Ó Eike Hennig (11/1999)
"A Bit of Paradise": So wird Canyon Lake, ein von Zäunen und Toren umgebenes, von Wachleuten und Kameras kontrolliertes Wohngebiet ("gated community") angepriesen (Blakely / Snyder 1997: 65). Von Festungen als privatisierten Utopien, von "Privatopia", "Fortress America" oder "Fortress Los Angeles" ist die Rede, wenn solche Wohnsiedlungen beschrieben werden (Davis 1990: 221 ff., McKenzie 1994, Blakely / Snyder 1997). Nurmehr geschützte, abgeschlossene Räume, Inseln des "hostile privatism" (McKenzie 1994: 19) inmitten einer Stadtlandschaft einerseits mit "fortified cells of affluence" (1) und andererseits voller "places of terror where police battle the criminalized poor" (Dear / Flusty 1997: 158), sollen Sicherheit und damit Ruhe, Überschaubarkeit und Nachbarschaft gewährleisten:
"Bring your familiy to this special place where the
language of home is so fluently spoken", wirbt eine "Gated Family Estate"
in Los Angeles.
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Gate und Pool von Manhattan Village,
Manhattan Beach -
Los Angeles "This is truly the ultimate beach lifestyle! You are cordially invited to discover that dreams do come true, in Manhattan Village." |
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Präsentiert sich Los Angeles zur Jahrhundertwende als (Rentner)Paradies, gilt es für die inneramerikanischen schwarzen Migranten in den 30er Jahren als erstrebenswertes Ziel, ist es heute noch im Herzen der Mexikaner verankert (2), so wird dennoch die Ökologie von "Surfurbia", "Foothills", "The Plains of Id", "Autopia" (Banham 1971) heute weniger positiv dargestellt. Bestenfalls gilt die ausufernde Agglomeration, der "urban sprawl", als Auftrag (Dear / Schockman / Hise 1996) oder als eine reizvolle Heteropolis (Jencks 1993). Insgesamt setzt sich ein schwarzer Blick durch (Davis 1990: 17 ff., Davis / Keil 1992, Klein 1997), Los Angeles gilt als Menetekel für vielfältige städtische Grenzlinien ("urban frontiers").
In Los Angeles, heißt es (Soja 1989: 190 ff.), kommt sozial, kulturell, ökonomisch und ethnisch "alles" zusammen und bildet die (post)moderne Stadt (Scott / Soja 1996). Neue Migrations- bzw. Segregationsmuster (Allen / Turner 1991, 1997, Hennig u.a. 1996, 1997) und sozioökonomischer Wandel bestimmen ein duales, fragmentiertes Deutungsmuster. Der rapide kleinräumliche ("postfordistische") Bezug von Niedergang und Aufschwung hebt die mit der Chicago-School (Park, Burgess) verbundenen Formelemente der Stadt(gesellschaft) und Stadtentwicklung auf. Postsuburbia, Edge City, Heteropolis, Technopolis, Protosurp, ethnische Collage sind Worthülsen, um Los Angeles als neuartigen "Schatten im Paradies" (Angélil 1996) zu umschreiben (Soja 1995: 153 f., Dear / Flusty 1997: 158 ff.). In diesem Klima und diesen Traditionen entstehen seit 1980 vermehrt geschlossene Siedlungen (Blakely / Snyder 1997: 1 ff., McKenzie 1994:150 ff.).
Die Traditionen einer fragmentierten Metropole mit siedlungsgeographisch zerstreuten, ökonomisch dezentralisierten, sozial desintegrierten und ethnisch segregierten Stadträumen (Fogelson 1967) wirkt ein auf Los Angeles z.B. als eine Hauptstadt der Dritten Welt (Rieff 1992) und als Metropole wider Willen (Fulton 1997), die kein Gedächtnis hat (Klein 1997). Los Angeles gilt als zentrifugaler Stadtraum (Siegel 1997: 132 ff.), als eine "collage city in a collage world." Zusätzlich ist die Stadt ein Spiegel der bewegten Welt (Massey u.a. 1998) und wird demographisch regelrecht durcheinandergeschüttelt, Migration und Umzüge sind wichtige Größen. 1990 sind nur noch 60 Prozent der Wohnbevölkerung (gegenüber 91 Prozent 1960) in der Stadt geboren. "Bigness" (R. Koolhaas) geht einher mit Turbulenz, mit rapiden, vielschichtigen Wandlungen.
