AStA in den 70ern

Reinhold Weist war in den 1970er Jahren Student an der Gesamthochschule Kassel, danach wurde er Landtagsabgeordneter für die hessischen Grünen. Heute ist Reinhold Weist persönlicher Referent des Kasseler Oberbürgermeisters:

Die 70er Jahr waren an der Gesamthochschule Kassel turbulent und amüsant

Aus heutiger Sicht eine Idylle: Das AVZ in Oberzwehren war das Zentrum für Lehramtsstudenten, der Asta residierte in der Ingenieurschule, ein bisschen ab vom Schuss. Im Zeitalter ohne Facebook, Handys und Computer hieß das viel Autofahren (!) zu den verschiedenen Standorten, um etwa Flugblätter zu verteilen. Busfahren oder Fahrrad fahren war Anfang der 70er ziemlich out. Dies änderte sich erst mit dem Auftreten der Anti-Atomkraft-Bewegung Mitte der 70er Jahre und mit der Entstehung der Grünen Ende der 70er Jahre.

Universität sollte sie auf keinem Fall heißen, unsere Hochschule in Kassel. Wie bei den Gesamtschulen sollte sie eine besondere Form der Chancengleichheit gewährleisten, in der Abiturienten wie ich mit Absolventen der diversen zweiten Bildungswege gemeinsam forschend lernen sollten. 1971 ging es los. Ich begann 1973, nachdem ich das erste Jahr ziemlich traditionell an der Uni Mainz verbracht hatte. Eigentlich wollte ich an die Uni Bremen, blieb wegen NC aber quasi auf halbem Wege in Kassel hängen, um Mathe und Gesellschaftslehre zu studieren, so hieß damals die neue Mischung aus Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde auf Lehramt für „Sek Zwo“ – heute Lehramt für Gymnasien. Als Frankfurter war ich bis dahin noch nie in dieser Stadt gewesen. Alsfeld war das Nördlichste, was man bei Familienausflügen ansteuerte.

Projektstudium war das Zauberwort. Leistungsnachweise sollten bestenfalls die Teilnahme bescheinigen. Am weitesten fortgeschritten war dies in der Lehrerausbildung (aber nicht bei Mathe und Naturwissenschaften), im Sozialwesen, in der Stadtplanung. Die Kunststudenten hatten ihre eigene Welt, während es bei den Wirtschaftlern, Ingenieuren und Landwirten noch ziemlich nach Schule und Klausuren roch.

Endgültig politisiert wurde ich folgerichtig in der Auseinandersetzung um Eckdaten für eine Lehramts-Prüfungsordnung, die der damalige Kultusminister Hans Krollmann (später begegnete er mir als kluger Verhandler bei den Anfängen von Rot-Grün in Hessen ab1983) erlassen hatte, um ein bisschen Vergleichbarkeit mit anderen Lehrerausbildungen an den Universitäten herzustellen. Wir kämpften für unsere Freiheit des Projektstudiums und unsere Ansicht, dass wir dabei mehr lernen als im stumpfen Vorlesungen. Die große Reformeuphorie war in Hessen spätestens 1974 vorbei. Folglich verloren wir diese Auseinandersetzung. Doch der Rückhalt in der Studentenschaft war in dieser Zeit riesengroß. Noch heute schwärmen 60-jährige erfolgreiche Absolventen von dieser Zeit. Sie prägte das Selbstbewusstsein einer ganzen Studentengeneration.

Nach dieser ersten Niederlage zog es mich mit anderen in die Gremienpolitik. Dabei war klar, dass man mit Gruppen, die die DDR samt Mauer und Stacheldraht, die Helmut Schmidt (der war damals die Reformbremse) oder die gar Mao Tse Tung (der veranstaltete gerade seine sogenannte Kulturrevolution, um China noch einmal um Jahre zurückzuwerfen) toll fanden, nichts zu tun haben wollte. Das war alles zu autoritär. So entstanden 1975 die Basisgruppen, die dann fünf Jahre lang mit absoluter Mehrheit den AStA stellten. Dazu gehörte anfangs eine linksliberale Gruppe, die vorher den AStA stellte, aber kein Personal mehr hatte, echte Basisgruppen bei den Landwirten, Elektrotechnikern, Wirtschaftlern und Architekten, die über Fachschaftsarbeit gut verankert waren und eine Sponti-Gruppe, die eine Schüler- und Hochschulzeitung namens "Auseinandersetzung" herausgab. Die Linie war wohl linksunabhängig mit gewisser Reformbereitschaft, denn wir kandidierten wie selbstverständlich auch für die Hochschulgremien wie Konvent und Fachbereichsräte, obwohl es dort längst keine Drittelparität mehr gab und die Hochschullehrer die Mehrheit stellten.

