[ Projektübersicht ]

2.1 Selbstreferenz in Film, Werbung und Computerspiel

Leitung: Prof. Dr. Winfried Nöth
Mitarbeit: Dr. Karin Wenz, Dr. Britta Neitzel, Nina Bishara
Kooperationen: Prof. Dr. Lucia Santaella (São Paulo), Prof. Dr. C. Tholen (Basel)
Drittmittel: DFG-Förderung

Selbstreferenz, Selbstbezüglichkeit oder Selbstreflexivität gelten als besondere Kennzeichen der Kultur der Postmoderne. Auch den Medien ist in den letzten Jahrzehnten eine zunehmenden Selbstbezüglichkeit bescheinigt worden. Statt auf Tatsachen und Ereignisse in der Welt beziehen sich Film, Presse und sogar die Werbung mehr und mehr auf sich selbst. Die Entwicklung der neuen digitalen Medien und die Digitalisierung der traditionellen Medien haben eine verstärkte mediale Selbstbezüglichkeit zur Folge. Beim Computerspiel erreicht die Selbstbezüglichkeit der Zeichen und Kommunikation einen Höhepunkt.
Die Formen und Mittel der Selbstreferenz in den Medien Film, Werbung und Computerspiel sind der Gegenstand dieser Untersuchung. Ihr theoretischer Hintergrund ist die Semiotik, die Wissenschaft von den Zeichenprozessen. Zeichen sind ihrer Definition nach Mittel, um auf etwas anderes zu verweisen. Fremdreferenz, nicht Selbstreferenz ist ihre Funktion. Die zunehmende Selbstreferenz der Medien erscheint somit auf den ersten Blick als ein semiotisches Paradox.
Ebenso wie Zeichen jedoch nicht nur auf die Welt der Dinge, sondern auch auf die Welt der Zeichen verweisen, beziehen sich die Medien auch auf die Welt des Medialen. Zitat, Intertextualität, Intermedialität, Wiederholung, Fiktionalitätsbrüche, Reflexion der eigenen Medialität oder Verweis auf die Materialität der Zeichen im Gegensatz zu ihrer Bedeutung sind einige der Symptome der zu untersuchenden medialen Selbstreferenz. Werbung, Film und Computerspiel stehen für drei Stufen der zunehmenden medialen Selbstbezüglichkeit. In der Werbung darf das Prinzip der Selbstreferenz nur in Maßen Verwendung finden, da diese sonst Gefahr läuft, ihre primäre Aufgabe zu verfehlen, die darin besteht, das Publikum auf die Welt der Waren und Dienstleistungen hinzuweisen. Im Film haben Strukturen der Poetizität und Fiktionalität schon früh einen Verlust von referenziellen Bezügen auf die Welt zur Folge gehabt, aber nach hundert Jahren Filmgeschichte stellen sich vermehrt selbstreferenzielle déjà-vu-Effekte ein, die filmische Kommunikation ist zum Thema der filmischen Repräsentation geworden, und die Digitalisierung des Films hat zur weiteren Steigerung derartiger Selbstbezüglichkeiten geführt. Für das digitale Medium des Computerspiels ist wie bei allen Spielen der Bezug auf die Welt von vornherein sekundär. Im Gegensatz zu anderen Formen des Spiels gibt es jedoch neue Möglichkeiten der Erzeugung von nur noch selbstbezüglichen virtuellen Welten.

Publikationen:
Winfried Nöth. 2001. Autorreferencialidad en la crisis de la modernidad. In: Cuadernos: Revista de la Facultad de Humanidades y Ciencias Sociales (Universidad Nacional de Jujuy, San Salvador de Jujuy, Argentina). Heft 17. S. 365-69.
Ders. 2001. Auto-referência na teoria dos sistemas e na semiótica. In: Revista de Comunicação e Linguagens. Heft 29. S. 13-28.
Ders. 2002. Selbstreferenz in systemtheoretischer und semiotischer Sicht. In: Empirische Text- und Kulturforschung. Heft 2. S. 1-7.
Ders. 2002. Semiotic form and the semantic paradox of the abstract sign. Visio 6.4 [Hiver 2001-2002; = Théories et objets métissés / Hybrid Theories and Objects]: 153-163.
Ders. 2002. Semiotic machines. In: Cybernetics & Human Knowing. Heft 9.1. S. 5-22.
Ders. 2003. Autoreferencyjnosc z persektywy teorii systemów i semiotyki. In: 2K: kultura i komunikacja [Wroclaw] Heft 1. S 70-75.
Ders. 2003. Photography between reference and self-reference – Fotografie zwischen Fremdreferenz und Selbstreferenz. In: R. Horak (Hrsg.): Rethinking Photography I+II: Narration and New Reduction in Photography – Narration und neue Reduktion in der Fotografie. Salzburg: Fotohof Edition. S. 22-39.
Ders. 2004. Formen der Selbstreferenz in den Medien. In SchnittStellen: Erster Basler Kongress für Medienwissenschaft. Hrsg. von S. Schade, T. Sieber und G. C. Tholen. Basel: Schwabe
. im Druck.
Ders. 2004/2005. Self-Reference in the Media. Ausführlicher Projektbericht des DFG-Projekts Selbstreferenz in den Medien