Bau des AVZ

Ministerialdirigent a.D. Dipl.-Ing. Gerhard Meyer, Autor des folgenden Beitrags, war Anfang der 1970er Jahre als Leiter der Baugruppe Gesamthochschule Kassel und als Leiter des Staatlichen Hochschulbauamtes Kassel für die Errichtung des AVZ verantwortlich:

Erinnerungen an die Gründung der Gesamthochschule


"Hunderttausende von Schülern, die zur Theorie unbegabt sind, werden zum Studium auf unbezahlbaren Universitäten verführt, um sie dort für Berufe auszubilden, in denen sie nicht gebraucht werden." So spottete damals Karl Steinbuch.

Ähnliches hörte ich unter der Hand im Sommer 1971 in Wiesbadener Ministerien. Im Übrigen hielt man es dort für ausgeschlossen, den AVZ-Neubau bis Oktober des Jahres fertigzustellen: "Im nächsten Jahr aber ist das 'Mondfenster' für die Hochschulgründung in Kassel wieder geschlossen; das AVZ wird zu einer Schule umfunktioniert."

Die öffentliche Diskussion am Ende der sechziger Jahre über die "Bildungskatastrophe" führte unter Willy Brandts neuer Bundesregierung ab 1969 geradewegs zu einem Sofortprogramm für den Hochschulbau.

Das Sofortprogramm für Hessen vom Januar 1970 sah neben der Beschleunigung laufender Hochschulbauten durch Aufstockung der Finanzmittel vor allem Neubauten von "Mehrzweckverfügungsgebäuden" für Naturwissenschaften in Darmstadt, Gießen und auf den Marburger Lahnbergen vor. Eine Reaktionszeit von maximal zwei Jahren sollte durch stärkere Verzahnung von Planung und Ausführung sowie durch Vereinfachungen im Haushaltsrecht und bei den Ausschreibungsverfahren erreicht werden.

Aber auch die Gründung einer Universität in Kassel wurde 1970 im Zusammenhang mit der Forderung nach neuen Hochschulbauten zu einem hochaktuellen Thema in der Landespolitik: Kassel forderte vehement die Gründung einer integrierten Gesamthochschule mit gestuften, aufeinander bezogenen Studienabschlüssen, die sich an modernen Tätigkeitsfeldern, nicht an traditionellen Berufsbildern, orientieren sollten.

Durch die bessere Versorgung der Region mit Forschung und Lehre wollte man zunächst in der Zeit des Babybooms dem Lehrermangel in Nordhessen entgegenwirken. Neben sämtlichen Lehramtsfächern sollten die Ingenieur- und Naturwissenschaften weitere Schwerpunkte der neuen Bildungseinrichtung sein, von der man sich nicht zuletzt einen wirtschaftlichen Aufschwung im strukturschwachen Zonenrandgebiet versprach. Nach der Verabschiedung des Errichtungsgesetzes für die Kasseler Gesamthochschule vom 24. Juni 1970 berief Kultusminister Ludwig v. Friedeburg einen Gründungsbeirat, der Professor
Dr.-Ing. Heinz Schwarz von der TH Darmstadt zu seinem Vorsitzenden bestimmte. Im September 1970 bildete das Kultusministerium eine Projektgruppe mit Sitz in Kassel, die das inhaltliche und organisatorische Konzept für die Gesamthochschule ausarbeiten und die Errichtung eines "Aufbau- und Verfügungszentrums" vorbereiten sollte. Am Raumprogramm für die erste Baustufe des AVZ wirkte die HIS GmbH Hannover, eine Gründung der Bertelsmann-Stiftung, mit einer ersten, groben Flächenbemessung mit: Anfang Dezember 1970 bezifferte die Hochschul-Informations-System GmbH einen Bedarf von 6.800 m2 "Hauptfläche" – 5.200m2 fachliche und 1.600m2 zentrale Einrichtungen – für die 500 Studenten eines bis Oktober 1971 neu zu bauenden AVZ 1.

So etwa läßt sich mit wenigen Worten die Ausgangssituation beschreiben, als ich auf telefonische Einladung von Ministerialrat Werner Lautz vom Vortage am Mittwoch, dem 16. Dezember 1970, zusammen mit Franz Utschig am späten Vormittag zur laufenden Sitzung des Gründungsbeirates in der Friedrich-Ebert-Straße gegenüber der Kasseler Hauptpost kam.

