Forschung und Kooperationen
Die Forschungsschwerpunkte der Kasseler Mediävistik liegen in den Bereichen Kulturwissenschaft, Gender Studies, Familienmodelle in der Literatur, Konstruktion von (Kultur)räumen, mittelalterlicher Buchkultur sowie Mittelalterrezeption und deren medialer Inszenierung.
In diesem Zusammenhang sucht sie nach Kontinuitäten und Transformationen literarischer Muster und Motive sowie deren Ausdrucksformen über die Jahrhunderte hinweg.
Forschung
DFG-Forschungsprojekt „ Die Fürstenbibliothek Arolsen als Kultur- und Wissensraum vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert und ihre Einflüsse auf Genese, Formung und Identität des Fürstenstaats“ (AntragsstellerIn: Prof. Dr. Claudia Brinker-von der Heyde (Universität Kassel)/Prof. Dr. Jürgen Wolf (Philipps-Universität Marburg): Die Fürstlich Waldecksche Hofbibliothek in Bad Arolsen, in der ca. 35.000 Bände sowie verschiedene historische Quellen und Kunstobjekte untergebracht sind, stellt insbesondere im 18. Jahrhundert einen ausgesprochen anregungsreichen Kulturort dar. Das DFG-Projekt will diese Bibliothek und den sie beherbergenden Wissens- und Kulturraum erschließen, d.h. im open access-Verfahren zugänglich machen. Ziel ist es dabei unter anderem, die Bedeutung der Fürstenbibliothek für alle Handlungen innerhalb des kleinen Staates, für die Schaffung wechselnder kultureller Identitäten und ihre Vernetztheit mit dem Kultur- und Kunstbetrieb zu erforschen.
Prof. dr. Claudia Brinker-von der Heyde: Mitantragstellerin und Vollmitglied des DFG-Graduiertenkollegs: "Dynamiken von Raum und Geschlecht. entdecken – erobern – erfinden – erzählen", das eine Kooperation der Univeristäten Kassel und Göttingen ist. Erklärtes Ziel des Graduiertenkollegs ist es, die Wechselwirkungen von Raum und Geschlecht zu analysieren und in diesem Rahmen neue Perspektiven für Analysen global-lokaler Zusammenhänge zu entwickeln. Dies kann nur gelingen, wenn neben den klassischen Disziplinen wie Geschichts-, Literaturwissenschaft und Soziologie Fächer teilnehmen, die methodisch wie vom Forschungsgegenstand her über globale Expertise verfügen: Ethnologie, Arabistik/ Islamwissenschaft und Ethik der Medizin. Außerdem impliziert das Prozessuale der untersuchten wechselseitigen Dynamiken die jeweils historische Kontextualisierung der Fragestellungen in den unterschiedlichen Epochen und Kulturen.
Prof. Dr. Claudia Brinker-von der Heyde (Antragstellerin)/Dr. Susanne Schul (Mitarbeit): ZFF-Forschungsschwerpunkt „Ungleichheiten in Geschlechterverhältnissen“.Die Thematisierung von Ungleichheiten in Geschlechterverhältnissen findet sich in populären wie wissenschaftlichen Kontroversen. Sie sind in ihren Zuschreibungen dem Wandel der Zeit unterworfen und scheinen zugleich ein immer wiederkehrendes Muster zu enthalten: die Verknüpfung von Geschlecht mit Benachteiligung. Dieses komplexe Verhältnis von Ungleichheiten und Geschlecht untersucht der fachbereichsübergreifende ZFF-Forschungsschwerpunkt aus interdisziplinärer Perspektive. Erforscht werden die Dynamiken und Ungleichzeitigkeiten der Verknüpfung von Geschlechterordnungen und gesellschaftlicher Partizipation im Prozess des historischen Wandels.