Im Gründungsbeirat, dem Vorläufer von Senat und Konvent, gab es eine linke Mehrheit aus Hochschullehrern, die mit ihrer GEW-Liste aber immer eine Minderheit unter den Professoren blieben, den Bediensteten, die mehrheitlich gewerkschaftlich waren und uns Basisgruppen. Neben vielen Resolutionen war dies für die Besetzung von Präsidentenamt und Vizepräsidenten bedeutsam. Erster Präsident wurde Ernst-Ulrich von Weizsäcker, der für ordentliche universitäre Verhältnisse sorgen sollte und schon damals mit dem Fahrrad fuhr. Die Anpassung der Gesamthochschule Kassel an die klassischen Universitäten besorgte ein Hochschulrahmengesetz des Bundes, der Gesamthochschulen zu Mauerblümchen machte, statt sie flächendeckend einzuführen. Weizsäcker suchte die Nischen und schaffte mit uns die erste Professur für ökologischen Landbau in Witzenhausen und diverse Umwelt- und Energieprojekte, aus denen später das ISET (Solarforschung) und SMA entstanden sind. Fraunhofer und Wechselrichter haben ihren Weg zum Kasseler Markenzeichen gefunden.

Im ersten Basisgruppen-Asta war ich Vorsitzender, dazu vier gewählte und drei benannte Referenten, unter anderem den SMA -Gründer Günter Cramer, der das Drucken in eine Druckerei "outsourcte", die allerdings - weil auch als Sozialprojekt für einen alkoholisierten Mitarbeiter angelegt - später Pleite ging. Dort wurden die Asta-Schriften gedruckt, private Aufträge erledigt und auch mal für die Basisgruppen-Opposition in Marburg unentgeltlich gedruckt. Der spätere Sprecher von Hans Eichel, Klaus-Peter Schmidt-Deguelle fungierte als Fahrer, weil er im Job wöchentlich von Marburg zu Agfa-Foto nach Kassel musste. Ob diese Nachbarschaftshilfe den Marburger Basisgruppen zur Mehrheit gegen den langjährigen DDR-freundlichen Asta verhalf, ist leider nicht beweisbar. Spaß gemacht hat es trotzdem.

Erstmals gab es auch ein eigenständiges Kulturreferat, das in den Basisgruppenjahren viele Feste veranstaltete und somit nicht unwesentlich zur Mehrheitsfähigkeit in der Studentenschaft beitrug. Denn schließlich wurde mit den ersten Meldungen von arbeitslosen Lehrern und Sozialarbeitern auch wieder etwas mehr abschlussorientiert gearbeitet und weniger politisiert. Das Politische verlagerte sich in Erstsemesterinfos, Studienberatung, Kneipen und Konzerte. Legendär ist der Auftritt von Wolf Biermann 1976 in einer heute abgerissenen alten Henschelhalle, kurz vor seiner Ausbürgerung aus der DDR. Die Initiatoren gründeten später die erfolgreiche Schlachthof-Initiative in der Nordstadt.

Ernst-Ulrich von Weizsäcker war ein Querdenker, der wohl schon ahnte, dass er bei der nächsten Wahl 1980 keine Mehrheit mehr haben würde. Mehrheiten sind halt manchmal mittelmäßig. Gespräche zwischen uns AStA-Leuten und Ernst-Ullrich von Weizsäcker fanden von Anfang an und regelmäßig statt, auch mal abends in einer der Wohngemeinschaften, wenn es etwa um den von uns abgedruckten sogenannten Buback-Nachruf ging, den er beanstanden musste und den wir halb distanzierend, halb als Meinungsäußerung rechtfertigten. Auch bei den sogenannten Anhörungsverfahren, bevor Berufsverbote gegen Hochschullehrer eingeleitet wurden, gab es diesen Austausch. Ihm passten die Berufsverbote nicht, aber die Erlasse musste er befolgen und so suchte man erfolgreich nach Lösungen: Es gab in Kassel auch kein Berufsverbot gegen einen Hochschullehrer im Amt. Selbst als eine maoistische Gruppe ihrem Mitglied untersagte, zur Anhörung zu gehen und ein Märtyrer geschaffen werden sollte, wurde ein gesichtswahrender Weg gefunden. Das war ein bisschen der Kasseler Weg, denn auch bei Besetzungen, die den Lehrbetrieb unterbrachen, und Demonstrationen, die manchmal auch die Straßen blockierten, gab es selten Polizeieinsätze wie in Göttingen, Frankfurt oder Marburg. Die bundesweiten Aktionen - etwa 1978 gegen die schlechten Studienbedingungen - waren in Kassel phantasievoll und gar nicht gewalttätig, auch wenn der damalige Kulturminister und der Uni-Präsident von der Überreichung eines "Arsches mit Ohren" nicht begeistert waren. Hier hatte die Kunsthochschule ihren Protestbeitrag gefertigt.