Als wir den Tagungsraum betraten, hatten der über sechzigjährige Baudirektor Bormann und der fünfzigjährige Baudirektor Witte, die Leiter der beiden Kasseler Staatsbauämter, gerade vor dem Gründungsbeirat, der Projektgruppe und den Wiesbadener Ministerialen erklärt: Die Planung und Ausführung des Aufbau- und Verfügungszentrums sei innerhalb von 10 Monaten nicht realisierbar, selbst bei Freistellung von qualifiziertem Personal für diese Aufgabe. Ihre Feststellung wurde nicht weiter diskutiert; die zwei altgedienten Baubeamten verließen erleichtert die Sitzung.

Darauf wurde ich von Professor Schwarz vom Gründungsbeirat und von Ministerialrat Lautz, dem Leiter unserer Staatsbauverwaltung, um meine baufachliche Aussage zu der beabsichtigten Schnellbaumaßnahme gebeten. Ich erklärte mich grundsätzlich bereit, das Objekt neben meinen Marburger Kliniksbauten bis Oktober 1971 zu realisieren. Allerdings wolle ich dabei weder dem Marburger Hochschulbauamt noch der Landesbauabteilung der OFD Frankfurt unterstellt sein, sondern alle notwendigen Entscheidungen direkt vom Finanzministerium einholen. Zusammen mit Franz Utschig, Bauleiter beim Hochschulbauamt Marburg, erläuterte ich dann dem Gremium, daß wir eine funktionelle Ausschreibung der Planungs- und Bauleistungen unter mehreren Generalübernehmern anstrebten, aber Rohbau, Ausbau und Technik des AVZ nur insoweit schlüsselfertig zu einem Pauschalpreis vergeben wollten, wie sich die Leistungen kurzfristig und eindeutig bestimmen ließen. Dieser damals in der VOB noch nicht enthaltenen Ausschreibungsart – Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm hieß sie später – stimmte der Leiter der Staatsbauverwaltung genau so zu, wie dem vorläufigen Verzicht auf die haushaltsrechtlich eigentlich vorab erforderliche Kostenunter­lage. Die direkte Anbindung an Wiesbaden bestätigte mir übrigens später in einem Gespräch unser neuer Minister Rudi Arndt.

Bei der Sitzung stellten wir dann fest, daß die Projektgruppe weder eine exakte Raumbedarfsnachweisung für das AVZ noch eine Entscheidung über seinen Standort vorweisen konnte. Das erste detaillierte Raumprogramm mit 6.500 m2 Hauptnutzfläche und 1.000 m2 Nebennutzfläche ist dann mit Datum vom 12. Januar 1971 als Teil unserer Ausschreibung in Marburg entstanden. Auch um die Auswahl eines Baugrundstückes für das AVZ hatten wir uns selbst zu kümmern. Ausgehend von einem Forschungsbericht der Universität Hannover vom November 1970 über den Mikrostandort der GhK konnte die Projektgruppe zwar einige Vorschläge nennen, hatte sie aber weder bewertet, geschweige denn eine Entscheidung des Gründungsbeirates und des Kultusministers herbeigeführt.

Mit Konrad Möhl am Steuer unseres Dienstwagens verschafften wir uns gleich nach der Sitzung einen ersten Eindruck von drei der vorgeschlagenen Standorte: Von der südlich an das Kasseler Zentrum anschließenden Liegenschaft "An der Karlsaue", die an die Kunsthochschule und den Barockpark grenzte; von der im Südwesten der Stadt Kassel liegenden "Brückenhofsiedlung" zwischen Oberzwehren und Nordshausen am Fuße der sich in den Habichtswald hochziehenden Dönche; und schließlich von der weit südlich an der Autobahn gelegenen Feldgemarkung "Langefeld", die als künftiger Hauptstandort der GhK damals auch in der Diskussion stand.