Prof. Dr. Claudia Brinker-von der Heyde (Antragstellerin)/Dr. Susanne Schul (Mitarbeit): Interdisziplinärer Arbeitskreis zur Beantragung eines LOEWE-Schwerpunkts der Universität Kassel: Tier – Mensch – Gesellschaft: Ansätze einer interdisziplinären Tierforschung. Tiere haben in der Geschichte immer eine wichtige Rolle gespielt. Das Verhältnis des Menschen zum Tier war dabei wandelbar und widersprüchlich. Auch die moderne Gesellschaft basiert auf der Nutzung von und dem Umgang mit Tieren. In der Öffentlichkeit werden allerdings nicht nur zunehmend ethisch motivierte Fragen gestellt, vielmehr wird im Kontext der neueren Tierrechtsdiskussion auch nach Tieren als Subjekten gefragt. Die Debatte über Tiere ist somit eine Debatte über das Selbstverständnis des Menschen und die Existenzbedingungen der Gesellschaft. Unter dem Leitbegriff „Relationalität“ fragt der geplante LOEWE-Schwerpunkt nach Mensch-Tier-Konstellationen in Geschichte und Gesellschaft.
Kongressleitung Prof. Dr. Claudia Brinker-von der Heyde (Universität Kassel), Prof. Dr. Heino Ewers (Universität Frankfurt), Dr. Holger Ehrhardt (Universität Kassel): Internationaler Kongress vom 17.-20.12.2012 Märchen, Mythen und Moderne: 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Am 20. Dezember 2012 jährt sich zum 200. Mal das Erscheinen des ersten Bandes der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Dieses aus dem Geist der Romantik hervorgegangene Werk stellt die weltweit wohl berühmteste Märchensammlung des frühen 19. Jahrhunderts dar. Es zählt zu den am häufigsten übersetzten Werken der deutschen Literatur. Ziel des Kongresses ist es daher, die Märchensammlung in das so überaus vielschichtige Schaffen der Brüder Grimm und die Zeit, in der sie entstanden ist, einzuordnen. Denn die Brüder Grimm wurden im In- und Ausland nicht nur für die Art ihres Sammelns von Märchen, Sagen, Schwänken, Legenden und Tierepen zum Maßstab genommen. Auch und gerade als Entdecker und Herausgeber von Literatur- und Rechtsdenkmälern der Vergangenheit, als Mythenforscher, als Sprachhistoriker und Dialektforscher wie auch als Wörterbuchmacher wurden sie wegweisend für unzählige Forschergenerationen vom 19. Jahrhundert bis heute.
Promotionsprojekte
Marco Caesa
Verhandlungen mit dem Gerichtskampf und Gerichtskampf als Verhandlung: Konzeption, Hintergrund und Funktion eines Rechtsphänomens in der Literatur des Mittelalters
Kämpfe sind in der mittelalterlichen Literatur um 1200 in verschieden Texten und Gattungen stark repräsentiert, da sie mitunter existenz- und identitätsstiftende Funktion haben. Im Zuge der sehr aktuellen Forschungsansätze über Gewalt und Gewaltregulierung sind diese Kämpfe auch berücksichtigt worden. Nicht oder nur partiell beachtet wurden hingegen gerichtliche Zweikämpfe, die, im Gegensatz zu „normalen“ Kämpfen, zwar stark unterrepräsentiert sind, nichtsdestotrotz in zahlreichen Texten aus verschiedenen Gattungen Erwähnung finden.
Diese Lücke versucht das geplante Dissertationsprojekt zu schließen. Unter kulturanthropologischen Ansätzen, Aspekten des sog. „New Historicism“, sowie performativen und ritualtheoretischen Fragestellungen sollen literarische Gerichtskämpfe mit Hilfe eines breiten, eine Vielzahl epischer Gattungen berücksichtigenden Textkorpus analysiert werden. Auf der von Gerd Althoff aufgestellten These anknüpfend, wonach mittelalterliche „Dichter mit den Spielregeln der Gesellschaft spielen“, ist das zentrale Anliegen der Arbeit, die Konstanten, Transformationen, Ironisierungen, Problematisierungen und Verfremdungen der beschriebenen Gerichtskämpfe herauszuarbeiten und nach deren Funktion im Erzählganzen zu fragen.
