RCDS-Gründung

Uwe Schrader, Autor der folgenden Beitrags, gehörte zur ersten Studentengeneration an der Kasseler Gesamthochschule und gründete den RCDS mit, dessen 1. Vorsitzender er wurde:

Kasseler Uni-Gründungsjahre 1969-1972 aus Studentensicht

Ach, was für eine Zeit! Alles schien möglich aus Studentensicht! Und man war wer als Student- nicht nur in Berlin, Frankfurt, Marburg - nein, selbst in Kassel. Ich immatrikulierte mich im Oktober 1969 mit 19 Jahren als Industriekaufmann mit Praxis an der Höheren Wirtschaftsfachschule (HWF), Fachbereich Betriebswirtschaftslehre in der Druseltalstraße. Mir fiel gleich der lockere Umgangston zwischen Lehrenden und Studierenden auf - man war teilweise "per Du". Hintergrund war, dass die Umbenennung und Gründung der HWF zur ersten Integrierten Gesamthochschule/Universität des Landes Hessen anstand und die Lehrenden als zum Teil aufgestiegene Berufschullehrer hofften, auch mit Hilfe der Studenten, übernommen, also als Gesamthochschul-Professoren berufen zu werden. An der Ingenieurfachhochschule (IFH) war es nicht anders - alles war eben im Umschwung; und von den Lehrenden wollte keiner auf der Strecke bleiben, ausgemustert werden, niemand wusste genau, was werden würde. Es wurde viel diskutiert in Vorlesungen und Vollversammlungen, Leistungsnachweise fielen in der Bewertung oft überraschend moderat aus.

Das gab Freiheit für die politischen Studentenorganisationen, die in Kassel erst zu gründen waren, wobei sehr schnell mit Marburger und Frankfurter Hilfe der Sozialistische Hochschulbund (SHB) und der Kommunistische Hochschulbund Spartakus (KHBS) sich diese auch in Kassel gründeten. Erste Streikaufrufe gegen das in der Bundesrepublik Deutschland von den Bonner Parteien beabsichtigte Hochschulrahmengesetz (HRG) wurden nun auch hier, wie an großen Universitäten, u. a. Berlin, Hamburg, Frankfurt, Marburg, von diesen neuen Kasseler linken Studentenorganisationen propagiert. Ziel des HRG war die Eingrenzung der an den großen Universitäten von den dortigen linken Asten durchgesetzten sehr weitgehenden studentischen Mitbestimmung in den Universitätsgremien. Viele Studenten folgten diesen Aufrufen und plötzlich wurden erstmalig auch Streiks an der HWF und der Ingenieurfachhochschule in Kassel durchgeführt, was völlig neu für die Kasseler Bevölkerung war.

Es kam zu ersten Demonstrationszügen in der Kasseler Innenstadt mit Transparenten, revolutionären Forderungen und roten Fahnen dieser linken studentischen Organisationen mit Hunderten von Studenten - und die guten Kasseler Bürger, die so etwas bisher nicht kannten, waren entsetzt. Dies vor allem, weil sich diesen Demonstrationszügen zunehmend auch die Oberstufen-Schüler der Kasseler Gymnasien, Söhne und vor allem Töchter aus gutem Hause (oft bald Freunde und Freundinnen dieser protestierenden Studenten) anschlossen, die aus dem Fernsehen ja die Studentenaktionen aus den vorgenannten Universitätsstädten kannten und diese Aktionen - heute würde man sagen - wohl "taff" fanden. Jugend bewegte plötzlich Kassel und wurde auch hier wahrgenommen. Die Kasseler Bürger aber hatten wohl zunehmend Angst um ihre Kinder. Sie befürchteten für Kassel Verhältnisse, wie sie damals an den Universitäten in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Marburg herrschten. Dies, zumal sich herumgesprochen hatte, dass der "Rudi Dutschke von Kassel" und Vorsitzende des Kasseler Kommunistischen Hochschulbundes Spartakus der Sohn des Eigentümers eines der größten Kaufhäuser in Kassel war und mit Mao-Bibel und Laotse-Bändchen täglich die Weltrevolution und die Verstaatlichung aller Banken, Produktionsmittel und des sonstigen Privateigentums mit gehobener linker Faust forderte.

Die fortschreitende Besetzung aller für Studenten zugänglichen Uni-Funktionsstellen ausschließlich durch Studenten linker Studentenorganisationen - mit Einfluss auch auf Berufungen von dann natürlich ebenso ausschließlich linken Professoren - waren einige liberale oder konservativ denkende Kommilitonen 1970 endgültig Leid. Daher gründeten wir mit mir als 1. Vorsitzenden, im Kellerlokal des Cafe "Däche", für die GH Kassel den RCDS als hochschulpolitisches Gegengewicht. Ein Aufatmen ging durch bürgerliche Kreise, als die damalige Hessische Allgemeine meldete, dass sich in Kassel der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) gegründet habe. Eine der ersten Aktivitäten des RCDS Kassel war die Organisation und Durchführung des "Marsches für Menschenrechte" anlässlich des damaligen Zusammentreffens des Bundeskanzlers Willy Brandt mit Willy Stoph in Kassel im Mai 1970.

