Plenarvorträge

Prof. Dr. Heinz Rölleke: Die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm und ihre Beiträger (Montag, 17.12.2012, 11 Uhr im Bürgersaal des Kasseler Rathauses)

 

„Gesammelt haben wir an diesen Märchen seit etwa dreizehn Jahren, der erste Band ... enthielt meist, was wir nach und nach in Hessen, in den Main- und Kinziggegenden der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, von mündlichen Ueberlieferungen aufgefaßt hatten“, heißt es 1819 in der Vorrede der Brüder Grimm zur zweiten Auflage ihrer Märchen. Diese durchaus nicht den Tatsachen entsprechende Behauptung hat die Wissenschaftler wie die Märchenliebhaber bei der Frage nach der Herkunft der bedeutendsten Texte der Grimmschen Sammlung fast 200 Jahre hindurch mehr oder weniger in die Irre geführt. Inzwischen können zu etwa sechzig Märchen die (meist älteren) schriftlichen Quellen sicher nachgewiesen werden. Die übrigen trugen an die vierzig Märchenbeiträger nach mündlicher Tradition zu. Diese sind zum Teil erst kürzlich näher identifiziert worden; andere erscheinen dank einiger Quellenfunde in einem neuen Licht. Persönlichkeit und Eigenart der profiliertesten Märchenerzähler sollen vorgestellt und ein Blick soll auf das Eigentümliche ihres jeweiligen Repertoires geworfen werden.


Prof. Dr. Eugen Drewermann: Bilder gelebter Menschlichkeit oder wie Gott durch Grimmsche Märchen geht (Montag, 17.12., 18 Uhr im Hörsaal I, Campus Holländischer Platz)

Wenn Märchen von Gott und Engeln oder Teufeln reden, meinen sie – anders als die Theologen  ‒ zumeist Kräfte oder Teile der menschlichen Psyche. Und doch gibt es Geschichten, die im Erbe alter Mythen oder auch in bewusster Kritik am Bestehenden in durchaus religiöser Absicht von Gott reden. Wie gehen wir mit Fremden oder Obdachlosen um? ‒ Das, meint das Märchen von dem „Armen und dem Reichen“, entscheidet, ob wir Gott aufnehmen oder von uns weisen und ob wir glücklich werden oder unglücklich. Und woraus leben wir, wenn nicht von der Vergebung? Doch dann gibt es den „Schneider im Himmel“, der hinterrücks auf Gottes Thron Platz nimmt und seine eigenen Vergehen aufs härteste an anderen aburteilt. Und wie verfahren wir mit Tieren? Und was ist los mit einer Religion, die ihre Quälerei zu lukrativen Preisen auf dem Schlachtviehmarkt im Ganzen doch nach Gottes Willen findet? Was wäre, ein Versteher der „Drei Sprachen“ von Tieren wie den Hunden, Vögeln oder Fröschen würde ‚Papst‘? Es wäre ein ganz neuer Typ von Frömmigkeit im Abendland …


Prof. Dr. Alan Kirkness: Behind the scenes of Grimms' German Dictionary (1838–1863)(Dienstag, 18.12., 9 Uhr im Hörsaal I, Campus Holländischer Platz)

 

Many use dictionaries, but few know what goes on behind the scenes in their making. The talk looks at the first edition of the German Dictionary founded by Jacob Grimm and Wilhelm Grimm (Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, DWB). It comprises 33 volumes and includes some 320.000 entries and was compiled by generations of German scholars between 1838 and 1971. It has been much praised and much criticised, and it remains an essential scholarly resource on the history of German. On the basis of archive material some of it only recently identified and barely known, much of it still unpublished the talk looks inside the workplace of the Grimms as they worked on the dictionary between 1838 and 1863. It illustrates with original documents the various stages in the dictionary’s making, from manuscript to proofs and printed text and beyond and seeks to establish just who contributed what and when and how to the letters A to F, the small portion of the finished dictionary actually written by its founders.


Prof. Dr. Walter Haas: Von der Macht des unermüdlich schaffenden Sprachgeistes. Jacob Grimm und die Veränderung der Sprache (Mittwoch, 19.12., 9 Uhr im Hörsaal I, Campus Holländischer Platz)

Jacob Grimm meinte einmal, er und sein Bruder hätten ihre  „Kräfte ehrlich eingesetzt, dass unter den nachfolgenden Menschen unser Andenken noch unverschollen sein wird, hernach mag es zuwachsen.“ Von den zahlreichen Werken Jacob Grimms ist die  „Deutsche Grammatik“ vermutlich sein genialstes, aber gerade ihr Andenken scheint tatsächlich seit längerer Zeit endgültig „zugewachsen“ zu sein: Man weiß von berühmten Universitäten, die das viertausendseitige Ungetüm aus ihren Bibliotheksregalen entfernt haben. Trotzdem wäre es verfehlt, Grimms „Grammatik“ abzuschreiben – im Gegensteil. Sein Werk hat sozusagen einen höheren Aggregatszustand erreicht: Es hat die Linguistik dermaßen fundamental geprägt, dass es sich durchaus leisten kann, „verschollen“ zu sein, solange wir es uns nicht leisten können, um die darin enthaltenen Erkenntnisse herumzukommen. Ein Referat kann unmöglich einem Gelehrten gerecht werden, der eine Schlüsselstellung in der Geschichte der Sprachwissenschaft eingenommen und eine kleine Bibliothek wirkungsmächtiger Schriften hinterlassen hat. Es kann aber versuchen, seine Stellung in der Geschichte der Sprachwissenschaft auch einem Publikum verständlich zu skizzieren, das mit der Historischen Sprachwissenschaft wenig vertraut ist, und anhand der „Grammatik“ einen Einblick in seine ungewöhnliche Arbeitsweise zu geben.


Prof. Dr. Kristin Wardetzky: ...die Märchen in den Ofen feuern! Zum Märchenstreit im Nachkriegsdeutschland (Donnerstag, 20.12., 9 Uhr im Hörsaal I, Campus Holländischer Platz)

 

Der Streit um die Eignung des Märchens als Kinderlektüre hat Geschichte. Bereits die Grimms hatten sich nach der Erstausgabe der KHM mit entsprechenden Vorwürfen auseinanderzusetzen. Die Vorbehalte blieben bis ins 20. Jahrhundert hinein virulent. Zu keiner Zeit aber hatten Märchengegner ihre Positionen mit solch argumentativer Wucht in Szene gesetzt wie in den Jahren nach 1945.

Auf der Suche nach den Ursachen der Ungeheuerlichkeiten des Nationalsozialismus gerieten vor allem die Märchen der Brüder Grimm in den Verdacht, ein ganzes Volk kollektiv für die Gräuel des NS-Regimes disponiert zu haben.

Die Frage nach den Grausamkeiten im Märchen und nach dessen moralischen Implikationen bildete den Kernpunkt der Auseinandersetzung – mit weitreichenden Konsequenzen für die Verlags- und Unterrichtspraxis.

Dieser Märchenstreit stellt eines der brisantesten, heute jedoch weitestgehend vergessenen Kapitel in den literaturpädagogischen und bildungspolitischen Debatten der Nachkriegsjahre in Ost- und Westdeutschland dar.


Dr. Wolfgang Thierse (MdB): "was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur" (Grimm, WB IV) - Sprachenvielfalt und kulturelle Identität im europäischen Raum (Donnerstag, 20.12., 16 Uhr im Hörsaal I, Campus Holländischer Platz)