Kanzler-Erinnerungen

Dr. Hubert Sauer war von 1975 bis 1988 Kanzler der Gesamthochschule Kassel:

Erinnerungen an die Anfänge der Kasseler Universität

Die Kasseler Universität ist mittlerweile 40 Jahre alt. Sie hat  also das doppelte Alter der ersten Kasseler Universität erreicht, die im Jahre 1633 gegründet worden war, aber bereits 20 Jahre später wieder aufgelöst wurde, nachdem Hessen-Kassel die im Jahre 1527 von Landgraf Philipp gegründete Marburger Universität nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder zurück gewonnen hatte. Wegen der Armut im Lande war es nicht möglich, in der Landgrafschaft Hessen-Kassel zwei Universitäten zu unterhalten.

Es hat mehr als 300 Jahre gedauert, bis Kassel mit der Gründung der Gesamthochschule Kassel im Jahre 1971 endlich wieder Standort einer Universität wurde. In Kassel gab es zwar auch nach der Auflösung der ersten Kasseler Universität durchaus renommierte Einrichtungen, wie etwa das 1709 gegründete „Collegium Carolinum“ oder die 1777 gegründete Kunstakademie sowie die 1832 geschaffene polytechnische Lehranstalt. Aber diese Einrichtungen erreichten nie den Rang einer Universität.

Mittlerweile spielt die Kasseler Universität als eine der fünf hessischen Universitäten eine regional und mittlerweile auch international  anerkannte Rolle im Wissenschaftsbetrieb; sie ist wie selbstverständlich mit der Region verknüpft. Es fällt schwer, sich das heutige Kassel ohne die Universität vorzustellen.

Weitgehend vergessen sind die Anfangsjahre der Hochschule, vergessen auch die enormen Schwierigkeiten, mit denen die junge Hochschule und die dort tätigen Funktionsträger zu kämpfen hatten.  Da ich in der Zeit von 1975 bis 1988 als Kanzler die Anfangsjahre der Hochschule unmittelbar erlebt und mit gestaltet habe,  möchte ich einige  - gelegentlich anekdotisch anmutende – Einblicke in diese Gründerjahre der Hochschule geben.

Wie und warum bin ich überhaupt nach Kassel gekommen? Bevor ich mit der Kasseler Gesamthochschule in Berührung kam, war ich nach Assessorexamen und Promotion zunächst am Institut für öffentliches Recht  und später als Dezernent für Personal und Finanzen in der Zentralverwaltung der Marburger Universität tätig gewesen. 1972 wechselte ich dann in das Hessische Kultusministerium, wo ich die Leitung des Referats für Hochschulgesetzgebung, Hochschulstruktur und  -organisation übernahm; unter meine Aufgaben fiel auch die Zuständigkeit für die Gesamthochschule Kassel. Letzteres sollte für meine weitere berufliche Entwicklung erhebliche Bedeutung haben.

Ende 1974 war die bisherige Gründungspräsidentin der Hochschule, Frau Vera Rüdiger, als Staatssekretärin in das Hessische Kultusministerium berufen worden. Über die Wiederbesetzung der vakant gewordenen Stelle des Gründungspräsidenten brach innerhalb und außerhalb der Hochschule ein heftiger Streit aus. In dieser Notsituation wurde ich vom Hessischen Kultusminister gebeten, vorübergehend die Geschäfte des Gründungspräsidenten unter Beibehaltung meiner Wiesbadener ministeriellen Aufgaben wahrzunehmen. Am 2. Januar 1975 reiste ich nach Kassel, um die Amtsgeschäfte zu übernehmen. Eine Reise, die meine Frau und ich nach Malta gebucht hatten, sagte ich als pflichtbewusster „preußischer“ Beamter ab. Meine Frau war darüber verständlicherweise nicht erfreut.

Die Zentralverwaltung der Hochschule befand sich damals  in der Kölnischen Straße, dort wo heute das Gebäude der Industrie- und Handelskammer steht, weit entfernt von den verschiedenen anderen Standorten der Hochschule. Die Hochschulverwaltung war  noch klein und überschaubar – ein richtiger Familienbetrieb.

