Geschichte des Musikalienbestandes

Die Anfänge

Motette von Johann Heugel

Bereits am Beginn des 16. Jahrhunderts befanden sich zahlreiche festbestallte Sänger und Instrumentalisten im Dienst des Landgrafen Philipp (regierte seit 1509, selbständig 1518–1567) und trugen zur Entwicklung eines regen Musiklebens am landgräflichen Hof bei.

Aus der Zeit Philipps, genauer den 1530er Jahren, datieren auch die ältesten Handschriften des Kasseler Bestandes mit Musik im frankoflämischen Stil. Sie stammen überwiegend von der Hand des Hofkapellmeisters Johannes Heugel (ca. 1510–1584/85, wohl ab 1535 am Kasseler Hof).

Bis ins hohe Alter und in die Regierungszeit des Landgrafen Wilhelm IV. (1567–1592) hinein prägte Heugel den Stil der Hofkapelle, die er mit seinen Eigenkompositionen und zahlreichen Musikdrucken und Abschriften von Stücken anderer Komponisten ausstatten ließ. - Sowohl Heugels eigene Werke als auch die Abschriften sind Großteils erhalten.

Das 17. Jahrhundert

Landgraf Moritz der Gelehrte (regierte 1592-1627) war hochmusikalisch und hatte die solide Beherrschung zeitgenössischer Kompositionstechniken vom Hofkapellmeister Georg Otto erlernt. Die unter Moritz' Regentschaft erworbenen Musikalien bilden bis heute den umfangreichen und überaus wertvollen Grundstock der Kasseler Musikaliensammlung.

Heinrich Schütz

Während einer Reise entdeckte Landgraf Moritz das musikalische Talent des jungen Heinrich Schütz (1585–1672) und holte ihn daraufhin als Stipendiaten an das Kasseler Collegium Mauritianum. Dort erhielt Schütz eine ausgezeichnete schulische und musikalischen Ausbildung, bevor er auf Veranlassung des Landgrafen zwischen 1609 und 1612 sein musikalisches Können bei Giovanni Gabrieli in Venedig erweiterte.

Auch nach seinem endgültigen Wechsel vom Kasseler an den Dresdener Hof Johann Georgs I. von Sachsen (ab etwa 1617) sandte Heinrich Schütz bis an sein Lebensende Kopien und autographe Abschriften eigener Kompositionen an Moritz den Gelehrten und dessen Nachfolger. Daher verfügt die Kasseler Landesbibliothek heute über die größte Sammlung von Schütz-Autographen weltweit.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und mit dem Antritt der selbständigen Regierung Wilhelms VI. (1650–1663) gelangte die Hofkapelle zu neuer Blüte. Der junge Landgraf, der wie sein Großvater Moritz aktiv musizierte und komponierte, öffnete den Kasseler Hof aktuellen Strömungen hochbarocker Instrumental- und Vokalmusik und ließ umfangreiches Notenmaterial aus Wien und Paris besorgen.

Der Notenfundus aus der Blütezeit der landgräflichen Hofkapelle in der etwa ein Jahrhundert umspannenden Regierungszeit der Landgrafen Philipp, Wilhelm IV., Moritz und Wilhelm VI. bietet vielfältiges und erstrangiges Noten- und Quellenmaterial zur Musik des 16./17. Jahrhunderts. Vor allem die in diesem Bestand enthaltenen umfangreichen Sammeldrucke spiegeln die Entwicklung der deutschen wie auch der italienischen Musik dieser Zeit und deren vielfältige Beziehungen zueinander wieder.

Die Zeit der Landgrafen Karl und Friedrich II.

August Kühnel: "Sonate ô Partite" für eine oder zwei Gamben und Basso Continuo (Deckblatt, Ausschnitt)

Mit Landgraf Karl († 1730), der 1670 nach langer Vormundschaft an die Regierung gelangte, setzte sich die Reihe der musikalisch begabten und interessierten Regenten in Kassel fort. Karl war ein guter Gambenspieler und zog daher namhafte Gambisten wie u.a. Willem Deutekom und August Kühnel an seinen Hof. Sie bereicherten die Notensammlung der Hofkapelle um viele Gambenstücke.

Während Karl neben der Gambenmusik auch die italienische Oper förderte, wurde diese unter seinem Enkel Friedrich II. (regierte 1760–1785) sukzessive von der französischen Oper verdrängt. Am Hof Friedrichs, der 1753 alle Musikalien seines überaus musikinteressierten Onkels Maximilian (dieser verfügte über ein eigenes kleines Orchester) geerbt hatte, entwickelte sich ein vielgestaltiges Musikleben. Der zum katholischen Glauben konvertierte Friedrich II. ließ zudem für die Hofkirche katholische Kirchenmusik komponieren und förderte Ballet und Oper ebenso wie die Kammermusik.

Erstaunlicherweise findet sich heute von den Musikalien aus der Zeit Karls und Friedrichs II. kaum eine Spur im Bestand der Landesbibliothek, obwohl diese, in Anbetracht des intensiven Musiklebens an deren Höfen, in großer Zahl vorhanden gewesen sein müssen.

Kasseler Musikkultur im 19. Jahrhundert

Louis Spohr wirkte 1822 bis zu seinem Tod 1859 in Kassel

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts belebte sich unter den Kurfürsten Wilhelm II. (regierte 1821-1847) und Friedrich Wilhelm I. († 1875) die Musikkultur der Residenzstadt Kassel wieder. Diese erneute Hochphase ist engstens verbunden mit dem Wirken des Dirigenten, Geigers und Komponisten Louis Spohr, der 1822 als Hofkapellmeister in die Stadt berufen worden war.

Nach Spohrs Tod 1859 und dem Übergang Hessen-Kassels an Preußen infolge der Auflösung des Kurfürstentums 1866, löste das aufstrebende Bürgertum die adeligen Landesherren auch in Kassel dann endgültig in ihrer Leitfunktion für das Musikleben ab.

Im historischen Musikalienbestand der Landesbibliothek ist das 19. Jahrhundert neben einer Sammlung von Casselana (etwa 530 Titel, vorwiegend Drucke) vor allem mit dem Teilnachlass von Louis Spohr vertreten.

Gezielte Nacherwerbungen

George Onslow

Insbesondere in den 1980er Jahren wurde der Ankauf historischer Musikalien durch die Landesbibliothek forciert. Erworben wurden rund 1000 vorwiegend kammermusikalische Stücke. Den Schwerpunkt dieser Neuerwerbungen bilden Drucke aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Leitendes Prinzip hierbei war die Arrondierung vorhandener Bestände und die Seltenheit des Materials: viele der Stücke waren zum Zeitpunkt des Ankaufs für Deutschland oder international in RISM nicht nachweisbar.

Zu den bemerkenswertesten Teilen des Segments zählen eine Sammlung von Werken adeliger Komponisten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Erworben wurde zudem umfangreiches Notenmaterial der Kammermusik von George Onslow und Notendrucke nahezu aller Streichquartette von Ignaz Pleyel und Boccerini.