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Politische Srache: Grundlagen
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Universität Gesamthochschule Kassel
AG Politische Sprache

Politische Sprache: Grundlagen
Von François Beilecke

1. Der linguistic turn: eine historische Skizze

Seit den achtziger Jahren ist in der öffentlichen Debatte und in der wissenschaftlichen Forschung zunehmend auf eine Entwicklung hingewiesen worden, wonach in modernen westlichen Gesellschaften die zunehmende Verbreitung von Massenmedien sowohl die Muster der Politikvermittlung als auch die Form der öffentlichen Kritik an Politik verändert haben. In der Politikwissenschaft sind in diesem Zusammenhang (Stichwort „linguistische Wende“) eine Reihe von Arbeiten verstärkt der Frage gewidmet worden, inwiefern sprachlich-symbolische Strategien und (Selbst-) Inszenierungen von sozialen Akteuren einen konstitutiven Anteil an der Herstellung einer neuen politischen Öffentlichkeit sowie politischer Sinn- und Identitätsstiftung haben.
Die Wurzeln einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache und Politik können bis in die frühen fünfziger Jahre zurückverfolgt werden. In den USA haben sich eine Vielzahl von Soziologen und Politologen mit der symbolischen Dimension sprachlicher Zeichen und ihrer Rolle im politischen Leben befaßt (cf. Lasswell/Kaplan 1950, Boulding 1961, Arnold 1962). In Deutschland hingegen sind nach den Erfahrungen mit dem Dritten Reich und der Nazi-Propaganda vor allem semantische Aspekte bei der Analyse von Schlagwörtern in den Vordergrund getreten. Hier war das Ziel, in aufklärerischer Tradition den Mißbrauch einzelner Begriffe aufzudecken und den Verbleib dieser Verfälschungen in der Alltagssprache der Bundesrepublik offenzulegen (cf. Klemperer 1975, Sternberger/Storz/Süßkind 1968). In Frankreich wiederum war es vor allem der sich etablierende Strukturalismus, der eine kritische Befassung mit Sprache befördert hat. Als Ausgangspunkt dienten die Überlegungen Ferdinand de Saussures, die u. a. in Arbeiten Roland Barthes Eingang gefunden haben (Saussure 1974, Barthes 1971, Barthes/Calvet 1973).
Aufbauend auf diesen Traditionsbeständen kam der erste wichtige Impuls zu einer im engeren Sinn politikwissenschaftlichen Befassung mit der sprachlichen Dimension von Politik durch das in den USA erneut entfachte Interesse an der Rolle, die Symbole im politischen Leben spielen:
This resurgence of interest has been sparked largely by the provocative work of Murray Edelman (1964, 1971 and 1975). Perhaps more than any other theorist, Edelman has succeeded in showing the pervasive and profound importance of symbols in politics. His work has not only stimulated further study of the use of symbols [...] but has also served to illuminate a number of major concerns of contemporary political science; e.g., public opinion, political behavior, and public policy.
(Elder/Cobb 1983, 1)
In Deutschland wurden Edelmans Überlegungen ab Mitte der siebziger Jahre mit dem Erscheinen seines Buches Politik als Ritual: Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns rezipiert. Der Anstoßcharakter seiner Thesen ist gut dokumentiert in dem von Martin Greiffenhagen 1980 herausgegebenen Band Kampf um Wörter? Politische Begriffe im Meinungsstreit, in welchem es u. a. zu einer Gegenüberstellung von Edelmans symboltheoretischen Konzepten mit denen Walter Diekmanns kommt, die mehr in der deutschen Tradition der linguistisch-semantischen (Einzel-) Begriffsanalyse stehen (Greiffenhagen 1980, Edelman 1980, Diekmann 1980 und 1975). In Deutschland erfolgte die kritische Vertiefung dieser zwei Approaches in den achtziger und neunziger Jahren durch Wissenschaftler wie Ulrich Sarcinelli, der mit dem Konzept der symbolischen Politik operiert, oder Josef Klein, der die Disziplin der Politolinguistik zu etablieren sucht (Sarcinelli 1989, Klein 1989 und 1998).
Ein weiterer Impuls für die eingehendere Untersuchung von politischer Sprache ist ebenfalls in den siebziger Jahren durch die Schriften von Michel Foucault gegeben worden (Foucault 1966, 1978 und 1996). Insbesondere der von ihm eingeführte Begriff des Diskurses, der aufgrund seiner machtanalytischen Dimension als Alternative zum Habermas'schen Diskurskonzept angesehen wird, hat eine Vielzahl von Arbeiten angeregt, die eine kritisch-diskursanalytische Befassung mit Sprache (des Faschismus, Rassismus etc.) aufweisen. Die zumeist auf Rekonstruktion von sprachlichen Machtdispositiven bzw. sinn- und identitätsstiftenden Angeboten orientierten Forschungen sind im deutschsprachigen Raum vor allem von Jürgen Link (1984 und 1991), Siegfried Jäger (1993a)und Ruth Wodak (1998) vorangetrieben worden. Einen überzeugenden Ansatz zur Integration der verschiedenen Approaches ist von Andreas Dörner (1991 und 1995) vorgestellt und umgesetzt worden.