In meiner Eigenschaft als kommissarischer Gründungspräsident unterschrieb ich am Anfang jeder Woche fleißig Berichte an das Ministerium, meist Bitten oder Forderungen. Ende der Woche fand ich den größten Teil der Berichte dann auf meinem Wiesbadener Schreibtisch wieder vor – und gelegentlich war der Ministerialbeamte Sauer ein wenig ungehalten über das ständige Drängen und Fordern des kommissarischen Gründungspräsidenten Sauer gegenüber dem Kultusministerium. So war das damals. Es hat weder der Hochschule noch dem Land geschadet.

Als kommissarischer Gründungspräsident war ich automatisch Vorsitzender des Gründungsbeirats, und so lernte ich sehr rasch die damals maßgeblichen Wissenschaftler und Hochschulpolitiker der Gesamthochschule kennen. Aus meiner Marburger Zeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der dortigen Universitätsverwaltung war mir die Arbeit zentraler Universitätsgremien sehr vertraut; vorübergehend hatte ich in Marburg auch die Aufgaben des Dekans des dortigen Fachbereichs Altertumswissenschaften wahrgenommen. Was ich nun aber im Gründungsbeirat und in sonstigen Gremien der Kasseler Hochschule erleben durfte, war doch recht neu und in der Tat etwas eigenartig und gewöhnungsbedürftig. Ich erinnerte mich gelegentlich an die Bemerkung von Frau Rüdiger: „Die GhK muss noch erwachsen werden.“ Mir, der ich an die Funktionsweise traditioneller Universitäten gewöhnt war, vermittelte die damalige Kasseler Gesamthochschule den Eindruck einer zwiespältigen Institution mit leicht anarchischen Grundzügen.

Meine Tätigkeit als kommissarischer Gründungspräsident dauerte länger als erwartet, nämlich rund zehn Monate. Der Grund lag darin, dass der vom damaligen Gründungsbeirat vorgeschlagene Kandidat für das Präsidentenamt vom damaligen Kultusminister nicht bestätigt wurde und deshalb die Stelle neu ausgeschrieben werden musste. Dies führte zu heftigen Konflikten innerhalb und außerhalb der Hochschule bis dann endlich und zu meiner großen Erleichterung der Biologieprofessor Ernst Ullrich von Weizsäcker im Oktober 1975 zum Gründungspräsidenten ernannt werden konnte.

Schon im Dezember 1975 war ich allerdings wieder in Kassel. Diesmal als Kanzler der Hochschule, zu dem ich von der Landesregierung im Einvernehmen mit den Hochschulorganen ernannt worden war. Ich sollte vor allem die administrative Kompetenz einbringen und einen Beitrag zur Stabilisierung der Hochschule leisten. An der Tatsache, dass ich parteilos bin, störte sich der Minister nicht; er hielt es im Gegenteil für günstig, dass die Kanzlerstelle unter rein fachlichen Gesichtspunkten besetzt wurde. Als Kanzler war ich für die Verwaltung, insbesondere für den Haushalt der Hochschule zuständig.

Die Bezeichnung Kanzler stammt aus dem Mittelalter. Die Rolle, die der Kanzler einer mittelalterlichen Universität spielte, ist von der Rolle des heutigen Universitätskanzlers grundverschieden. Der Kanzler einer mittelalterlichen Universität war in der Regel ein höherer Geistlicher, meist ein Theologieprofessor, in katholischen Territorien manchmal auch der Bischof, welcher in Vertretung der universalen Gewalten (des Papsttums und des Kaisertums) für die Beaufsichtigung und die Anerkennung der akademischen Grade Gewähr leistete. Zwar waren als Voraussetzung für ein Doktordiplom die Voten der Professoren entscheidend, aber die eigentliche Lizenz, den Doktorgrad zu verleihen, hatte an den meisten mittelalterlichen Universitäten nur der Kanzler. Es galt als ungeheuerlich, eine Doktorpromotion ohne Mitwirkung des Kanzlers vorzunehmen. Aus der Geschichte der Universität Tübingen wird von Walter Jens berichtet, dass Anfang des 16. Jahrhunderts der damalige Kanzler namens Ambrosius Widmann es in der Wirren der Reformation vorgezogen hatte, sich unter Mitnahme des Amtssiegels ins „Ausland“ (ins katholische Rottenburg) zu begeben. Dies führte dazu, dass die Tübinger Universität ein rundes Vierteljahrhundert lang keine akademischen Grade verleihen konnte, weil dies allein dem Kanzler zustand.  Lange mussten die Herzöge von Württemberg und die Vertreter der Universität um die Gunst des Entflohenen buhlen, bis er endlich als Triumphator nach Tübingen zurück kam. Die Flucht eines heutigen Universitätskanzlers würde nur dann eine den Tübinger Vorgängen vergleichbare Dimension erreichen, wenn der Kanzler unter Mitnahme des Universitätsvermögens das Weite suchen würde.

