Jahrestagung der Gesellschaft für germanistische Sprachgeschichte (GGSG)

Tagungskonzept

Wissenschaftshistorisch werden bekanntlich Stufen oder ‚Epochen‛ sprachgeschichtlicher Forschung unterschieden. Bei allen Unterschieden und bei allem Pluralismus innerhalb einer wissenschaftshistorischen Epoche lassen sich im Rückblick bestimmte Themen, Ansätze und methodische Zugänge schärfer wahrnehmen als andere, sie scheinen die Epoche stärker zu prägen als andere Themen, Ansätze und methodische Zugänge.

Es ist wie mit der Erfahrung von Geschichte: Die gelebte Zeit wird oft als pluralistisch, heterogen, mitunter ganz ohne Struktur und Leitprinzipien erlebt, während vergangene Zeiten als relativ homogen und strukturiert wahrgenommen werden. Dabei waren die Barock- oder die Aufklärungszeit gewiss genauso wenig aus einem Guss wie die Zeit der Junggrammatiker in der Sprachgeschichtsforschung.

Deshalb stellt sich für uns die Frage:

Was verbindet die aktuelle Sprachgeschichtsforschung und die aktuellen Sprachhistoriker des Deutschen miteinander?

Herrscht gegenwärtig ein uneingeschränkter theoretischer und methodologischer Pluralismus? Und eine uneingeschränkte Themenvielfalt bei der Untersuchung dessen, was als ‚Sprachgeschichte‛ gilt?

Oder gibt es Themen und/oder theoretische Ansätze und/oder methodische Zugänge, die unsere Epoche prägen?

Ziel der Tagung ist also eine disziplinäre Standortbestimmung, mit einem Blick auf das Kommende.

Dieses Ziel lässt sich nur verwirklichen, wenn sich die Tagungsbeiträge an den folgenden Leitfragen orientieren. Dabei muss nicht jeder Beitrag jede Frage im Blick haben, allerdings insgesamt den durch die Fragen abgesteckten Rahmen:

  1. Was sind zentrale Fragen, Desiderata und Aufgaben der historischen Sprachforschung auf Ihrem Forschungsfeld?
  2. Welche übergeordnete sprachwissenschaftliche Theorie erscheint Ihnen für Ihre Arbeit als Sprachhistoriker besonders überzeugend?
  3. Skizzieren Sie die wichtigsten Ziele Ihres Ansatzes/Modells/Ihrer Theorie.
  4. Welche Position nimmt Ihr Thema innerhalb der Sprachgeschichtsforschung ein (Tradition, Relevanz usw.)?
  5. Was sind relevante Beschreibungs- und Erklärungskategorien in Ihrem Ansatz?
  6. Wie erkennt/identifiziert man diese Kategorien?
  7. Unterscheiden sich auf Ihrem Gebiet die relevanten Beschreibungs- und Erklärungskategorien für gegenwartsbezogene vs. historische Forschungen?
  8. Welche Methoden haben sich für Sie als besonders gewinnbringend erwiesen?
  9. Mit welchem (historischen) Text- und oder Korpusverständnis arbeiten Sie?
  10. Welche Daten werden ausgewählt und wie geschieht das? Zählt alles, was man historisch vorfindet, als Datengrundlage? Gibt es Kriterien für gute/angemessene/brauchbare vs. schlechte/unangemessene/unbrauchbare historische Daten?
  11. Welche Rolle spielt für Ihr Arbeiten die digitale Erschließung von Daten?
  12. Wie gehen Sie bei Ihrem Arbeiten (wie geht Ihre Theorie/Ihre Methode/Ihr Modell) mit Variation um?
  13. Wie mit Dynamik/Wandel?
  14. Wie mit dem Verhältnis einzelsprachinterner (varietätenbezogener) und -externer (typologischer) Aspekte?

Während die oben gelisteten Fragen auf die Spezifik Ihres eigenen sprachhistorischen Arbeitens zielen, sind auch Tagungsbeiträge zu übergeordneten Fragen möglich:

  1. Erkennen Sie aktuell Ansätze für einen sprachwissenschaftlichen Paradigmenwandel, zumindest für markante Veränderungen im Bereich von Theorie und Methode? Welche Auswirkungen hätte ein solcher Wandel auf die Sprachgeschichtsforschung?
  2. Wie sehen Sie die aktuelle und künftige Stellung der Sprachgeschichtsforschung innerhalb der (germanistischen) Sprachwissenschaft?
  3. Wie ist die Stellung/sind die Aufgaben der Sprachgeschichtsforschung vor dem Hintergrund von Veränderungen in der Struktur des Hochschulstudiums zu beurteilen (Modularisierung; Forderung nach stärker anwendungsbezogenem/berufsorientiertem Universitätsstudium)?

Vilmos Ágel / Andreas Gardt

 

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