Projekt C3: Der Neue Valentini

Der Neue Valentini – ein historischer Überblick über die „tierischen“ Sammlungsbestände und wechselnden Präsentationsformen des Kasseler Ottoneums.

Verantwortliche: Prof. Dr. Martina Sitt
Projektbearbeiter: Daniel Wolf M.A.

Anhand von Tierdarstellungen und der Art ihrer Präsentation in den verschiedenen Sammlungsphasen in Kassel lassen sich die Umbrüche in der europäischen Geistesgeschichte vom 16. bis ins 18. Jh. erfassen. Der Blick auf Tiere, ihre Repräsentation und die damit verbundenen Funktionen und Interessen bietet ein Untersuchungsfeld, an dem die Verschiebungen der Definitionsbereiche von Kultur, Natur, Kunst und Wissenschaft besonders gut nachvollziehbar sind. Die exemplarisch am Thema Tiere erstellte Museumsinventar- und Mediengeschichte lieferte wichtige Anhaltspunkte dazu, welchen Anteil Institutionen und Darstellungstechniken an der Entwicklung des modernen Ordnungssystems – der Trennung von Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften – haben.

Das Kasseler Ottoneum wurde mit den Lehrenden des neugegründeten Collegium Carolinum (1709) als eine Art „Akademie der Wissenschaften“ betrieben. Die Forscher sollten mit den Objekten der landgräflichen Sammlung arbeiten. Empirische Forschung wurde diskutiert, illustriert und einem größeren Betrachterkreis präsentiert. Tiere als Sammlungsobjekte nahmen dabei einen wichtigen Stellenwert ein. Dazu entstanden Lehrbücher, die intensive Verwendung fanden. Die Aktivitäten der Forscher im Netzwerk der Gelehrten der Aufklärung wurden mit Aspekten der Tierforschung und Wissenschaftsgeschichte verbunden. Basierend auf der Überblicksschrift des „Museum Museorum“ von 1714 des Michael Bernhard Valentini wurden Fragen der Veranschaulichung der Objekte in Text und Abbild aufgegriffen. Durch die Wiederbelebung alter Fachqualitäten der Kunstgeschichte und der (historischen) „Naturkunde“ wurde hier eine an Anwendungen orientierte Betrachtungsweise initiiert. Daher war ein Transfer von Kompetenzen erforderlich. Das Projekt trug zugleich zu einer Aufbereitung des Inventars bei. Durch Archivarbeit und die Kontextualisierung des Materials wurde es um Aspekte der Objektgeschichte, -herkunft und -rezeption erweitert. Dieser „Neue Valentini“ wird für die künftigen Präsentationen der Sammlung hilfreich sein.

Folgende Fragen wurden bearbeitet:

  1. Was wurde gesammelt, welche Art von Tierdarstellungen (Trophäen, Präparate, Gemälde, Zeichnungen, Drucke, Schautafeln, Bücher)?
  2. Was wurde in welchen Konstellationen gezeigt? Welche Ordnungssysteme wandte man an? Was verbanden Zeitgenossen mit den Präsentationsformen? An welches Publikum richteten sich die Präsentationen?
  3. Welche Motivationen lagen der Beschäftigung mit Tieren zugrunde?
  4. In welchen Kontexten und Funktionen wurden Tiere dargestellt? Welche Medien wurden verwendet? Welche Veränderungen in der Haltung gegenüber bestimmten Techniken (z.B. Gemälde, Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Tierpräparat) und damit in ihrer Funktion und der Beurteilung entsprechender Tierdarstellungen („wissenschaftliche“ Dokumentation oder Kunst) lassen sich nachweisen?
  5. Welche Auswirkungen hatten die von Sammlern und Forschern an die Tierwelt herangetragenen Interpretationen für den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt? Wie beeinflussten Beobachtungen aus dem Tierreich und Erfahrungen mit Tieren den Menschen?