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ARIADNE 43 Gegen-Bewegung der Moderne Verbindungen von Antifeminismus, Antisemitismus und Emanzipation um 1900 Redaktion: Kerstin Wolff / Claudia Bruns Erscheinungstermin: Mai 2003
Editorial Gelegentlich entsteht der Eindruck, der Feminismus und mit ihm die Feministinnen hätten ihr Ziel erreicht, alle Forderungen seien erfüllt und daher eine Bewegung, wie die des Feminismus beziehungsweise der Emanzipation sei nicht mehr nötig. Wird dann allerdings über die Grenzen der eigenen Anschauungen hinaus geblickt, muss es umso mehr erstaunen, dass es immer noch vehemente GegnerInnen des Feminismus gibt, die ihre Positionen keineswegs für überholt halten. 100 Jahre alte antifeministische Argumente feiern auch heute noch fröhliche Urständ. Sah schon Philipp Stauff 1909 in den Alldeutschen Blättern die »völkische Fruchtbarkeit« durch die erstarkende Frauenbewegung bedroht, so glaubt der Soziologe Prof. Dr. Norbert Bolz in einem Artikel vom Februar 2003 erneut die Hauptschuldigen für steigenden Geburtenrückgang und hohe Scheidungsraten in »Feminismus« und »Emanzipation« ausmachen zu müssen.1 Die Annahme liegt nahe, dass EmanzipationsgegnerInnen zu konservativen, antimodernen und – damit einhergehenden – nationalistischen Ansichten tendieren, während von EmanzipationsbefürworterInnen angenommen wird, dass sie liberale, tolerante und moderne politische Haltungen einnehmen. Diese aktuelle Gegenüberstellung verweist auf einen Aufsatz von Shulamit Volkov, die sich dieser Verknüpfung geschichtswissenschaftlich angenommen hat. Ihr Artikel: »Antisemitismus als kultureller Code« von 1978 wurde in Deutschland erst spät rezipiert, findet derzeit aber in der Frauen- und Geschlechterforschung breite Beachtung. Volkov geht davon aus, dass antisemitische Positionen als ein gesellschaftlicher »Code« für die Ablehnung moderner Emanzipationsbewegungen dienten. Folglich seien AntisemitInnen in der Regel auch antiliberal, antimodern und – so könnte gefolgert werden – auch antifeministisch gewesen. Anders gedacht konnten wegen dieser antiliberalen Codefunktion des Antisemitismus die AnhängerInnen von modernen Emanzipationsbewegungen jeglicher Art (sei es der Arbeiter-, Frauen- oder Judenemanzipation) keine AntisemitInnen sein. Die jeweilige Haltung gegenüber dem Antisemitismus transportierte laut Volkov also eine umfassendere Botschaft als die reine Judenfeindschaft. Sie machte die eigene Stellung zur liberalen Politik und zur modernen Gesellschaft deutlich.2 Aber, so ließe sich fragen, wie weit trägt diese Unterteilung in zwei komplementäre Lager von liberalen EmanzipationsbefürworterInnen auf der einen und rechten GegnerInnen auf der anderen Seite? Hält man sich vor Augen, dass FrauenrechtlerInnen zwar oft liberal waren, aber durchaus auch völkisch-nationalistische und antisemitische Positionen einnahmen, wird eine einfache Gegenüberstellung eines emanzipatorischen versus eines antiemanzipatorischen Lagers brüchig – so hilfreich sie auch im ersten Moment zu sein verspricht. Die Beiträge dieses Bandes versuchen den komplexen und oft widersprüchlichen historischen Verbindungen von Emanzipation und Emanzipationsgegnerschaft auf die Spur zu kommen. Ein besonderer Gewinn der hier versammelten Beiträge liegt darin, dass sie dabei die bisher zumeist getrennt untersuchten Bereiche von Antifeminismus und Antisemitismus miteinander in Beziehung setzen. Sie fragen danach, wie Diskurse, die im Rahmen der Frauenbewegung geführt wurden, gleichzeitig antisemitische Stereotypen transportieren konnten. Damit verweisen sie auch auf die äußerst ambivalente und prekäre Position feministischer Jüdinnen in der Gesellschaft der Jahrhundertwende. Andere Beiträge beschreiben an konkreten Beispielen die Art und Weise, wie Antifeminismus mit Antisemitismus verknüpft wurden, ohne diese Verbindung jedoch als zwangsläufig, linear und historisch invariabel festzuschreiben. Dabei zeigt sich unter anderem, dass Liberalismus und Antifeminismus in Hochzeiten antifeministischer Bewegungen (etwa vor Beginn des Ersten Weltkrieges) durchaus miteinander vereinbar waren. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der antifeministische Konsens dann von einem umfassenderen antisemitischen Konsens überlagert, der antifeministische Elemente in sich aufnahm. So untersuchen Stefanie Braukmann, Michaela Raggam-Blesch und Rainer Hering die Verknüpfung von Antisemitismus und Antifeminismus anhand der proletarischen und der österreichischen Frauenbewegung sowie des Alldeutschen Verbandes des Deutschen Kaiserreiches. Alle drei Beiträge zeigen, wie stark die emanzipatorischen und antiemanzipatorischen Argumentationsketten miteinander verschränkt waren und wie selbstverständlich sich etwa auch proletarische Frauen antisemitischer Bildsprache bedienten, oder wie reaktionäre Frauen sich öffentlich engagierten. Luisa Tasca und Julia Hornig beschäftigen sich mit Zeitschriften des konservativen politischen Lagers und fragen nach den Frauenbildern dieser Publikationen, aber auch nach Aktivitäten von konservativen ›Frauenrechtlerinnen‹ in diesen Publikationsorganen. Claudia Bruns beschreibt, wie die Diskussion um männliche Erotik, die durch den populären Wandervogelführer Hans Blüher aufgebracht wurde, von der Frauen- und Jugendbewegung aufgegriffen, angeeignet und nach dem Ersten Weltkrieg zum antisemitischen Bild des geschlechtslosen Juden transformiert wurde. Susanne Omran kann schließlich zeigen, dass auch die Diskurse aktiver Frauenrechtlerinnen um Hausarbeit in eine politische Diskurstradition eingebunden waren, die sich wesentlich auf den Juden als Personifizierung des Verwerflichen stützte. Das Heft endet mit einen Forschungsüberblick von Angelika Schaser, der hervorhebt, dass Ausschluss und Integration von Juden und Frauen in einzelnen Bereichen unter verschiedenen Voraussetzungen und mit zeitlichen Verschiebungen erfolgten. Es macht den Reiz der hier vorliegenden Forschungsergebnisse aus, dass sie das Funktionieren der historischen Mechanismen sehr kleinteilig beobachten und sich mit allzu linearen und übergreifenden Thesen zurückhalten. Denn es zeigt sich, dass die jeweilige Haltung zur Moderne bzw. zu modernen Emanzipationsbewegungen in besonderer Weise von den Orten abhängig ist, von denen aus gesprochen wurde, d.h. von dem Beziehungs- und Machtgeflecht, in denen sich bewegt wurde, von dem tradierten Wissensdiskurs, an dem man partizipierte und von dem Selbstverständnis, das erworben oder angeeignet wurde. Alle Artikel machen deutlich, dass eine einfache Gegenüberstellung von Konservatismus versus Liberalismus und den damit zusammenhängenden ›Bewegungen‹ weder für das 19. noch für das beginnende 20. Jahrhundert sinnvoll ist. Vielmehr sind Bewegung und Gegenbewegung miteinander verbunden und so macht es historisch – wie aktuell – mehr Sinn, genau diese Verwobenheiten genauer zu erfassen. Anmerkungen
Abstracts Stephanie Braukmann »Die kapitalistische Gesellschaft schachert mit Allem und Jedem« Shulamit Volkov hat in ihrem Konzept von „Antisemitismus als kulturellem Code“ das Wilhelminische Kaiserreich als eine Gesellschaft beschrieben, die einen Prozeß extremer Polarisierung durchlebte, in deren Verlauf sich „zwei konzeptionelle Lager, zwei Systeme von Werten und Normen, kurzum: zwei Kulturen“ (Volkov, Shulamit: Antisemitismus als kultureller Code, in: dies.: Jüdisches Leben im 19. und 20. Jahrhundert. München 1990, S.23) gegenüberstanden, von denen die eine mit dem Begriff des Antisemitismus und die andere mit dem der Emanzipation verbunden wurde. Die proletarische Frauenbewegung ist dabei zweifellos der ‚Kultur der Emanzipation‘ zuzuordnen: Die sozialistischen Frauen lehnten in Übereinstimmung mit der sozialdemokratischen Partei den