2. Gemeinsame Annahmen der drei Approaches

Die drei soeben historisch grob skizzierten Herangehensweisen an politische Sprache weichen in bezug auf Konzeptualisierung, Analysemethoden und auf zugrundegelegtes Untersuchungsmaterial oft deutlich voneinander ab. Daß es sich dabei dennoch grundsätzlich um Ansätze mit gleicher Stoßrichtung handelt, die gemäß dem neuesten politikwissenschaftlichen Trend dem Bereich "Politische Kommunikation und politische Sprache" zugeordnet werden können (Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998), läßt sich anhand drei gemeinsamer Prämissen bzw. Vorüberlegungen verdeutlichen.

a) Der realitätskonstituierende Charakter von (politischer) Sprache

Grundsätzlich sind sich die meisten Wissenschaftler einig, daß politische Sprache in einem konstruktivistischen Sinne am Herstellungsprozeß von Realität beteiligt sind. Laut Dieckmann machen die Wörter einer Sprache durch Benennung die außerlinguistische Realität verfügbar und tragen gleichzeitig zur Interpretation von der Wirklichkeit bei (Dieckmann 1980, 47). Für Edelmann schafft Sprache "objektive" Realität, indem sie von einer komplizierten und verwirrenden Welt bestimmte Wahrnehmungen abstrahiert und zu einer Sinnstruktur organisiert (Edelman 1980, 39). In bezug auf Symbole bzw. Symbolisierungen heißt es bei Sarcinelli, diese zeigten "nicht einen Wirklichkeitsauschnitt, sondern konstruieren eine Wirklichkeit" (Sarcinelli 1989, 295). Dörner faßt in etwas umfassenderer Weise diese Aussagen zusammen, indem er aus semiotischer und wissenssoziologischer Warte feststellt, daß Sprache als Zeichenprozeß das zentrale Medium der "gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit" im weiteren Sinne und von politischer Wirklichkeit im engeren Sinne sei (Dörner 1991, 5; vgl. auch Berger/Luckmann 1996).

b) Die öffentlichkeitsgebundenheit politischer Sprache

Mit unterschiedlicher Gewichtung im Hinblick auf die Funktion von politischer Sprache gehen die meisten Autoren davon aus, daß diese als Bestandteil politischer Kommunikation im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und politischer Meinungsbildung untersucht werden muß. Das Problem der Aufmerksamkeitsgewinnung und des Überzeugens des Publikums ist auf dieser Grundlage folglich immer ein sprachlich-semiotisches Problem. Öffentlichkeitsakteure, d.h. sowohl institutionelle Akteure (Abgeordnete, Ministerien, Regierungen etc.) wie auch Akteure der politischen Kritik (Intellektuelle, Bürgerbewegungen usw.):
- verwenden spezifische Argumentationstechniken;
- verwenden spezifische Begriffe, Bilder, Metaphern, Symbole;
- aktualisieren oder reaktualisieren darauf beruhende spezifische Deutungs- und Interpretationsmuster
Ob Sprache nun die Funktion der Kontrolle durch Symbole, der Einheitsstiftung oder der Beeinflussung der öffentlichen Meinung (Dieckmann 1980, 47, 48, 61), die Funktion der Stiftung gemeinsamer Bedeutungen, Wahrnehmung und Gewißheiten in der Öffentlichkeit (Edelman 1980, 39) oder die eines zentralen politischen Steuerungselementes übernimmt, "das es erlaubt, ohne physische Gewalt oder materielle Anreize ganze Menschenmassen zu mobilisieren" (Dörner 1991, 6), gehen doch alle Funktionsbestimmungen von der öffentlichkeitsgebundenheit des Phänomens politischer Sprache aus.

c) Die kontextgebundenheit politischer Sprache

Auch gehen alle Forscher, die sich dem Phänomen politischer Sprache zuwenden, davon aus, daß Bedeutung, Ideologiefunktion, Steuerfunktion usw. politischer Sprache – mit den Worten Hans-Gerd Schumanns – "nur deutlich gemacht werden [...], wenn die Gegenüberstellung mit dem gesellschaftlichen Kontext geschieht in seinen Existenzen als
- situativer Kontext,
- diachronischer Kontext,
- soziokultureller Kontext [...]" (Schumann 1991, 20).
Politischer Sprache kommt in semantischer Hinsicht nie ein ontologischer Status zu, sondern ist prinzipiell als soziales bzw. soziokulturell geprägtes Produkt zu verstehen, das "in der Konfrontation mit dem konkreten gesellschaftlich-historischen Prozeß" (ebda.) analysiert und erklärt werden muß.

Abschließend kann festgestellt werden, daß Politik im Hinblick auf die soeben dargestellten Gemeinsamkeiten der verschiedenen Approaches dann zum Gegenstand der Forschung wird, wenn sie sich als von politischen Akteuren sprachlich-symbolische hergestellter öffentlicher Raum erweist. Diesem durch Zeichen verschiedenster Art konstituierter Raum widmen sich Politikwissenschaftler und Sprachwissenschaftler, indem sie je nach Forschungsproblem, je nach gewählten Approach und je nach weiterreichenden theoretischen Annahmen solche politisch-sprachlichen Aspekte in den Vordergrund stellen, die zur Erklärung von politischen Entwicklungen oder Sachverhalten dienen können. Kritische Diskursanalyse kann bspw. zu einer kontextorientierten Entlarvung verdeckter rassistischer Diskurse oder zur Rekonstruktion der Ursprünge von nationalen Identitätsentwürfen verwendet werden (z.B. Wodak et al. 1998). Der linguistisch-semantische Approach kann sinnvoller Weise zur Untersuchung der sich in der Zeit wandelnden Verwendung politischer Schlagwörter eingesetzt werden (z.B. Kilian 1995). Weitere Forschungsvorhaben lassen sich aus der nachfolgenden, grundlegenden Bibliographie ersehen, und die im Rahmen des vorliegenden Webangebots vorgestellten Projekte zeugen von den interessanten Perspektiven, die sich aus einer Befassung mit politischer Sprache ergeben.

3. Grundlegende Bibliographie zum Thema Politische Sprache
 

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