Projekt B2: Ausgezeichnete Rinder, ausgezeichnete Bauern

Ausgezeichnete Rinder, ausgezeichnete Bauern: Repräsentation, Identitätsbildung und Akteursgemeinschaft im Spiegel von Prämierungen (1780–2000).

Verantwortliche: Prof. Dr. Werner Troßbach, Prof. Dr. Sven König
Projektbearbeiterinnen: Ulrike Heitholt M.A., Diana Krischke M.Sc.

Die Doppelprämierung von Landwirt/in und Nutztier wurde als Bestandteil des Züchtungsdiskurses und als öffentliche Inszenierung analysiert, in der sich agrarwirtschaftliche mit ästhetischen, symbolischen und aktuellen Bezügen überlagern. Für die Landwirte/innen wurde gefragt, inwieweit die bei der Prämierung dargestellte Akteursgemeinschaft von Mensch und Tier im Alltag zu Identitätsbildungsprozessen führte und welche Dynamik von der Wahrnehmung des Tieres als Partner ausging. Gesellschaftlich übergreifende Publikumseffekte und Identitätsbildungen wurden anhand der Leitkategorien „Regionalisierung / Entregionalisierung“ verfolgt. Mit dem Rind wurde eine Gattung mit großer Nutzungsvielfalt und erheblichem Symbolgehalt thematisiert.

Projektziele:

Auf europäischer Ebene war zu klären, welcher Stellenwert den Prämierungen im Züchtungsdiskurs zugeschrieben wurde. Seit wann kam es zu Doppelprämierungen, welche Kräfte waren daran interessiert? Die im Kontext von Prämierungen entstandenen Texte und Bilder ermöglichten – aus forschungspraktischen Gründen auf deutsche Territorien beschränkt – Aussagen zum Verhältnis von agrarwirtschaftlichen Zielvorgaben mit ästhetisch-symbolischen und zeitspezifisch aktuellen Elementen, zu Eigendynamiken und Rückwirkungen der Inszenierungen auf den Züchtungsdiskurs. Die Hauptdarsteller/innen werden wie im Reitsport oder in der Tierpflege als Akteursgemeinschaften in Szene gesetzt. Durch die Leitfrage, wie weit die Akteursgemeinschaft in den Alltag hinein trägt, kam die Rolle der Prämierungen für – auch geschlechtsspezifische – Identitätsbildungen in den Blick. Daran schloss die Frage an, ob sich die Teilnahme an Prämierungen mit bestimmten „farming styles“ (Langthaler) assoziieren lässt. Hier führte der Weg über Biographien ausgewählter Landwirte/innen, zugleich über Biographien und Genealogien der beteiligten Tiere. Auf den Züchtungsdiskurs zielte die Frage, inwieweit Landwirte/innen, die sich an Tierschauen beteiligten, vom wissenschaftlichen Mainstream unterschiedene Zuchtstrategien verfolgten. Für die Seite der Öffentlichkeit wurde exemplarisch die These verfolgt, dass die oft mit Volksfesten und Märkten verbundenen Prämierungen in Deutschland mindestens bis zum Ersten Weltkrieg als Mittel zur Konstruktion regionaler Identitäten dienten, und zwar auf der Basis einer auch in den Heimat- und Naturschutzbewegungen wahrgenommenen Einheit von Mensch, Tier („Landschläge“) und Landschaft. Analysiert wurden regionale Inszenierungen, Akteure, Strategien sowie Rezeptionen. Es war jedoch auch zu fragen, inwieweit transnationale Kooperationen in der Tierzucht sowie die Teilnahme an internationalen Prämierungen mit der regionalen Ausrichtung interferierten. Für das 20. Jh. wurde die Durchsetzung gegenläufiger Intentionen, das Verschwinden der im 19. Jh. aufgebauten „Landschläge“ untersucht. Welche Rolle spielte die zunehmende Akademisierung der Tierzucht? Wie beeinflusste dies die Prämierungen? Wann wurde Skepsis laut, wie und von wem wurden agrarwirtschaftliche und -ökologische, kultur- und mentalitätsgeschichtliche Auswirkungen thematisiert?