Eine der ersten Aufgaben für mich als Kanzler war die Übernahme der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel in die Zuständigkeit der Hochschule Ende 1975. Die Stadt sah sich nicht mehr in der Lage, die Kosten für die Unterhaltung der Bibliothek mit ihren 37 Mitarbeitern aufzubringen. Die Hochschule hat die Bibliothek mit ihren wertvollen Handschriften, darunter das Hildebrandlied, die älteste überlieferte germanische Heldendichtung in deutscher Sprache,  gerne in ihre Regie übernommen. Das Hildebrandlied ist in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in der berühmten Fuldaer Klosterbibliothek aufgeschrieben worden und hat 1632 in den Wirren des 30jährigen Krieges seinen Weg nach Kassel gefunden. Als gebürtiger Fuldaer durfte ich mich nun ein wenig als Hüter des Hildebrandliedes fühlen, das in einem 1978 geschaffenen Ausstellungstresor zusammen mit anderen herausragenden Exponaten, darunter die Willehalm-Handschrift aus dem 14. Jahrhundert und eine Gutenbergbibel aus dem Jahre 1450, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde;  vorher lag das berühmte Hildebrandlied in einem winzigen Tresor im damaligen Kohlenkeller des Murhard-Gebäudes am Brüder-Grimm-Platz.

Übrigens sind damit auch die Handexemplare der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, die in das Weltdocumentenerbe der UNESCO aufgenommen worden sind,  in die Zuständigkeit der Kasseler Universitätsbibliothek übergegangen.

Zu Beginn meiner Tätigkeit als Kanzler befand sich die Hochschule im wahrsten Sinne des Wortes noch in der Gründungsphase. Natürlich besuchte ich zunächst sämtliche Standorte und Einrichtungen der Hochschule, um mir ein Bild von deren Zustand zu machen. Als ich in der sog. Ingenieurschule an der Wilhelmhöher Allee die Tür zu einem großen Raum öffnete, sah ich mit Erstaunen, dass der Raum bis zur Decke mit Klopapierrollen angefüllt war. Auf meine  erstaunte Frage an den mich begleitenden Mitarbeiter erklärte er mir, dass dem für Beschaffung zuständigen Sachbearbeiter  bei der Bestellung ein Versehen unterlaufen war: er hatte auf dem Bestellformular statt des Kästchens „Klopapierrollen“ das Kästchen „Paletten“ angekreuzt. Das Ergebnis war, dass zwei Lastzüge mit Anhänger Tonnen von Klopapier anlieferten, die dann abgenommen und in verschiedenen Räumen gelagert werden mussten.  Entsetzt fragte ich, ob denn die Hochschule auf Klopapier gegründet werden solle. Wie lange es gedauert hat, bis der Berg abgebaut war, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber ein Schmunzeln über diesen Vorgang habe ich mir damals verkniffen.