Dr. Annabelle Hornung (abgeschlossenes Projekt)
(Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Dimensionen von Erfahrung“)
„Daz was ein dinc, daz hiez der Grâl“ – Der Gral und das Geschlecht“
In Dan Browns Bestsellerroman Sakrileg (The da Vinci Code) werden heutige Geschlechtervorstellungen auf ein prominentes, historisches Phänomen – das des Grals – rückprojiziert. Ausgehend von der Rezeption des mittelalterlichen Motivs im Sakrileg fragt mein Dissertationsprojekt, wie Geschlecht in den mittelalterlichen Texten gedacht wird, die sich mit dem Gral beschäftigen. Wo lassen sich in diesen Texten Verschiebungen und Brüche zur heutigen Auffassung von Geschlecht aufzeigen? Der Ursprung des Phänomens in der altfranzösischen Literatur soll berücksichtigt werden, aber der Fokus der Arbeit soll auf zwei mittelhochdeutschen Romanen liegen, Wolfram von Eschenbachs Parzival und Heinrich von dem Türleîns Diu Crône . Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Frage, wie und warum Begehren und Geschlecht schon in den mittelalterlichen Romanen untrennbar mit diesem Ding, das Gral heißt, verbunden sind. Dabei muss zuerst betrachtet werden, welches Ding der Gral ist, wofür er steht, welches Signifikat er ist und welche Signifikanten für ihn stehen. Kann der Gral zum Beispiel – wie bei Dan Brown – als ein Zeichen für den weiblichen Körper gelesen werden, der von den männlichen Gralsrittern gesucht und gefunden wird? Hier zeigt sich, dass in allen Gralstexten Begehrensstrukturen eine wichtige Rolle spielen, zum einen Begehren zwischen den Geschlechtern, zum anderen das Begehren, dass die Gralssucher auf den Gral verlagern. Schon in der Gralsliteratur des Mittelalters verwischen sich die Geschlechtergrenzen. Das lässt sich vor allem an den Gralsgesellschaften, die sich um den Gral konstituieren, festmachen. Diese Gesellschaften können sowohl patrilinear als auch matrilinear aufgebaut sein und sind der Keuschheit verpflichtet. Die sich daraus ergebenden Konflikte um Geschlecht und Genealogie machen die Gralsliteratur und ihre postmoderne Rezeption bis heute für die gender und queer studies relevant. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen Einzelanalysen ausgewählter Stellen der jeweiligen Romane, die hermeneutisch interpretiert werden sollen. Daraus werden zentrale Kennzeichen am Phänomen Gral und der damit einhergehenden Verhandlung von Geschlecht erarbeitet, die mit Methoden der gender studies und der queeren Mediävistikforschung analysiert werden sollen.
Weitere Informationen finden Sie hier unter dem Punkt „Projekte“ http://www.uni-kassel.de/iag-fg/grako/Welcome.html
Dominik Motz
(Assoziierter Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt „ Die Fürstenbibliothek Arolsen als Kultur- und Wissensraum)
Leichenpredigten und sonstige Trauerliteratur in Duodezfürstentümern des Alten Reiches am Beispiel Waldeck-Pyrmont
Im 16. Jahrhundert kommt in den protestantischen Gebieten Mitteldeutschlands der Brauch auf, Verstorbene mit einer gedruckten Leichenpredigt zu ehren. Vor allem der Adel nutzte solche Druckwerke als Mittel der medialen Selbstdarstellung und sorgte für eine überregionale Verteilung, indem diese Texte beispielsweise verwandten bzw. befreundeten Höfen zugesandt wurden. Obwohl es sich bei der Leichenpredigt um eine wichtige Quelle für die höfische Kultur der Frühen Neuzeit handelt, fehlt bis heute eine Territorialstudie, die den Umgang mit diesen Drucken aus der Perspektive einer Adelsfamilie in den Blick nimmt. Dies soll im vorliegenden Dissertationsprojekt am Beispiel des Duodezfürstentums Waldeck-Pyrmont geleistet werden. Im Zentrum stehen dabei auf der einen Seite Fragen der Speicherung, Distribution und Rezeption der Leichenpredigt am waldeckischen Hof, die auf der Grundlage der in der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek vorhandenen Leichenpredigtdrucke, der erhaltenen Bibliothekskataloge sowie der zahlreich überlieferten Archivalien beantwortet werden sollen. Auf der anderen Seite ist geplant, die Produktion eigener waldeckischer Leichenpredigten zu untersuchen, wobei insbesondere eine Analyse der Texte hinsichtlich ihres Repräsentationspotentials und ihrer Rolle bei der politischen Kommunikation des Hauses Waldeck erfolgen soll.
