Projekt A2: Tier-Ordnungen in der Tora

Tier-Ordnungen in der Tora

Verantwortliche: Prof. Dr. Ilse Müllner
Projektbearbeiterin: Dr. Yvonne Thöne

Die Tora ist das zentrale Textkorpus des Alten Testaments, dessen herausragendes Charakteristikum die Verbindung von narrativen und regulativen Texten ist. Entsprechend ihrer Relevanz in der altisraelitischen Gesellschaft werden Tiere in der Tora ausgesprochen häufig erwähnt und dabei in Beziehung zueinander, zu Menschen oder zu Gott(heiten) gesetzt. In allen drei relationalen Feldern stellt sich die Frage nach der Ordnung und Klassifizierung von Tieren.

Das Projekt untersuchte, wie Tier-Tier-Relationen, Tier-Mensch-Relationen, Tier-Gott-Relationen in der Tora literarisch dar- und hergestellt werden. Diskutiert wurde, inwiefern Klassifikationssysteme auch text- und gattungsübergreifend wirken.

In der Forschungs- und Auslegungsgeschichte gibt es unterschiedliche Ansätze zur Interpretation der Kategorisierungen. Auch die Frage nach den ethischen Implikationen der rein/unrein- Unterscheidung wurde diskutiert. Die Reglementierung von aus Tieren gewonnener Nahrung reguliert die Tötung von Tieren.

Klassifikationen sind aber nicht naturgegeben, sondern von der jeweiligen Kultur konstruiert. Sie entwickeln sich parallel zu sozio-kulturellen Veränderungen und werden erschaffen, neu arrangiert und wieder verworfen. Dabei geht es im Spannungsfeld von Similarität und Alterität um die „Handhabung des Gleichen und des Anderen“ (M. Foucault).

Biblisch greifen Ordnungsebenen ineinander:

  1. Kategorisierung der Tiere entsprechend der dreigliedrigen Kosmologie in Wasser-, Luft- und Landtiere.
  2. Qualifizierung der Luft- und Landtiere entsprechend der Nähe zu menschlichen Lebensräumen als Wild- und Haustiere.
  3. Unterteilung in reine und unreine Tiere.

Ordnungen sind relationale Kategorien, die Regelsysteme für das Zusammenleben von Tieren und Menschen entwerfen. Im Zuge der Untersuchung wurden auch narrativ und poetisch entfaltete Relationen im Beziehungsfeld Tier-Mensch-Gott in Rechts- und Erzähltexten analysiert. Auch in solcherart implizit dargestellten Ordnungen drücken sich Hierarchisierungen aus. Tiere werden in diesen narrativen Kontexten mit Handlungsmacht ausgestattet und in vielfältige Relationen zu den Menschen gestellt.

Zu einem interdisziplinären Projekt gehört unabdingbar die Erforschung der kontinuierlichen Rezeption biblischer Texte und Themen in Judentum, Christentum und den davon geprägten Kulturräumen. Rezeptionslinien von innerbiblischen Bezugnahmen im Neuen Testament über mittelalterliche Darstellungen bis hin zu gegenwartsliterarischen Rezeptionen wurden auf ihre Relevanz überprüft, wobei forschungsleitend die Frage war, welche Taxonomien aufgenommen werden, inwieweit sie sich verändern und in welche Konstellationen hinein sie neu kontextualisiert werden.