Gleich am nächsten Tag trafen wir uns mit der Projektgruppe zu einer Besichtigung der Villa Credé, einem wilhelminischen Prachtbau dieses ehemaligen Kasseler Waggonbaufabrikanten südlich des Parks Schönfeld nahe der Frankfurter Straße. Der Umbau des leerstehenden, verwahrlosten Bauwerks zum AVZ wäre der Projektgruppe sympathisch gewesen. Mit den Erfahrungen bei langwierigen Sanierungen von Marburger Instituten und Kliniken lehnten wir das kategorisch ab. Nur um den Zeitdruck anschaulich zu verdeutlichen, brachten wir ein "Krupp-Zelt" in das Gespräch, das sich rasch bestellen, produzieren und durch Überdruck aufrichten ließe, dann aber immer noch monatelang für den Lehr- und Forschungsbetrieb einzurichten wäre. Anschließend hatten wir Mühe, das Interesse der Projektgruppe für diesen spektakulären, aber nicht ernst gemeinten Vorschlag zu dämpfen.

In den wenigen Tagen vor Weihnachten 1970 klärten wir durch Besprechungen mit Baudirektor Witte beim Staatsbauamt und bei Baudirektor Wagner beim Kasseler Bauaufsichtsamt, daß allein das Gelände bei der Brückenhofsiedlung als Standort für das AVZ in Frage kam. Das Grundstück an der Karlsaue war von einem städtischen Abwasser-Sammelkanal durchquert, den wir zunächst hätten umlegen müssen. Das erfuhren wir im Staatsbauamt. Außerdem bot es keine Möglichkeiten für eine spätere bauliche Erweiterung. Auf dem Langefeld fehlte jede Infrastruktur, die wir am Fuß der Dönche vorfanden: Nämlich ein Heizwerk, Be- und Entwässerung, Stromversorgung und bereits projektierte Straßen. Dem fachlich kompetenten und in der Gründungsphase der GhK hochmotivierten städtischen Baudirektor Wagner war es dann zu verdanken, daß alle planungsrechtlichen und bauaufsichtlichen Hürden in kürzester Zeit für das AVZ bei der Brückenhofsiedlung genommen werden konnten.

Die überaus kurze Bauzeit sprach für eine Konstruktion aus Fertigteilen, aus Beton oder noch besser aus Stahl. Kurz vor Weihnachten besuchten wir deshalb einen Instituts-Neubau der Universität Frankfurt, den die Firma Krupp-Stahlbau gerade als Generalunternehmer in kurzer Zeit errichtete. Das Stahlskelett mit den eingelegten Betonfertigteildecken, das uns das Bauamt und die Firma technisch und kostenmäßig erläuterten, war für das AVZ gut geeignet. Auf der Grundlage dieses Stahlbausystems erarbeitete ich in gestalterischer Anlehnung an die gerade entstehenden geisteswissenschaftlichen Institute am Marburger Krummbogen einen Testentwurf für das AVZ: Einen zweigeschossigen Atriumbau für zentrale Einrichtungen, überragt von erdgeschossig verbundenen Zwillingstürmen, quadratischen Punkthäusern für Lehre und Forschung. Der Testentwurf, der das Raumprogramm ergänzte und die innerbetrieblichen Funktionen im AVZ erläuterte, wurde Bestandteil unserer Ausschreibung. Er war aber nicht bindend. Jeder Bewerber sollte seine eigene, von der Planung und Ausführung her schnell abrufbare Lösung anbieten. Das war ein wesentliches Merkmal unserer funktionellen Ausschreibung, die zu dieser Zeit in England allgemein üblich war und mit der ich mich bei der Vorbereitung einer Dienstreise nach London mit dem Arbeitskreis Kostenrichtwerte der Länderarbeitsgemeinschaft Hochbau gerade intensiv beschäftigt hatte.

In den Tagen und Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr entstand der Text der neuartigen Ausschreibung, hauptsächlich das Werk von Franz Utschig. Ausgewählte Teile, wie zum Beispiel die Ausstattung der Mensaküche übernahm ich, andere Hans Heinig, ein weiterer Bauleiter des Marburger Hochschulbauamtes.