Vorlage der Dissertation und Zulassung zum Promotionshauptverfahren
Jeanny Peters (abgeschlossenes Projekt)
Form und Funktion der Welttheatermetapher bei Andreas Gryphius
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage nach der Rolle des Menschen im barocken Welttheater und damit einhergehend die Analyse der barocken Verwendung der Weltheatermetapher und der ihr verwandten Erscheinungsformen (das Leben als Spiel oder als Traum). Textgrundlage sind die Lust- und Trauerspiele des Andreas Gryphius. Der methodische Ansatz dieser Arbeit beruht auf einer Synthese von Rollentheorie (Goffman), Aufführungstheorie und Theatersemiotik und zielt darauf ab, strukturelle Parallelen zwischen der gesellschaftlichen Realität, dem theatralen Prozess der Umformung in eine semiotische Realität und der daraus resultierenden Umwälzung oder Beibehaltung sozialer Gegebenheiten aufzuzeigen und zu vergleichen.
Betrachtet man das Theater zugleich als Abbild und Sinnbild der Welt (Alewyn), so steht außer Zweifel, dass bestimmte Wertvorstellungen der Gesellschaft vom Theater übernommen und dem Publikum vor Augen geführt werden. Gleichzeitig kann es aber auch Prozesse in Gang setzen, in denen diese Wertvorstellungen, aber auch kulturelle Setzungen und gesellschaftliche Normen sich verändern. Die verwendeten theatralen Zeichen entspringen dann zwar weiterhin der realen Gesellschaft, verlieren innerhalb der Darstellung jedoch ihre Gebrauchsfunktion und werden auf eine reine Verweisfunktion reduziert. Die Typisierung des Menschen auf der barocken Bühne zeigt in konzentrierter Form, welche verschiedenen Rollen (und die damit verbundenen Repräsentationsmöglichkeiten) in der Gesellschaft vorhanden sind.
Bei der Definition der Rolle des Menschen ist sowohl die horizontale Ebene (Verhältnis zur Gesellschaft), als auch die vertikale Ebene (Verhältnis zu Gott) zu berücksichtigen. Die bereits seit der Antike verwendete Metapher eines Welttheaters mit Gott als oberstem Spielleiter, der dem Menschen seine Rolle vorgibt, findet in der hierarchisch und absolutistisch geprägten Gesellschaft des 17. Jahrhunderts ihr weltliches Pendant. In der Figur des Fürsten spiegelt sich die Rolle Gottes wider: er allein kann Rollen verteilen und Spielregeln ändern, mit dem einzigen, allerdings signifikanten Unterschied, dass der irdische Fürst nach misslungenem „Spiel“ von Gott gerichtet werden kann. Doch obwohl insbesondere das höfische Leben des 17. Jahrhunderts streng geordnet war, gab es Ausbruchsmöglichkeiten, die auch in den Dramen thematisiert werden. Die schon bei Calderón aufgeworfene Frage nach der Handlungsfreiheit des Menschen zeigt, dass der Mensch des 17. Jahrhunderts sich seiner Rolle(n) durchaus bewusst war und sich, mit entsprechenden Konsequenzen, auch gegen die Annahme einer Rolle entscheiden konnte.
09/2011 Vorlage der Dissertation und Zulassung zum Promotionshauptverfahren
10/2011 Termin der Disputation
Dr. Susanne Schul (abgeschlossenes Projekt)
(Wissenschaftliche Mitarbeiterin der germanistischen Mediävistik der Universität Kassel)
HeldenGeschlechtNarrationen. Gender, Intersektionalität und Transformation im Nibelungenlied und Nibelungenlied-Bearbeitungen
Kaum ein Text der deutschen Literaturgeschichte hat so viele Nachdichtungen, filmische Interpretationen und dramaturgische Inszenierungen provoziert wie das Nibelungenlied. In den unterschiedlichen Bearbeitungen des Nibelungenstoffes haben gerade die Heldinnen und Helden über die Jahrhunderte markante Transformationen erfahren, die eine Untersuchung ihrer geschlechtsspezifischen Rollenmuster im Wandel der Zeit und der Gattungen zu einer spannenden Fragestellung machen.