Der Lehr- und Forschungsbetrieb war im Wintersemester 1971/72 ohne nennenswerten Planungsvorlauf, gleichsam „aus dem Stand“ heraus, eröffnet worden, und zwar aufgrund des vom Landtag beschlossenen Errichtungsgesetzes. Entsprechende Überlegungen zu einer Hochschulgründung in Kassel reichten bis in die Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Im Mai 1966 forderte die Stadtverordnetenversammlung mit den Stimmen aller Fraktionen die Errichtung einer naturwissenschaftlich-technischen Universität in Kassel. Damit sollte vor allem das Vakuum an ingenieurwissenschaftlichen Einrichtungen zwischen Darmstadt im Süden und Hannover/Braunschweig im Norden in der Kasseler Region ausgefüllt werden. Seit dieser Zeit wurde die Diskussion zum Thema Hochschulgründung in der Öffentlichkeit immer lebhafter. 1969 organisierte sich ein von kommunalen Trägern und der Wirtschaft gestützter Förderverein für die künftige Universitätsneugründung, der „Arbeitskreis Universität Kassel“, der Vorläufer des heutigen Kasseler Hochschulbundes.

Das Land Hessen, das  in den vorausgehenden Jahren eher zurückhaltend war, zeigte nun auch Interesse. Aufgrund des damaligen Konjunkturaufschwungs zeichnete sich ein größerer Spielraum im Steueraufkommen für Bildungsausgaben ab. Die maßgeblichen Landespolitiker waren bestrebt, durch die Bildungspolitik auch den nordhessischen Raum zu berücksichtigen, der im Vergleich zu anderen Landesregionen mit Einrichtungen des tertiären Bereichs unterversorgt war.

Mit der Bereitschaft zur Gründung einer Hochschule am Standort Kassel gingen Überlegungen zur Hochschulreform einher. Seit etwa 1967 konzentrierten sich die Überlegungen zu einer strukturellen Neuordnung des Hochschulwesens in der Bundesrepublik um den Terminus „Gesamthochschule“. 1970/71 stimmten alle großen Parteien, die meisten einflussreichen gesellschaftlichen Gruppierungen und Organisationen von Hochschulangehörigen, wichtige Planungs- und Beratungsinstanzen – etwa der Wissenschaftsrat und die Westdeutsche Rektorenkonferenz – darin überein, dass die Gesamthochschule als das mehr oder weniger durchgängige Strukturmodell des deutschen Hochschulwesens realisiert werden sollte.

Gerade diese Entwicklung erhöhte die Chancen für die Etablierung einer Hochschule in Kassel. Denn mit der traditionsreichen Hochschule für Bildende Künste und einer Anzahl fachhochschulischer Einrichtungen vor allem im Ingenieurbereich in Kassel und Witzenhausen war ein Potential von Institutionen vorhanden, das eine günstige Ausgangslage für den Ausbau einer Gesamthochschule versprach. So war es nur konsequent, dass das Kabinett im Februar 1970 die Gründung einer integrierten Gesamthochschule in Kassel beschloss. Im Juni 1970 billigten alle im hessischen Landtag vertretenen Parteien das Gesetz über die Errichtung der Gesamthochschule Kassel.

Aber mit dem Errichtungsgesetz war die Hochschule ja nun nicht einfach plötzlich funktionsfähig. Sie ist also nicht durch eine Art wissenschaftspolitischen Urknall entstanden, sondern sie musste unter Einbeziehung der verschiedenen Vorgängereinrichtungen erst entwickelt und aufgebaut werden. Eine Universität stampft man nicht einfach aus dem Boden. Sie muss allmählich wachsen und Profil gewinnen. Als die Gesamthochschule Kassel (GhK) ihren Betrieb aufnahm, wirkte sie zunächst wie ein Retortengeschöpf.  Das schnell hingesetzte Aufbau- und Verfügungszentrum (AVZ) in der Dönche inmitten einer Plattenbaulandschaft, in dem der Schwerpunkt der universitären Entwicklung mit dem Aufbau der reformierten Lehrerausbildung und der naturwissenschaftlichen Diplomstudiengänge lag,  verstärkte diesen Eindruck. Die Hochschule für Bildende Künste (HbK), die Ingenieurschulen in Kassel und Witzenhausen, die Höhere Wirtschaftsfachschule und die pädagogischen und sozialpädagogischen Ausbildungsstätten wurden in die neue Hochschule eingegliedert, ihre Studienangebote wurden vorläufig weitergeführt, bevor sich daraus später integrierte Diplomstudiengänge entwickelten.