Der sozioökonomische Wandel trifft die Massengüterproduktion und besonders die "ärmeren", von Afroamerikanern und Latinos bewohnten südlich-südöstlichen Stadtteile (vgl. u.a. Keil 1993). 1965 verbleiben die "Riots" in diesem Raum. Die "gefährlichen Räume" sind noch begrenzt, betreffen noch nicht Räume und Plätze der "Reichen" und der "Mittelklassen". Als Reaktion auf 1965 allerdings wird der Raum von South Central Los Angeles einheitlicher zum Ghetto der Afroamerikaner und Latinos. In Huntington Park z.B. ziehen nach 1965 40/50 Prozent der Weißen fort, Hispanos ziehen ein. Seit 1980 verläßt die schwarze Mittelklasse vermehrt dieses Gebiet. Der 1992 in Brandstiftungen und Plünderungen sich gewaltsam entladende Gegensatz von asiatischen (koreanischen) Geschäftsinhabern und afroamerikanischer und hispanischer Wohnbevölkerung bildet sich als Reaktion auf 1965 heraus (Gooding-Williams 1003, Baldassare 1994, Abelman / Lie 1995, Chang 1996).
Seit den "Riots" 1992 - jedoch auch in Verbindung mit der politischen Ökonomie der Drogen und den Gangs - wird die ethnische Transformation (Waldinger / Bozorgmehr 1996) hin zur weißen Minderheit (Maharidge 1996) mit dem sozialen und sozialräumlichen Wandel verbunden. Aus Sicht des "white decay" (Klein 1997: 134 ff.) weiten sich sog. "gefährliche Räume" aus, erreichen in Beverly City und am Santa Monica Boulevard z.B. sogar die "Reichen" und penetrieren die Wohngegenden weißer und farbiger Mittelklassen (Ruddick 1994, Hennig 1998b, vgl. die Karte in Scott 1993: 9) (3). 1992 zeigt vor allem auch, wie sich die Raumgrenzen momentan zu großflächigen Plünderungen verschieben können, weil private Verkehrsmittel nahezu jedem zur Verfügung stehen. Der territoriale Schutzgürtel der Polizei (Herbert 1997) ist 1992 zerrissen worden, was tiefe Folgen hat. Noch fünf Jahre nach den "Riots" sind 1997 jeweils 51 % der Bevölkerung der Ansicht, nichts habe sich geändert, Politik habe nichts verbessert (LAT Poll # 395) (4).
Als Realität und Deutung avanciert Los Angeles zur negativen Utopie städtischer Entwicklungen, seine Kulturindustrie wirkt kräftig an dieser Apokalypse mit. Davis (1998: 276) zählt aus, Los Angeles sei von 1909 bis 1996 in den Medien 138mal zerstört worden mit steigender Tendenz ab 1970. Zumindest eine Dialektik von Utopie und Alptraum ("utopian dreams and dystopian nightmares") soll prägend sein (Scott / Soja 1996: 460, dagegen Gordon / Richardson 1999).
Gegenüber dem neuerlichen Naturzustand (Davis 1998), mannigfachen sozialen, ökologischen und tektonischen Risiken sowie einem zerbrechenden Politikgefüge (Saltzstein 1996) und darbenden sozialen Bewegungen (Keil 1993) entstehen Themenparks (Sorkin 1992), vor allem aber auch Kunstwelten des Wohnens, Arbeitens, Konsums und der Freizeit. Keineswegs nur weiße Superreiche (so Davis 1990: 223 ff.) huldigen der Festungsidee. Territorialität, Gemeinschaft und Sicherheit werden, gestaffelt nach Preis, Schutz und Komfort, zielgruppenspezifisch bis zum Prestigeobjekt als Ware offeriert. Auch in wohlhabenderen Gebieten (Cerritos, Walnut und Pomona) mit polyethnisch zusammengesetzter Bevölkerung (Hennig 1998a) gibt es "Gated Communities." (5) Los Angeles, so Fulton (1997: 342), wird zur Sammlung austauschbarer Kokons, man fährt vom "residential cocoon" zum "working cocoon" oder "spending cocoon". Die zugehörigen "Mental Maps", wie sie Lynch (1965: 45 ff.) andeutet, zeigen, entsprechende Stadtfahrten sind strikt zielorientiert, liefern unkonturierte Stadtbilder; dieses "Zerfließen", so Lynch (1965: 59) wirkt beunruhigend und störend. Es verwundert nicht, daß "Gated Communities" mit Raumbildern der Familie und Heimat werben. Dem Negativbild des "urban sprawl" ent- und widersprechen die real-künstlichen Gegenwelten eines ahistorischen (Klein 1997, Grünbein 1998) und sozial verniedlichenden "Toon Town Urbanism" (Fulton 1997)... Diese Beziehung vermittelt der Stadt eine gewisse (allerdings: dynamisch eingefärbte [Hennig 1999]) Resignation (Hennig 1998b), die auch die im spanischen Stil gehaltenen Mauern der "Prestige Communieties" übersteigt:
"... ja, vielleicht sperrst du die damit aus, aber sieh genau hin, was du zugleich damit einsperrst", verlautet ein Beitrag in T. C. Boyles "América" (1995: 251).