Das zentrale Anliegen des Projektes besteht darin, herauszufinden, welche Bilder der Geschlechter das Mittelalter im Vergleich zur Moderne zeichnet und wie sich die modernen Geschlechtermotive vom 19. Jahrhundert über das 20. Jahrhundert hin zum 21. Jahrhundert wandeln. Der methodische Schwerpunkt liegt hierbei auf einer präzisen, diachronen Text und Medienanalyse, die sich über den Blickwinkel der Genderforschung mit der Rezeption der Nibelungen in der Moderne auseinandersetzt. Die Dissertation wird sich in diesem Zusammenhang mit vier unterschiedlichen Bearbeitungen des Nibelungenstoffes auseinandersetzen. Den Ausgangspunkt der Bearbeitung stellt die handschriftliche Überlieferung des mittelhochdeutschen Nibelungenliedes eines anonymen Dichters von ca. 1190-1210 dar. Zur vergleichenden Analyse sollen das Nibelungendrama Friedrich Hebbels von 1860, die filmische Interpretation Fritz Langs von 1924 und die dramatische Adaption von Moritz Rinke in der Inszenierung von Dieter Wedel bei den Wormser Nibelungenfestspiele von 2002 herangezogen werden.
Ambivalente Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit, Geschlecht und Gewalt, genderspezifische Handlungsspielräume sowie die Hierarchien der Geschlechter sind eine Auswahl der genderorientierten Motivkomplexe, die in den fiktionalen Texten und medialen Inszenierungen des Promotionsvorhabens eine wichtige Rolle spielen werden. Hierbei ist zu beachten, dass die Genderentwürfe und ihre Dynamik im mittelalterlichen Epos sowie in den neuzeitlichen Bearbeitungen des Nibelungenliedes in engen Zusammenhang mit den stofflich bedingten Rollenerwartungen, der zeitgenössischen geschlechtsspezifischen Gesellschaftsordnung und den gattungsbedingten Darstellungsformen stehen.
09/2011 Vorlage der Dissertation und Zulassung zum Promotionshauptverfahren
11/2011 Termin der Disputation
Jennifer Villarama
(Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Dimensionen von Erfahrung“)
Die Darstellung der Amazone in der deutschen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts
Wer annimmt, dass Amazonen-Figuren erst durch Heinrich von Kleists Trauerspiel „Penthesilea“ (1808), Friedrich Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ (1801) oder Johann Wolfgang Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795-96) Eingang in die deutsche Literatur gefunden haben, irrt. Denn die durch Mythen (Homer, Diodor, Herodot) geprägte Vorstellung von den männergleichen bzw. männerfeindlichen, einbrüstigen und in gynaikokratischen Verhältnissen lebenden Kriegerinnen hat Dichter und Künstler von der Antike bis in die Gegenwart inspiriert. Sowohl die Beliebtheit des Amazonen-Motivs in der (europäischen) Literatur als auch die Bedeutung und Leistung von Schriftstellerinnen, die als „Amazonen der Feder“ bezeichnet wurden, ist vom Mittelalter bis in die Gegenwart hinein untersucht worden. Arbeiten zur Darstellung der Amazone in deutschen Texten des 17. und 18. Jahrhunderts sind allerdings ein Forschungsdesiderat. Dieses nicht bearbeitete Forschungsfeld will das Dissertations-Projekt erschließen.
