Mein erstes Semester

Klaus Stern, Dokumentarfilmer

Erstsemester 1990

Ich war kein besonders guter Schüler und ich hatte keinen Plan, was ich wollte. Mein Leben bestand aus: Erstens, meine Ultra 80 zu frisieren. Zweitens Mädchen aufzureißen – jedenfalls habe ich es versucht. Und drittens aus Fußballtraining. Nach dem Realschulabschluss habe ich dann eine dreijährige Ausbildung zum Briefträger gemacht und die sogar durchgezogen. Nur deshalb, um in einem Jahr mein Fachabitur nachzuholen, um doch noch zu studieren.

Im Wintersemester 1990/91 habe ich dann an der Uni Kassel angefangen, Wirtschaft zu studieren. Nach drei Semestern konnte ich zu Wirtschaftspädagogik und Politik wechseln. Für mich als Schwälmer Dorfkind war Kassel damals fast schon Weltstadt. Die damalige Gesamthochschule empfand ich als ziemlich links. Gefühlt die Hälfte meiner ersten Semester habe ich gegen den ersten Golfkrieg protestiert.

Die Profs waren sehr relaxt, nicht so gehetzt. Ich erinnere mich, dass ein VWL-Prof uns in der Vorlesung den ökonomischen Mehrwert von Kneipenbesuchen erklärt hat, und ein anderer erzählte gleich in der ersten Vorlesung, er habe einen Schwager, der wegen Steuerhinterziehung im Knast sitze. Man konnte auch bei den Klausuren ziemlich gut abschreiben.

Durch das Studium bin ich auch erstmals mit dem Medium Film in Berührung gekommen. Wir mussten eine filmische Selbstdarstellung produzieren, alles ohne Text, Schwenk und Zoom. Ich habe irgendwas gefilmt mit kaputten Spieluhren und Milch in der Badewanne. Das Ganze zur Musik von Laurie Anderson. Dafür gab es einen Schein.

Wer hat mich am meisten geprägt? Ganz klar der Politologe Eike Hennig, bei dem ich meine Diplomarbeit in Politik über die Lorenz-Entführung 1975 geschrieben habe. Daraus wurde zwei Jahre später mein erster Dokumentarfilm.  

Aufgezeichnet von Guido Rijkhoek

Olaf Hoppe, Fahrbereitschaft der Uni Kassel

Erstsemester 1991

Ich habe 1991 nach der Ausbildung zum Reserveoffizier angefangen zu studieren. Zum Bauingenieurwesen kam ich recht unüberlegt. Ein Kamerad bei der Bundeswehr sagte, er gehe zum Studium nach Kassel, um dort Bauingenieur zu studieren. Ich dachte mir, das hört sich interessant an, und habe mich angeschlossen.

Ich weiß noch, dass in der ersten Woche ein Superwetter war. Voll war es damals schon. Im Hörsaal 400 haben wir gesessen, wo auch immer es ging. Die Fachschaft hat sich in der Einführungswoche sehr viel Mühe gemacht, um uns einen guten Einblick in die Hochschule zu geben, und aus Jux hat sie eine Art Probevorlesung gehalten, in der eigentlich niemand etwas verstanden hat. Was bei einigen Vorlesungen hinterher auch Realität war.

Wenn man nach zwei Jahren bei der Bundeswehr, wo alles strukturiert war, wieder in die Freiheit entlassen wird, ist es nicht einfach, sich selbst zu organisieren und  wieder ans Lernen zu kommen. Studium ist, wenn man für die erste Physikklausur mehr gelernt hat als für das gesamte Abitur.  Die Ablenkungen waren vielfältig. Den Pavillon gab es schon und auch das Torcafé, das bei uns Bauing-Cafete hieß. Jeden Donnerstagabend gab es eine Studentenparty im WiSo-Pool.

Komisch - damals war ich auch schon immer der Fahrer, da wir eine Fahrgemeinschaft aus Fritzlar waren. Das Semesterticket gab es noch nicht und wir sind jeden Morgen mit dem Auto nach Kassel und abends, manchmal auch mittags zurück. Die Parksituation war 1991 schon schwierig und wir haben ziemlich schnell gelernt, dass man immer etwas Schweres aus Metall dabei haben musste, denn so konnte man die Kontaktschwelle an der Tiefgarage überlisten und einfahren.  

Nach meinem Eindruck hat sich das Studium gar nicht so verändert, zumindest nicht in den Ingenieurwissenschaften. Wir haben damals auch schon nach einem ziemlich festen Ablauf studiert. Nur der Frauenanteil war noch geringer als heute. Und ohne Kopierer wäre man völlig aufgeschmissen gewesen.