Am Anfang stand das Finanzamt. Gefördert von der Volkswagen-Stiftung
untersuchte das "Forschungsprojekt Verwaltungsautomation" Mitte
der 70er Jahre die EDV-basierte Rationalisierung in deutschen Finanzbehörden.
Aus dem Forschungsprojekt wurde eine Forschungsgruppe, die ihre Tätigkeit
schon bald über die Auseinandersetzung mit der Informations- und Kommunikationstechnik
(IuK-Technik) hinaus auf den gesamten Komplex von Verwaltungsarbeit und
-handeln ausgedehnt hat. Auch wenn der Name mehr verwirrt als aufklärt:
Das etwas altertümlich und technikgläubig anmutende Markenzeichen
"Verwaltungsautomation" wurde - vereinzelten Änderungswünschen
zum Trotz - bis heute beibehalten.
Kein anderer Gegenstand verwaltungswissenschaftlicher Forschung hat eine
auch nur annähernd mit dem Vordringen der IuK-Technik vergleichbare
Entwicklung hinter sich. Nicht allein, daß heute schon kleine portable
Rechner die Leistungsdaten der voluminösen und kostenträchtigen
EDV-Systeme aus der Frühzeit um Längen überbieten. Auch
die Rahmenbedingungen des Technikeinsatzes haben sich grundlegend verändert:
Die bis weit in die 80er Jahre hinein verbreitete Angst vor dem "Großen
Bruder" ist ebenso verschwunden wie die kategorische Ablehnung von
Computerarbeitsplätzen durch Gewerkschaften und Beschäftigte.
Stattdessen breitet sich gegenwärtig eine bislang unbekannte, dabei
leider auch unkritische Euphorie gegenüber den Segnungen der "Informationsgesellschaft"
mit ihren "Datenautobahnen" aus.
Auf die Arbeitsprozesse kommt es an...
Folgerichtig wird der Einsatz moderner, miteinander vernetzter Rechnersysteme
im Kontext der anstehenden Verwaltungsreformen einmal mehr als Schlüssel
zur umfassenden Modernisierung gehandelt. Die von der Forschungsgruppe
Verwaltungsautomation unter Leitung von Prof. Dr. Hans Brinckmann und Prof.
Dr. Klaus Grimmer vorgelegten Forschungsergebnisse der letzten 20 Jahre
geben Anlaß zu Zurückhaltung und Optimismus zugleich. Eines
jedenfalls ist klar: Ohne Blick auf die spezifischen Einführungs-
und Nutzungsbedingungen und ohne eingehende Analyse der Arbeitsprozesse
in den jeweiligen Verwaltungen sind Enttäuschungen auch bei der nächsten
Technisierungsrunde im öffentlichen Sektor vorprogrammiert.
Charakteristisch für die erste Arbeitsphase der Forschungsgruppe Verwaltungsautomation
waren empirische Projekte zu den Auswirkungen und Einführungsbedingungen
der IuK-Technik. Dieses Tätigkeitsfeld ist kontinuierlich fortgeführt
worden und genießt bis heute unveränderte Aktualität. Darauf
aufbauend hat die Gruppe eine zunehmend aktivere Rolle in Technisierungsprozessen
sowie in Projekten zur Organisations- und Arbeitsgestaltung eingenommen.
Indem behördliche Veränderungs- und Entwicklungsprozesse nicht
mehr nur beobachtet, sondern aktiv mitgestaltet wurden, erwuchs die Anwendungs-
und Gestaltungsforschung zum zweiten Standbein. In jüngster Zeit ist
eine dritte Form der Projektarbeit hinzugekommen: In einem vom BMBF geförderten
Vorhaben werden Transfermaterialien erarbeitet, um es Verwaltungsmanagern,
Beschäftigten und Interessenvertretern zu ermöglichen, Innovationsprozesse
eigenständig anzustoßen und durchzuführen.
Forschung, Lehre und Beratung
Die Verzahnung von Forschung und Lehre wird unter anderem durch die
Einbindung der Forschungsgruppe in den Weiterbildenden Studiengang Informationsorganisation
gewährleistet. Darüber hinaus werden mit der Vortragsreihe "Zukunft
der Verwaltung - Verwaltung der Zukunft" Forschungs- und Arbeitsergebnisse
einer breiteren Öffentlichkeit aus dem nordhessischen Raum vorgestellt.
All diese Aktivitäten werden wegen der schmalen Grundfinanzierung
vor allem durch eingeworbene Drittmittel ermöglicht. Bei der Akquisition
von Projekten hat sich die Unterstützung durch Mittel der Zentralen
Forschungsförderung der Universität Gesamthochschule Kassel sowie
des zuständigen Fachbereichs als sehr förderlich herausgestellt.
Insgesamt 28 Forschungs- und Gestaltungssprojekte und 11 gutachterliche
Projektstudien haben eine Relation zwischen Hochschul- und Landesmitteln
zu Drittmitteln von 1:14 hervorgebracht. Der Hauptanteil der bisher erhaltenen
Fördermittel stammt vom Bundesforschungsministerium, dem Ministerium
für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, der Volkswagen-Stiftung
und der DFG.
In jüngster Zeit hat die praktische Beratungsarbeit in Verwaltungen
erheblich an Bedeutung gewonnen. Mitarbeiter der Forschungsgruppe arbeiten
dabei als Berater, Moderatoren und Organisationsentwickler in Prozessen
der kommunalen Verwaltungsreform. Auf diese Weise verfügt die Forschungsgruppe
über einen sehr unmittelbaren Einblick in die gegenwärtige Modernisierungspraxis.
Über den Rahmen einzelner Projekte hinaus wird dies dazu genutzt,
den interkommunalen Erfahrungsaustausch zu unterstützen sowie auf
Probleme und mögliche Lösungsmöglichkeiten bei weitreichenden
Organisationsveränderungen hinzuweisen.