Der Kasseler RCDS erfuhr sehr bald reges freundliches Interesse und ich wurde als 1. Vorsitzender vom Landesvorstand der hessischen CDU unter Dr. Alfred Dregger nach Wiesbaden zum Gespräch eingeladen. Auch wurde ich wiederholt als Referent gebeten‚ Vorträge über die spezielle hochschulpolitische Situation und über das Curriculum an der ersten zu gründenden und dann gegründeten integrierten Gesamthochschule/Universität des Landes Hessen zu halten, u. a. vor dem Kasseler Meisterkreis im Durckhaus Meister, in den Geschäftsstellen der Arbeitgeberverbände, im Hause der IHK Kassel und im Schlosshotel Wilhelmshöhe vor den Mitgliedern von Rotary Kassel.

Die Anzahl der studentischen Mitglieder des Kasseler RCDS stieg in kürzester Zeit von wenigen Monaten auf über 80 Studenten an, was unter Berücksichtigung der Gesamtstudentenzahl in Kassel und der RCDS-Mitgliederzahlen an deutschen Hochschulen 1971 überraschend viel war. Dies lag zum einen wohl daran, dass der RCDS für eine "Leistungsuniversität Kassel" eintrat, damit der Kasseler Gesamthochschulabschluss bundesweit hohes Ansehen - in Abgrenzung zu anderen Studienstandorten - erhielt. Dies insbesondere, da die linken Studentenorganisationen eine leistungsnachweisfreie Gesamthochschule zur Selbstfindung bzw. Emanzipation forderten und alles andere als kapitalistischen Dressurakt ablehnten. Zum anderen mag es wohl auch an den vielen geselligen Aktivitäten gelegen haben, die ich schon seit 1969, und damit vor Gründung des RCDS, für alle Kasseler Studenten initiiert hatte und die von diesen mit großer Begeisterung aufgenommen worden waren (vielen nur unter meinem - hier nicht verratenem - Spitznamen bekannt).

Als 1. Vorsitzender des RCDS Kassel und kurzzeitig auch Landesvorsitzender des RCDS Hessen wurde ich vom damaligen Hessischen Kultusminister von Friedeburg zur Entwicklung eines Curriculums, Gründung der Gesamthochschule Kassel und weiteren Planungen in den Gründungsbeirat der GH Kassel berufen, der aus zwölf Professoren und zwei Studenten bestand.

Die erste integrierte Gesamthochschule/Universität des Landes Hessen wurde gegründet und es fand die erste Asta-Wahl statt mit einem für die damals bundesdeutsche Hochschullandschaft sensationell gutem Erfolg des RCSD Kassel. Die bürgerlichen Kreise in Kassel und die hessische CDU insgesamt nahmen dieses Ergebnis freudig auf und die Zeitschrift "Die Welt" schrieb sinngemäß: "Silberstreif am Horizont deutscher Hochschulen. Sensationeller Erfolg des RCDS bei der ersten Kasseler Asta-Wahl". Ich selbst wurde in den Senat der GH Kassel gewählt. Zu dem in diesem Jahr in Kassel stattfindenden CDU-Landesparteitag der hessischen CDU wurde ich als 1. Vorsitzender des RCDS Kasel e.V. eingeladen, um ein Grußwort an die Delegierten mit Verkündung des kürzlich besten Asta-Wahlergebnisses zu richten.

In der Folgezeit konnten die ursprünglichen Vorstellungen der damaligen linken Studentenorganisationen, eine leistungsfreie Gesamthochschule ohne jeglichen Druck und ohne Leistungsnachweise in Kassel allein zur freien Entfaltung der Persönlichkeit zu schaffen, verhindert werden. Ich hoffe, dass ich durch mein hochschulpolitisches Engagement dazu beitragen konnte, die Reputation der Gesamthochschule, heute der Universität Kassel, aufzubauen und somit die Grundlage für die Qualität der Abschlüsse zu gewährleisten.

Am Ende des Sommersemesters 1972 verließ ich mit bester Note als Dipl.-Betriebswirt Kassel, um an der Universität Göttingen Rechtswissenschaft, Sozialwissenschaften und Wirtschaftspädagogik zu studieren. Nach meinem 1. Staatsexamen in Rechtswissenschaft war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsrecht der Universität Göttingen und ab 1979 bis 1986 nach meinem zweiten Staatsexamen als Lehrbeauftragter der GH Universität des Landes Kassel tätig. Seit 1982 arbeite ich als Rechtsanwalt in Holzminden. Eine der unbeschwertesten und schönsten Zeit meines Lebens habe ich aber in Kassel verbracht und ich denke noch neben den hochschulpolitischen Aktivitäten besonders gern an meine damaligen Kommilitonen und Kommilitoninnen, an die schönen Abende im Club am Friedrichsplatz, dem Studio 21, der Fliegerbar, der Löwenburgbar, der Kneipe neben der Polizeihauptwache (Name entfallen), im Gartenlokal bei Opa und Oma Lohmann, das nächtliche Schwimmen in der "Fulle" und nicht zuletzt an die schönen Kasseler Mädchen zurück. Man müsste noch mal 20 sein…