Projekt B1: Vermittlungen zwischen den Spezies

Vermittlungen zwischen den Spezies. Wärter und Pfleger in Zoologischen Gärten (ca. 1860–1960).

Verantwortlicher: Prof. Dr. Winfried Speitkamp
Projektbearbeitende: Wiebke Maria Reinert M.A.

Der Umgang von Menschen mit Tieren hat eine große Zahl an spezifischen Berufen zur Zucht, Betreuung, Vorführung und Nutzung von Tieren hervorgebracht. Im Kontext der Frage nach Mensch-Tier-Vermittlungen sind diese Berufe von besonderer Bedeutung. Daher wurde die Berufsgruppe der Tierwärter und Pfleger untersucht, die in den neuen Tierparks und Zoologischen Gärten seit dem späteren 19. Jh. mit der Versorgung der Tiere betraut waren. Es ging um Ausbildung, Tätigkeit und Selbstverständnis der Tierpfleger, den Umgang mit Tieren und das Verhalten in Tier-Mensch-Konstellationen.

Die Beziehungen zwischen Mensch(en) und Tier(en) waren immer zwischen Fremdheitserfahrung und Nähe bzw. Ähnlichkeitsbefürchtung angesiedelt. Gleichzeitig waren Menschen auf Tiere angewiesen und daher gezwungen, sie nicht nur zu zähmen, sondern sie bis zu einem gewissen Maß auch zu verstehen. Um dieses Spannungsfeld und die Akteure darin zu erfassen, wurde der Blick vor allem auf die Vorführung vermeintlich „exotischer“ Tiere in Zoologischen Gärten gerichtet. Durch Illustrationen (Reiseberichte, Lexika, „Brehms Thierleben“) hatte das Publikum im späteren 19. Jh. bereits eine Vorstellung, die nun durch lebende Exemplare ergänzt wurde. Umso wichtiger war die Vermittlung zwischen Tierverhalten, Besuchererwartungen und Auftrag der Zoologischen Gärten. Das war die Aufgabe von Wärtern und Pflegern. Diese durften die durch Graben oder Käfiggitter markierte Grenze zwischen den Spezies (und damit zwischen „Zivilisation“ und „Wildnis“) überschreiten, Tiergehege betreten, den Lebensraum von Tieren mitgestalten. Wer arbeitete mit Tieren? Wie wurden die Beschäftigten ausgebildet, welche Beziehung hatten sie zu Tieren? Welche professionelle Identität bildete sich heraus? Wie „konstruierten“ sie Tiere? In welchen Konstellationen wurden Tiere vorgeführt (allein oder in Gruppen, mit oder ohne Nachwuchs), welches Bild der Tiere (fremd-vertraut, animalisiert-vermenschlicht, bedrohlich-friedlich) wurde Besuchern nahegebracht? Welche Regelmäßigkeiten des Umgangs von Mensch und Tier sind zu beobachten (Fütterung, Reinigung, Erziehung/Ausbildung etc.), welche Kommunikationsmuster mussten „gelernt“ werden bzw. bildeten sich dabei heraus? Wie verhielten sich die Tiere? Waren sie bloß Objekte, oder bestimmten sie als Akteure und Subjekte mit über Begegnung, Betreuungsverhalten, Sympathien und Tier-Mensch-Hierarchien?