Anfang Januar 1971 ergänzten wir den Ausschreibungstext durch Angaben unserer Heizungs-, Lüftungs- und Elektroingenieure, durch Verhandlungsergebnisse mit Kasseler Versorgungsunternehmen sowie durch Beiträge der Projektgruppe. Ihr Sprecher – nicht Leiter – war Reinhard Welteke, ein damals vierzigjähriger Soziologe mit einem gewaltigen roten Rauschebart, der ältere Bruder von Ernst Welteke, dem späteren hessischen Wirtschaftsminister und Präsidenten der Bundesbank. Unser Welteke, kommender Soziologie-Professor an der GhK, verstand es recht gut, auf baufachlich nicht fundierte Diskussionen der Projektgruppe beruhigend einzuwirken. Der als Architekt in die Projektgruppe berufene, schon ältere Dipl.-Ing. Horst Hamer von der Stadt Kassel hielt sich seiner Rolle entsprechend mit eigenen Beiträgen zurück. Am meisten half uns Dipl.-Ing. Klaus Wagner, ein jüngerer, im Baufach damals unerfahrener Elektroingenieur aus der Projektgruppe. Er war kein Visionär, sondern ein Pragmatiker und am Ende seiner Laufbahn Leitender Ministerialrat im Wiesbadener Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Im Marburger Bauamt erhielten wir in diesen Januartagen einige Besuche von potentiellen Auftragnehmern für den Bau des AVZ. Mit dem Seniorchef der Firma Müller-Gönnern und seinem gleichermaßen kompetenten Sohn führten wir ein Fachgespräch, das zur Teilnahme dieses angesehenen Bauunternehmens am Wettbewerb führte. Die Firma beabsichtigte, die Betonfertigteile in ihrem Werk in Gönnern zu produzieren und mit der Bahn nach Kassel-Oberzwehren zu bringen, dessen Bahnhof keine 500 Meter von der AVZ-Baustelle entfernt lag; Bauen ist ein Transportgewerbe, pflegte Franz Utschig bei solchen Gelegenheiten zu bemerken.

Ich erinnere mich auch an einen Besuch des Geschäftsführers Alzheimer von der Hoch-Tief AG. Er dominierte damals alle Rohbauten auf den Lahnbergen durch einen Dauervertrag mit dem Land Hessen und eine eigene örtliche Feldfabrik für die Betonteile des Marburger Bausystems. Als ich Alzheimer direkt fragte, ob er denn dieses Bausystem für das AVZ in Kassel anbieten wolle, lächelte er ironisch. "Sie wissen doch selber, Herr Oberbaurat, das Marburger Bausystem ist unwirtschaftlich und in einem Vergabewettbewerb nicht konkurrenzfähig". Er wolle in einer Arbeitsgemeinschaft mit der Neuen Heimat Städtebau Südwest GmbH und einigen freischaffenden Architekten aus Kassel – unter ihnen Braun und Säckl, Hasper und andere – ein bei Schulbauten in Nordhessen und Niedersachsen erprobtes, mit der kleinteiligen, teuren Marburger Bauweise nicht vergleichbares Betonfertigteilsystem anbieten.

In Wiesbaden hatte man stillschweigend angenommen, man müsse sich beim AVZ wegen der Kürze der Bauzeit des Marburger Bausystems bedienen und in die dort bestehenden Verträge einsteigen – vom Hoch-Tief-Rohbau bis zu den Kunststoffwänden der Firma MAN. Eine frühe Veröffentlichung des Kultusministeriums über die neue Hochschule in Kassel zeigte auf dem Umschlag ein Modellfoto von den Marburger Lahnbergen. Da wir aber auf eine freihändige Vergabe mit Wettbewerb zusteuerten, konnte Alzheimer natürlich nicht das Marburger Bausystem in das Rennen schicken. Zu deutlich wäre es geworden, daß dieses hochgelobte Rennpferd aus Marburg ein lahmer Gaul war.

Aber zurück zu unserer schnellen und erfolgreichen Arbeit: Schon am 14. Januar 1971 versandten wir die funktionelle Ausschreibung an Krupp-Stahlbau, Müller-Gönnern, Neue Heimat/Hoch-Tief sowie an einen weiteren Interessenten. Und am 19. Februar 1971 unterschrieb ich den Auftrag an die Neue Heimat Städtebau, das AVZ mit einer Nutzfläche von rund 7.500 m2 und 45.000 m3 Rauminhalt innerhalb von acht Monaten für etwa 13 Mio DM schlüsselfertig zu errichten. Die Neue Heimat mit Hoch-Tief hatten das mit Abstand "mindestfordernde Angebot unterbreitet", wie es im Vergabehandbuch so schön heißt.