Die sofortige Zusammenfassung der verschiedenen Institutionen unter dem gemeinsamen Dach der Gesamthochschule hatte sicherlich den Vorteil, dass die Studienreform und auch die praxisnahe Forschung rascher vorangetrieben werden konnten. Die Integration der Vorgängereinrichtungen und das damit verbundene Spektrum unterschiedlicher Träger, Standorte, Eingangsvoraussetzungen, Abschlüsse, Lehrkörperstrukturen und Rechtsformen brachte allerdings eine Reihen von Schwierigkeiten und Problemen, die nur der ermessen kann, der diese Phase miterlebt hat.

Die Hochschule sah sich von Anfang mit zahlreichen Forderungen und Wünschen aus der Region konfrontiert. Repräsentanten des gesellschaftlichen und politischen Lebens, z.  B. Verbände und Kammern, forderten unter Hinweis darauf, dass Kassel Sitz zahlreicher Gerichte sei, die Einrichtung eines juristischen Studiengangs. Andere meinten, dass sich Kassel als Träger einer hervorragend ausgestatteten Klinik für einen Studiengang Medizin bzw. für einen medizinischen Fachbereich geradezu anbiete. Wieder andere wollten die Aufnahme der Journalisten-Ausbildung an der Hochschule. Es war nicht leicht, diese weitergehenden Wünsche im Hinblick auf das vorrangige Interesse, nämlich zunächst den naturwissenschaftlich-technischen Schwerpunkt zu entwickeln, zurückzuweisen.

Auch in anderer Beziehung wurden immer wieder Hoffnungen mit der neu gegründeten Hochschule verbunden und entsprechende Vorschläge entwickelt. Das betrifft etwa den an die Hochschulleitung herangetragenen Wunsch, den am Rande der Stadt liegenden Messinghof   für Hochschulzwecke zu nutzen oder den Renthof zum Gästehaus der Hochschule umzubauen. Der damalige Oberbürgermeister der Stadt, Hans Eichel, schlug vor, das der Stadt gehörende Schlösschen Schönfeld, das sich eine zeitlang in einem erbarmungswürdigen Zustand befand und vom Verfall bedroht war, als Tagungsstätte der Hochschule zu nutzen und durch einen landschaftsfreundlich am Hang zu errichtenden Anbau das notwendige Gästehaus für auswärtige Professoren zu schaffen. Die Hochschulleitung und auch das Land  haben damals der von einer Privatinitiative entwickelten Clubidee den Vorrang eingeräumt und auf die Sanierung und Nutzung des Schlösschens verzichtet. Mittlerweile verfügt die Universität über ein Gästehaus am Hauptstandort der Hochschule.

Aber kommen wir zunächst auf die Anfänge der Hochschule zurück. Zum Wintersemester 1971/72 hatte der Lehrbetrieb der Gesamthochschule Kassel mit 2913 Studierenden begonnen. Zu Beginn meiner Amtszeit als Kanzler im Jahre 1975 hatte die Hochschule rund 5500 Studenten. Ein Drittel der Studienanfänger wählte damals noch einen Studienplatz für das Lehramt. Mit dem Wintersemester 1975/76 wurden die neuen integrierten Studiengänge im Maschinenbau, Bauingenieurwesen und in Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung eingerichtet. Die neuen Diplomstudiengänge im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, der Agrarwissenschaften und der Elektrotechnik kamen erst einige Jahre später. In den Naturwissenschaften und der Mathematik sind von vornherein traditionelle universitäre Diplomstudiengänge eingeführt worden. Die Studiengänge in den künstlerischen Fachrichtungen glichen weitgehend  entsprechenden Studiengängen an Kunsthochschulen.

