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Deutsche Intellektuelle als sprachlich-politische Akteure
von Carla Albrecht
Seit den achtziger Jahren erfährt die Intellektuellenforschung in Frankreich ein verstärkt sozialwissenschafltiches Interesse. An die Stelle des mythologisierten und ideologisierten Intellektuellen tritt das Paradigma einer historisch definierten Sozialfigur. Im Gegensatz dazu findet in der deutschen Forschung eine wissenschaftliche Betrachtung des Intellektuellen bis heute keine vergleichende Entsprechung. Ein Indiz für die unterschiedliche Bewertung der Intellektuellen in der Öffentlichkeit Frankreichs und Deutschlands ist die Tatsache, daß es in Frankreich leichter ist, Publikationen zu finden, in denen man gesammelt Informationen über Intellektuelle nachschlagen kann. Die mangelnde Beachtung der Intellektuellen sollte jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß die Sozialfigur des Intellektuellen in Deutschland – wenn auch zeitlich verzögert – ähnlich wie in Frankreich eine zentrale Rolle als politischer Kritiker gespielt hat. (Siehe zum Beispiel Grass, Enzensberger). Die Ursachen für das geringe Interesse - sowohl in der WissnschaftWissenschaft als auch in der Öffentlichkeit – liegt ursächlich begründet in der unterschiedlichen Wahrnehmung des Begriffes und der Funktion des Intellektuellen in den jeweiligen Ländern (Bock 1992).
Der moderne Begriff des Intellektuellen ist im Zuge der Dreyfus-Affäre entstanden. Er diente in dieser politischen Auseinandersetzung als Fahnenwort für die Verteidigung der Republik (Bering 1978). Während der Begriff des Intellektuellen somit als überwiegend positiv konnotierte Vokabel in die französische Sprache einging, wurde in Deutschland das Wort und die Figur des Intellektuellen bis zum ersten Weltkrieg abgelehnt bzw. pejorativ verwendet. Zum einen traten an die Stelle des als Schimpfwort betrachteten französischen Lehnwortes "Intellektueller" die Bezeichnungen "der Gelehrte, der Gebildete oder die geistige Elite"; zum anderen wurde die Figur des sich für die Republik einsetzenden Wissenschaftlers oder Künstlers abgelehnt. (Bering 1978). Lediglich im frühen Expressionismus und in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gruppe 47 erhielt der Intellektuelle eine positivere Konnotation. Der Begriff des Intellektuellen bleibt in Deutschland bis heute emotional aufgeladen und stigmatisiert, weshalb eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Funktion des Intellektuellen sich bisher nicht als Forschungsfeld etablieren konnte.
In der neueren Intellektuellenforschung wird der Intellektuelle heute als eine Person definiert, die mittels ihrer literarischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Bekanntheit in der Öffentlichkeit kritisch interveniert und von dieser gehört wird. (Bock 1997; Ory/Sirinelli 1992). Gemäß dieser politisch-soziologischen Definition nutzt ein Intellektueller seine gesellschaftliche Position und Autorität, um im öffentlichen Raum einer gegebenen Gesellschaft politische Kritik zu üben. Unerläßlich für eine derartige sprachliche Intervention ist die Bennenungsmacht, über die eine Person verfügen muß, um in die politisch-öffentliche Kommunikation eingreifen zu können. Benennungsmacht bezeichnet die Fähigkeit eines politischen Akteurs, aufgrund seiner gesellschaftlich anerkannten Positionen, seines Ansehens oder aufgrund institutioneller Legitimation z.B. auf das öffentliche Agenda-Setting Einfluß zu nehmen. Der Intellektuelle wird aufgrund seines Bekanntheitsgrades gehört und kann daher Themen des öffentlichen Diskurses bestimmen (Dörner, 1991). Durch die individuelle Deutung von politischen Prozessen, die der Intellektuelle mittels Sprache in die öffentliche Debatte einbringt, bestimmt er durch die von ihm verwendeten Begriffe (Symbole, Fahnenwörter, Diskurse) die Art und Weise, wie ein politisches Thema diskutiert und wahrgenommen wird. Dem Intellektuellen kommt somit als sprachlicher Akteur eine zentrale Rolle in der Konstituierung des politischen Raumes zu, insbesondere, wenn man der Grundannahme folgt, daß politische Wirklichkeiten (wie auch Wirklichkeit insgesamt) sprachlich konstruiert sind (Dörner, 1991).