Die Forderung nach einer zweiten Studienstufe, die auf dem ersten Abschluss nach drei Jahren aufbaute und zum Universitätsabschluss führte, war eine hochschulpolitische Forderung. Sie wurde mit Ausnahme des Sozialwesens umgesetzt. Trotzdem starteten viele auch schon nach drei Jahren ins Berufsleben. Ende der 70er Jahre waren dann die Studiengänge vollständig, aber der Universität Kassel, wie sie jetzt immer mehr genannt wurde, fehlten die Klassiker wie Jura und Medizin.

De AStA war nicht nur politischer Motor, sondern auch Dienstleister. Statt Flugblätter gab es eine Zeitung namens "Sumpfblüten", die auch Geschichten zum Schmunzeln brachte und Anzeigen (!). Die vielen kostenlosen Hefte, die heute in der Mensa liegen, gab es damals nicht. Da die AStA-Besetzung jedes Jahr wechselte haben bis Ende der 70er Jahre rund 40 Leute im Basisgruppen-AStA gewirkt, davon allerdings nur zwei Frauen. 1979 gab es den ersten gewählten Referenten mit türkischen Wurzeln, der heute im hessischen Umweltministerium arbeitet.

Da wir untereinander darauf achteten, auch unsere Abschlüsse zu machen, war Ende der 70er Jahre auch das Personal dieser Studentengenerationen aufgebraucht. Nachwuchs fehlte. Doch vorher sollte es noch einmal zu einem großen Auftritt kommen.

Erstmals durfte die Hochschule 1980 ihren Präsidenten selbst wählen. Die bekannte "linke" Mehrheit einigte sich auf Vorschlag von uns Basisgruppen auf einen gewissen Michael Daxner, der später ein sehr erfolgreicher Präsident in Oldenburg wurde. Bei seiner Vorstellung bezog Michael Daxner deutlich Position gegen die Nutzung der Atomenergie, die über Wyhl/Freiburg auch in Nordhessen angekommen war. In Borken sollte ein Atomkraftwerk das alte Braunkohlekraftwerk ablösen und die Weiten Nordhessens sollten Platz für eine Wiederaufbereitungsanlage von Kernbrennstäben bieten. Doch nach erfolgter Wahl lehnte wiederum der gleiche Kultusminister, diesmal wohl auf Druck der FDP und einiger städtischer Honoratioren, wie ich heute weiß, den deutlich Gewählten ab. Dies war sicherlich keine Werbeveranstaltung für die parlamentarische Demokratie. Manchem kamen dabei Zweifel an dem Sinn von geheimen Wahlen. Die Protestbewegung gegen diese Willkür war noch einmal riesengroß. Schließlich hatten hier ja Hochschullehrer, Bedienstete und Studenten eine fachlich nachvollziehbare Wahl getroffen. Aber selbst eine überfüllte Stadthalle stimmte die damalige Landesregierung nicht um. Für die Basisgruppen führte dieses frustrierende Erlebnis zum schnellen Ende. Da nun viele nach ihren Abschlüssen die Hochschule verließen, engagierten sie sich fortan bei den neu entstehenden Grünen. Ich selbst zog dann 1981 als Stadtverordneter erstmals ins Rathaus, um die erste rot-grüne Zusammenarbeit in einer Großstadt zu gestalten. Ab 1984 arbeitete ich dann in Wiesbaden im Rahmen der ersten rot-grünen Koalition. Sie korrigierte manche Entscheidungen aus den frühen 70ern: Manches hessische Berufsverbotsopfer wurde im Stillen rehabilitiert. Der 1975 abgelehnte Hans Brinckmann wurde dann 1986 doch noch Präsident, der ökologische Landbau wurde ausgeweitet, erneuerbare Energien und Energieeffizienz wurden zum Markenzeichen der Universität Kassel. Bei der Umsetzung half da hin und wieder ein alter Bekannter, der uns als Kanzler des Uni-Präsidenten manchmal gebremst hatte, jetzt aber im Ministerium auch manche Idee der Grünen mit umsetzte. So etwa die Rettung des Studiengangs Musik. Man sieht sich eben immer zweimal im Leben.