Zu Beginn meiner Tätigkeit in Kassel verfügte die Hochschule über ca. 850 Stellen. Die Personalstruktur war entstehungsbedingt außerordentlich heterogen; dies galt insbesondere für die Lehrkörperstruktur. Ausgesprochen defizitär war das Verhältnis von Hochschullehrern zu wissenschaftlichen und sonstigen Mitarbeitern. Es galt also vor allem, die personellen Strukturen im Rahmen der Personalfluktuation und des Stellenzuwachses zu verändern und an die Verhältnisse der anderen hessischen Universitäten anzupassen. Entsprechendes musste im organisatorischen Bereich geschehen. Mit der Einrichtung von Fachbereichen, die an die Stelle der bisherigen Organisationseinheiten traten, und mit der Bildung der neuen zentralen Organe wurde die organisatorische Struktur an diejenige der anderen hessischen Universitäten angeglichen. Das war eine erlebnisreiche und auch strapaziöse Zeit. Wenn ich etwa an die Überleitung der Hochschullehrer in die neue Personalstruktur denke, so muss ich gestehen, dass ich mich damals auch gelegentlich als Psychotherapeut gefühlt habe.

Im Oktober 1975 besuchte der Wissenschaftsrat zum ersten Mal die Kasseler Hochschule. In Abkehr von der ursprünglichen Idee der Campus-Universität am Rande der Stadt an der Dönche (Oberzwehren) hatte die damalige sozial-liberale Koalition in ihre Ende 1974 geschlossene Koalitionsvereinbarung drei für die weitere Entwicklung der Hochschule denkwürdige Sätze aufgenommen. Sie lauteten:  Die Verhältnisse an der Gesamthochschule Kassel sind mit durchgreifenden Maßnahmen umgehend zu konsolidieren. Sie ist zu einem naturwissenschaftlich-technischen Schwerpunkt weiterzuentwickeln. Gesamthochschule Kassel: „Henschelei“. 

Das 10 ha große Grundstück war von einer Tochtergesellschaft der Hessischen Landesbank von der Fa. Henschel erworben worden, um dort Wohnungen und Supermärkte zu bauen;  da sich diese Zwecke nicht realisieren ließen, wurde das Grundstück dem Land für Hochschulzwecke zum Kauf angeboten. Der Wissenschaftsrat billigte die Entscheidung zugunsten dieses in der Mitte der Stadt liegenden Hauptstandorts „Henschelei“ und empfahl die Zielzahl von 9000 Studienplätzen. Damals standen noch die alten Industriehallen der Firma Henschel auf dem vorgesehenen neuen Campus. Ich erinnere mich noch daran, wie wir damals die erlauchten Vertreter des Wissenschaftsrats im Omnibus um das Henschelgelände herumgefahren haben, um ihnen den Standort schmackhaft zu machen.  Im Jahre 1978 wurde dann der Architektenwettbewerb für den Ausbau des Hochschulstandorts durchgeführt. Er sah den endgültigen Abriss der alten Henschelhallen vor. Nur wenige Henschelgebäude blieben erhalten und wurden für Hochschulzwecke umgebaut, darunter der ehemalige Verwaltungsbau der Firma Henschel, direkt am Holländischen Platz, und die Henschel-Betriebskrankenkasse an der Mönchebergstraße, die heute als Verwaltungsgebäude der Universität dient sowie das ehemalige Gießhaus der Firma Henschel, das heute der zentrale Veranstaltungsraum und quasi die „gute Stube“ der Hochschule ist.

Der Abriss der alten Industriehallen verlief unter dramatischen Umständen. Kritiker bedauerten die Zerstörung des verlassenen Industriezeugnisses der Kasseler Nordstadt zugunsten der neuen Hochschulplanung als „Kahlschlaglösung“. Architekturstudenten hatten mit einigen ihrer Hochschullehrer davon geträumt und entsprechende Pläne entwickelt, die vom Erhalt und Umbau der Hallen für Hochschulzwecke ausgingen. Um Demonstrationen und Besetzungen durch die Studenten zuvorzukommen, war die Abbruchfirma im Sommer 1979 bereits in der Nacht mit Abrissbirne und Baggerzahn angerückt. Gleichwohl war Polizeischutz erforderlich, um die herbeigerufenen wütenden Studenten im Zaum zu halten. Die Wut der Studenten richtete sich auch gegen die Hochschulleitung; die Dienstzimmer von Präsident und Kanzler wurden überfallartig von Studenten besetzt und wir mussten stundenlang diskutieren, um den angehenden Architekten klarzumachen, dass auch die Hochschulleitung an die Ergebnisse des vom Land ausgelobten Wettbewerbs, den das Stuttgarter Büro Höfler-Kandel gewonnen hatte, gebunden war. Heute hat sich der Hauptstandort zu einem modernen Universitätszentrum entwickelt. Unabhängig davon, wie man zur postmodernen Architektur stehen mag, kann man jedenfalls sagen, dass der Standort von den Nutzern als kommunikationsfreundliches Quartier angenommen worden ist.