Franz Utschig und Hans Heinig fuhren jetzt häufig mit dem Dienstwagen nach Kassel. Um das Baugrundstück frei räumen zu können, mußte zum Beispiel erst mit Kleingärtnern über den Wert ihrer Obstbäume und Beerensträucher verhandelt werden, die sie dort in ihren von der Stadt gepachteten Schrebergärten angepflanzt hatten. Vor Aushub der Baugrube waren aber auch die Leitungs- und Kanalbauarbeiten für die neue, zum AVZ führende Heinrich-Plett-Straße voranzutreiben.

Ab dem Beginn der Erdarbeiten am 1. März 1971 hatte Franz Utschig als Oberbauleiter den Baufortschritt an Hand eines Netzplanes auf der Baustelle und in den Vorfertigungsstätten zu kontrollieren. Aus der Terminkontrolle ergaben sich Änderungen gegenüber dem vertraglich vereinbarten Zahlungsplan. Er kontrollierte auch die Qualität der eingebauten Bauteile auf ihre Übereinstimmung mit der Baubeschreibung der Neuen Heimat, welche ein Teil des Pauschalvertrages war. Die Hauptaufgabe der Oberbauleitung war schließlich die Kosten­kontrolle. Bei den regelmäßigen Verhandlungen mit der Neuen Heimat, in denen es auf schnelle Entscheidungen über technische Änderungen sowie über Mehr- oder Minderkosten ankam, nahm ich mehrmals teil. So erinnere ich mich an unsere Zustimmung, alle nichttragenden, 115 cm dicken Kalksandstein-Innenwände auf Wunsch der Neuen Heimat durch leichte, beidseitig mit Gipsplatten beplankte Stahlskelett-Montagewände zu ersetzen. Wir ließen das zu, weil Hoch-Tief keine Maurer für die vertraglich vereinbarten halbsteinigen Wände in der Kürze der Zeit auftreiben konnte, bestanden aber darauf, daß wir die Mehrkosten für die erheblich teureren Montagewände nicht tragen könnten. Dieses Ergebnis wurde wie alle Mehr- oder Minderkostenvereinbarungen mit gegenseitigen Unterschriften fixiert, um den Stand der jeweiligen Gesamtkosten im Auge zu behalten und die Abrechnung zu erleichtern. Hier sei eingefügt, daß der Vertrag mit der Neuen Heimat über das AVZ 1 im Sommer 1972 von Franz Utschig deutlich unter der Auftragssumme abgerechnet wurde. Bei der Eröffnung der Gesamthochschule am 25. Oktober 1971 im AVZ hatte Rudi Löwe, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Neuen Heimat Städtebau Südwest der Presse erklärt, die Baukosten seien "mit keinem Pfennig überschritten" worden. Schon das war für die Neue Heimat mit Blick auf ihre Bauten für die Länder Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ein Novum. Dipl.-Ing. Paul Engelmann, der Geschäftsführer der Neuen Heimat Städtebau Südwest, mit dem und mit dessen örtlichen Mitarbeitern Gottschick, Weisse und Luh uns ein Verhältnis gegenseitigen Respekts verband, erklärte uns damals selbstironisch: "Ihre baufachliche Kompetenz und Entscheidungssicherheit haben unsere gute Zusammenarbeit und den gemeinsamen Erfolg garantiert. Aber ob sich die Neue Heimat einen Auftrag von Ihnen finanziell noch einmal leisten kann?"

Wie schon erwähnt hatten wir in die Ausschreibungen des AVZ keine Leistungen aufgenommen, die sich Anfang 1971 nicht eindeutig bestimmen ließen. Wir folgten dabei dem Grundsatz jedes Managers, Entscheidungen möglichst nicht zu spät, vor allem aber auch niemals zu früh zu treffen. Der Neuen Heimat waren dadurch die Einfallstore für zusätzliche finanzielle Forderungen versperrt worden, die ihnen in Aachen und Göttingen offenstanden oder bei dem Universitätsbau in Frankfurt offengestanden hätten, wenn das Land Hessen sich auf die angebotene Bindung mit ihr eingelassen hätte.