Der Intellektuelle wird gemäß dieser Definition somit nicht ideologisch, sondern als Sozialfigur verstanden, der situativ in einem historisch-gesellschaftlichen Kontext agiert. Er ist von den Denk- und Verhaltensdispositionen seiner Zeit geprägt und wirkt auch auf diese als sprachlicher Kritiker ein. Diese Betrachtungsweise des Intellektuellen eröffnet ein sozialwissenschaftliches Forschungsfeld. Die Intellektuellenforschung untersucht die Funktion und Rolle des Intellektuellen in der politischen Kultur eines Landes. Sie analysiert die Konstituierungs- und Wirkungsbedingungen des politischen Kritikers innerhalb eines politisch-kulturellen Systems. Ausgangspunkt einer Analyse deutscher Intellektueller ist hierfür die systematische Erfassung des biographischen und gesellschaftlichen Kontextes der Intellektuellen. Nach Sirinelli dienen dieser soziologisch-geschichtlichen Betrachtung drei Untersuchungsintstrumentarien, die den Intellektuellen als Sozialfigur in einem sozio-kulturellen Milieu definieren (Sirinelli 1986): die persönliche Biographie (frz. itinéraire), die Generationszugehörigkeit und die Kontakt- und Kommunikationsstrukturen (frz. structures de sociabilité), in denen Intellektuelle eingebunden sind. Die ersten beiden Charakteristika betreffen die Sozialisation des Intellektuellen. Während die biographischen Daten helfen, den persönlichen Lebensweg und Werdegang (Eltern, Studium, Beruf) eines Intellektuellen zu rekonstruieren; erfaßt die Generation den Intellektuellen in seinen historisch-gesellschaftlichen Kontext und betrachtet ihn als einen von seiner Zeit beeinflußten Akteur. Das dritte Instrumentarium richtet sein Augenmerk auf das Intellektuellenmilieu. Es untersucht den Intellektuellen innerhalb eines Netzwerkes persönlicher, publizistischer oder institutioneller Kontakte. Dies kann beispielsweise das Umfeld der Redaktion einer Zeitschrift oder eines Verlages darstellen, in dem der Intellektuelle im Austausch steht mit anderen Intellektuellen. (Beilecke 1998)
Diese Web-Seite soll nun als Ansatzpunkt für die Erforschung deutscher Intellektueller seit dem Ersten Weltkrieg dienen, die als sprachlich-politische Akteure aufgetreten sind. Anhand ausgewählter Persönlichkeiten möchte ich zeigen, welche Intellektuelle sich in welchem gesellschaftlichen Rahmen öffentlich kraft ihres Ansehens engagiert haben. Dabei sollen nicht nur prominente Akteure (Albert Einstein, Günter Grass, Thomas Mann u. a.) beleuchtet werden. Auch solche Intellektuelle, die in Vergessenheit geraten sind oder diskretere Formen des Engagements gewählt haben, sind Gegenstand meiner Untersuchung. Die von mir aufgeführten soziologischen Primärdaten (Lebensdaten, Bildungsweg, soziale Herkunft usw.) und biographisch relevanten Veröffentlichungen – z. B. Memoiren, (Auto-) Biographien, Briefwechsel, Lexikaeinträge – stellen die Grundlage für die Erfassung der einzelnen Intellektuellen in ihrem politisch-gesellschaftlichen Kontext dar. Diese Übersicht ist Voraussetzung für eine weitergehende Analyse deutscher Intellektueller in ihrer Bedeutung und Funktion für die politische Kultur Deutschlands.
Literatur:
Beilecke, François, Die Form der sociabilité intellectuelle am Beispiel der Union pour la Vérité, in: Frankreich Jahrbuch 1998, Opladen 1998, S. 105-120.
Bering, Dietz, Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes, Stuttgart 1978.
Bock, Hans Manfred, Zur historischen Intellektuellen-Forschung in Frankreich, in Lendemains Nr. 66, 1992, S. 16-26.
Bock, Hans Manfred, Intellektuelle, in: Fremde Freunde, Deutsche und Franzosen vor dem 21. Jahrhundert, München/Zürich, 1997, S. 72-78.
Sirinelli, Jean-François/ Ory, Pascal, Les Intellectuels en France, de l‘Affaire Dreyfus à nos jours, Paris 1986.