Die Stabilisierungsfunktion des Kanzlers wurde besonders wichtig, als die Amtszeit des Präsidenten Ernst Ulrich von Weizsäcker im Herbst 1980 auslief, nachdem seine Wiederwahl gescheitert war. Der vom Konvent gewählte Kandidat wurde vom Kultusminister aus rechtlichen und politischen Gründen wiederum nicht bestätigt. Der Minister übertrug mir daraufhin zum zweiten Mal die Aufgaben des Universitätspräsidenten, die ich neben dem Kanzleramt erneut ein knappes dreiviertel Jahr wahrnahm. Ich habe auch diese schwierige Phase ohne physische und psychische Schäden überstanden.

Durch Novellierung des Hessischen Hochschulgesetzes im Jahre 1978 wurde die Gesamthochschule Kassel, die zuvor Anstalt des öffentlichen Rechts gewesen war und der Fachaufsicht des Ministeriums unterstand, durch die Verleihung des Körperschaftsstatus erheblich gestärkt; gleichzeitig wurde sie unter die Universitäten des Landes eingereiht; sie wurde damit fünfte hessische Universität.  Allerdings stieß das bei einem Teil der Hochschulmitglieder auf Missfallen. Sie vertraten die – aus heutiger Sicht – seltsame Auffassung, dass die Idee und der Begriff Gesamthochschule einen höheren Rang ausdrücke als die Bezeichnung Universität. Sie setzten sich also aus ideologischen Gründen dagegen zur Wehr, der Gesamthochschule die Bezeichnung Universität voranzustellen oder beizufügen. Viele Studenten befürchteten zudem, dass das Reformmodell Gesamthochschule sich in Richtung Universität alten Stils und damit zu unkritischem Pauken, Leistungsdruck und Konkurrenzdenken bewege.

In ihrer ideologischen Verblendung sahen diese Hochschulmitglieder nicht, dass mit der Einbeziehung der Gesamthochschule in das hessische Universitätsgesetz eine klare Sicherung und Stabilisierung der Hochschule verbunden war und damit die Chancengleichheit gegenüber den älteren hessischen Universitäten erreicht werden konnte. Sie sahen auch nicht, dass zu diesem Zeitpunkt bundesweit die hochschulpolitische Entwicklung anders verlaufen war als Anfang der siebziger Jahre, also dem Zeitpunkt der Kasseler Hochschulgründung, weithin angenommen wurde. Die  Gesamthochschule war nicht zum Prototyp der weiteren Hochschulentwicklung in Deutschland geworden, sonders sie war aus einer vermeintlichen Pionierrolle in eine Sonderrolle gewechselt und geriet zunehmend unter Legitimationsdruck.  Für viele galt sie als Exot in der deutschen Hochschullandschaft und auch international wurde  der Begriff „Gesamthochschule“ falsch interpretiert; er erschwerte die Profilbildung in internationalen Wissenschaftskontakten. Selbst in der Region löste die Bezeichnung „Gesamthochschule“ immer wieder nachteilige Missverständnisse und Verwechslungen mit „Gesamtschule“ oder „Fachhochschule“ aus; der Status der Hochschule, die ja mittlerweile über viele universitäre Professoren verfügte, wurde mit der Bezeichnung „Gesamthochschule“ nicht hinreichend zum Ausdruck gebracht und ließ sie in den Augen der Region zu einer Hochschule minderen Ranges werden.  Deshalb ließen sich zahlreiche neu berufene Universitätsprofessoren Briefköpfe mit der Bezeichnung „Universität Kassel“ drucken, um den Rang der Hochschule international sichtbar zu machen und um Missverständnisse in ihren internationalen Wissenschaftskontakten zu vermeiden. Selbst der damalige Gründungspräsident Ulrich von Weizsäcker zeigte mir eines Tages schmunzelnd seine Visitenkarte, in der die Bezeichnung „University of Kassel“ stand.