Ziel der geplanten Untersuchung ist es, durch Konzepte der Gender Studies herauszuarbeiten, inwiefern Weiblichkeitsentwürfe des 17. und 18. Jahrhunderts die Darstellung der Amazone in der Literatur beeinflusst haben und in welcher Weise sich diese vom Amazonen-Bild des 19. Jahrhunderts (bei Schiller, Kleist, u. a.) unterscheiden. Die Frage, aus welchen Gründen das antike Amazonen-Bild auch hier wieder „funktionalisiert und neuen Zwecken zugeführt“ wurde, ist dabei von zentraler Bedeutung. So taucht die Amazonen-Figur im 18. Jahrhundert zwar auch im außerhöfischen Kontext auf (Amazonen-Lieder), doch ist die mythologische Kriegerin überwiegend in Texten (Singspiel- und Ballettlibretti, Festbücher) zu finden, die zu verschiedenen Anlässen am Hofe aufgeführt und verfasst wurden. Doch aus welchen Gründen war die Rezeption antiker Mythen bei Hofe so beliebt, und warum haben sich gerade Amazonen-Figuren als Rollen sowohl in der Literatur als auch in Hofaufführungen angeboten? Auf welche Amazonen-Mythen wurde zurückgegriffen, und welche intertextuellen Bezüge lassen sich feststellen? Hinsichtlich dieser Fragen sollen in der Arbeit nicht nur Mythentheorien (Lévi-Strauss, Blumenberg), sondern ebenso Aspekte der Androgynie (Bock), Theorien zum Cross-Dressing (Butler, Garber) und zur Körpersemiotik (Fischer-Lichte) genutzt werden, da die Figur der Amazone sowohl Frauen als auch Männer zur (Selbst-) Stilisierung als mythische Kriegerinnen eingeladen hat. Darüber hinaus ist es im Kontext einer Beschäftigung mit höfischen Amazonen-Darstellungen unumgänglich, sich (kritisch) mit dem Konzept der „repräsentativen Öffentlichkeit“, wie es von Jürgen Habermas dargelegt wurde, auseinanderzusetzen. Denn Feierlichkeiten am barocken Hof, ob sie nun exklusiv für den Hofstaat oder außerhalb der Hofräumlichkeiten begangen wurden, dienten der Repräsentation des Monarchen bzw. der Monarchin und fungierten als Demonstration von Größe und Macht.
Weitere Informationen finden Sie hier unter dem Punkt „Projekte“ http://www.uni-kassel.de/iag-fg/grako/Welcome.html
Marie Isabelle Vogel M.A.
(Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Forschungsprojekt „ Die Fürstenbibliothek Arolsen als Kultur- und Wissensraum)
Die Klebebände der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek
Die Dissertation befasst sich mit der Sichtung und wissenschaftlichen Erschließung der in der Fürstenbibliothek Arolsen aufbewahrten und bisher gänzlich unerforschten und unedierten 19 Klebebände. Als Teil des kulturellen Erbes der Region erlauben sie einen vertiefenden Einblick in den Kultur- und Wissensraum des Fürstentums Waldeck.
Klebebände sind ihrem Konzept nach unikal und versprechen unter einem literatur- und medien- wissenschaftlichen Ansatz Erkenntnisse über den Umgang mit kulturellem Wissen sowie über den Zusammenhang von Literatur und (fürstlicher) Lebenswelt.
Ausgangsthese des Projekts ist, dass die Gattung Klebeband sich vor allem über ihre praktische Funktion definiert. Die Untersuchung der Abbildungen verspricht Aufschluss darüber, was Nutzer in dieser Epoche für wissenswert hielten und wie sie sich Wissen über Fragmentierung, Neuordnung und auch Generierung verfügbar machten. Ziel wird es sein, die Entstehungsprozesse zu rekonstruieren.
Im Weiteren stellt sich die Frage nach der Rezeptionsästhetik und der medialen Wirkung der Bilder. Denn das ästhetische Kunstwerk ist bekanntermaßen für jeden Leser ein anderes, selbst dann, wenn derselbe materielle Text rezipiert wird. Und gerade bei Portraits ist dabei die Kompetenz des Betrachters gefordert, muss er doch Vorwissen aufweisen, um die dargestellte Person zu erkennen. Es erscheint viel versprechend, die Sammlung auf den Mehrwert hin zu untersuchen, den die Konstruktion dieser Portraitwelten für den Betrachter liefert.
Kooperationen
Arbeitsgruppe Germanistische Mediävistik in Hessen
Goethe Universität Frankfurt am Main
Justus-Liebig-Universität Gießen
Studiengruppe "Historische Intersektionalitätsforschung" des Forschungszentrums für historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt
Graduiertenkolleg „Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Dimensionen von Erfahrung“. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und Universität Kassel.
http://www.uni-kassel.de/iag-fg/grako/Welcome.html
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechterforschung
http://www.uni-kassel.de/iag-fg/
KURA Konstruktion von Kulturräumen: Interdisziplinärer geisteswissenschaftlicher Forschungsschwerpunkt der Universität Kassel
http://www.uni-kassel.de/kura/
Partnerschaft mit der Universität Szeged, Ungarn
Sprachliche, literarische und mediale Transformationen in Raum und Zeit: Promotionskolleg des Fachbereichs 02 und der IAG Kulturforschung
Weitere Informationen hier.