Projekt C2: Botschaften der Tiere in der Kunst

Botschaften der Tiere in der Kunst. Ansätze eines neuzeitlichen Physiologus.

Verantwortliche: Prof. Dr. Martina Sitt
Projektbearbeiter: Dr. Christian Presche

Aus kunsthistorischer Sicht wurde unter Berücksichtigung der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Veränderungsprozess in der Wahrnehmung und Repräsentation des Tieres von 1680 bis 1780 untersucht. Der Ausgangspunkt ergab sich aus der Tradition des Kasseler Collegium Carolinum, das die Tierwelt mithilfe wissenschaftlicher, künstlerischer und technischer Errungenschaften präparierte und erforschte. Untersucht wurden naturkundliche Forschungsgegenstände (Schädel, Tierpräparate), künstlerische Objekte (Denkmäler) und dokumentarische Zeugnisse (Grafiken, Bücher) sowie zu rekonstruierende Inventare der Kasseler Tiersammlungen (Ottoneum). Die Quellenvielfalt forderte eine Kodifizierung, die nach dem Konzept des Physiologus, der einflussreichsten Traktatsammlung der Antike zum Tier als Bedeutungsträger, vorgenommen wurde. Dieses Werk wie auch die Kasseler Tierforschung gründen auf einer Dekonstruktion von Tiervorstellungen zur Konstruktion eines neuen Tierbildes. Somit geht es um einen Paradigmenwechsel in der Darstellung des Tiers, das zuvor als Bote Gottes oder des Menschen (Objekt), nun aber als selbstbewusstes Individuum auftritt (Subjekt). Die Analyse der Veränderungen in der Wahrnehmung von Tieren („intelligente Tiere und Bedeutungsträger“) konstituierte das spezifische Kompetenzfeld, das die Kunstwissenschaft in das Gesamtvorhaben einbringt.

Ausgehend von der einzigartigen Stellung Kassels unter den Landgrafen von Hessen, die dem Tier u.a. durch Tierhaltung und Herrscher-Ikonographie einen ungewöhnlich hohen Stellenwert einräumten, wurde das Tier als Individuum, Wissensspeicher eines kulturhistorischen Konzepts und Herrschersymbol untersucht. Die Charakterisierung des Tiers in der landgräflichen Ikonographie gründet auf zwei unterschiedlichen enzyklopädischen Entwurfstraditionen: der aristotelischen Zoologie als Wissenschaft, die Conrad Gessner veranschaulicht hat („Historia animalium“, 1551–1558), und dem Natur-Wunder-Buch mit heilsgeschichtlicher Deutung, dem „Physiologus“ (Archetypus um 200 n. Chr.). Maßgebend waren auch Neuauflagen und Übersetzungen antiker Schriften, darunter die Übersetzung der „Naturalis historia“ von Plinius d.Ä. mit ihrer Abstufung in Mensch und Tier und der Unterscheidung zwischen „Scientifica“, „Arteficialia“ und „Naturalia“. Ein besonderes Augenmerk galt der dreidimensionalen Tiergestalt zur Rekonstruktion der Tierrezeption anhand der haptischen Ästhetik von lebenden, toten und dargestellten Tieren/Tierfragmenten.