Antisemitismus ab, bekämpften die neu entstandenen antisemitischen Parteien und Verbände und verurteilten Pogrome und judenfeindliche Ausschreitungen in Osteuropa. So hilfreich Volkovs Konzept für das Verständnis des Antisemitismus im Kaiserreich ist, ist die Betonung des konzeptionellen Bruchs zwischen den ‚zwei Kulturen‘ immer auch mit der Gefahr verbunden, die Berührungspunkte emanzipatorischer Bewegungen mit dem Antisemitismus aus dem Blick zu verlieren. Ohne Volkovs Ansatz aufgeben zu wollen, möchte ich deshalb zeigen, daß die Integration der proletarischen Frauenbewegung im ‚Lager der Emanzipation‘, nicht bedeutete, daß ihre Diskurse von jeglicher Form von Antisemitismus frei gewesen wären. Berichtigung: In der Bildbeschreibung zu diesem Artikel (Ariadne Nr. 43, S.8) haben sich leider zwei inhaltliche Fehler eingeschlichen: Unter den in der – dem sozialdemokratischen Satire-Magazin »Der Wahre Jacob« entnommenen – Karikatur abgebildeten antijüdischen Stereotypen ist auch die Figur eines ›Ostjudens‹ zu sehen. Im Gegensatz zu den anderen dort abgebildeten antijüdischen Motiven kommt dieses Negativstereotyp in der Zeitschrift der proletarisch-sozialistischen Frauenbewegung »Die Gleichheit« nicht vor. Er dient hier lediglich der Illustration und verbindet sich nicht inhaltlich mit dem Text. Außerdem wird die Figur durch ›Schläfenlocken‹ und nicht durch ›Schäferlocken‹ kenntlich gemacht. Wir bitten diese Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion Claudia Bruns Vom Antifeminismus zum Antisemitismus Kontroversen um Hans Blüher Um 1912 erlebte die antifeministische Bewegung des Kaiserreiches einen Höhepunkt. Der Wahlsieg der SPD hatte die Befürchtungen vieler bürgerlicher Männer geschürt, dass die Einführung des Frauenwahlrechts kurz bevorstünde – und damit die entwürdigende Entmachtung des Mannes im Staat. Im selben Jahr hatte Hans Blüher der Männerbundidee zu unerwarteter Konjunktur verholfen, denn er deutete als deren erster Chronist die Wandervogelbewegung als homoerotisches, exklusiv männliches Phänomen. Eine ganze Generation von jungen Bürgerlichen diskutierte seine Thesen. Ein erster Effekt von Blühers Thesen war eine Ausgrenzung der der Homosexualität verdächtigen jungen Männer aus der Wandervogelbewegung. Ein zweiter die nachhaltige Debatte um Geschlechterverhältnisse und Staatlichkeit, in der Blühers Thesen auf wesentlich weniger Empörung stießen. Mein Beitrag möchte sich mit der Debatte um den „neuen Antifeminismus“ beschäftigen und die Reaktionen von einzelnen Frauen (E. Dieckmann, E. Busse-Wilson, E. Müller-Rau) aus der bürgerlichen Frauen- und Jugendbewegung auf ihn analysieren. Rainer Hering „Es ist verkehrt, Ungleichen Gleichheit zu geben“ Der Alldeutsche Verband und das Frauenwahlrecht Der von 1890 bis 1939 bestehende Alldeutsche Verband war eine der einflussreichsten Organisationen des radikalen Nationalismus in Deutschland und stellte eine wesentliche organisatorische und ideologische Konstante der “Völkischen Bewegung” in Deutschland vom Kaiserreich zum “Dritten Reich” dar. Auch wenn er zahlenmäßig nicht über 50.000 Mitglieder hinaus kam, so war er doch durch die hohe gesellschaftliche Stellung und die berufliche Wirksamkeit seiner Mitglieder aus dem Bildungs- und Besitzbürgertum – Oberlehrer, Professoren, Juristen, Pastoren, Mediziner, Publizisten, Kaufleute – von großem Einfluss. Außerdem gehörten ihm andere Vereinigungen als korporative Mitglieder an, die über 150.000 Personen umfassten. Von 1890 bis 1918 waren 93 Abgeordnete des Reichstages Mitglied des Alldeutschen Verbandes. Der Beitrag stellt die alldeutsche Position zum Frauenwahlrecht, die Rolle von Frauen im Verband und darauf basierend das dort vorherrschende Geschlechterbild dar. Dabei werden Konstanten und Veränderungen herausgearbeitet. 