Die Gesamtkosten für das AVZ betrugen etwa 19 Mio. DM, knapp 13 Mio. DM unser Auftrag an die Neue Heimat. Zu den verbleibenden 6 Mio. DM zählten neben unseren bescheidenen Bauleitungsmitteln die Erschließung und die Außenanlagen, die wir in Abstimmung mit der Stadt und der Projektgruppe freischaffender Ingenieure – unter ihnen der Garten- und Landschaftsarchitekt Sommerlad aus Gießen – planten und ausführten. Erst nach der Berufung von Hochschullehrern konnten wir mit ihnen die vielen besonderen Betriebs­einrichtungen planen und beauftragen, die im Vertrag mit der Neuen Heimat nicht enthalten waren: Unter anderem die Labors in den naturwissenschaftlichen Praktikaräumen, eine Fernsehanlage für den Hörsaal nach dem neuesten Stand der Technik und die fahrbare "Kompakt"-Regalanlage in der Bibliothek. Dazu kamen viele Besprechungen über die 3 Mio. DM kostende Geräteausstattung für das AVZ, vom Papierkorb und Schreibtischsessel bis zur Gefrierschneidemaschine und elektronischen Rechnern; kleinteilige, aber für den späteren Hochschulbetrieb wichtige Entscheidungen, die Franz Utschig mit weiteren Hilfskräften vom Marburger Bauamt herbeizuführen hatte. Viele dieser Details beim Bau des AVZ konnte ich nicht im Auge behalten: Das schloß meine parallele Tätigkeit für das Finanzministerium aus, die viel Zeit für die Tagungen mehrerer Arbeitskreise in Hessen, in anderen Bundesländern und im Ausland erforderte.

Schon am 13. Juli 1971 wehten der Richtkranz über dem AVZ und vor dem Rohbau die Fahnen der Neuen Heimat. Die Kasseler Firma Wilhelm Völker/Betonwerk Hessen als Subunternehmer hatte die bis zu 15 m langen Stützen in die Köcherfundamente von Hoch-Tief eingefahren und alle tragenden Balken und Decken des großen Bauwerks in erstaunlich kurzer Zeit montiert. Weniger freute uns der Eindruck, den wir von der obersten Führung der Neuen Heimat Städtebau gewannen: In seiner Richtfestrede nahm Rudi Löwe auch die Leistungen anderer, natürlich auch unsere, voll für sich und seine Gesellschaft in Beschlag. Freilich erinnere ich mich auch an ein freundliches Gespräch beim Richtfest mit Ludwig v. Friedeburg, dem Kultusminister von 1969 bis 1974, der sich voller Begeisterung über die bisherige Leistung zeigte. Ebenso an Dr. Karl Branner, den Oberbürgermeister, wie er sich in einem sehr menschlichen, persönlichen Gespräch darüber freute, daß ich in Kassel Abitur gemacht hatte. Unseren alten Bauamtsleiter Wilhelm Küllmer, inzwischen Baudirektor a.D., hatten wir zum Richtfest eingeladen und im Dienstwagen mitgenommen. In der Kasseler Stadthalle, in der ich die vielen Anwesenden – unter ihnen auffällig herausragend der SPD-Bundestagsabgeordnete Holger Börner – begrüßte, fühlte er sich sichtlich unwohl.

Der große Termindruck bescherte auch neue Einblicke in das Verhalten von Behörden, zum Beispiel der Landesbeschaffungsstelle Hessen. Bestimmte Gerätelieferungen, vor allem Verbrauchsmaterialien, bedurften neben der Genehmigung des Kultusministers auch ihrer vorherigen Zustimmung. Denn diese Dienststelle, die dem Finanzminister unterstellt war und in einer alten Wiesbadener Villa logierte, schloß Rahmenverträge über wiederkehrende Lieferungen an das Land – vom WC-Papier bis zum Dienstwagen – zu besonders günstigen Konditionen ab. Anläßlich einer Dienstreise nach Wiesbaden hatte ich es übernommen, die Zustimmung der Landesbeschaffungsstelle zu einem wichtigen, kurzfristig zu erteilenden Geräteauftrag mündlich einzuholen. Der zuständige Beamte ließ sich den Sachverhalt und den Termindruck kurz vor der Eröffnung der Gesamthochschule Kassel ausführlich erklären. Ohne sich aber zu entscheiden, ob ich den Auftrag erteilen könnte oder er einen günstigeren Lieferanten hätte, wollte er darauf das Angebot in seinen Geschäftsgang nehmen. Ich widersprach und ging mit ihm zum Leiter der Landesbeschaffungsstelle, einem älteren Regierungsdirektor. Auch er vertröstete mich auf eine Entscheidung in der nächsten Woche. Da packte ich mein Angebot und verabschiedete mich mit den Worten: "In einer halben Stunde bin ich ohnehin beim Staatssekretär im Finanzministerium. Ihr Vorgesetzter wird mir die Auftragserteilung sofort, nicht erst nächste Woche genehmigen." Darauf griff der alte Direktor wortlos nach dem Angebot und machte schnell sein Placet darunter.