Ich habe es damals als sehr schmerzlich empfunden, dass einige neuberufene hochqualifizierte Professoren besonders aus dem Ingenieurbereich - u. a. wegen der ideologischen Verbohrtheit einflussreicher Gremienmitglieder – die Hochschule wieder verlassen haben.

Als ich im Jahre 1980 neben meiner Funktion als Kanzler erneut die Aufgaben des kommissarischen Präsidenten übernommen hatte, setzte ich mich mit dem damaligen Oberbürgermeister Eichel in Verbindung und diskutierte mit ihm die Absicht, den universitären Stellenwert der Hochschule auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, z. B. durch Hinweisschilder mit der Aufschrift „Universität“, wie es ja dem Hessischen Hochschulgesetz entsprach. Oberbürgermeister Eichel war von der Idee sehr angetan. Ich habe daraufhin die notwendigen Mittel eingeworben, so dass dann an wichtigen Stellen der Stadt und auch an der Autobahnausfahrt die Hinweisschilder mit der Aufschrift „Universität“ angebracht werden konnten. Auch wenn die Aufregung der ideologisch motivierten Gegner dieser Bezeichnung groß war, bestätigte der Beifall der neu berufenen universitären Professoren und auch der politisch Verantwortlichen im Lande die Richtigkeit meiner Entscheidung. Ich bin damals nicht gesteinigt, sondern von linken Funktonären nur rüde beschimpft worden, was mich aber ziemlich kalt ließ. Mittlerweile trägt die Hochschule wie selbstverständlich den Namen „Universität Kassel“ und die damaligen ideologisch  motivierten Gegner der Bezeichnung Universität reagieren heute etwas verlegen oder wollen sich an die damaligen Kontroversen nicht mehr erinnern. Tempora mutant!

Ich habe einige Episoden aus den ersten sechs Jahren, also der ersten Hälfte meiner Kanzlerschaft  an der Kasseler Universität berichtet. In der zweiten Hälfte meiner Tätigkeit als Kanzler konsolidierte sich die Hochschule zunehmend. Die bisherigen Fachhochschulstudiengänge wurden durch die Einrichtung integrierter gestufter Diplomstudiengänge abgelöst. Der Wissenschaftsrat schrieb die Ausbauplanung für die Hochschule fest und bestätigte das Modell gestufter Studiengänge. 1985 wurde der neue Universitätscampus am Holländischen Platz mit Bibliothek, Hörsaalzentren, Wohnheimen und einem Gebäudekomplex für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eröffnet.

Als ich dann nach 13jähriger Kanzlerschaft im Jahre 1988 das Angebot erhielt, in leitender Funktion in das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst zu wechseln, um dort meine Erfahrungen auf Landesebene einzubringen, war die Hochschule mit der des Jahres 1975, also des Jahres, in dem ich meine Tätigkeit als Kanzler begonnen hatte, nicht mehr zu vergleichen. Sie hatte mittlerweile mehr als 10000 Studierende und knapp 2000 wissenschaftliche, technische und administrative Mitarbeiter. Ich habe  die Hochschule damals mit dem guten Gefühl verlassen, dass sie manche Anfangsschwierigkeiten  überwunden und sich inhaltlich, personell und baulich konsolidiert hatte. Sie war mittlerweile auch zu einem bedeutenden kulturellen und wirtschaftlichen Faktor für die Region geworden und die ursprünglich in der Region vorhandene kritische Distanz war mehr und mehr einer kritischen Sympathie für die Hochschule gewichen. Dies zeigte sich auch darin, dass immer mehr nordhessische Politiker für sich in Anspruch nahmen und nehmen, maßgeblich zur Gründung der Hochschule beigetragen zu haben. Der Erfolg hat eben viele Väter, nur der Misserfolg ist ein Waisenknabe.