1918 kam es sogar zu einem Kontakt zwischen Käthe Schirmacher und dem Verband, um Mitwirkungsmöglichkeiten von Frauen in der völkischen Bewegung zu schaffen, in deren Folge sich der Verband dem weiblichen Engagement öffnete. Julia Hornig Völkische Frauenbilder Seit Ende des 19. Jahrhunderts fanden in der völkischen Bewegung u.a. Alldeutsche, organisierte Antisemiten und Angehörige der zeitgenössischen Lebensreformbewegungen zusammen und verbreiteten mit großem Eifer ihre Weltanschauung. In meiner Untersuchung wird unter einer differenzierten Fragestellung (dem) „völkischen Frauenbild(ern)“ im Hammer. Blätter für den deutschen Sinn nachgegangen. Die (halb)monatlich erschienene Zeitschrift wurde von dem Antisemiten und völkischen Führer Theodor Fritsch herausgegeben und war das Zentralorgan für die völkische Bewegung auf der Grundlage des Rassenantisemitismus. Ihre Bedeutung beruht auf ihrem jahrzehntelangen Erscheinen (1902-1940) wie auf der integrierenden Breitenwirkung innerhalb der heterogenen Bewegung. Besonders vor dem Ersten Weltkrieg haben fast alle völkischen Vordenker dort publiziert. Michaela Raggam-Blesch Antisemitismus und Antifeminismus im Umfeld der Frauenbewegung in Wien an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert Im geplanten Beitrag soll kurz auf kulturanthropologische Aspekte in der Parallelität antisemitischer und antifeministischer Vorurteilsgestaltung eingegangen werden, welche in der Überschneidung der Bilder von Frauen und Juden als Verkörperung des Anderen ihren Ausdruck findet. Der Schwerpunkt meines Beitrages soll sich auf das frauenbewegte Wien der Jahrhundertwende richten, das im zeitgenössischen Diskurs vor allem durch Protagonistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung wie Rosa Mayreder, Auguste Fickert und Marianne Hainisch repräsentiert sind. Luisa Tasca Die Zeitschrift “Civiltà Cattolica”: Antifeminismus, Antisemitismus und Antiliberalismus in der katholischen Kultur Italiens an der Schwelle zum 20. Jahrhundert Quelle für eine bemerkenswerte Mischung aus Antifeminismus, Antisemitismus und Antiliberalismus in der katholischen Kultur in Italien am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Zeitschrift Civiltà Cattolica. Das erste Heft der Civiltà Cattolica erschien in Neapel am 6. April 1850. Initiator der neuen Zeitschrift und ihr erster Chefredakteur war ein junger Jesuitenpater, Carlo Maria Curci. Civiltà Cattolica wandte sich mit Rezensionen und Beiträgen zum nationalen und internationalen Zeitgeschehen an ein gebildetes Publikum; die Zeitschrift konnte auf ein gut funktionierendes Verteilernetz zurückgreifen und fungierte seit dem Zeitpunkt ihrer Gründung als offizielles Organ des Vatikans, des Jesuitenordens und katholischer Intransigenz. In meinem Beitrag soll das positivistische, medizinisch-soziologische Konstrukt der Unterlegenheit der Frau dem katholischen Antiemanzipationsdiskurs gegenübergestellt werden, welcher andere Schwerpunkte setzte und auf andere Argumente zurückgriff als die laizistischen Wissenschaftler: von den Katholiken wurde die “Würde” der Frau nie in Frage gestellt, nichtsdestotrotz wurde ihr ausschließlich die häuslich familiäre Rolle zugewiesen. Berücksichtigt werden soll auch, aus welchen Gründen die Schlussfolgerungen des katholischen “nicht-biologischen” Antifeminismus am Ende die gleichen waren wie diejenigen des medizinisch-positivistischen “biologischen” Antifeminismus. Ziel soll sein, nicht nur die wechselseitigen Einflüsse von Antisemitismus, Antifeminismus und Antiliberalismus innerhalb der katholischen Kultur im ausgehenden 19. Jahrhundert aufzuzeigen, sondern auch zu untersuchen, inwiefern diese die medizinisch-wissenschaftlichen Auffassungen, in denen Hans Mayer das Scheiterns der Aufklärung und des bürgerlichen Universalismus erkannt hat, vorwegnahmen – bzw. beeinflussten. Ansprechpartnerinnen für diese ARIADNE: Dr. Kerstin Wolff |
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