Die Landesbauabteilung der OFD Frankfurt war alles andere als erfreut, daß wir uns beim AVZ ihrer Fachaufsicht entzogen hatten. Trotzdem besuchte mich einmal auf der Baustelle "rein informationshalber" ihr Vergabereferent und gab mir einige sinnvolle, fürsorglich gemeinte Ratschläge zu Vertragsstreitigkeiten mit der Neuen Heimat.

Nach angestrengter Tag- und Nachtarbeit konnten wir von der Marburger "Baugruppe Gesamthochschule Kassel" am 19. Oktober 1971 alle wesentlichen Teile des Gebäudes gemäß Vertrag mit der Neuen Heimat nach VOB abnehmen und am gleichen Tage der Gesamthochschule zusammen mit den Leistungen anderer, am Bau beteiligten Firmen übergeben. Der Einzug begann.

Nach einer Untersuchung des Zentralarchivs für Hochschulbau betrugen die Reaktionszeiten vom Beschluß der Gesetzgeber bis zur Eröffnung der neuen Hochschulen in Bremen 7,6 Jahre, in Dortmund 6,4 Jahre, in Ulm 5,8 Jahre, in Regensburg 5,3 Jahre, in Bochum 4,3 Jahre, in Konstanz 3,6 Jahre. In Kassel 16 Monate.

Vor mir liegt die Einladung der Hessischen Landesregierung zur Eröffnung der Gesamthochschule am 25. Oktober 1971, 11.00 Uhr im Aufbau- und Verfügungszentrum. Vor Beginn des Festaktes unterhielt ich mich im Freigelände mit einem älteren Ehepaar aus Kassel, zwei unter vielen Schaulustigen. Sie zeigten sich von Herzen froh darüber, daß ihr Enkel unter den 380 Lehrerstudenten und 160 Sozialpädagogen war, die hier einen Studienplatz bekommen hatten: Die Kosten eines Studiums an der Universität Gießen blieben den Eltern jetzt Gott sei Dank erspart. Nicht nur der Kliniksbau in Marburg, dachte ich, auch meine Arbeit hier beim Aufbau der Gesamthochschule Kassel hat ihren Sinn.

Ähnliches wie die beiden alten Leute, nur in schöneren Worten, sagten dann Karl Branner, Albert Osswald, Heinz Schwarz und Ludwig v. Friedeburg bei der feierlichen Eröffnung im überfüllten Hörsaal mit seinen 170 Plätzen. Anschließend ließ es sich Rudi Löwe von der Neuen Heimat nicht nehmen, dem Kultusminister den Schlüssel des AVZ werbewirksam, wenn auch außerhalb des offiziellen Programms zu übergeben.

Abends um 19.30 Uhr waren wir zum Eröffnungsfest für die Freunde und Angehörigen der GhK im AVZ eingeladen, deren Mensa und Cafeteria an die 350 Sitzplätze hatte. An diesem geschichtsträchtigen Ereignis wollten Franz Utschig und ich mit unseren Frauen teilnehmen, die ja das ganze Jahr über an der zusätzlichen beruflichen Last mitgelitten hatten. Meine Frau Renate war von ihrer Mutter mit einem langen Kleid für dieses Fest beschenkt worden. Wenige Tage vor der Eröffnung hörten wir aber, daß auswärtige Chaoten massive Störungen für diesen Abend im AVZ angekündigt hatten. So blieben wir lieber zu Hause und feierten unseren Erfolg gemeinsam mit einem Schoppen Pfälzer Wein in unserem Haus.

Tatsächlich kam es an diesem Abend zu Schlägereien beim Eröffnungsfest. Bedrückt berichtete der Hausmeister, im allgemeinen Chaos sei die teure Thonet-Ledersitzgruppe aus der Eingangshalle gestohlen worden. Das Prunkstück war von Wiesbaden noch nicht einmal genehmigt.