Ein Blick (Blakely / Snyder 1997: 125 ff.) ins Innere von "Gated Communities" zeigt, daß sie, die künstliche Gemeinschaft, ihrer Gesellschaft und deren zahlreichen Bruchlinien und Klüften nicht entkommen (können). Die nostalgischen und kommunitären Anklänge der Werbung bzw. Selbstdarstellung der "Gated Communities" zerbricht innen und außen am gesellschaftlichen Environment, dem diese Inseln gerade entkommen möchten.
Der Mangel einer integrierenden Stadtgesellschaft, worauf Davis, aber auch Klein und Fulton mit Nachdruck hinweisen (vgl. auch Siegel 1997), bzw. die Schwäche des staatlich-polizeilichen Gewaltmonopols und der Zivilgesellschaft angesichts der "urban frontiers" mit ihren gefährlich apostrohierten Klassen und Räumen wirft die Frage auf nach einer Not- und Verstandesinstitution, klassisch (westeuropäisch) wäre dies "der Staat." Der "Local State" im Großraum Los Angeles County, zersplittert zudem in viele Gemeinden und Städte, geschwächt durch separatistische Gelüste z.B. im San Fernando Valley, ausgehöhlt durch NIMBY- und SOS bzw. Prop. 187 - Befürwortung in den Vorstädten und in den sich gerade etablierenden Ethnien (Maharidge 1996: 265) kann diesem Bedürfnis nach einer ideellen Gesamtinstitution nicht mehr entsprechen. (6) Die traditionellen Fragmentierungen verstärken diesen Eindruck. "Privatopia" bietet einen scheinbaren Ausweg.
Angesichts der Gegensätze von Zitadelle und
Ghetto - jenen Symbolen, die den polarisierenden Dualismus der Stadtansicht
und die vorherrschende Theorie bestimmen - sowie einer schwachen Mitte
beschränken sich privatisierende Gegenwelten in Los Angeles auf ein
Stück vom Paradies: Gestehen sie damit ihre Schwäche bereits
ein?
Zitierte Literatur:
Allen, James P., Eugene Turner 1997: The Ethnic Quilt, CSUN, Northridge
Angélil, Marc 1996: Los Angeles: Schatten im Paradies, in: Centrum. JB Architektur und Stadt, Braunschweig/Wiesbaden, 30-39
Baldassare, Mark (Hrsg.) 1994: The Los Angeles Riots, Boulder/San Francisco/Oxford
Banham, Reyner 1971: Los Angeles. The Architecture of Four Ecologies, London
Blakely, Edward J., Mary Gail Snyder 1997: Fortress America, Washington/ Cambridge
Bergesen, Albert, Max Herman 1998: Immigration, Race, and Riot: The 1992 Los Angeles Uprising, in: ASR, Vol. 63, 39-54
Boyle, T. Coraghessan 1995: The Tortilla Curtain, New York (dt. América, München/Wien 1996)
Chang, Edward T. 1996: African American Boykotts of Korean-Owned Stores in New York and Los Angeles, in: Paul R. Brass (Hrsg.), Riots and Pogroms, Houndmills/London, 235-252
Davis, Mike 1990: City of Quartz, New York (dt. Berlin/Göttingen 1994)
Davis, Mike, Roger Keil, 1992: Sonnenschein und schwarze Dahlien. Die ideologische Konstruktion von Los Angeles, in: Walter Prigge (Hrsg.): Städtische Intellektuelle, Frankfurt, 267-297
Davis, Mike 1998: Ecology of Fear. Los Angeles and the Imagination of Disaster, New York (dt. München 1999)
Dear, Michael J., H. Eric Schockman, Greg Hise (Hrsg.) 1996: Rethinking Los Angeles, Thousand Oaks/London/New Delhi
Dear, Michael, Steven Flusty 1997: The Iron Lotus: Los Angeles and Postmodern Urbanism, in: David Wilson (Hrsg.), Globalization and the Changing U.S. City, London/New Delhi, S. 151-163
Eade, John (Hrsg.) 1997: Living the Global City, London/New York
Fogelson, Robert M. 1967: The Fragmented Metropolis. Los Angeles, 1850-1930, Cambridge (Neuausg. Berkeley/Los Angeles/London 1993)
Fulton, William 1997: The Reluctant Metropolis. Point Area
Gooding-Williams, Robert (Hrsg.) 1993: Reading Rodney King - Reading Urban Uprising, New York/London
