Projekt B4: Wilde Tiere züchten?

Wilde Tiere züchten? Auswilderung und (Re-)Naturalisierung von Tieren (ca. 1900–2000).

Verantwortlicher: Prof. Dr. Winfried Speitkamp
Projektbearbeiter: Dr. Felix Schürmann

Mit dem Aussterben vieler Tierarten einerseits, der Ausstellung „exotischer“ Tiere in Zoologischen Gärten andererseits setzte das Bemühen ein, Tiere zu züchten, um sie wieder auszuwildern. Dahinter standen Imaginationen von Wildnis, die zivilisatorischen Defiziten gegenübergestellt wurden. Das Gleichgewicht der Natur sollte wiederhergestellt werden, indem Tiere quasi der Wildnis zurückgegeben wurden. In dem Projekt wurden Konzepte und Praktiken der Auswilderung und Renaturalisierung von Tieren untersucht. Es wurde gefragt, wie Tiere auf ihre „Rückkehr“ vorbereitet, dabei begleitet und beobachtet wurden, wie sie sich verhielten, wie Erfolge gemessen und Misserfolge bewertet wurden.

Unter „Auswilderung“ können drei Vorgänge verstanden werden:

  1. Die Auswilderung von Arten, die ausgestorben waren und nachgezüchtet wurden. Das ist seit dem Beginn des 20. Jhs. immer wieder praktiziert und als Aufgabe von Zoologischen Gärten angesehen worden.
  2. Das Wiederansiedeln von Tieren, die nur aus einer bestimmten Region verschwunden sind, z.B. indem Einwanderungswege und -räume geschaffen werden oder die ungeplante Ausbreitung von Tieren toleriert und geschützt wird. Das setzt voraus, dass man die Tiere nicht, wie vor ihrer regionalen Ausrottung, als Feind des Menschen ansieht, sondern als Spezies, die mit Menschen koexistieren kann.
  3. Das Auswildern einzelner Tiere, die, obwohl keine Haustiere, in Handaufzucht von Menschen großgezogen und dann in die „Freiheit“ entlassen werden – mit manchmal verheerenden Folgen für die Grenzgänger.

Die Studie konzentrierte sich vor allem auf die erste Variante der Auswilderung und bezog Aspekte der dritten Variante als Fallbeispiele punktuell ein. Gefragt wurde, welche Tiere und Tiergattungen als ausgestorben identifiziert und/oder als regenerierbar angesehen wurden. Welche Interessen gaben den Ausschlag (Zoo, Wissenschaft, Öffentlichkeit)? Wer wählte aus, wer entschied, wo und wie Tiere nachzuzüchten seien? Welches Bild von Natur und Wildnis stand dahinter? Was hatten die Tiere zu lernen (Futtersuche, Gefahrenerkennen)? Gab es Schritte der Eingewöhnung auf dem Weg in die „Wildnis“? Wurden die Tiere im Übergang gesteuert oder zumindest beobachtet, wurden sie danach weiter überwacht? Nutzte man die Auswilderung zur Forschung? Wie verhielten sich die Tiere in ihrer neuen, vermeintlich angestammten Umgebung? Wie reagierten die Menschen? Stand hinter Auswilderungen der Versuch einer Tier-Mensch-Grenzziehung?