalb auch als indirekter gentechnischer Eingriff zur Optimierung bezeichnet werden. Der stereotype blonde, blauäugige Hüne aus der Genfabrik ist gewiss nicht das Problem der „Optimierung". Eher werden zunächst genetische Resistenzen gegen Krankheiten zur Debatte stehen, dann aber auch andere Eigenschaften, die durch einzelne oder wenige Gene vermittelt werden. Wir nehmen alle technischen Hilfsmittel in Anspruch, um Leben, Gesundheit und Erfolg unserer Kinder zu optimieren. Ist es ethisch vertretbar, genetische Hilfsmittel zu verbieten? Darf man, wenn es denn technisch möglich wird, einem Menschen ein positives Gen verwehren, das ein anderer rein zufällig und ohne eigenes Verdienst von der Natur bekommen hat? Ich stelle diese Fragen provokativ, aber nicht intuitiv. Eine einfache „ja" oder „nein" Antwort ist nach meiner Ansicht nicht möglich.
Die Diskussion wird in Kommissionen und an Runden Tischen geführt, die Resultate sind jedoch nicht ausreichend und liegen stets um einige Jahre hinter dem aktuellen Stand der Forschung zurück. Vielleicht ist es wirklich notwendig, die Experten aus Kirche, Philosophie, Rechtswissenschaften und Naturwissenschaften ein bis zwei Wochen gemeinsam in ein Labor zu sperren und dann diskutieren zu lassen. Die kleinen Erfolge, die wir mit unserem PfarrerLab verzeichnen konnten, sprechen zumindest für diese Strategie.


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