Gordon, Peter, Harry W. Richardson 1999: Review Essay: Los Angeles, City of Angels? No, City of Angles, in: Urban Studies, Vol. 36, 575-591
Grünbein, Durs 1998: Aus der Hauptstadt des Vergessens, FAZ, 7.3., I (Bilder und Zeiten)
Hennig, Eike (in Zusammenarbeit mit Robert Lohde-Reiff, Anke Schmeling, Bernd Völker) 1996: Amsterdam, Frankfurt/Main und Los Angeles: Fragmentierte Stadträume und Stadtdiskurse, in: Das Argument, Nr. 217, 38. Jg., 757-773
Hennig, Eike, Robert Lohde-Reiff, Anke Schmeling, Bernd Völker 1997: Fragmentierung in Amsterdam, Frankfurt/Main und Los Angeles, in: Stefan Hradil (Hrsg.), Differenz und Integration, Frankfurt/New York, S. 807-823
Hennig, Eike 1998a: Global Cities and Polyethnic Mix: The Case of Los Angeles County, Paper: 14th World Congress of Sociology, Montréal: Juli
Hennig, Eike 1998b: Fortress L.A. = Die Engelsburg?, Vorgänge 144, Dez., S. 52-61
Hennig, Eike 1999: Globalisierung und Innovation in internationalen Städten Oder: Wie ließe sich eine Differenz von Frankfurt a.M. und Los Angeles bestimmen?, in: Klaus Grimmer u.a. (Hrsg.), Innovationspolitik in globalisierten Arenen, Opladen, 163-179
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Höffe, Otfried 1999: Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, München
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Maharidge, Dale 1996: The Coming White Minority, New York
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Saltzstein, Alan L. 1996: Los Angeles: Politics Without Governance, in: H.V. Savitch, Ronald K. Vogel (Hrsg.), Regional Politics, Tousand Oaks/New Dehli, 51-71
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Siegel, Fred 1997: The Future Once Happened Here, New York u.a.
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Sorkin, Michael (Hrsg.), 1992: Theme Park. New York
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Waldinger, Roger, Mehdi Bozorgmehr (Hrsg.) 1996:
Ethnic Los Angeles, New York
(1) Diese Charakterisierung ist zu einfach und trifft nicht die Vielschichtigkeit der "Gated Communities". - Vgl. die folgenden Hinweise im Text.
(2) "The heart of the Mexican Dream is L. A." (der mexikanische Schriftsteller C. Monsivais lt. Rieff 1992: 241).
(3) Vgl. auch die Karten in Bergesen / Herman 1998: 44, 46.
(4)Eine andere Umfrage (LAT 10. 2. 1997) hält fest, daß in Los Angeles 4 von 10 Personen ein Opfer schwerer Gewalt kennen. Insbesondere 54 % der Schwarzen (gegenüber 34 % der Weißen) äußern, daß sie Gewaltopfer persönlich kennen. Auch wenn Gewaltverbrechen eine rückläufige Tendenz aufweisen, bleibt die Furcht vor Verbrechen doch eine wesentliche Einstellungsgröße.
(5) "Los Angeles" sollte als Probierstein einer normativen komplexen Weltordnung (Höffe 1999) und einer gelebten globalen Stadt (Eade 1997) gegenübergestellt werden. - Dies versteht sich aber nur als ein Hinweis, dem hier nicht weiter nachgegangen werden kann.
(6) Maharidge (1996: 163) berichtet, der Proposition 187 - sie beinhaltet
(kurz) die Aussetzung jedweder öffentlicher Leistungen und Hilfen
an illegale Einwanderer - hätten zwei Drittel der Weißen und
rd. 50 Prozent der Asiaten und Afroamerikaner zugestimmt. - Prop. 187 ist
wg. Mißachtung grundsätzlicher Menschenrechte ausgesetzt worden
und 1999 vom kalifornischen Bundesstaat zurückgenommen worden. Sie
gilt als Markstein für NIMBY und Wohlstandschauvinismus, wobei dessen
polyethnischer Mix bemerkenswert ist.
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